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Drachen, Lolcows und Demokratiegefährdung Die Gamifizierung von Hass

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Netzwerk (Symbolbild) (Quelle: Pixabay / The digital artist)

Das „Drachengame”

Dass Menschen peinliche YouTube-Videos veröffentlichen und dumme Sachen im Internet sagen, ist weder neu noch selten. Müsste man die Stunden unqualifizierten Blödsinns, der jeden Tag auf der Videoplattform veröffentlicht werden, analysieren, es wäre ein niemals enden wollendes und ziemlich müßiges Unterfangen – haben doch die meisten Menschen besseres mit ihrem Leben anzufangen als sich an trotteligen Typen im Internet abzuarbeiten.

Die Mitspieler:innen des sogenannten „Drachengames“ sehen das anders. Sie sind Teil einer seit Jahren andauernden Cybermobbing-Kampagne gegen den YouTuber Rainer Winkler, der unter dem Namen „Drachenlord“ Videos veröffentlicht. Die Hater – sie nennen sich “Haider”, wie ein fränkisch ausgesprochenes Hater – haben, das impliziert der Name „Drachengame“ bereits, aus Angriffen gegen Winkler ein für sie höchst amüsantes Spiel gemacht, dem sie seit 2014 nachgehen. Es ist ein Spiel mit tausenden Spieler:innen, dem auf eigenen Blogs, Foren, YouTube-Kanälen, Discord-Servern, Podcasts, auf Twitter und Telegram nachgegangen wird und dessen Endgame die komplette Vernichtung der Existenz von Winkler zu sein scheint.

Durch die Verurteilung Winklers zu zwei Jahren Gefängnis ist das “Drachengame” inzwischen in den letzten Leveln angekommen. Sascha Lobo analysiert in einem sehr lesenswerten Spiegel Online-Artikel das gesellschaftliche Versagen in Bezug auf den Fall Winkler. Sein so treffendes wie niederschmetterndes Fazit lautet: die deutsche Gesellschaft hat über Jahre zugeschaut, dass ein junger Mann systematisch sowohl durch online-Angriffe als auch von Hass-Touristen, die vor seiner eigenen Haustür campierten, in den psychischen Abgrund gemobbt wurde. Seine „Hater“ hingegen können sich zynisch hohnlachend überlegen dabei fühlen, Winkler in seinen Wutanfällen vorzuführen wie einen Tanzbären.

Der Begriff des „Drachengames“ ist dabei erschreckend vielsagend. Lobo argumentiert, dass die konstante Demütigung Winklers ebenso wie die Einbeziehung seiner Familie – inklusive des verstorbenen Vaters, dessen Grab zu schänden und damit auch noch im Internet zu prahlen sich die „Hater“ nicht zu schade sind – inklusive des ganzen Dorfes, in dem er lebt, mitnichten ein Spiel ist. Da hat Lobo Recht. Aber erst die Gamification von Hass macht es möglich, das hasserfüllte Vernichten einer menschlichen Existenz von sich abzuspalten. Wenn es als “Spiel” geframt wird, können die Täter:innen sich einreden, dass es kein Mensch sei, dem man diese Gewalt antut. Winkler ist im „Drachengame” keine real existente Person mehr, sondern eine bloße Projektionsfläche, ein Punching Bag des Internetmobs ohne Moral oder Empathie. Die Angriffe gegen Winkler werden von seinen Hater:innen konsequent als „Belustigung“ dargestellt, als etwas, mit dem sie sich kollektiv die Zeit vertreiben, so wie andere Videospiele spielen.

Doch Winkler ist nicht der einzige Gegner im Game. Er galt lange als das finale Ziel, ja. Aber der Mob, der sich gegen ihn eingeschworen hat, hat Blut geleckt durch die Erfolgserlebnisse, jemanden in die Verzweiflung mobben zu können. Wenn Winkler gerade nicht genug Content liefert, attackieren die Hater:innen systematisch alles und jeden, der ihnen zuwiderläuft. Wieder geht es um die Zerstörung von Existenzen. Für die Menschenfeind:innen des Hass-Mobs anscheinend ein verdammt lustiges „Hobby”, solange es sie nicht selbst trifft.

Willkommen beim „Maskenball“ der „Lolcows“

In der englischsprachigen Troll-Community, die auf dem Forum Kiwifarms aktiv ist, hat sich der Begriff der „Lolcow“ etabliert: jemand, den man für „lols“, also billige Lacher, „melken“ kann. Dies bedeutet, eine Person wird getrollt, reagiert auf die Trollaktion, und liefert so weiteren Stoff zur Belustigung der Massen. Der deutschsprachige Begriff dafür lautet, aus welchen Gründen auch immer, „Maske“.

Die Hater-Community dokumentiert ihre Masken – also die Fälle, in denen sie Menschen digital angreifen – akribisch. Es gibt das „Drachenschanze“-Forum, das neben einer detaillierten Aufarbeitung sämtlicher Tätigkeiten Winklers zahlreiche Threads zu anderen Menschen hat, die der Mob halt nicht mag. Das können YouTuber:innen sein, die mal mit Winkler zusammengearbeitet haben und sich nun nicht mehr ins Internet trauen. Journalist:innen wie der Dokumentarfilmer Dennis Leiffels, der für das Y-Kollektiv eine Reportage über Winkler gedreht hat. Eine Autorin wie Jasmina Kuhnke, deren Thread über einhundert Seiten hat. Gerade der Fall Kuhnke hat deutlich gezeigt, dass die hämische Empörung über Andere nicht auf dem Schanzen-Forum verbleibt.

Die Drachenlord-Blase vertreibt sich ihre Zeit nämlich auch sehr rege auf Twitter, wo die im Forum angeheizten Shitstorms am designierten Ziel ausgetragen werden, in diesem Falle in enger Zusammenarbeit mit anderen Trollen, bürgerlichen Rassist:innen und Neonazis – letztendlich sah sich die Aktivistin Jasmina Kuhnke gezwungen, den Wohnort zu wechseln. Zwischen der unter dem Label „Sifftwitter“ auftretenden Trollarmee und der „Haider”-Community gibt es nicht zu unterschätzende Überschneidungen. Auf dem Forum werden mitnichten ausschließlich Linke, PoC oder Feminist:innen attackiert, aber wenn es sich bei dem auserkorenen Hassobjekt um eine marginalisierte Person handelt, dann wird diese auch konsequent als solche angegriffen: rassistisch, queerfeindlich, antisemitisch, misogyn, bei dicken Menschen wie Winkler es auch ist immer auch mit explizitem Fatshaming. Gerade der Hass auf transgeschlechtliche Personen ist virulent. Dies zeigt sich bei den Twitter-Profilen der Trolle regelmäßig durch die Verballhornung von Neopronomen oder durch die Verwendung der transfeindlichen und antifeministischen Chiffre des „Superstraight”-Logos, welches von Mitgliedern des rechtsextremen 4chan-Boards /pol/ popularisiert wurde.

Quelle: Screenshot Webarchive

Wer das “Drachenschanze”-Forum inzwischen aufruft, bekommt eine Nachricht angezeigt, die Staatsanwaltschaft Frankfurt hätte es vom Netz genommen. Ein Anruf von Belltower.News hat ergeben, dass diese jedoch nichts damit zu tun hätte, dass das Board inzwischen offline ist; dies könnte bedeuten, dass es die Betreiber:innen selbst vorerst gelöscht haben. Solange die Drachenschanze gerade nicht aufrufbar ist, vertreiben sich die Hater:innen ihre Zeit auf Telegram, wo sie eigene Kanäle betreiben. Auf einem der Channels können sich 700 Abonnent:innen genüsslich „cringy“ Videos von Menschen anschauen, deren mehr oder weniger peinliches Verhalten in ihren Augen Mobbing legitimiert. Auf einem weiteren Kanal werden Nacktbilder und -Videos von “Masken” gesammelt werden – ohne deren Zustimmung, selbstverständlich. Im Falle einer Frau wurde ein pornographisches Bild an deren Mutter geschickt. Oftmals handelt es sich auch um die Weitergabe von Material, das auf der Website OnlyFans bereitgestellt wurde. OnlyFans dient primär der Darstellung pornographischer Inhalte, die für einen bestimmten monatlichen Betrag abonniert werden können. Dass die Bilder und Videos in einem nicht konsensuellen Kontext reproduziert werden, dient der Demütigung der Betroffen. Die dahinterstehende Rechtfertigung lautet „Die sind ja selbst schuld, wenn sie Nacktbilder von sich online stellen“. So wird Victim-Blaming betrieben und die Schuld auf das Opfer verlagert.

Diese Schuldzuschreibung trifft auch sämtliche Leute, die mit Winkler zusammenarbeiten oder ihm auch gar nur Mitleid entgegenbringen. Diese Dreistigkeit muss in den Augen der Community bestraft werden – und zwar, indem man diese Menschen, genauso wie zuvorWinkler, in den Schmutz zieht und versucht, am besten direkt auch deren Karriere zu ruinieren. Eine YouTuberin mit dem hehren Ziel, Winkler zu „resozialisieren“, wurde in Streams so konsequent misogyn attackiert, dass sie ihre Online-Tätigkeiten eingestellt hat; Re-Uploads der Videos gibt es nach wie vor auf YouTube, um die Demütigung für immer für die Nachwelt festzuhalten. Ein Rapper und YouTuber, dessen regulärer Inhalt sich mit Glücksspiel beschäftigt, hatte Winkler in Kommentaren und Videos in Schutz genommen – und wurde dann zum „Ersatz“ für Winkler auserkoren, bis er sich zu einer öffentlichen Entschuldigung hatte nötigen lassen.

Attackiert werden aber auch Journalist:innen wie eben Leiffels und inzwischen Sascha Lobo, der sich nun auf Instagram unter einem Foto seines Neugeborenen mit Vernichtungsfantasien herumschlagen muss. Die Message ist recht eindeutig: wer uns im Mobbing behindert, wird fertig gemacht. Hassnachrichten oder das systematische Downvoten von YouTube-Videos zählen hierbei noch zu den harmloseren Maßnahmen. Die Community, die auch hier wieder ihre Infantilität unter Beweis stellt, bezeichnet dieses Phänomen als „Kotmidas”. Die antike Sagengestalt Midas hätte alles, was er berührt hätte, in Gold verwandelt, Winkler verwandelt eben alles, mit dem er in Kontakt kommt, in Scheiße. Diese zwanghaft bemühte Kreativität wäre nur ein Grund, müde zu lächeln, wenn es nicht so unglaublich traurig wäre.

Dann gibt es noch die „NWO“, eine Trollgruppe, die partiell mit der „Drachenlord”-Community verbunden ist, partiell diese aber nicht nur ablehnt, sondern explizit angreift. Populäres Ziel ist aber auch hier Winkler. Die „Haider“ selbst formulieren ihr Verhältnis zur NWO folgendermaßen:

Quelle: Screenshot Telegram

Auch sie organisieren sich über Telegram und Discord und betreiben neben mehrerer Twitter-Accounts eine (inzwischen nicht mehr aufrufbare) Doxxing-Seite. Auf dieser Seite werden Privatbilder, Namen und Adressen zahlreicher Einzelpersonen aufgezählt. Hierbei handelt es sich primär um YouTuber:innen und Streamer:innen, teilweise Aktivist:innen wie Kuhnke, aber auch Mitglieder der “Querdenken”-Bewegung, zum Beispiel Michael Ballweg,  oder rechtsextreme Influencer wie Niklas „Neverforget Niki“ Lotz.

Es existieren also im deutschsprachigen Internet Trollgruppen mit mehreren hundert bis tausend Mitgliedern, die systematisch Mobbing und Doxxing betreiben. Sie kapern Streams und überziehen ihre Opfer mit menschenfeindlichen Beleidigungen. Sie veröffentlichen private Informationen, sie diffamieren, sie beleidigen und demütigen. Und das können sie relativ ungestört, weil niemand etwas unternimmt, aus der berechtigten Angst, ebenfalls von ihnen ins Visier genommen zu werden. Es gibt also einen guten Grund, wieso dieser Text unter einem Pseudonym veröffentlicht wird.

Das Phänomen des Mobbings ist jedoch nicht neu: es geschieht regelmäßig auf Schulhöfen oder am Arbeitsplatz. Eine Gruppe von Personen übt über einen längerfristigen Zeitraum Macht und Gewalt gegen ihr Opfer aus, mit dem Ziel der Erniedrigung und Demütigung des Opfers und der damit einhergehenden narzisstischen Überhöhung der eigenen Person. In der Regel schauen die Unbeteiligten zu, aus Gleichgültigkeit oder Angst, ebenfalls angegriffen zu werden. Das Internet gibt jedoch die Möglichkeit, dass das Mobbing auf einem komplett entgrenzten Level stattfinden kann, und alle, die Lust haben, sich daran beteiligen können, ohne selbst dazu stehen zu müssen.

Dies ist der erste Teil einer Analyse zu den Geschehnissen um Rainer Winkler.

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