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Gewalt gegen queere Menschen Transfeindlichkeit im Kontext von Mehrfachdiskriminierung

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(Quelle: Unsplash)

Queere Themen schafften es dieses Jahr sogar in die Welt des männerdominierten Fußballs. Bei dem EM-Spiel Deutschland-Ungarn sorgte die geplante Beleuchtung der Allianz Arena in Regenbogenfarben für ein kleines Politikum. Anlässlich der Verabschiedung eines queerfeindlichen Gesetzes in Ungarn, dass es verbietet, Minderjährige überhaupt über die Existenz queerer und transgeschlechtlicher Personen zu informieren, wollte die Stadt München ein Zeichen setzen für „Vielfalt, Toleranz und echter Gleichstellung im Sport und in der ganzen Gesellschaft“. Wie bereits im Fall des rassistischen Mordes an George Floyd, wird dabei lieber mit dem Finger auf Missstände anderswo verwiesen, als  etwa Homo- oder Transfeindlichkeit in Deutschland zu thematisieren.

Selbsttötung von Ella als Ausdruck struktureller Gewalt

Die Gewalt, die insbesondere Transfrauen of Color mit Fluchterfahrung erleben, zeigt sich im Fall von Ella. Am 14. September zündete sich Ella am Berliner Alexanderplatz selbst an und verstarb in Folge der Verletzungen im Krankenhaus. In der „Bild“-Zeitung war zunächst die Rede von einem Mann, eine Polizeisprecherin versicherte jedoch später, dass es sich um eine Frau handelte.

Nachdem Ella mit schwersten Brandverletzungen in das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) eingeliefert wurde, wurden Fotos von der Sterbenden geschossen und in Chats verbreitet. Das Krankenhaus sei nun um Aufklärung bemüht, wie es auf Twitter mitteilte.

In einem Beitrag des Offenen Kanals Magdeburg sprach Ella offen über ihre Erfahrungen als Transfrau. Ella, die im Iran einen guten Job hatte und abgesichert war, verließ das Land, da sie dort nicht offen leben konnte. Bis zu ihrem Tod schien sich das Leben der Aktivistin ins Positive gewendet zu haben.

Erster Bericht zu Transfeindlichkeit in Berlin

Großstädte gelten in der Regel als liberaler, sodass queere Menschen auch oft in Metropolen wohnen. Trotzdem sind sie auch hier nicht sicher vor Diskriminierung und Gewalt.

Mit dem Berliner Monitoring zu trans­ und homophober Gewalt von 2020 liegt erstmals ein Bericht über die Gewalt und Diskriminierung gegen queere Menschen vor und stützt sich vor allem auf polizeiliche Daten zu politisch motivierter Kriminialität (PMK) im Zeitraum von 2010 bis 2018. Im bundesweiten Vergleich werden in Berlin die meisten Fälle dokumentiert, was auf das aktivere Anzeigeverhalten queerer Communitys in Berlin zurückgeführt wird.

Dabei können zwei Vorfälle im September, über die medial berichtet wurde, exemplarisch für die Befunde des Monitoring herangezogen werden. In Berlin griff am 12. September 2021 ein Mann eine Transfrau in Kreuzberg mit Fäusten an, entriss ihr die Jacke und versuchte, sie mit einem Gürtel zu würgen. In der gleichen Nacht attackieren nach Polizeiangaben mehrere Männer in einem U-Bahnhof im Stadtteil Prenzlauer Berg eine 55-jährige Person, die Frauenkleider trug. Sie wurde bespuckt, mit Bier übergossen und mit Reizgas besprüht.

Laut Monitoring haben vor allem physische Übergriffe seit 2018 zugenommen. Waren es 2010 noch 111 Fälle, so stieg die Zahl 2018 bereits auf 229 Fälle an. Bundesweit konnten im Jahr 2020 insgesamt 782 Fälle dem Bereich Hasskriminalität aufgrund geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung zugeordnet werden.

Wie in den beiden genannten Fällen, finde in Berlin Übergriffe oftmals nachts und im öffentlichen Raum statt (67,3 Prozent) und in Bezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und Mitte. Damit sind viele queere Menschen vor allem dort gefährdet, wo sich die eigene Szene befindet. Die Täter sind fast immer männlich (91,5 Prozent), die Betroffenen, meist männlich gelesene und oft misgenderte Personen unter 30 Jahren. In den seltensten Fällen können die Täter ausgemacht werden. Von den 289 Fällen die in Berlin 2018 bei der Staatsanwaltschaft eingegangen sind, kamen nur 51 Fälle vor Gericht.

Queers mit Fluchterfahrung

Der Bericht lässt jedoch Aspekte der Mehrfachdiskriminierung unberührt, sodass die tatsächlichen Zahlen vermutlich höher liegen. Dabei führen Mehrfachdiskriminierungen wie etwa aufgrund von Rassismus, Fluchterfahrung oder Behinderung dazu, dass queere BPoC sowohl in der breiten Gesellschaft, als auch in queeren Räumen, Ausschlüsse erfahren. Queere Transpersonen of Color, insbesondere mit Fluchterfahrung, stellen die vulnerabelste Gruppe dar, wie eine Studie von Les Migras e.V. zeigt, die explizit den Zusammenhang von Rassismus, (Hetero-)Sexismus und Trans*Diskriminierug untersucht.

Zwar gilt Homo- und Transfeindlichkeit in Deutschland als Asylgrund, jedoch kommt er selten zur Anwendung. Die Tatsache allein, dass etwa homosexuelle Handlungen im Herkunftsland unter Strafe stehen, reicht dabei nicht aus. Die schwerwiegende Verletzung von Menschenrechten und die tatsächliche Verhängung von Strafen muss ebenfalls erfolgt sein.

Laut eines Berichts des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge von 2019, kommen etwa 75 Prozent der Asylerstantragstellenden im Jahr 2018 aus Ländern, in denen Haftstrafen oder die Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Sex vorgesehen ist. Obwohl viele Queers schon in ihren Herkunftsländern verfolgt wurden und gezwungen waren, ihre eigene Identität zu verstecken, werden die Hürden in Deutschland kaum weniger.

Der Fall Jamila

Die schwierige Umsetzung der Anerkennung von Transfeindlichkeit als Asylgrund, zeigt der Fall von Jamila. Die Transfrau war in ihrem Heimatland Katar, sowie auf der Flucht von Äthiopien bis nach Deutschland transfeindlicher Gewalt ausgesetzt.In Äthiopien wurde sie aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität in einem Gefängnis für Männer inhaftiert. Sie erfuhr Demütigungen und sexualisierte Gewalt.

Bilder ihres nackten Körpers wurden sogar im nationalen Fernsehen gezeigt. Trotzdem lehnte das BAMF den Asylantrag ab, mit der Begründung, dass Jamila „äußerlich nicht als trans identifizierbar sei“ und eine Verfolgung so gar nicht bestehen könne, wie „Queer.de“ berichtete.

Ausschlüsse innerhalb queerer Communities

Anlässlich der Stonewall-Proteste 1969 in New York , bei den sich Queers gegen Polizeigewalt und Willkür wehrten, wird heute in vielen westlichen Staaten die Gay Pride bzw. der CSD gefeiert. Als queer werden dabei vor allem weiße, schwule und lesbische Menschen sichtbar. Weniger bekannt sind  damalige Ikonen der LGBTIQ-Bewegung, wie etwa die Schwarze Aktivistin und Transfrau Marsha P. Johnson. Die Dragqueen und Sexarbeiterin setzte sich für die Rechte der LGBTQ-Community ein und half obdachlosen Jugendlichen. Damals wie heute ist die Situation für Menschen die trans sind und/oder Rassismuserfahrung machen, besonders prekär und repressiv.

In angesicht der strukturellen Gewalt gegenüber queeren und insbesondere Transpersonen, kann die  Selbsstötung von Ella nur politisch verstanden werden und als Aufruf sich gegen die anhaltende Transfeindlichkeit und den Rassismus in der breiten Gesellschaft zu stellen.

 *Queer als Sammelbegriff steht für Personen deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung (wen sie begehren oder wie sie lieben) nicht der heteronormativen Norm entspricht. Damit ist ein weites Spektrum an Identitäten und Orientierungen gemeint.

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