Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Rassistische Gewalt Das Trauma von Solingen und Mölln

Von|
Brandruine in Ludwigshafen; Foto: H. Kulick

Zwei türkische Mädchen, die ursprünglich einen Brandstifter beobachtet haben wollen, hatten bereits in den beiden  Wochen zuvor ihre Aussagen zurückgezogen. Die acht und neun Jahre alten Mädchen wollten kurz vor Ausbruch des Brandes einen Mann beim Zündeln im Haus beobachtet haben. Die Ermittler versuchten daraufhin, mit Hilfe der Aussagen der Kinder ein Phantombild eines Mannes zu erstellen. Bei dem Feuer in dem ausschließlich von Türken bewohnten Haus waren am Fastnachtssonntag neun türkischstämmige Menschen getötet und mehr als 60 verletzt worden. Die Brandursache bleibt damit weiter unklar.

Fest steht offenbar nur, dass der Brand unter der Kellertreppe ausbrach, aber keiner weiß, wie. Marode Elektrik, die auch ins Spiel gebracht worden war, wurde wieder ausgeschlossen, denn dort, wo das Feuer ausbrach, gebe es keine elktrischen Leitungen.

Nach dem Brand hatte auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Brandort besucht und vor voreiligen Schuldzuweisungen gewarnt. Denn unter Deutschen und Türken war das beklemmende Gefühl gewachsen, dass es es sich bei dem Feuer um eine vorsätzliche Tat handeln könnte. An die Ruine des vorwiegend von Türken bewohnten Hauses war zweimal das Wort Hass mit SS-Runen an die Wand geschmiert gewesen und es gab Drohungen gegenüber Bewohnern. Die Polizei warnt aber weiter vor voreiligen Schlüssen. Unterdessen gibt es aus der Neonazisszene böse Reaktionen, zum Konstrast aber aus der Öffentlichkeit in Ludwigshafen sehr positive Signale.

In allen Kirchen der Stadt wurde am Sonntag nach der Tragödie während der Gottesdienste den vier Kindern und fünf Frauen gedacht, die bei dem Brand ihr Leben verloren haben. „Die Stunde der Trauer führt uns zusammen. Möge Ludwigshafen die Botschaft des Brückenbauens ausgehen. Die Botschaft eines friedlichen Miteinanders“, sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer.

„Es riecht verbrannt“

Ein wichtiger Zeuge in dem Brandfall bleibt offenbar ein älterer Bewohner des Gebäudes, offenbar der erste Erwachsene, der auf den Brand aufmerksam wurde. Nach Informationen des SPIEGEL wurde der Mann von seinen Enkelinnen mit den Worten „es riecht verbrannt“ auf das Feuer aufmerksam gemacht. Der Mann sei daraufhin ins Erdgeschoss gelaufen und habe dort eine in Flammen stehende Kellertür und eine brennende Wand entdeckt. Ins Untergeschoss hätte er nicht mehr vordringen können.

Diese Darstellung weckte schon früh Zweifel an der Aussage der beiden Mädchen, die einen unbekannten Mann im Flur beobachtet haben wollten. Der Mann habe dort einen Kinderwagen angezündet, sagten die beiden acht und neun Jahre alten Kinder zunächst aus. Der Großvater berichtete der Polizei zudem, die Kinder hätten von einem Fremden im Flur nichts gesagt.

Nach Erkenntnissen der Polizei war der Großvater der einzige, der einen Schlüssel für die Kellertür besaß. Er hielt sie demnach gewöhnlich verschlossen. Im Keller fanden die Ermittler laut SPIEGEL keine Spuren von Brandbeschleuniger, obwohl bei der Suche Messgeräte und Spürhunde eingesetzt wurden.

Brandstiftung?

Über die Aussagen der beiden Mädchen berichtete in den Tagen nach dem Brand die lokale Ludwigshafener Tageszeitung „Rheinpfalz“: „Die Vernehmung der acht und neun Jahre alten Mädchen, die einem Fernsehsender berichtet hatten, im Haus einen Mann gesehen zu haben, der mit Feuer hantiert habe, sei begonnen worden. Sie müsse aber fortgesetzt werden, weil die Kinder – sie hatten den Brand überlebt – total erschöpft gewesen seien. Deshalb gäbe es zu deren Angaben auch noch keine Erkenntnisse. Offen sei auch, ob die Angaben für ein Phantombild ausreichten. Liebig bestätigte zudem, dass sich rechtsradikale Graffitti in dem Haus befänden. Sie seien aber nicht zu datieren. Das Lokal im Erdgeschoss soll bis Mitte der 90er Jahre als Treff von Skinheads und Neonazis gegolten haben.“

Es sei „keinerlei Brandursache ausschließen“, sagt seitdem immer wieder der Leiter der Staatsanwaltschaft. Bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wird der Brand als „Beobachtungsvorgang“ eingestuft. Es gebe aber noch keinen Hinweis darauf, dass die Bundesbehörde zuständig sein könnte, sagte eine Sprecherin. Liebig erklärte, die Polizei gehe davon aus, dass der neonazistische Schriftzug vor dem Brand angebracht worden sein muss.

Böse Mails von Rechtsextremen

Dass es ein solches Hasspotenzial gibt, steht außer Zweifel. Auch die MUT-Redaktion erhält immer wieder entsprechende Texte, die wir in der Regel nicht veröffentlichen. Als Beleg, wie die Neonaziszene auf die Tragödie in Ludwigshafen reagierte, drucken wir jedoch ausnahmsweise folgenden Mail-Text ab, den die Redaktion am Donnerstag von einer Absenderin namens Feuersturm88 erhielt (88 ist die geläufige Abkürzung unter Neonazis für Heil Hitler): „..Na das war doch mal was…. 9 tote Kanacken, ich kann mir gar nichts schöneres vorstellen……. so etwas müßte jeden Tag zur jeder vollen Stunde passieren….. in Ludwigshafen werden die drecks Ausländer nicht mehr ruhig schlafen…. sie werden brennen und um ihr umtermenschliches Leben rennen…. AUSLÄNDER VERRECKE !!!!.“Die MUT-Redaktion wird gegen die Absenderin aus Köln Anzeige erstatten.

In der Türkei hatte am Tag nach dem Feuer die konservative Zeitung „Zaman“ unter Berufung auf Angehörige der Brandopfer von solchen fremdenfeindlichen Drohungen gegen die Bewohner des Hauses berichtet. Diese seien eingegangen, nachdem im Erdgeschoss ein türkisches Kaffeehaus eröffnet worden sei. Auf dasselbe Wohngebäude war schon im August 2006 ein Brandanschlag verübt worden. Die Täter wurden nie gefasst.

Türkische Zeitungen: Es gab fremdenfeindliche Drohungen

Der türkische Premier Erdogan hatte vier Tage nach dem Brand bei einem Besuch vor Ort in Ludwigshafen vor mehreren tausend Menschen die Arbeit von Polizei und Feuerwehr gelobt. Sein Schmerz über den Tod von neun Landsleuten sei unermesslich. „Während dieses fürchterlichen Vorfalls haben die deutsche Polizei und die deutsche Feuerwehr aber alles in ihrer Macht Stehende getan. Ohne ihr großes Engagement wäre unser Schmerz noch größer“, sagte der türkische Premier. Diese Worte hatten einen Hintergrund: Zeitweilig sah sich die Feuerwehr wachsenden Anfeindungen ausgesetzt, nachdem türkische Medien den Rettern vorgeworfen hatten, zu spät am Brandort gewesen zu sein. Nach Angaben der Stadt waren die Beamten jedoch bereits zwei Minuten nach dem Alarm dort.

Nach Angaben der damaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, sei ein Feuerwehrmann sogar von türkischen Jugendlichen geschlagen worden. Über allem schwebt das Trauma von Solingen und Mölln, wo vor rund 15 Jahren mehrere Menschen türkischer Abstammung durch Brandstiftung ums Leben kamen. Die Täter waren Rechtsextreme.

Erdogan betonte daher auch, es sei der Wunsch seiner Regierung, dass die Brandursache rasch aufgeklärt werde. Vor allem die türkischen Medien, die teilweise über einen rechtsextremistischen Hintergrund des Unglücks spekulieren, rief Erdogan zur Zurückhaltung auf. Sie sollten in ihren Berichten nichts schreiben, was das deutsch-türkische Verhältnis belaste. „Wir mögen an unterschiedliche Religionen glauben, unterschiedliche Sprachen sprechen, unterschiedlichen Völkern angehören. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass uns eines eint: Wir sind alle Menschen“, sagte Erdogan. Der Ludwigshafener Bürgermeister Zeiser dankte Erdogan für dessen „klare Worte“ und seinen Dank an die Rettungskräfte, die 47 Menschen aus den Flammen geholt hätten: „Damit hat er die hochgeschlagenen Emotionen der vergangenen Tage beruhigt.“ Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck versicherte Erdogan, dass alle Bundesbürger um die Opfer trauerten: „Wir sind in Trauer vereint.“ (Quellen: rheinpfalz, stern,dpa,tagesschau,spiegel,mut)

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

Weiterlesen

anettamut

Kommentar Kein Grund zum Jubeln

Jubiläen sind gemeinhin verbunden mit Freude und Stolz. Deswegen gibt es davon so viele. Die Amadeu Antonio Stiftung beispielsweise wird…

Von|
Eine Plattform der