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Pro-jüdisch statt pro-BDS Artists against Antisemitism – Künstler:innen gegen Judenhass

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Screenshot der Website Artists Against Antisemitism
Screenshot der Website Artists Against Antisemitism

„Das Opfer bleibt immer Opfer, ist niemals auch nur mitschuld an den Taten der Täter. Aber vielleicht wäre es keine gute Idee, im Antifa-T-Shirt auf eine Reichsbürger-Veranstaltung zu gehen“, schreibt Malte Lehming in einem Artikel im Tagesspiegel als Kommentar auf die antisemitischen Angriffe auf Personen mit Davidsternkette bei einer Pro-Palästina-Demo. Victim Blaming bleibt das trotz des ersten Satzes. Ganz abgesehen davon, dass der Vergleich, von Reichsbürger:innen verprügelt zu werden, die alarmierende Problematik verschiedener Szenen in Deutschland, die im Judenhass vereint sind, ganz gut fasst. Währenddessen schießt die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland in die Höhe, Juden und Jüd:innen ziehen sich aus sozialen Medien zurück, um Angriffen zu entgehen und überlegen sich tatsächlich mehrmals, ob sie jüdische Identifikationsmerkmale öffentlich tragen können oder nicht.

In Reaktion auf den immer sichtbarer werdenden, aggressiven Antisemitismus haben die Musiker Torsun und Björn Peng den Aufruf „Artists Against Antisemitism“ gestartet. Bereits über 700 Personen haben unterschrieben. „Gegen Antisemitismus können wir nicht alleine anstehen, wenn breite Kampagnen versuchen ihre Kritiker:innen zum Schweigen zu bringen. Deshalb schließen wir uns als Artists Against Antisemitism zusammen, denn wir wollen die von Antisemitismus betroffenen Menschen nicht alleine lassen, sondern unsere Stimme gemeinsam erheben und laut werden“, erklären sie auf der Website. Das kann als Kritik verstanden werden: an antisemitischen Anschlägen sowieso, aber auch an derzeitigen Kampagnen von „Palästina Spricht“, die in den letzten Wochen vermehrt durch antisemitische Aussagen aufgefallen sind, aber auch an Klassikern, wie dem internationalen Bündnis Boycott, Divest, Sanction (BDS).

2005 veröffentlichte die BDS-Kampagne ihr erstes Manifest, in dem unter anderem von ethnischer Säuberung und Apartheid im Bezug auf Israel gesprochen wird. Das Ziel ist eine Beendigung der „Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes“. Das impliziert ein Absprechen des Existenzrechts Israels, was später Aussagen, wie die des BDS-lers Omar Barghouti bestätigen. Die Stärke der BDS-Kampagne liegt vor allem in ihrer Größe und in ihren prominenten Unterstützer:innen, wie Judith Butler, Roger Waters oder Kate Tempest. Weltweit organisieren Anhänger:innen Kundgebungen gegen Organisationen, Institutionen und Unternehmen, die mit israelischen Personen kooperieren oder israelische Waren verkaufen. Jährlich wird die „Israeli Apartheid Week“ organisiert und diverse Proteste werden für die eigenen Zwecke umgedeutet, wie sich auch bei vielen „Black Lives Matter“-Demonstrationen zeigte.

Studien aus den USA vermuten eine Zunahme an Belästigungen und Übergriffen auf jüdische Personen im Kontext mit BDS-Gruppierungen an Universitäten. Dass solche Kampagnen trotzdem eine derartige Unterstützung genießen, liegt vermutlich an dem erfolgreichen Framing der Aktionen als humanistisch und antirassistisch, in einer klaren Gegenüberstellung von Gut und Böse sowie dem Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr, erklärt der Politikwissenschaftler Jakob Baier. Aber er sieht auch weitere Ursachen: „Das meist sehr lautstarke und hoch moralisierende Engagement der BDS-Aktivist:innen vermag besonders in der Musikindustrie einen nicht zu unterschätzenden Druck auf Künstler:innen auszuüben. Musiker:innen wie die Band Radiohead oder Nick Cave, die sich weigern, den Forderungen der Kampagne Folge zu leisten, berichten von Mobbing und öffentlichen Diffamierungen durch BDS-Unterstützer:innen.“ Insgesamt schätzt Jakob Baier die Kampagne als gezielte und systematische Dämonisierung und Delegitimierung Israels im politischen und gesellschaftlichen Diskurs ein. BDS ist damit auch ziemlich erfolgreich: Im Kultursektor, Teilen der Wissenschaft und kirchlichen Netzwerken trugen solche Kampagnen bereits zu einer Normalisierung antisemitischer Positionen bei, belegt Baier.

Trotz der ähnlichen Form versteht sich „Artists Against Antisemitism“ nicht als Reaktion auf BDS. Die Initiator:innen schreiben auf der Website: „Wir  wollen uns zumindest nicht an so einer Organisation abarbeiten, sondern uns gegen Antisemitismus in all seinen Spielarten stark machen. Dementsprechend spielt die BDS-Kampagne gewiss auch eine Rolle, war aber nicht der entscheidende Antrieb für uns, aktiv zu werden“.

Und das mit Erfolg. So wird die Kampagne bereits durch einige bekannte Gesichter unterstützt, wie Tocotronic, Fehlfarben, oder Arkadij Khaet. Hengameh Yaghoobifarah erklärt gegenüber Belltower.News: „Ich unterstütze die Kampagne AAA, weil ich beim Spiel, in dem Antisemitismus und Rassismus gegeneinander ausgespielt werden, nicht mitzocke. Besonders in der Kunst- und Kulturszene fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Thema, es gibt meist nicht mal ein Antisemitismusverständnis, das nicht in verkürzten Debatten als poröser Baustein für gefährliche Allianzen genutzt wird. Weniger Doppelmoral wäre da schon ein wichtiger Schritt.“

Die Reaktionen sind also bisher überwiegend positiv. Die vielen Zuschriften sehen die Initiator:innen als Ausdruck dessen, dass solch eine Initiative schon längst überfällig gewesen sei. Kritik gab es bisher wenig: Fabian Wolff, der Autor eines kürzlich viral gegangene Artikels über die vermeintliche Instrumentalisierung von Antisemitismus bezeichnet die Kampagne als antiarabisch und wirft dem Unterzeichner Linus Volkmann Opportunismus vor. Auch einigen weiteren Unterzeichner:innen werden ähnliche Vorwürfe gemacht. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Resonanz um die Initiative entwickelt, sobald sie mehr in den Fokus von Gruppen wie „Palästina spricht“ rückt.

Wie es nun weitergehen soll ist bisher noch unklar: „Fest steht bisher nur, das zumindest ein Teil von uns es nicht bei ein paar Statements und Bildern auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen belassen will“, erklären die Initiator:innen Belltower.News.

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