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Antifeminismus Hate Speech in der Incel-Szene

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Frauenhass ist ein großes Thema auf reddit.com. (Quelle: Screenshot reddit)

Die Szene der sogenannten „Incels“ gelangte bereits 2014 in den Fokus öffentlicher
Aufmerksamkeit als der 22-jährige Elliot Rodger vor einer Studentinnenverbindung in Isla
Vista, Kalifornien, sieben Menschen erschoss, 13 weitere verletzte und sich anschließend selbst
das Leben nahm. Rodger hinterließ ein Manifest, in welchem er als Motiv seinen Hass auf
Frauen beschreibt, da diese ihm Geschlechtsverkehr verweigert hätten und er deshalb sein
Leben lang ungeküsste Jungfrau geblieben sei. Der Amokläufer wurde so zum Helden der Incel-Community.

Der Begriff „Incel“ ist ein Akronym für „Involuntary Celibate“, zu Deutsch ein „unfreiwilliges
Zölibat“, dem sich die Mitglieder dieser Szene nach eigenem Empfinden ausgesetzt sehen.
Zentral in ihrer Weltsicht ist eine Unterteilung in „Alphas“, „Betas“ und „Incels“, die auf
Attraktivität, sexuellen Kontakten sowie verschiedenen Charakterzuschreibungen basiert.

Alphas und Frauen werden in einem abwertenden Sinn als „Normies“, also „Normale“,
bezeichnet. Männer, die als attraktiv und „erfolgreich“ bei Frauen gelten, werden den Alphas
zugeordnet und als solche abgelehnt und verachtet. Weniger attraktive Männer oder auch
männliche Jungfrauen werden den Betas oder auch Incels zugeordnet. Es heißt, Betas würden
von Frauen lediglich ignoriert oder finanziell ausgenutzt, Alphas dagegen in jedem Fall
bevorzugt. Diese Typologie folgt einfachen Stereotypen: „Whereas alphas tend to be
macho, sporty, and mainstream in their tastes, betas see themselves as less dominant males,
withdrawn, obsessional, and curatorial in their cultural habits“ (Nagle 2016: 1).

Hate Speech in der Incel-Szene

Mit der Übersicht der Landesanstalt für Medien (2016) lassen sich exemplarisch Methoden der
Hassrede in der Incel-Szene identifizieren. Von Frauen wird in den Foren der Manosphere etwa
als „cumdumpsters”, „feminazis,” „femtards” oder „cunts” gesprochen. Dies lässt sich als Muster einer eindeutig verunglimpfenden Sprache und sexistischer Begriffe identifizieren.

Ein weiteres Beispiel für die Hate Speech der maskulinistischen Incel-Szene ist ein Kommentar im Reddit-Subforum „MensRights“ unter einem Artikel über eine feministische Journalistin:
„This bitch and all the other ‚feminist‘ whores like her are destined for a slow painful
and lonely death. Because no self-respecting man worth his name will have anything
to do with her except sex. And when she gets older as all women inevitably do, not
even that“. Neben beleidigenden Begriffen („bitch“, „feminist whores“) findet sich hier auch die
Befürwortung beziehungsweise Androhung von Gewalt in der Unausweichlichkeit eines „schmerzhaften
und langsamen Todes“. Zudem werden in Form einer Verallgemeinerung alle Feministinnen
kollektiv als „whores“ bezeichnet. Eine Wir-/Die-Gegenüberstellung wird in der
Differenzierung zwischen „den“ (feministischen) Frauen und „den“ „self-respecting men“
angedeutet.

In den Hassbotschaften wird zudem Bezug auf die evolutionäre Psychologie genommen. Die
Gesamtheit aller (sexuellen) Interaktionen zwischen Männern und Frauen wird ausschließlich
auf einen biologistisch-genetischen Determinismus zurückgeführt. So hieß es in einem Kommentar im nun nicht mehr aufrufbaren da „unter Quarantäne“ stehenden Reddit-Subforum „TheRedPill“: „Remember, women are children: mentally, behaviorally, and evolutionarily. They are not like us. They don’t think like us or have the same deep sense of personal responsibility […]“ . An diesem Beispiel wird
die Wir-Die-Rhetorik in besonderem Maße deutlich, ebenso das Motiv der Ausgrenzung und
die Differenzierung einer Eigen- und Fremdgruppe, um ein positives Selbstbild herauszubilden
und den gefühlten Selbstwert zu erhöhen. Neben der Verbreitung falscher Tatsachen, nämlich Frauen seien auf dem Entwicklungsstand von Kindern, kommt erneut die Methode der Verallgemeinerung zur
Anwendung.

Im Reddit-Subforum „MGTOW“, Akronym für „Men Going Their Own Way“, hat ein Nutzer
namens inushishi_no_kaze unter einer Diskussion über Dating-Strategien von Frauen und
Männern eine Aufzählung vermeintlicher Typen von Single-Frauen gepostet: „crazy sluts,
manipulative sluts, childish sluts, emotionally damaged sluts, gold digger sluts“. Darin finden sich erneut Beleidigungen und herabwürdigende Begriffe sowie eine Verallgemeinerung aller Frauen. Zudem wird das unter Incels verbreitete Vorurteil aufgegriffen, die einzige Absicht von (Alpha-)Frauen sei die
finanzielle Ausnutzung von (Beta-)Männern. Der Nutzer kayfab kommentiert darunter: „All
those useless cunts are entitled bitches, its [sic!] even worst [sic!] when you get up in age and
reach 40 online dating is a sick sick place“, woraufhin der Nutzer tyuvvdgzkp bestätigt: „yes. it’s insane. they all multi date and slut around. I don’t even know how they manage all this in their free time“. Auch hier zeigen sich deutlich die genannten Muster von Hassrede.

Zuletzt soll jedoch nicht ungenannt bleiben, dass Betreibende einzelner Foren stärker für die
Thematiken von Incels und Hate Speech sensibilisiert zu sein scheinen. So wird im Subforum
„Forever Alone“ auf verschiedene Suizid-Hotlines verwiesen und die Foren-Regeln besagen:
„This is not an incel sub, any incel references, slang, or inference will be deemed hate speech
and met with a ban“. In den Regeln des MGTOW-Forums heißt es hingegen, Feministinnen
seien dort nicht erlaubt.

Anhand der Incel-Szene werden Hassrede und ihre Wirkung exemplarisch, aber in besonders
konzentrierter Form sichtbar. Deutlich wird auch die Gefahr, die von isolierten und aggressiven
Bewegungen mit menschenfeindlichen Ansichten ausgeht – nicht nur für die demokratische
Debattenkultur und die Chancengleichheit der Geschlechter bei der digitalen Partizipation,
sondern auch offline, wenn online artikulierte Vergewaltigungs- und Mordfantasien in realen
Taten enden.

Der Text ist ein Auszug aus Julia Pfeiffers‘ Arbeit: „Eine soziologische Untersuchung von Online Hate Speech am Beispiel der misogynen „Incel“-Szene“. Jena 2019. Die ganze Arbeit finden Sie als PDF hier:

Julia Pfeiffer – Incels und Hate Speech

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