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Aliens, Volksaufstand und Weltdiktatur 10 unerfüllte Prophezeiungen von „Querdenken“

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Kritiker*innen des Infektionsschutzgesetz gegen Wasserwerfer am 18.11.2020 in Berlin. (Quelle: Nicholas Potter)

Seit Frühjahr 2020 sind Deutschland und der Rest der Welt im Griff der Covid-19-Pandemie. Und seitdem gibt es auch die „Querdenken“-Bewegung, inklusive ihres Umfelds aus mehr oder weniger bekannten Prominenten, verschwörungsbewegten Journalist:innen und Telegram-Aktivist:innen. Das Geschäftsmodell der Bewegung sind Angst und Unsicherheit auszunutzen, um Spenden zu sammeln, Merchandise zu verkaufen und YouTube-Views zu kassieren. Am besten funktioniert das mit möglichst dramatischen Zukunftsvisionen und Prophezeiungen.

Jetzt ist ein Online-Dokument aufgetaucht, in dem fein säuberlich all diese Vorhersagen gesammelt und auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Selbst nach über einem Jahr Pandemie und der täglichen Dosis „Querdenken“ lohnt sich ein Blick in das Dokument, denn allein die raue Menge an merkwürdigen Vorhersagen, von denen fast keine einzige wahr geworden ist, zeigt die Wahnhaftigkeit der Bewegung. Hier sind zehn der unerfüllten Vorhersagen aus mehr als einem Jahr Verschwörungswahn.

10. Diktatur

Ein Evergreen der Endzeit-Prophet:innen. Verschwörungsguru Oliver Janich, der aus einem Hotelressort auf den Philippinen unter anderem einen kostenpflichtigen Telegramkanal betreibt,  kündigte die Einführung der Diktatur in Deutschland für den 14. Mai 2020 an. „Das ist keine Übertreibung, sondern Fakt“, so Janich in einem Video von Anfang Mai 2020. „Es ist der teuflischste Plan, der jemals auf die Menschheit zugekommen ist“. Eine anstehende Nivellierung des Infektionsschutzgesetzes sei die Vorbereitung auf einen Angriff mit Biowaffen. Attilla Hildmann, Antisemit und Vegankoch, prophezeite die Diktatur für einen Tag später, dafür aber gleich auf der ganzen Welt, dann aber doch erst für den 18. November 2020. Verschwörungs-B-Promi Miriam Hope sagte die weltweite NWO-Diktatur für den 10. September 2020 voraus. Aktuelle rechnet die Szene offenbar für den 18. November 2021 mit der Diktatur. Es bleibt also spannend.

9. Millionen Demonstrant:innen

Die „Querdenken“-Bewegung kommt nur sehr schlecht mit der Tatsache, klar, dass ihre Demos von der großen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden, deswegen versuchen die Anhänger:innen immer wieder, die Teilnehmendenzahlen im Nachhinein explodieren zu lassen. In Berlin wurden aus 20.000 Teilnehmenden so plötzlich mehr als eine Million. Aber auch vorher geht es oft um große Zahlen: Attila Hildmann hatte für eine Demo im Spätsommer 2020 „zwei Millionen Patrioten“ angekündigt. Für die „Querdenken“-Demo Ende August 2020 in Berlin kündigten „Hygiendemo“-Gründer Anselm Lenz und Verschwörungsguru Ken Jebsen „Millionen Demokraten“ an. Es kamen 40.000 Teilnehmende. An Pfingsten 2021 rechneten Telegram-Gruppen mit 100.000 Demonstrant:innen in Berlin, angemeldet wurde die Demo für 16.000 Menschen. Es kamen wenige hundert. Und erst 19. Juni wollte ein QAnon-naher Wasserexperte mit einer unangemeldeten Demo die Regierung zum Rücktritt bewegen. 50.000 Personen müssten demnach zu seiner Demo kommen, um Erfolg zu haben, eigentlich rechnete er aber mit mehreren Millionen. Es kamen etwa 300 Personen.

8. Sturz der Regierung

Die Lieblingsfeinde der „Querdenken“-Szene und ihrem erweiterten Umfeld aus Rechtsextremen, AfD und Esoteriker:innen sind Angela Merkel und die Bundesregierung. Deswegen gehören Rücktritt oder Sturz zu den beliebtesten Verschwörungsszenarios: Nachdem die Kanzlerin auch im Herbst 2020 noch immer ihr Amt inne hatte, obwohl die „Querdenken“-Bewegung schon im Sommer sicher war, dass die Kanzlerin aufgrund ihres Drucks schon lange zurückgetreten sein sollte, plante die Bewegung einen „bundesweiten Generalstreik“ ab dem 2. November 2020, der dann die Regierung stürzen würde. Nichts davon ist passiert.

7. Bargeldverbot

Angst vor dem Bargeldverbot gehört zur Verschwörungsszene wie Reichsflugscheiben in die Hohlerde. Ein Gastautor auf der Verschwörungswebsite KenFM war sich im Oktober 2020 sicher, dass es ab November des gleichen Jahres soweit sei. Die Pandemie sei demnach der beste Vorwand um „unhygienisches Bargeld“ aus dem Verkehr zu ziehen. Das ist offensichtlich nicht passiert. Die Verschwörungsszene bleibt allerdings flexibel. Noch 2021 rechnet man jetzt ganz fest mit dem Verbot.

6.Die zweite Amtszeit von Donald Trump

Ohnehin ist Donald Trump weiterhin Präsident der Herzen in der Verschwörungsszene. Es gab mehrere Daten, an denen er auch wieder als US-Präsident eingeschworen werden sollte. Vor allem die QAnon-Szene, die fest mit „Querdenken“ verbunden ist, legt sich unbelehrbar immer wieder auf neue Daten fest. Zum Beispiel den 20. Januar 2021, das Datum der Amtseinführung Joe Bidens. Viele in der Szene rechneten mit einer Revolution und Donald Trump als Präsident. Das nächste Datum war der 4. März 2021, nachdem auch an diesem Tag nicht passierte, ist man sich jetzt wirklich sehr sicher und rechnet mit dem 4. Juli 2021, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag — an dem übrigens auch das Internet abgeschaltet werden soll.

5. Explodiertes Atomkraftwerk

Offenbar hat ein Verschwörungs-YouTuber in einer Szene der Netflix-Serie Dark einen Hinweis darauf gefunden, dass die Regierung einen Anschlag auf das Atomkraftwerk in Brokdorf plant. Xavier Naidoo und Attila Hildmann sind überzeugt und warnen ihre Anhänger:innen. Am 11. September 2020, um 4:15 Uhr soll das Atomkraftwerk mit einer Drohne angegriffen werden, ein deutsches 9/11. Passiert ist nichts, auch keine Reaktion der erfolglosen Propheten.

4. Zwangsimpfung und Massengenozid

Lange bevor es überhaupt Impfstoffe gegen das Coronavirus gab, malten Verschwörungsfreunde schon die Zwangsimpfung an die Wand und gleich dazu die „Impftoten“, die an Nebenwirkungen sterben würden. Demnach alles Teil eines großen Plans, der die Weltbevölkerung verkleinern soll.

Lesen Sie hier, wie sich Argumente der Impfgegner:innen über hundert Jahre nicht verändert haben.

Im Juli 2020 kündigte zum Beispiel „Schwindelarzt“ Bodo Schiffmann, die Zwangsimpfung als „alternativlos“ an und sagte 80.000 Tote voraus. Im Dezember 2020 glaubte Schiffmann dann, alle Geimpften würden daran sterben. Was die weltweiten Todeszahlen angeht, herrscht in der Szene Uneinigkeit. Es gibt Zahlen zwischen 400.000 Menschen weltweit und 15 Millionen nur in den USA. In Telegramkanälen wurde angekündigt, dass ab 15. Mai 2021 Polizist:innen in Wohnungen eindringen, um zwangszuimpfen.

3. Blackouts und „Ten Days of Darkness“

Schon 2017 kündigte „Q“ zehn Tage Finsternis an: „Ten Days. Darkness.“ heißt es in einer der kryptischen Verlautbarungen. Seitdem warten seine Jünger:innen entweder noch auf diese zehn Tage oder interpretieren sie rückwärts auf beliebige Ereignisse, zum Beispiel Trumps Twittersperre, die allerdings mittlerweile etwas länger aus zehn Tage andauert. Zuletzt sagten Verschwörungsfreund:innen die zehn Tage Finsternis für den 1. Mai 2021 voraus, Internet und Strom sollten zehn Tage lang ausfallen. Passiert ist nichts.

 2. Die Außerirdischen kommen

Ende 2020 sollte es soweit sein, die „Galaktische Föderation“ zeigt sich endlich auf der Erde, das vermuteten zumindest deutschsprachige Telegramkanäle aus dem „Querdenken“-Umfeld mit mehreren zehntausenden Abonnent:innen. Aliensichtungen gab es dann aber doch nicht. Dabei sind auch Teile der QAnon-Bewegung davon überzeugt, dass eigentlich Ausserirdische hinter „Q“, Donald Trump und Vladimir Putin stehen, um mit ihnen zusammen den „tiefen Staat“ zu bekämpfen.

1. „Querdenken“ in den Parlamenten

Für die Bundestagswahlen rechnet die „Querdenken“-nahe Partei „Die Basis“ wenigstens mit 20 Prozent der Stimmen, eine Ärztin, die der Bewegung nahesteht und deren Naturheilpraxis im Januar offenbar wegen falscher Atteste durchsucht wurde, rechnet sogar mit mehr als 50 Prozent der Stimmen. Das könnte schwierig werden, denn auch bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und in Baden-Württemberg, immerhin der Heimat der „Querdenken“-Bewegung, war die Partei sich sicher, dass sie mindestens die Fünf-Prozent-Hürde schaffen würde. Bei den Wahlen in Baden-Württemberg im März 2021 erreichte „die Basis“ dann insgesamt ein Prozent der Stimmen, in Sachsen-Anhalt im Juni 2021 1,5 Prozent.

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Landtagswahlen Sachsen-Anhalt „Querdenken“ als Partei gescheitert

Die Querdenkerpartei „Die Basis“ ist mit 1,5 Prozent klar am selbst gesetzten Minimalziel, dem Einzug in den Magdeburger Landtag gescheitert. „WiR 2020“ erhielt sogar nur 0,2 Prozent der Stimmen. Mit zusammen 1,7 Prozent haben sie somit ungefähr das gleiche Ergebnis erzielt wie bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März.

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