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„Freedom Day“ Großbritannien ruft Tag der Freiheit aus – trotz vierter Welle

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Protest trotz Freiheit: Brit:innen demonstrieren am Freedom Day gegen den Lockdown in London.
Protest trotz Freiheit: Brit:innen demonstrieren am Freedom Day gegen den Lockdown in London. (Quelle: picture alliance/Zumapress/Tayfun Salci)

Boris Johnson ist ein Mann der großen Gesten. Allerdings bot die Amtszeit des britischen Premierministers bislang kaum Gelegenheit dafür: Großbritannien hat die höchsten Covid-Todeszahlen in Europa, die Wirtschaft leidet massiv unter der Pandemie, der Brexit läuft alles andere als glatt – und Johnson lag schon während eines schweren Verlaufs des Virus auf der Intensivstation. All das sollte sich heute ändern: Am sogenannten „Freedom Day“, dem 19. Juli 2021, hebt die Regierung nahezu alle Covid-Beschränkungen und Pandemie-Maßnahmen im Land auf. Die Botschaft: Pandemie vorbei! Medienberichten zufolge wollte Johnson eine große Siegesrede halten, im Stil von seinem großen Idol Winston Churchill. Eigentlich.

Doch am lang ersehnten „Freedom Day“ ist nun wenig Euphorie im Land zu spüren: Die Inzidenz liegt bei knapp 400, die tägliche Neuinfektionen bei mehr als 50.000 – so viele wie seit Januar nicht mehr. Und Boris Johnson muss den Tag zu Hause aussitzen: Denn der Premierminister ist bis zum 26. Juli in Quarantäne, nachdem sich sein Gesundheitsminister Sajid Javid trotz doppelter Impfung mit Covid ansteckte und nun milde Symptome zeigt. Zunächst wollte Johnson die Quarantäne umgehen, indem er an einem neuen „Pilotprojekt“ mit täglichen Tests nur für Beamt:innen und Minister:innen teilnimmt.

Nach einem erheblichen Shitstorm, auch aus den Reihen seiner eigenen Partei, rudert Johnson nun allerdings zurück und isoliert sich – zuvor reiste er aber noch zu seinem luxuriösen Landsitz „Chequers“, was jetzt ebenfalls für Kritik sorgt. Den „Freedom Day“ verbringt Johnson wohl alleine und seine Botschaft klingt jetzt deutlich zurückhaltender. In einer Video-Nachricht, die er gestern Abend auf Twitter veröffentlichte, appellierte er an die Nation: „Bitte, bitte, bitte, seien Sie vorsichtig…und vor allem bitte bitte bitte, wenn Sie zur  zweiten Impfung eingeladen werden, bitte kommen Sie und machen das“.

Um jeden Preis will Johnson am symbolisch aufgeladenen Tag festhalten. Denn der Tag der Freiheit wurde schon verschoben: Ursprünglich sollten die Lockerungen am 21. Juni kommen, doch die Infektionszahlen waren damals noch zu hoch. Den Tag erneut zu verschieben, ist für die Johnson-Regierung also offenbar keine Option: Wann, wenn nicht jetzt – so lautet das Motto dieser Tage in 10 Downing Street, trotz vierter Welle.

Inzwischen haben 1.200 internationale Wissenschaftler:innen einen Brief an die renommierte medizinische Fachzeitschrift „Lancet Journal“ unterzeichnet, in dem sie die Lockerungen der britischen Regierung als „gefährliches und unethisches Experiment“ kritisieren. Ähnlich kritisch sehen die Brit:innen selbst den sogenannten „Freedom Day“. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „YouGov“ waren 55 Prozent der Befragten gegen die Lockerungen und nur 31 Prozent dafür – auch wenn die Tanzflächen und Bars des Landes schnell mit enthemmten Feierwütigen gefüllt waren. Auch von Sadiq Khan, dem Londoner Bürgermeister, gibt es Widerstand gegen den Plan: In der Hauptstadt besteht weiterhin Maskenpflicht in Bus und Bahn.

In der deutschen „Querdenken“-Szene herrscht eine ungewöhnliche Stille, was den britischen „Freedom Day“ betrifft. Immer wieder betonen die verschwörungsideologischen Gegner:innen der Covid-Maßnahmen, sie seien für die „Freiheit“: Sei es mit der „Freedom Parade“ um den selbsternannten „Captain Future“, der von Leni Riefenstahl inspirierten Großdemo „Tag der Freiheit“ in Berlin im August 2020 oder mit der nervigen Dauerparole „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Auch der laxe Pandemiekurs in Schweden wurde in der „Querdenken“-Szene immer wieder als Vorbild hochgehalten. Doch in den einschlägigen Telegramkanälen ist kaum ein Beitrag zu den britischen Lockerungen zu finden.

Lediglich ein Gastbeitrag auf dem verschwörungsideologischen Blog „KenFM“ versucht, das „Rätsel“ zu lösen, warum manche Regierungen lockern und andere ihre Maßnahmen verschärfen. Spoiler von „KenFM“: Es habe etwas mit der Impfquote zu tun. Denn das „Narrativ vom ultragefährlichen Virus und der Bedrohung der Menschheit durch immer neue Mutationen“ zerfalle. Geimpfte würden zudem an Nebenwirkungen leiden, an ihrer Entscheidung zweifeln und erkennen, dass „die Pharmaindustrie als Teil des digital-finanziellen Komplexes die Welt eineinhalb Jahre lang hinters Licht geführt hat“. Diese Entwicklung zwinge Politiker:innen, „aus reinem Selbstschutz zu immer härteren Maßnahmen zu greifen“. Vom „Freedom Day“ allerdings kein Wort. Nur der rechtsalternative Vlogger Niklas Lotz aka „Neverforgetniki“ schreibt an seine 40.000 Twitter-Follower:innen: „In Großbritannien wurden heute alle Corona-Einschränkungen beendet und den Menschen wurde ihre Freiheit zurück gegeben. Deutschland sollte dem endlich folgen, wir haben lange genug ohne Freiheit gelebt!“

Stattdessen kommt der große Applaus für Johnsons Regierung von einer anderen Stelle: dem nordrhein-westfälischen Familienminister Joachim Stamp (FDP). Nach dem „Vorbild“ Großbritanniens will er auch in NRW einen „Tag der Freiheit“ ausrufen. „In den nächsten acht Wochen haben alle Erwachsenen ein Impfangebot erhalten“, sagte Stamp der Bild am Sonntag. „Daher könne der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, dieses Jahr auch ‚Tag der Freiheit und Eigenverantwortung‘ werden: Alle Beschränkungen werden aufgehoben, alle sind für sich selbst verantwortlich“.

Was machen also die Brit:innen mit ihrem ersten Tag „Freiheit und Eigenverantwortung“? Einige Tausend versammeln sich aktuell vor dem britischen Parlament in Westminster. Sie protestieren weiterhin gegen den „Lockdown“, aber auch gegen die „New World Order“, Impfungen, die Pharmaindustrie und die anderen üblichen Verdächtigen. Neben Verschwörungsfans und Impfgegner:innen sind auch gewaltbereite Rechtsextreme wie der Hooligan Stephen Yaxley-Lennon aka Tommy Robinson vor Ort. Videos von den Protesten zeigen eine aufgeheizte Stimmung: Polizist:innen werden angegriffen und mit Flaschen beworfen. Klar wird: Das Ende der Covid-Maßnahmen ist längst noch keine Rückkehr zur politischen Normalität.

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