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Gedenken in Eberswalde zum 20. Todestag von Amadeu Antonio Kiowa „Wir hatten solche Angst“

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„Als wir aus Angola kamen, hat niemand von uns im Traum daran gedacht, dass einer von uns in Eberswalde sterben könnte, weil er die falsche Hautfarbe hat“, sagt Moises Mvuvama. Weil es vor zwanzig Jahren aber genau so kam, gedachten Engagierte in Eberswalde am 06. Dezember dem angolanischen Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa, dem ersten Opfer rechtsextremer Gewalt, dass nach der Wende öffentlich thematisiert wurde.

Gedenken am Todesort

Rund hundert Menschen sind gekommen an diesem 06. Dezember 2010 an die unwirtliche Ausfallstraße in Eberswalde. Hier weist eine kleine Tafel an der Mauer darauf hin, dass an diesem Ort Amadeu Antonio Kiowa am 25. November 1990 mit 28 Jahren von einem Mob von 50 Rechtsextremen gejagt, gestellt und so tödlich verletzt wurde, das er am 06. Dezember 2010 im Krankenhaus starb. Die Gruppe „African Voices“ trommelt gegen die Trostlosigkeit des kalten Novemberabends. Jugendliche der Initiative „Light me Amadeu“ führen durch das Gedenken, haben antirassistische Texte und Lieder zu Amadeu Antonio ausgewählt, dem 28-jährigen ehemaligen angolanischen Vertragsarbeiter, der Deutschland auch nach der Wende nicht verlassen wollte, weil seine deutsche Frau ein Kind erwartete. Er wird als erstes Todesopfer rechtsextremer Gewalt nach der Wende im öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen und geht in die Geschichtsbücher ein. Kerzen werden angezündet, Kränze niedergelegt, und Blumen. Der Stein wird beachtet, geschmückt, bei diesem Gedenken ein Mal im Jahr.

Hans Mai spricht. Er war 1990 Bürgermeister von Eberswalde und sagt heute offen: In der Aufregung der unmittelbaren Nachwendezeit sei er überfordert gewesen, angemessen auf den rassistischen Mord und seine Umstände zu reagieren. Polizisten sahen damals zu und griffen nicht ein – nach eigener Aussage, weil sie selbst Angst hatten. Nach der Tat gab es Beschwichtigungen: Es seien doch nur betrunkene Jugendliche gewesen, nicht den Ruf der Stadt beschmutzen. Mai wirkt mitgenommen und angespannt, als er den beim Gedenken anwesenden Angolanerinnen und Angolanern sagt, sie seien doch willkommen. Sehr willkommen haben sie sich in den 23 Jahren, die sie in Deutschland leben, eher nicht gefühlt. Es ist kein Wunder, dass von den ehemals 106 angolanischen Arbeitern, die 1987 nach Eberswalde kamen, heute kaum noch zwanzig in Deutschland leben.

Das schwere Leben der ehemaligen Vertragsarbeiter in Eberswalde

Die Geschichte dieser Vertragsarbeiter erzählt eine Ausstellung des Vereins Palanca e.V., die an diesem 6. Dezember im Tourismuszentrum Eberswaldes zu sehen ist, wo nach dem Gedenken eine Veranstaltung zu Ehren Amadeu Antonios stattfindet. Die Tafeln der Ausstellung belegen die schwierigen Lebenswege der betroffenen Angolaner. 106 von ihnen kamen 1987 als Vertragsarbeiter im „sozialistischen Bruderland“ DDR an. Allen war ein Studium oder eine gute Ausbildung versprochen worden. Stattdessen mussten sie im Schlacht- und Verarbeitungskombinat SVKE harte körperliche Arbeit verrichten, in ein Wohnheim einquartiert, abgetrennt von der Bevölkerung Eberswaldes, angefeindet bei der Arbeit und im Alltag. Moises Mvuvama, einer von ihnen, sagt: „Es gab so viel Arbeit, aber die Leute haben nicht gearbeitet. Der Polier hat uns gesagt: ‚Ihr seid schwarz, ihr müsst arbeiten. Ich muss nicht arbeiten.'“ Vor allem aber waren die Angolaner von der Ablehnung der Menschen getroffen. „In Angola lebten Menschen aller Hautfarben zusammen“, erinnert sich Mvuvama, „ich kannte gar keinen Rassismus. Wir sahen Bücher von der DDR, die Leute sahen freundlich aus. Das Land sehr entwickelt im Vergleich zu Angola. Als wir kamen, war es total anders. Sie lehnten uns ab, obwohl wir nichts gemacht hatten. Es war schwer, sich daran zu gewöhnen.“

Nach der Wende kam die Gewalt

Nach der Wende wurde es für die schwarzen Vertragsarbeiter noch schwieriger. Da die Vereinbarungen der Regierungen nichtig geworden waren und die Verunsicherung im neuen Kapitalismus groß, wurden die Angolaner als erste entlassen – und verloren zugleich ihre Bleibe im Wohnheim. Zudem brach sich der bisher gesellschaftlich gezügelte Rassismus in Neonazis plötzlich auf gewalttätigste Art und Weise Bann. Der Mord an Amadeu Antonio war nur der Höhepunkt, Angriffe mit Verletzungen und ohne die Solidarität anderer auf der Tagesordnung. „Wir waren schockiert“, sagte Moises Mvuvama: „Jugendliche laufen auf die Straße und töten Schwarze, einfach so. Wenn wir nach draußen gehen, warten dort Leute auf uns und wir werden getötet. Wir hatten solche Angst.“

Moises Mvuvama war einer von denen, die schließlich nicht mehr akzeptieren wollte, das sich keiner aus der schwarzen Community in Eberswalde mehr traute, auf ein Stadtfest zu gehen oder überhaupt öffentlich sichtbar zu sein. Er engagierte sich im In- und Ausländerbeirat, gründete mit anderen den Verein Palanca e.V., um für Respekt und Toleranz verschiedener Kulturen und werben und die Freude zu vermitteln, die Vielfalt und Neugier auf Unbekanntes bedeuten können. Als er bei der Gedenkveranstaltung für Amadeu Antonio spricht, sagt er: „Rassismus trennt uns, und er tötet sogar. Wir müssen gemeinsam dagegen arbeiten, verschiedene Menschen, wir arbeiten zusammen!“

2010: Keine Heizung, keine Arbeit

Viele von denen, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus in der Region engagieren, sind in den Saal des Tourismuszentrums gekommen. Auch politische Würdenträger sind da: Der erste Sekretär der angolanischen Botschaft mahnt diplomatisch, so etwas dürfe nicht wieder geschehen und lobt Eberswalde für seine anschließende Demokratiearbeit. Bürgermeister Friedhelm Boginski erinnert sich an 1990, als er Schulleiter in Eberswalde war: „Jede Schülerdisko musste unter Polizeischutz stattfinden. Dem rechten Mob war völlig egal, ob da Kinder drin waren. Die Lehrer haben gesagt, ihnen ist das Thema zu anstrengend. Aber ich habe gesagt: Wir müssen weitermachen.“ Seitdem habe sich in Eberswalde viel getan. „Eberswalde ist nicht frei von rechtsextremem Gedankengut. Aber wir stellen uns dem heute und drängen die Rechtsextremen zurück, wo wir können“, sagt Boginski. Landrat Bodo Ihrke sagt: „Es ist ein Tag der Scham.“ Man müsse ihn aber als Verpflichtung begreifen, im Kampf gegen Rassismus nicht nachzulassen und dafür zu sorgen, dass Menschen mit anderer Hautfarbe in Eberswalde unversehrt bleiben.

Einzig Anetta Kahane von der nach dem Toten benannten Amadeu Antonio Stiftung wendet sich direkt an Amadeus wenige Kollegen im Saal, die noch in Eberswalde leben: „Es tut mir so leid, dass Euch das passiert ist und dass ihr nicht die Unterstützung bekommen hab, die ihr damals brauchtet“, sagt sie. Gute Projektarbeit gegen Rassismus sei das eine – der Umgang mit den traumatisierten Angolanern aber das andere. „Ich freue mich zu hören, dass ihr Euch heute gut fühlt, dass eure Kinder jetzt hier zur Schule gehen. Aber wir müssen Euch immer fragen: Braucht Ihr Unterstützung?“ Palanca e.V., der Verein, in dem die schwarzen Eberswalder Antirassismusarbeit in Kindergärten und Schulen machen, sitzt in einem Raum ohne Heizung. Und aktuell hat keiner der Arbeiter einen Job.

Mehr auf netz-gegen-nazis.de:

| Erschlagen vom Nazi-Mob, während die Polizei zusah: Zwanzigster Todestag von Amadeu Antonio Kiowa

Mehr im Internet:

| Palanca e.V.
| Light me Amadeu
| Amadeu Antonio Stiftung

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