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Rechtsrock & Rechtsterror – Teil 4 „WEISSE WÖLFE“

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(Quelle: AAS)

Die Rechtsrock-Band „Weisse Wölfe“ um Stjepan Jus wurde 1995 im Sauerland (Nordrhein-Westfalen) gegründet. Der Name der Band gibt erste Hinweise auf die Gewaltbereitschaft der Band und ihrer Mitglieder:

(1) 1994 trat die britische Gruppierung „White Wolves“ erstmals in Erscheinung. Sie veröffentlichte ein Pamphlet, das die Gründung einer rechtsterroristischen Zelle ankündigte und Anleitungen zum Bombenbau enthielt. Die Gruppierung beging 1999 eine Reihe an rassistisch motivierten Bombenanschlägen in London.

(2) Das Neonazi-Fanzine „Der Weisse Wolf“ erschien erstmals im Zeitraum der Gründung der Rechtsrock-Band. Um auf die SS anzuspielen, schrieben sich sowohl die Band als auch das Fanzine mit Doppel-S. „Der Weisse Wolf“ geriet im Kontext der NSU-Ermittlungen in die Schlagzeilen, weil sich das Fanzine im Jahr 2002 für eine Spende des rechtsterroristischen Netzwerks bedankte: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen 😉 Der Kampf geht weiter …“. In dieser Zeit war das Netzwerk in der breiten Öffentlichkeit unbekannt.

(3) Grundsätzlich erinnert der Name der Rechtsrock-Band an den Begriff des „lone wolf“ (deutsch: einsamer Wolf), der erstmals 1995 im Pamphlet eines US-amerikanischen White Supremacists auftauchte. Trotz erheblicher Kritik hat der Begriff inzwischen die deutsche Rechtsextremismusforschung erreicht (z.B. „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“). Der „einsame Wolf“ beschreibt einen Tätertyp, der eine rechtsterroristische Handlung – in der konkreten Tatausführung – alleine ausübt.

Antisemitismus & Rechtsterrorismus

Der erste Tonträger „Weisse Wut“ soll nach Angaben des Beihefts im Jahr 1997 erschienen sein. Aber Expert*innen zufolge wurde er wohl erst 2001/02 veröffentlicht. Die Vordatierung eines strafrechtlich relevanten Tonträgers ist eine beliebte Strategie in der Rechtsrock-Szene, um eine Verjährung der Straftatbestände vorzutäuschen. Das Cover zeigt fünf bewaffnete und vermummte Personen sowie eine Fahne der extrem rechten, 1995 verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP). In den Liedtexten bekennt sich die Band zum historischen Nationalsozialismus („Ruhm und Ehre der Waffen-SS“). Im Lied „Unsere Antwort“ verbreitet sie antisemitische Vernichtungsdrohungen: „Und haben wir die alleinige Führung | Dann weinen viele doch nicht vor Rührung | Für unser Fest ist nichts zu teuer | 10.000 Juden für ein Freudenfeuer“. Sowohl das „Intro“ („C18 terrormachine | Sieg Heil!“) als auch das Lied „Hail C18“ („Hail C18! | You know what I mean | Hail, hail, hail, the terrormachine | Hail, hail, hail, Combat 18“) glorifizieren die rechtsterroristische Gruppierung „Combat 18“ (C18, deutsch: Kampftruppe Adolf Hitler). C18 ist der paramilitärische Arm von „Blood & Honour“ (B&H, deutsch: Blut und Ehre). Das Lied „Hail C18“ endet mit den Worten: „Combat 18 brings death to ZOG!“ Das Akronym „ZOG“ („Zionist Occupied Government“, deutsch: „zionistisch besetzte Regierung“) ist ein antisemitischer Code für den Mythos der „jüdischen Weltverschwörung“.

„Oidoxie“ & „Weisse Wölfe“

Es gab zeitweise personelle Überschneidungen zwischen den Rechtsrock-Bands „Oidoxie“ und „Weisse Wölfe“: Marko Gottschalk, der bis heute „Oidoxie“-Sänger ist und sich im C18-Milieu bewegt, war über Jahre hinweg der „Weisse Wölfe“-Schlagzeuger. Der Rechtsrock-Experte Jan Raabe beschrieb die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Bands im nordrhein-westfälischen NSU-Untersuchungsausschuss (S. 176): Während „Weisse Wölfe“ den „Mythos von Radikalität und Untergrund“ betonte und „musikalische Defizite“ durch die „brutalen Liedtexte und einen entsprechenden Habitus kompensiert(e)“, verzichtete „Oidoxie“, die sich 1996 gründete, in den Liedtexten ihrer frühen Tonträger auf direkte C18-Bezüge.

So agierte „Weisse Wölfe“ über weite Strecken konspirativ und versuchte, die Identitäten der Mitglieder zu verbergen. „Oidoxie“ hingegen machte kein Geheimnis aus ihrer Besetzung. Die Bands betraten dennoch Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre häufig zusammen die Bühne. Laut Raabe sei die Einbindung von „Oidoxie“ und „Weisse Wölfe“ in das B&H/C18-Milieu ab Herbst 2000 immer sichtbarer geworden. Denn sie wurden von führenden Akteur*innen des Milieus als „C18-Bands“ bezeichnet.

Die belgische B&H-Sektion Flandern schrieb über ein Konzert vom 08. Dezember 2001 in Belgien, dass „Marko (Zanger von Oidoxie, drummer van Weisse Wölfe)“ einige Songs gesungen habe. „Weisse Wölfe“ wurde als „ultra-C18-groep“ (S. 254) bezeichnet. Die Einbindung in das B&H/C18-Milieu blieb über Jahre hinweg bestehen, „Weisse Wölfe“ trat unzählige Male im Rahmen von B&H/C18-Konzerten auf. Ein Beispiel ist das Konzert der belgischen B&H-Sektion Flandern vom 11. Dezember 2004 vor ca. 1.800 Neonazis nahe Antwerpen (Belgien).

„Combat 18 is our choice & music is our voice“

In dieser Zweit sah „Weisse Wölfe“ – vergleichbar mit Bands wie „Landser“/„Die Lunikoff Verschwörung“ und „Oidoxie“ – in ihrer Musik lediglich ein Instrument, um Hass zu schüren und rechten Terror zu propagieren. Nachdem sie das Gewaltpotenzial im ersten Album zur Schau gestellt hatte, folgten polizeiliche Ermittlungen wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) und Gewaltdarstellung bzw. -verherrlichung (§ 131). 2003 wurden die Wohnungen mehrerer Neonazis durchsucht. Aber am Ende konnten weder die Mitgliedschaften in der Band noch das Veröffentlichungsdatum des Tonträgers verifiziert werden, weshalb die Angeklagten im November 2007 freigesprochen wurden. Der Schlussbericht des nordrhein-westfälischen NSU-Untersuchungsausschusses dokumentiert den schleppenden Verlauf des Prozesses (S. 253-257).

2007 erschien eine Neuauflage des indizierten „Weisse Wut“-Tonträgers. Eines der eindrücklichsten Beispiele, welches die Rolle der Musik im Kampf gegen das politische System illustriert, ist der indizierte Tonträger „Soundtrack zur Revolution“ (2007): Das Cover zeigt die Parole „Combat 18 is our choice & music is our voice“, darunter zielt ein Vermummter mit einer Pistole. Es heißt im Lied „Soundtrack zur Revolution“: „Lieder, die in den Köpfen brennen | Mit Worten scharf wie Klingen | Es macht uns einfach Spaß | Das Pack zur Weißglut zu bringen | Die Musik als Waffe | gegen Staat und System | Lieder für die Freiheit | Für die, die die Wahrheit sehen | […] | Hört ihr uns’re Lieder | Den Soundtrack zur Revolution?“ Im Lied „Uns’re Zeit wird kommen“ wird das rechtsterroristische Potenzial der Musiker besonders deutlich: „Ich könnt fast täglich Amok laufen | Bei dieser Scheiße, die ihr macht | Die Wut, sie brodelt tief in mir | Nur eine Frage, wann es kracht“.

„Weisse Wölfe Terrorcrew“ & „Werwolf-Kommando“

Im Umfeld der Rechtsrock-Band formierte sich 2008 die „Weisse Wölfe Terrorcrew“ (WWT). Sie ist hinsichtlich Funktion und Radikalität mit der „Oidoxie Streetfighting Crew“ vergleichbar, die sich 2002/03 im Umfeld der Dortmunder Rechtsrock-Band „Oidoxie“ bildete. Der regionale Schwerpunkt der WWT lag in Norddeutschland, sie besaß Mitglieder in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Die Gruppierung fiel insbesondere in der Großregion Hamburg durch extrem rechte Straftaten auf, weshalb 2009 erste Razzien in den Wohnungen von 23 Verdächtigen stattgefunden haben. 2012 begann ein Ermittlungsverfahren mit personellen Bezügen zur Hamburger WWT-Sektion wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB).

Das Verfahren wurden 2014 eingestellt, denn der Vorwurf, ein „Werwolf-Kommando“ gegründet zu haben, konnte nicht bewiesen werden. Nach erneuten Razzien im Oktober 2015 verbot das Bundesinnenministerium die WWT am 16. März 2016. Die extrem rechte Gruppierung, deren Kern aus ca. 25 Neonazis bestand, soll in zehn Bundesländern aktiv gewesen sein. Im Zuge des Verbots fanden Durchsuchungen in den Wohnungen der 16 führenden Mitglieder im gesamten Bundesgebiet statt. 2018 fand der Gerichtsprozess gegen vier führende Mitglieder der WWT-Sektion Bayern-Franken wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung (§ 129 StGB) statt. Für den Prozess wurden 13 Terrabyte Daten und über 500.000 Telekommunikationsverbindungen ausgewertet. Der Sektionsleiter schrieb in einem internen Chat: „Ich will in Bamberg eine Gruppe, die militant ist und auch so auftritt.“ Die Angeklagten wurden zwar letztendlich vom Vorwurf der kriminellen Vereinigung freigesprochen, aber erhielten Geld- und Haftstrafen wegen mehreren Straftaten.

„Wölfe solo“ & „Der Böhse Wolf“

Aus der Rechtsrock-Band „Weisse Wölfe“ sind die beiden Solo-Projekte „Wölfe solo“ (2005-2016) und „Der Böhse Wolf“ (ab 2013) entstanden. Neben „Weisse Wölfe“-Sänger Stjepan Jus beteiligte sich u.a. der „Sleipnir“-Musiker Marco Bartsch (geb. Laszcz). Zudem veröffentlichte „Weisse Wölfe“ im Jahr 2017 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums die beiden Tonträger „In resistentia constans I/II“. Insgesamt lässt sich im Vergleich mit den Tonträgern der ersten 15 Jahre der Bandgeschichte ein Strategiewechsel feststellen: Die Botschaften werden anwaltlich geprüft, um Indizierungen und strafrechtliche Ermittlungen zu vermeiden. Daher wirken die Liedtexte vergleichsweise harmlos. Aber das darf nicht über die Ideologie und Überzeugungen der Musiker hinwegtäuschen. Ein szenebekannter Neonazi urteilte in einer Rezension der Jubiläumsalben: „20 Jahre Weisse Wölfe. Und die Jungs blieben ihrer Linie wirklich treu.“

 

Mehr Teile der Serie „Rechtsterror und Rechtsrock“:

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OIDOXIE (final)

Rechtsrock & Rechtsterror – Teil 3 „Oidoxie“

„Oidoxie“ wurde 1995 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) gegründet. Bis heute ist der Gründer und Sänger Marko Gottschalk nicht nur die Führungsfigur der Band, sondern auch einer der einflussreichsten Neonazis Deutschlands im militanten Spektrum.

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