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Rezension Schimpansen aus Schnellroda

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Jack Donovan, so berichtet er in diesem Video vom Event in Schnellroda, predigt die Rückkehr zur Gewalt, denn die herrsche halt: "Die Leute, die 'Safe Spaces', Liebe und Frieden wollen, werden Männer mit Knarren schicken, um euch den Tod anzudrohen, wenn ihr nicht tut, was sie wollen". (Quelle: Screenshot YouTube, 22.06.2018)

„Violence is golden“ dröhnt es in tiefer Stimme durch den Raum bei der Winterakademie des neurechten Instituts für Staatspolitik 2017. Es sind die ersten Worte des Vortrags von Jack Donovan, der sich knapp 20 Minuten lang über den Wert von Gewalt auslassen wird. Unschwer zu erkennen, betreibt Donovan Kraftsport. Seine sonore Stimme beherrscht den Saal, aus dem zuweilen unterstützendes Lachen über seine Thesen hallt.

Simon Volpers hat nicht nur diesen Vortrag analysiert, sondern viele weitere Schriften Donovans untersucht. Dabei erweist sich seine Gedankenwelt als geprägt von allerlei, zumeist recht simplen, Thesen zu Männlichkeit und Gewalt: Es geht um Krieg als Bestimmungsort für Männer, um Hierarchien zwischen ihnen, die Abwertung von Frauen und Ablehnung von Feminismus, um Abwehr zivilisierender Einflüsse und die in rechten Kreisen andauernd beschworene Apokalypse: Das Ende der Männlichkeit. Zudem versucht Donovan seine eigene Homosexualität als Hingabe zur männlichen Gemeinschaft einzuordnen, womit er sie streng von einem effiminierten Schwulsein abgrenzt.

Bis hierhin sind Donovans Thesen inhaltlich kaum neu, durchziehen maskulistisches Kriegergehabe, schlecht versteckter Frauenhass, männerbündische Gemeinschaftsideale und katastrophale Kastrationsphantasien doch allerlei extrem rechte Texte. Nur Donovan hat sie in all seinen Büchern und Videos in – für extrem rechte Szenen – seltener Form detail- und wortreich ausformuliert.

So bringt er in einem seiner in Schnellroda erschienenen Texte sein Idealbild gewalttätiger Männlichkeit zugespitzt gegen Zivilisation in Stellung: „Überall sehnen sich die Männer nach dem Zusammenbruch des derzeitigen Zivilisationsmodus, der sie zwangläufig entwerten und entmannen muss (…) Es sind vor allem Männer, die sich mit apokalyptischen Phantasien beschäftigen. Mehr und mehr von ihnen konzentrieren sich auf Survival- und Prepper-Szenarien.“ Donovans sehr simpel und geradezu skurril geratene Antwort auf seine eigene Unfähigkeit, mit komplexen gesellschaftlichen Konstellationen umzugehen, besteht folgerichtig in der Glorifizierung von Schimpansen: „Chimpanzees form patriarchal hunting groups.“ Eine zoologische Anleihe zur Beschwörung soldatischer Männlichkeit.

Die Donovan zugleich bilderstark in den sozialen Medien inszeniert. In zahlreichen YouTube-Videos und auf seinem Instagram-Account, welcher den größenwahnsinnigen Namen „Starttheworld“ trägt, zeigt er seinen muskulösen, nackten Oberkörper in allerlei Naturszenen: Bei Meditation im Wald und Blick über Berge. Die Bilder sind erkennbar professionell geschossen, Donovan geriert sich als eine Art überbelichteter Wladimir Putin, mitsamt seines Bauchtattoos „Honor“.

So wird in Donovans Muskelgepose schnell klar, dass im Selbstoptimierungssound des Fitnessbooms immer auch eine sozialdarwinistische Tonspur des „Survival of the fittest“ angelegt ist. Dementsprechend kommt Volpers in seinem materialreichen Buch zu dem Schluss: „Der Pluralisierung geschlechtlicher und sexueller Lebensentwürfe setzt Donovan (…) radikale Einfalt und männliche Herrschaft wie in grauester Vorzeit entgegen.“

Letztlich gilt für Donovan, was auf so viele Medien und Inszenierungen der gar nicht so „neuen“ Rechten zutrifft: Es ist viel alter Wein in neuen Schläuchen. Volpers gelingt es, dies detailliert auseinander zu tüfteln. Er bezieht sich mehrfach auf die Arbeiten von Volker Weiß zur „Neuen Rechten“, ordnet Donovan in die gedankliche Tradition zwischen dem in extrem rechten Kreise verehrten Schriftsteller Ernst Jünger und dem Kameradschaftsführer der 1980er Jahre Michael Kühnen ein. Damit bringt Volpers die notwendige Diskussion um die Bedeutung von Männlichkeit für extrem rechte Politiken mit seiner gut lesbaren und analytisch klaren Fallstudie über Jack Donovan weiter voran.

Simon Volpers (2020): Neue rechte Männlichkeit. Marta Press. 24,00 Euro

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