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NPDVU-Fusionsfeier 2011 Wettern gegen „Minusseelen“ und Migranten

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Ein Blick in den Saal der NPD-DVU-Fusionsfeier am Samstag, den 15.01.2011 in der Berliner Max-Taut-Oberschule in Lichtenberg zeigte deutlich: Die NPD ist – zumindest in Berlin – überaltet und erreicht immer noch wenig Frauen. Das muss für die Rechtsextremen umso schmerzhafter sein, weil sie – laut den Wortbeiträgen auf der „Feier“ – vor allem ein Problem identifiziert haben, mit dem sie im Wahlkampfjahr 2011 punkten wollen: Die Deutschen, die die NPD so als „volksdeutsch“ ansieht, sterben aus! Dumm nur: Ohne Frauen und mit deutlichem Rentnerüberschuss lässt sich da wohl wenig machen. Doch zu den Zukunftsvisionen der Neonazis soll später noch mehr zu sagen sein.

Zunächst aber hatten die Rechtsextremen wie üblich mit den Verhältnissen zu kämpfen. Draußen war es weitaus voller als drinnen. Vor der Max-Taut-Oberschule in Berlin-Lichtenberg protestierten zwischen 450 und 600 Menschen gegen die Feier, die die zum 1. Januar 2011 vollzogene Verschmelzung der beiden rechtsextremen Parteien „NPD – Die soziale Heimatpartei“ und „DVU – Deutsche Volksunion“ auch als Akt besiegeln sollte. Dass nur rund 120 Anhänger ihren Weg nach Lichtenberg fanden, ist wohl einerseits der Tatsache geschuldet, dass die Fusion, aller Behauptungen zum Trotz, gerade im DVU-Lager nicht wirklich auf Begeisterung stößt. Und zweitens zog es das neonazistische Spektrum nach Magdeburg, wo rund 1.000 Neonazis den ersten „Trauermarsch“ des neuen Jahres zelebrierten. Auf die parteipolitische Führungsebene mussten sie dabei allerdings verzichten: Da saßen alle wichtigen Köpfe in Berlin.

DVU fehlt

Dies galt allerdings für die NPD. Von den ehemaligen DVU-Funktionsträgern hatte allein Ex-DVU-Chef Matthias Faust den Weg nach Lichtenberg gefunden. Dafür demonstrierten der neonationalistische NPD-Chef Udo Voigt und seine parteiinternene Widersacher aus der gemäßigteren Fraktion, Holger Apfel aus Sachsen und Udo Pastörs aus Mecklenburg-Vorpommern, strahlende Einigkeit.

Der Star ist der Bürgermeister

Wahrer Star der Veranstaltung war allerdings ein anderer: Hans Püschel, der SPD-Bürgermeister von Krauschwitz, der im Dezember 2010 ein NPD-Treffen besuchte und nur lobende Worte fand. Im Januar 2011 lief er dann zur NPD über und stellt nun deren einzigen Bürgermeister dar. Das wiederum findet die NPD offenbar so prima, dass der Neuling gleich zur Rede auf die Bühne durfte, wo er sich als unangenehmer Selbstdarsteller entpuppte, der seine neue politische Aufassung gar in eine nicht enden wollendes Gedicht kleidete.

Dies passte allerdings zur Qualität dessen, was Neonazis offenkundig als „Feier“ verstehen: Außer dem Auftritt zweier Fahnenträger zu getragener Musik, zu der die versammelten Neonazis wenig originell „Hoch die nationale Solidarität“ skandierten, und einem launigen Liedchen im Ina-Deter-Stil von Liedermacherin „Karin“ („Wer uns in die Augen sieht, erkennt wir sind echt / wir sind nicht links, wir sind aufrecht“) gab es nur Reden, Reden, Reden.

Inhalte?

So stellt sich inhaltlich vor allem die Frage, wer die markigsten Phrasen dreschen konnte. Denn thematisch ist die Linie klar: „Deutschland muss das Land der Deutschen bleiben“ (Udo Voigt). „Nun sind wir eine Partei mit einem Ziel: Deutschland“ (Matthias Faust). „Ich wünsche mir ein saubereres, sozialeres und deutscheres Deutschland“ (Holger Apfel). „Wir haben ein Naturrecht auf nationale Selbstbestimmung“ (Udo Pastörs).

In diesem Deutschland stören die NPD aber einige Leute: Die Ausländer natürlich, aber auch die „Politbetrüger“, die „etablierte Minusseelen“ sind (Holger Apfel). Auch sieht Udo Voigt den Bedarf an „Sozialpädagogikstudenten und Experten gegen Rechtsextremismus“ gedeckt. Und „Schwuchteln“ sollen keine Außenminister sein, sondern gehören auf den Karnevalswagen.

Der Lebensbaum kippt!

Rührend gestaltet sich, wie Udo Voigt sich die Umsetzung des „deutscheren Deutschlandes“ vorstellt. Vor allem sieht er „den Lebensbaum kippen“ und analysiert treffend: „Nicht alle Deutschen sind schwul und lesbisch. Viele wünschen sich Kinder“. Übrigens auch das eine oder andere schwule oder lesbische Paar, an die Voigt aber wohl nicht denkt. Statt dessen rechnet er vor, was er sich wünscht (und durch mehr Geld für Familien, das man an „rückgeführten“ Migranten einspare, finanzieren will): Mindestens zwei Millionen deutsche Kinder im Jahr. Und die bräuchten dann ja auch viele Bettchen und Spielzeuge – die dank NPD dann nur in Deutschland hergestellt würden – so dass der wirtschaftliche Aufschwung auch kein Problem mehr sei. Einen weiteren Vorteil dieser Kinderschar beschreibt Voigt so: „Das sind Kinder, die sich dem deutschen Volk verantwortlich fühlen, nicht Ankara, Tel Aviv oder Washington.“ Die Rentner und Männer im Saal applaudieren. Der Kampf um den „Lebensbaum“ dürfte schwer werden.

Der Preis der höchsten Phrasendichte pro Minute gebührt allerdings Holger Apfel: Er spricht von „Minusseelen, die vorgeben, deutsche Interessen zu vertreten, aber agieren, als seien sie aus einem angloamerikanischen Umerziehungslager herausspaziert“, „Politgauner“, die „Volksbetrug“ betreiben, aber der „weltweiten Monopolywirtschaft“ huldigen, während der Steuerzahler die „Melkkuh der Nation“ sei, und seine Regierung „Marionetten des internationalen Finanzkapitals“. Bei diesem Übermaß an schockierenden Informationen ließ selbst die Aufmerksamkeit der hartgesottensten Zuhörer zu wünschen übrig und der Versorgungsstand wurde stärker frequentiert.

Was tun mit Sarrazin?

Ein Mann, an dem sich die ganze NPD-Führungsriege abarbeitet, ist Thilo Sarrazin ? wobei das Ergebnis höchst unterschiedlich ausfiel. Als erster forderte Uwe Meenen von der NPD Berlin, wenn Sarrazin seine Thesen ernst meine, müsse er in die NPD eintreten. Udo Voigt behandelte Sarrazin über Bande: ?Seit Sarrazin wissen wir, wir sind nicht alleine und dass Millionen denken wie wir.? Holger Apfel merkte dann an, dass Sarrazin aus einer richtigen Analyse die falschen Schlüsse ziehe: Die Lösung sei ?Rückführung statt Integration?. Am wenigsten Sarrazin-Fan ist Udo Pastörs: Der sei ?Großkapitalist und Banker? und ein ?Feind des deutschen Volkes?, denn es geht ihm nicht um den Erhalt des Volkes, sondern nur ?um Wirtschaftsmacht und Standortfaktoren, nicht um Heimat?.

Bei aller Propaganda ließen sich auf der Fusionsfeier noch zwei interessante Fakten ausmachen: Bisher sind laut Angaben von Udo Voigt von den rund 4.000 ehemaligen DVU-Mitgliedern ganze 842 in die NPD eingetreten. Und Matthias Faust betonte, das DVU-Grüppchen, das gegen die Fusion klage, werde ja bezeichnenderweise von den ?Pro Deutschland?-Anwälten Markus Beisicht und Judith Wolter vertreten. Was deutlich zeigt, dass es Einigkeit im ?volkstreuen Lager? weiterhin nicht geben wird. Die Fusion zu ?NPD ? Die Volksunion? ist nur eine Koordinatenverschiebung.

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