Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Interview mit Gavin Karlmeier „X hat keinen Umgang mit Hassrede mehr“

Von|
Der Podcast "Haken dran - das Twitter-Update" beschäftigte sich mit dem Niedergang von Twitter zu Xitter. (Quelle: Screenshot mit Logo von "Haken dran")

Warum es schon lange überfällig ist, sich von dem Kurznachrichtendienst zu verabschieden und welche Alternativen es gibt, erklärt der Podcaster und Digitalberater Gavin Karlmeier uns im Interview. Außerdem gibt er uns eine Einschätzung, was die Social Media Zukunft bringt.

Erstmal zu euch: Wie ist euer Podcast „Haken dran – Das Social Media Update“ entstanden?

Die Idee war es eigentlich, den Irrsinn um die Twitter-Übernahme durch Elon Musk zu begleiten. Denn: An dem Tag, als wir entschieden, diesen täglichen Podcast zu machen, hatten wir einen kurzen Chatverlauf: „Ey, Dennis, wie spontan bist du? Hast du Lust, jeden Tag 10 Minuten auf das Chaos zu schauen? Dennis so: „Ja, lass machen!“ Da sah es aber eher danach aus, als würde es hier um Tage oder Wochen, statt um Monate oder Jahre gehen. Server fielen aus, Mitarbeiter*innen zogen ab, Nutzer*innen waren enttäuscht. Aus den „paar Tagen“ wurden allerdings mittlerweile 10 Monate und aus den 10 Minuten eher so 30-60 Minuten am Tag. Nach mittlerweile 218 Folgen muss man feststellen: Es gibt wirklich jeden Tag neue Nachrichten, die über kleine Funktionsanpassungen hinausreichen.

Wie hat sich Twitter/X seit der Übernahme von Elon Musk entwickelt und wie schätzt du die politische Ausrichtung der Plattform aktuell ein?

X ist zur Heimat von Hass und Verschwörungserzählungen mutiert. Unter dem Deckmantel der von Musk so oft beschworenen Redefreiheiten werden frühere Mechanismen der Contentmoderation verurteilt, gleichzeitig erhalten aber ursprünglich gesperrte Accounts von Rechtsradikalen, Antisemiten und Desinformationsschleudern eine Amnestie. Durch das Bezahlmodell „X Premium“ (früher Twitter Blue) wird weiterhin denen größere Sichtbarkeit geboten, die bereit sind, X – und damit Musk – dafür Geld zu bieten. Weil Musk aber selbst zum größten Megafon von Rassismen, antisemitischen Tropen oder auch Desinformationen geworden ist, bedeutet das: Zur früher schon großen Fehlwahrnehmung, X bilde einen Querschnitt des gesellschaftlich-mehrheitsfähigen Meinungsspektrums ab, gesellt sich nun eine Verschiebung des Diskurses nach rechts. Und die Kommentarspalten werden zum Moloch. Kurz gesagt: X ist weder ein sicherer Ort für Journalist*innen, noch für demokratiefördernde Aktivist*innen – stattdessen wird extrem Rechten ein neues Zuhause geboten.

Hat sich der Umgang mit Hassrede auf X verändert?

X hat keinen Umgang mit Hassrede mehr. X selbst spricht davon, diffamierende Inhalte nicht mehr löschen, sondern in ihrer Sichtbarkeit einzuschränken – was am Ende bedeutet: Der Hass hat hier einen sicheren Ort gefunden. Im Grunde ist es doch unwesentlich, ob Hate Speech algorithmisch verstärkt wird, wenn klar ist, dass der Content ungeahndet bleibt. Man baut hier einen Safe Place für alle, die „Safe Places“ hassen – und das halte ich für eine der gefährlichsten Entwicklungen im sozialen Web.

Welche Rolle spielt Musks Sympathie für die Alt-Right?

Es bleibt es unklar, ob Musk wirklich diese politische Haltung eingenommen – oder sich nur angezogen hat, weil er hier ein ihn anhimmelndes Publikum zu erwarten hat. Das Ergebnis bleibt aber dasselbe: Musk verstärkt rechte und antisemitische Ideologien und nutzt sein eigenes Netzwerk dafür, um andere zu empowern, dasselbe zu tun.

Zeichnet sich ab, wie sich das Inkrafttreten des Digital Services Act auf die aktuellen Entwicklungen auf X auswirken wird?

Die EU hätte hier als regulierende Behörde tatsächlich einen mächtigen Hebel, denn X gilt im Sinne des „Digital Services Act“ als „VLOP“, als „Very Large Online Platform“ – sprich: als sehr große Plattform – und unterliegt damit besonderen Regulierungen, die bei Verstoß ziemlich empfindliche Strafen mit sich bringen, die in Prozentpunkten des Jahresumsatzes der Plattform erhoben werden. Dazu gehören vor allem Maßnahmen zum Schutz der Datensicherheit der Nutzer*innen – einzelne Gruppen in der EU-Kommission fordern allerdings auch, auch Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von Desinformationen in diesen Katalog aufzunehmen. Denn bis dahin sind die Warnungen und Forderungen der EU zumeist folgenlos geblieben.

Welche Konsequenzen haben diese Entwicklungen? Verlassen Nutzer*innen die Plattform?

So richtig klar ist das nicht. X selbst ändert regelmäßig die Kennzahlen, nach denen „Erfolg“ definiert wird. Mittlerweile wird dieser nämlich von X selbst in „unregretted user minutes“ ausgewiesen – also unbereute Nutzungsminuten. Wie diese gemessen werden – und wie die dann vergleichbar sein sollen, bleibt völlig unklar. Zwar sprechen Monitoringdienste schon von einem signifikanten Einbruch, Medienmarken in Deutschland dagegen verzeichnen nicht unbedingt ausbleibende Reichweite.

Wie sollten Medien, Politik und Zivilgesellschaft handeln? Oder anders gefragt, sollten wir X verlassen?

Kurz gesagt: Ja. Gerade Medienschaffende sind Multiplikator*innen, die Anreize bieten, diese Plattform weiterhin zu besuchen, zu nutzen und sie weiter mit Content anzureichern. Das mächtigste Demonstrationsinstrument, das wir als Zivilgesellschaft im Gesamten haben, ist unser Nutzungsverhalten – und ein soziales Netzwerk, das niemand nutzt, nutzt niemandem. Ich glaube, wir alle, die professionell Content auf und für X erstellen, sollten Zweck, Nutzen und Aufwand in Relation zueinander stellen und im großen Bild für sich die Frage beantworten, um die Ambitionen, wegen derer wir damals zuhauf zu Twitter strömten, heute überhaupt noch erreichbar sind. Oder ob wir „X“ heute nur noch nutzen, weil wir es immer so gemacht haben.

Wie ist es um alternative Kurznachrichtendienste bestellt?

Die Antwort auf diese Frage würde vermutlich den Rahmen sprengen, daher versuche ich mal einen Schnellabriss: Der Boom dezentraler Netzwerke, der Versuch Metas, mit Threads einen vielversprechenden Twitter-Klon an den Start zu bringen und die kleinen Stilblüten wie der Angriff auf Twitter durch den Newsletterdienst Substack namens Notes, zeigen: Auch wenn Twitter stirbt, stirbt die Idee „Microblogging“ nicht. Das Bedürfnis einer echten Echtzeitplattform, über die auf schnellste und kürzeste Art Kommunikationen und Publikation stattfinden kann, bleibt bestehen. Nach meinem Gefühl teilen sich die jeweiligen Bubbles aber auf unterschiedliche Netzwerke auf – und so konnte politische Diskussion im Fediverse/auf Mastodon schnell ein Zuhause finden, das „Shitposting“ ist vor allem bei Bluesky angekommen und was aus Threads wird, ist aus EU-Perspektive bislang noch gar nicht zu beantworten.

Würdest du sagen, dass soziale Medien in der Krise stecken? Und wenn ja, wo geht die Reise hin?

Ich glaube nicht, dass „soziale Medien“ in einer Krise stecken. Ich würde eher sagen, dass Veränderung schon immer ein großer Teil von Social Media war. Denken wir an die kurzlebigen Hypes wie Clubhouse, BeReal oder Google+, erkennen wir, dass die Kunst es immer war, aus einem Hype ein nachhaltiges Zuhause für die zu machen, die es benutzen. Gleichzeitig beobachten wir eine Veränderung der Netzwerke – von „creator-driven“ zu „content-driven“. Schon heute ist es bei TikTok oder YouTube nahezu unbedeutend, wem wir folgen – sondern viel wichtiger, was wir schauen, womit wir interagieren und was uns potenziell gefallen könnte. Durch diese Veränderung wird aber am Ende gerade auch für Medienmarke der Kampf um die Aufmerksamkeit immer schwieriger werden. Auf der anderen Seite kann das alles bedeuten, dass guter Content vielleicht am Ende doch immer gewinnt. Du merkst, ich bleibe trotz allem Optimist.

 

Spotify: https://podcasters.spotify.com/pod/show/hakendran

Apple: https://podcasts.apple.com/de/podcast/haken-dran-das-twitter-update/id1654663744

Podcats.de: https://www.podcast.de/podcast/3112127/haken-dran-das-twitter-update

Weiterlesen

2015-07-22-karte

Google kann eine Karte löschen – Hass aber nicht

Eine Google-Karte mit Flüchtlingsunterkünften in Deutschland wurde gelöscht, der Titel „Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft“. Aber öffentlich zugängliche Daten sind…

Von|
Eine Plattform der