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republica: Wie sieht Demokratie in der digitalen Gesellschaft aus?

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Das Web 2.0 erscheint oft als lustiger Ort. Wo sonst versuchen Menschen schließlich so ernsthaft, gesellschaftliche Ärgernisse mit humorvollen Ideen oder fantasievollen Störaktionen zu bearbeiten? Es ist auch ein Ort gelebter Demokratie, zumindest formal: Jede und jeder kann jetzt nicht nur ein EmpfängerIn, sondern auch ein SenderIn sein. Webseiten, Blogs und soziale Netzwerke revolutionierten die Vernetzungs- und Meinungsäußerungs-Möglichkeiten jedes und jeder Einzelnen. Sie bringen Menschen zusammen, die sich vorher in ihrer Besonderheit allein glaubten. Das wiederum bringt nicht nur persönliche Vorteile, sondern macht auch politische und unpolitische Strömungen möglich, die es zuvor nie gegeben hat. Allerdings: Welche Inhalte transportiert werden, entscheiden die Menschen am Computer. Ausgrenzung, Hass und Rassismus finden so auch ihren Platz.

In Berlin treffen sich vom 13. bis zum 15. April 3.000 Internet-Interessierte aus Deutschland und der Welt auf der „re:publica XI – Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft“. Sie wollen gemeinsam erkunden, wie die digitale Gesellschaft aktuell aussieht – und wie sie aussehen sollte. Dabei ging es natürlich auch um Formen demokratischer Teilhabe und politische Aktionen im Web 2.0.

Politisch gemeintes Trollen

Anthropologin Gabriella Coleman berichtete etwa über die Netzaktivisten unter dem Namen „Anonymous“. Die fingen damit an, spielerischen Unsinn wie eben mutierte „LOLcats“ (L0L= Laugh out loud) in Blogs zu posten, die ihnen inhaltich nicht gefielen – eine Taktik, die unter dem Wort „Trollen“ bekannt ist. Daraus entwickelten sich allerdings ganz verschiedene politische Kampagnen – etwa ein sehr ernsthafter und später auch „offline“ auf der Straße vorgetragener Protest gegen Scientology. Andererseits gibt es unter dem Namen „Anonymous“ auch die „Operation Payback“, die Firmen wie Paypal oder Mastercard attackierte, als sie Wikileaks die Zahlungsmöglichkeiten entzogen und damit nach Meinung der Aktivisten die Meinungsfreiheit im Internet behinderten. Oder auch Aktivisten, die Menschen in Tunesien oder Ägypten technisch unterstützten, als ihre Regierungen dort die sozialen Netzwerke abschalteten. Dort waren Aktionen der realen Revolution organisiert worden.

In Colemans Vortrag wird deutlich, was die Vorteile einer wenig definierten, offenen Bewegung wie „Anonymous“ sind: Jede und jeder kann zunächst unter diesem Label aktiv werden, so gibt es viele Beteiligte, die sich nach Belieben für Aktionen ein- und ausklinken können. Auf der anderen Seite müssen die Unterstützer der Protestbewegung ohne Organisation und Führung damit leben, dass auch Aktionen gestartet werden, die sie vielleicht selbst nicht unterstützen würden. Coleman nennt das so: „Es passieren immer 10 bis 15 Dinge. Es ist ein außergewöhnlicher Weg, auf außergewöhnliche Umstände zu reagieren.“ Wichtiges Element ist oft stark mit kulturellen Referenzen besetzter Humor jenseits jeglicher „Political correctness“-Grenzen, der der Internetkommunikation oft innewohnt. So heißt es im Video gegen Scientology in Stile futuristischer Science Fiction-Filme: „Ihre Organisation sollte zerstört werden, zum Wohle ihrer eigenen Mitglieder, der Gesellschaft und auch zu unserer Unterhaltung.“ Die Idee bei allen „Anonymous“-Aktionen: Dinge sichtbar machen, die sonst nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen würden.

Shitstorm gegen böse Trolle

Nicht so positives Trollen erleben im Internet aktive Frauen, die in ihren Blogs sexistische und abwertende Kommentare aller Art finden. Lösungen hierzu stellten die Bloggerinnen Kath­rin Ganz und Helga Hansen vor: hatr.org ist eine Plattform, die sexistische Kommentare sammelt. So spammen die Hasspostings nicht die Blog-Spalten voll, werden aber trotzdem dokumentiert – und entblößen gerade in der Ballung ihre komplette Idiotie. Eine andere Variante, Aufmerksamkeit auf sexistisches Verhalten etwa von Prominenten zu lenken, sind „Shitstorms“ dagegen: Aufrufe in sozialen Netzwerken, den in diesem Falle sexistischen Autor mit Fragen oder Kommentaren zu bombardieren, bis dieser sich zu einer Stellungnahme gezwungen sieht.

An die Grenzen bringen

Subversiv und lustig geht es dagegen bei den Aktionen der „Nachhaltigkeits-Guerilla“ zu. Sie erdenken Kampagnen, die Menschen zum Denken animieren sollen, etwa die Idee des „fliegenden Kaffees“ – warum nicht im Café zwei Kaffee bezahlen, aber nur einen trinken und den anderen kann ein Bedürftiger bekommen, der ihn später kostenlos nachfragt. Ähnlich gestrickt ist die Aktion „Internet für Obdachlose“: BürobesitzerInnen im Erdgeschoss sollen einen Zettel ins Fenster hängen, dass in ihrer Pause ein Obdachloser an diesem Arbeitsplatz ins Internet gehen kann. „Die Reaktion darauf ist oft: Lustig! Aber…“, sagt Maik Eimertenbrink, Vorstand des Vereins Nachhaltigkeitsguerilla. So werden auch die Teile der Gesellschaft, die sich für aufgeschlossen halten, auf humoristischem Weg an ihre eigenen Grenzen und Vorurteile geführt.

Leben in Echokammern

Aber wie erreichen Botschaften im Internet die weite Welt? Online-Konzeptioner und Programmierer Thomas Pfeiffer erklärte das Phänomen der „Echokammern“. Deren Theorie besagt: Weil jeder mit Menschen ähnlicher (politischer) Meinung befreundet sei, kämen auch die eigenen Aussagen nur im eigenen Kreis an, bestärke diesen aber wiederum in seinen Aussagen. Eine in Bezug auf Rechtsextremismus im Internet interessante Idee, was die Wirksamkeit rechtsextremer „Gegenmedien“ angeht, die zu einseitiger Meinungsbildung und inhaltlicher Radikalisierung unter Nazis beitragen könnten. Allerdings entwarnte Pfeiffer auch: In Facebook-Freundeskreisen gäbe es auch bei jedem einzelnen immer noch genug andersdenkende Bekannte, so dass auch politisch anders gestrickte Informationen ankämen. Dies allerdings scheint bei Neonazis durchaus zu bezweifeln zu sein.

Medienkompetenz-Erziehung: Selfempowerment statt Angstmacherei

Sozial- und Medienpädagoge Jürgen Ertelt beschäftigte sich dann wortmächtig und pointiert mit der Vermittlung von Medienkompetenz an Menschen, die scheinbar noch im Internetgebrauch fit gemacht werden müssten. Dabei vermisste er bei den politisch aktuell oft geforderten „Netzpferdchen“ für Kinder oder „Internetführerscheinen“ für größere Menschen genau die Kompetenzvermittlung statt etwa Wissensabfragen. Auch Medienpädagogik, die vor allem auf den Spaß des Erstellens eines Medienbeitrags setzt, dafür aber die politische Bildung außer Acht lässt, greift ihm zu kurz.

Ertelt stellte fest: Statt Menschen und vor allem Kinder und Jugendliche politisch zu bilden und technisch in die Lage zu versetzen, dass die aktiv und gestaltend am Web 2.0 teilnehmen können, verkommt „Medienkompetenz“-Erziehung oft zu einem Reparaturbetrieb des Jugendschutzes, wo vermittelt werden soll, was gesehen werden darf und was nicht: „Statt die Medienkompetenz bei denen zu stärken, die die Medien neu gestalten können und sollen, zeigen die aktuell verfügbaren Angebot vor allem immer wieder, wovor wir im Internet Angst haben müssen.“ Ertelt wünscht sich statt Filtern und Barrieren Mitgestaltung und Selfempowerment. „Damit Jugendliche kompetent im Netz unterwegs sein können, brauchen sie Begleitung, die ihnen hilft, selbstbestimmt Lebensentwürfe auszuhandeln“, sagt Ertelt etwa, und fordert so von den Medienbildnern: Sie sollen vor allem Teilhabe vermitteln, kreative Potenziale fördern, soziale Kooperation und Kollaboration bearbeiten, und die Jugendlichen immer wieder motivieren, sich als handelndes Individuum in der (Netz-)Gesellschaft zu begreifen.

Serious Games?

Ein wichtiges Element, um ernsthafte Inhalte an jugendliche Menschen zu vermitteln, wird immer wieder auch in Computerspielen gesehen. Die Vorträge von Beispielen dieser „Serious Games“ genannten Spiele – eines für Alphabetisierungskurse, eines zur Unterstützung der Behandlung von ADHS-Kindern – zeigten deutlich, was Computerspielforscher Sebastian Detering in seinem Eingangsstatement deutlich betonte: Es sind mit viel Aufwand hergestellte Produkte, die trotzdem nur ihre Zielgruppe finden (sollen), wenn sie über Volkshochschulen oder Ärzte ans Publikum herangeführt werden. Detering nannte das „mit Kanonen auf Spatzen schießen“: „Serious Games“ seien teuer und ihre Produktion dauert zu lange, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen. Außerdem müsse man sie vertreiben und die Kinder noch überzeugen, dass sie ein Spiel zu einem ernsthaften Thema überhaupt spielen wollen. Seinen Appell, Spiele mit Inhaltsvermittlung sollten lieber dort ansetzen, wo die Jugendlichen schon Spaß haben – etwa beim „SIMS“-Spielen, in sozialen Netzwerken oder als Apps auf Mobiltelefonen, wo die Jugendlichen sie abrufen können, wenn es in ihr Lebensumfeld passt – etwa ein Lernspiel zu gesunder und ungesunder Ernährung, wenn sie gerade planen, zum Fast Food-Essen zu gehen.

Newsgames?

Ein weiterer spielerischer Journalismus-Trend sind „Newsgames“, in denen Nachrichten-Inhalte in spielerischer Form aufbereitet und vermittelt werden sollen. Referent Marcus Bösch zeigte deutlich: Oft sind derartige Angebote wenig interaktiv und vor allem auch wenig informativ, auch weil Angebote zum Thema oft in die Richtung gehen, über Software und Content-Management-Systeme nachzudenken, die journalistische Nachrichten „automatisch“ in Spiele verwandeln soll. „Die Ergebnisse sind für Menschen, die gern computerspielen, zu langweilig und für die, die es nicht tun, zu komplex.“ Böschs Fazit: Wenn „Newsgames“, dann braucht es auch Journalistinnen und Journalisten, die sich in die Materie einarbeiten wollen und die spielerische Aufarbeitung der Informationen mitdenken können.

Wie wichtig ist das Internet eigentlich für gesellschaftliche Teilhabe?

Einen spannenden Forschungsansatz hat Kathrin Englert im DFG-Forschungsprojekt ?L?état c?était moi?“ verfolgt: Sie untersuchte anhand der Internetnutzung junger, arbeitsloser Hartz IV-Empfänger und -Empfängerinnen, wie wichtig das Internet für deren Teilhabe an der Gesellschaft ist. Ihre zentrale Erkenntnis: Wenn junge Arbeitslose, die auf vielfache Art und Weise von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen sind (keine Bildung, kein Job, kein Geld etc.), Zugang zum Internet haben, kompensiert dies soziale Ungleichheiten und die dadurch erfahrenen Ausgrenzungen. Besonders in strukturschwachen Regionen helfe die Internetnutzung nicht nur, sich zu informieren (Nachrichten, über Firmen, bei denen man sich bewirbt), sondern ermöglicht auch Teilnahme am kulturellen Leben und vermittelt gerade isolierten Menschen, die etwa einer Subkultur angehören oder alleinerziehend sind, Möglichkeiten des Kontaktes, der freundschaftliche Unterstützung bringt. Im Umkehrschluss, so Englert, stelle es eine neue Dimension der Ausgrenzung dar, wenn Menschen keinen Zugang zum Internet haben. Aktuell haben Hartz IV-Empfängerinnen und -Empfänger sechs Euro im Monat für Internet zur Verfügung – was höchstens Besuche im Internetcafé ermöglicht. „Das ist digitale Spaltung per Gesetz“, so Englert.

Martin Riemer steuert Erfahrungen aus seiner Praxis als Blogger an einer Neuköllner Grundschule bei. Durch seine Schreibwerkstätten und Computerkurse bringt er nicht nur Schülerinnen und Schüler zum Schreiben und kreativen Ausprobieren, die das sonst nicht täten. „Durch den Schul-Blog gibt es an unserer Schule nun auch eine Anmutung von Elternarbeit“, sagt er, „denn normalerweise interessieren sich in diesem Kiez viele Eltern nicht so sehr für das, was ihre Kinder treiben. Aber wenn sie deren Beiträge im Internet lesen, kriegen sie so auch mit, was die eigentlich den lieben langen Tag in der Schule machen – und können es mehr anerkennen.“ Riemer schloss einen Aufruf an die versammelten Bloggerinnen und Blogger an: „Wo soll denn die Teilhabe gesichert werden, wenn nicht schon an den Grundschulen? Die haben zwar wenig Budget, sind aber oft sehr offen, also geht hin und bietet Euch an.“

Womit der wichtigste Punkt für demokratische Teilhabe im Internet noch einmal gut benannt ist: Im Netz passiert nur, was Menschen außerhalb erdenken und wofür sie bereit sind, sich einzusetzen. Allerdings stehen die Chance gut, denn der Zugang ist niedrigschwellig: Schließlich haben 75 Prozent der Menschen in Deutschland Internetzugang und sind im Schnitt über zwei Stunden (135 Minuten) am Tag online. 76 Prozent der Internetnutzer sind laut aktueller BITKOM-Studie in Online-Communitys aktiv, das sind rund 40 Millionen Menschen. Bei den Unter-30-Jährigen sind es übrigens 96 Prozent der Internetnutzer. Jetzt geht es ans Gestalten der digitalen Gesellschaft.

Mehr im Internet:

Viele Sessions kann man auch im Nachhinein per Videomitschnitt ansehen auf; außerdem gibt es Informationen zu allen Sprechern und Sprecherinnen:

| www.re-publica.de

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