Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Rechtsextreme Morde 2008

Von|

Es ist erstaunlich, aber wahr: Ob ein Mord offiziell als rechtsextrem motiviert gezählt wird, entscheidet weder die Motivation der Täter, noch ein Gerichtsurteil, das eine solche Motivation feststellt, sondern nur, ob die zuständigen Landeskriminalämter den Mord als solchen melden oder nicht, wie ein Sprecher des Verfassungsschutzes auf Anfrage erklärte.

Seit 2004 wurde kein einziger rechtsextrem motivierter Mord vermeldet. In diesem Jahr allerdings gab es zwei Mordfälle, die als rechtsextrem motiviert gemeldet wurden, wie das Bundesinnenministerium zur Veröffentlichung zur den Zahlen der politisch motivierten Kriminalität 2008 bekannt gab.

1) Templin (Brandenburg): Mord am Arbeitslosen Bernd K.

Der 55-jährige alkoholkranke und arbeitslose Bernd K. wurde in der Nacht zum 22. Juli 2008 in Templin von zwei Rechtsextremen zunächst massiv misshandelt und dann getötet. Der einschlägig rechtsextrem vorbestrafte Sven P. (19) wurde im Mai 2009 zu zehn Jahren Jugendhaft wegen Mordes verurteilt, Helfer Christian W. (22) wurde wegen Beihilfe zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Der Richter hielt im Urteil fest, dass P.’s neonazistisches Menschenbild bei der Auswahl des als „asozial“ angesehenen Opfers entscheidend war. Am Tatabend trinken die Täter mit ihrem späteren Opfer. Dann beschimpfen sie ihn und treten auf ihn ein. In der Werkstatt, in der Bernd K. übernachtet, misshandeln die Neonazis ihr Opfer stundenlang. Sie zertreten sein Gesicht, würgen ihn, bis das Zungenbein bricht, fügen ihm mit Schnittverletzungen zu. Schließlich versuchen sie, die Leiche von Bernd K. zu verbrennen. Als Motiv benennt die Staatsanwaltschaft „Mordlust“.

2) Magdeburg: Mord am Kunststudenten Rick L.

Der 20jährige Kunststudent Rick L. wird am Abend des 13. August 2008 in der Nähe der Diskothek „Funpark“ vom Rechtsextremen Bastian O. (20) um eine Zigarette angeschnorrt. Er verweigert sie mit den Worten, einem „Hobby-Nazi“ wolle er keine Zigarette geben. O. schlägt und tritt sein Opfer zusammen. Rick L. erstickt an seinem eigenen Blut an einer nahegelegenen Bushaltestelle. O. ist eingefleischert Neonazi mit Hakenkreuz-Tattoo, erst im Februar 2008 ist er aus dem Gefängnis gekommen, weil er 2006 einen Studenten aus Togo brutal zusammengeschlagen hatte. Ein Urteil des Landgerichtes Magdeburg wird für den morgigen Dienstag, den 19. Mai 2009, erwartet.

Weitere Morde mit rechtsextremem Hintergrund, die 2008 passierten, aber bisher nicht offiziell gemeldet wurden:

3) Dessau: Mord an einem behinderten Obdachlosen

In der Nacht zum 1. August 2008 prügeln zwei Rechtsextreme den 50-jährigen behinderten Hans-Joachim S. vor dem Dessauer Hauptbahnhof zu Tode, der dort auf einer Bank übernachtete. Das Opfer stirbt an Herz- und Lungenquetschungen. Der 24-jährige Sebastian K., der unter anderem mit einem Metall-Mülleimer auf das Opfer einschlug, wurde wegen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft verurteilt (15 Jahre), der 34-jährige Thomas F. zu 12 Jahren. Beide Täter besaßen hatten rechtsextremes Material. Einziges Motiv der Tat, so die Staatsanwaltschaft, war die menschenverachtende Haltung der Täter gegenüber sozial Schwachen.

4) Bernburg (Sachsen-Anhalt): Mord am 18-jährigen Marcel W.

Der 20-jährige Rechtsextreme David B. ersticht am 24. August 2008 in seiner Wohnung in Bernburg den 18-jährigen Marcel W., um eine Aussage des Opfers vor Gericht zu verhindern. B. sticht sein Opfer in Brustkorb und Lunge, so dass Blutverlust und Atembehinderung zum Tod führen. David B. hatte Marcel W. erstmals im November 2007 zusammengeschlagen, wollte eine Zeugenaussage W.s im Prozess zur Tat verhindern. Der Täter ist als rechtsextremer Gewalttäter polizeilich in Erscheinung getreten, hat rechtsextreme Tattoos und Kontakt mit der Neonazi-Szene. Unklar ist, warum Marcel W. mit David B. in dessen Wohnung ging. Eine Urteilsverkündung am Landgericht Magdeburg wird am 26. Juni 2009 erwartet.

5) Berlin: Mord am Vietnamesen Chan Dong N.

Am 6. August 2008 ersticht der 35-jährige Tino W. aus Berlin-Marzahn den 19-jährigen Vietnamesen Chan Dong N. auf offener Straße. Der Täter geht auf den Zigarettenverkäufer zu und will ihm eine Tüte geschmuggelter Zigaretten abnehmen, ohne zu bezahlen. Die beiden streiten, Tino W. ruft bei der Polizei an, er halte einen „Illegalen“ fest: „Regelt ihr das oder muss ich das selber machen?“ Kurz vor dem Eintreffen der Polizei sticht er mit einem Messer auf den Zigarettenhändler ein und flüchtet. Das Opfer erliegt wenig später den Verletzungen. Zuvor ist Tino W. im Bekanntenkreis mit rassistischen Äußerungen gegen „diese Fidschis“ aufgefallen. Die Polizei ermittelte wegen Totschlags ohne rassistischen Hintergrund. Der Prozess hat in der letzten Woche begonnen.

Weiterlesen

Sachsen 2016 Massive Gewalt führt zu Klimaverschiebung

Jedes Jahr im Dezember ziehen wir mit Expert_innen und Kooperationspartner_innen Bilanz: Was passierte im Bereich Rechtsextremismus im jeweiligen Bundesland? Welche…

Von|

Interview Ist die AfD ein Fall für den Verfassungsschutz?

Wenn AfD-Funktionär André Poggenburg in seiner rassistischen Aschermittwochsrede gegen die Türkische Gemeinde in Deutschland giftet, fragen sich etliche: Ist das noch mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar? Ist es nicht zumindest ein Fall für den Verfassungsschutz? Das wollten wir auch einmal wissen und haben Stephan Kramer, den Präsidenten des Verfassungsschutzes in Thüringen, gefragt.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der