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Anti-asiatischer Rassismus Protokolle der Ausgrenzung

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Rapperin Nashi, fotografiert von Charlotte Polak. (Quelle: Charlotte Polak)

Nashi (25), Rapperin

Die Pandemie bedeutet für mich aufgrund der Selbstisolation viel Einsamkeit. Ich glaube, dass das auch damit zu tun hat, dass ich mich seit Ausbruch des Virus immer weniger nach draußen getraut habe. Es war mir einfach unangenehm, in der Öffentlichkeit womöglich mit anti-asiatischem Rassismus konfrontiert zu werden. Das Virus hat sich im Februar in Europa verbreitet. Da fingen die Leute an, in asiatisch-gelesenen Menschen das Virus zu sehen. Das hat sich bei mir verschieden ausgewirkt. Als ich in Berlin war, wollte ich mich in der U-Bahn gar nicht mehr hinsetzen, da ich dachte, die Leute würden mich komisch anschauen oder sich von mir wegsetzen. Ich hab mich einfach gleich in die Ecke gestellt und Augenkontakt gemieden. Jetzt, wo die Leute nicht mehr raus sollen, war es für mich eine Erleichterung. Ich musste mich dem nicht mehr aussetzen. Trotzdem mache ich mir Gedanken, gerade wenn ich mit einer Maske raus muss. Ich bin jetzt in Sachsen, wo es eine Maskenpflicht gibt und das macht es wieder komisch. Es ist so ein Dauerstress. Ich erinnere mich an einen Fall in einem Club. Auf der Tanzfläche rief mir ein Typ mehrmals „Corona“ zu. Er hat mir das einfach so an den Kopf geworfen.  Als ich ihn konfrontiert habe, tat er so, als wüsste er nicht, wovon ich rede. Er und seine Freunde hatten mich auch geschubst. Das war krass. Wir sind dann zu den Securities gegangen und wollten ihn rauswerfen lassen, aber da war er schon weg. Wie feige. Die Pandemie macht den unterschwelligen Rassismus, der seit Jahren da ist, sichtbar. Es ist total irrational, Aussehen mit irgendwelchen Eigenschaften zu verbinden, etwa wie mit Corona infiziert zu sein. Das ist für mich der Kerngedanke von Rassismus. Nicht-weiße Minderheiten werden aufgrund ihres Aussehens Lebens- und Verhaltensweisen zugeschrieben.

Ich wünsche mir, dass man daraus lernt und sich auch mehr mit anti-asiatischem Rassismus befasst. Das gelingt eher, wenn man mehr asiatisch-gelesenen Deutschen eine Plattform gibt. Sei es in den Medien oder der Politik. Man muss verstehen, dass es verschiedene Lebensrealitäten gibt und man eine Person nicht mit einer ganzen Gruppe, einem ganzen Kontinent gleichsetzen kann. Ich wünsche mir mehr Repräsentation, sodass es Leuten, die sich nicht damit auseinandersetzen, nähergebracht wird.

Junshen Wu (31), Fotograf

Ich komme aus Wuhan und lebe seit acht Jahren in Berlin. Gleich zu Beginn der Pandemie erlebte ich die dunkelste Zeit. In Wuhan hatte man noch nicht so viele Informationen, alles war unklar. Trotzdem musste man damit umgehen. Am 23. Januar kam der Lockdown in Wuhan über Nacht. Ich war wie paralysiert. Die erste Reaktion ist nicht immer rational, aber ich wollte sofort hin, um bei meiner Familie zu sein. Klar, war das Unsinn. Die müssen sich um sich selbst sorgen. Irgendwann sah man, wie viele Leute gestorben sind, wie schnell sich das Virus verbreitet hat. Ich fragte mich immer, ob jemand betroffen ist, den ich kenne. Dadurch, dass ich nicht da sein konnte, war es sehr schwer. Ich bin instabil geworden, manchmal super traurig. Dann kam das mediale. Der Spiegel hatte einen Titel: „Coronavirus – Made in China“ und einen angeblich satirischen Artikel. Darin hieß es: „Ein wenig Rassismus geht schon in Ordnung!“. Ich fand es geschmacklos. Es ist nicht die Zeit, so eine Satire zu publizieren. Die Situation ist eh schwer und dann musste ich auch noch damit leben. Das nicht rational, aber es fühlte sich an, als seien alle gegen mich. Sogar wenn ich auf der Straße war. Ich hatte zeitweise Sorgen, allein in den Supermarkt zu gehen, besonders als eine chinesische Studentin in Moabit zusammengeschlagen wurde. Das war dann eben mein Alltag in Berlin und hat mich erschreckt. Ich bin froh, dass es Leute gibt, die sich gegen das Stigma aussprechen und aussehen wie ich. Das hat Mut gemacht. In den letzten Jahren habe ich mich mehr mit Rassismus beschäftigt. Ich lebe lang genug in Deutschland und stecke im Prozess, in dem ich meine Identität in dieser Gesellschaft finde. Zu Beginn habe ich mich immer zurückgehalten, kann aber mittlerweile Kulturen verbinden. Durch die Pandemie ist alles zurückgegangen. Bei einem rassistischen Angriff würde ich mich normalerweise wehren, aber ich bin so erschöpft. Mir fehlt die Energie. Ich glaube nicht unbedingt, dass die Situation für Minderheiten besser geworden ist, aber wir stecken jetzt schon so lange in dieser Pandemie und vielleicht blockiert man dann auch bestimmte Informationen, um weitermachen zu können. Ich weiß nicht, was es jetzt besser machen würde. Die Dämonisierung von allen Chinesen muss aufhören, auch wenn man Verantwortliche finden will. Wenn ich mir etwas wünsche, dann dass Minderheiten mehr zu Wort kommen und man nicht nur über uns, sondern mit uns spricht.

Protokolle: Nhi Le. Mehr Informationen zu anti-asiatischem Rassismus finden Sie hier.

Der Text ist eine Übernahme von der Website der Amadeu Antonio Stiftung. Mit freundlicher Genehmigung.

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