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Sächsischer Förderpreis für Demokratie Nominiert: Der LSVD Sachsen für das „Information Center for LGBTI Refugees“

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(Quelle: Unsplash)

Belltower.News: Wie ist das Information Center for LGBTI Refugees entstanden?
Tom Haus: Bei mir persönlich fing es mit einem Anruf an. Ein junger Mann aus Venezuela wurde in einer Geflüchtetenunterkunft bedroht, andere Bewohner wollten ihn in der Dusche mit Benzin übergießen und anzünden. Während der Migrationsbewegung 2015 damals sind auch Menschen wegen ihrer Sexualität aus ihrer Heimat geflohen. Was das bedeutet, hat auch uns überrascht. Aber klar flüchten Menschen aus dem Iran, dem Irak, anderen arabischen Ländern, aber zum Beispiel auch aus Südamerika, weil sie sich nicht frei entfalten können und weil teilweise ihr Leben bedroht wird. Wir haben den jungen Mann aus Venezuela erstmal privat untergebracht. Dann haben wir aber eine Welle der Hilfsbereitschaft gespürt. Die Stadt Chemnitz hat uns unterstützt, genau wie die Wohnungsgesellschaft. Wir haben eine Wohnung bekommen, Hilfe vom Sozialamt. Ikea hat Einrichtung gesponsert. Spätestens seit diesem Fall war uns bewusst, dass wir LGBTI-Geflüchteten helfen müssen. Zusammen mit dem Verein Gerede e.V. und der Rosa Linde in Leipzig und mit Hilfe von Förderungen durch die damalige Landesregierung haben wir dann das Center gegründet.

Und dann?
Eine halbe Stelle konnten wir finanzieren, die Volkssolidarität hat uns in Chemnitz einen Raum zur Verfügung gestellt und dann ging die Arbeit los. Wir haben immer mehr Anfragen gekommen. Dazu kommt, dass wir städteübegreifend, zwischen Dresden, Leipzig und Chemnitz in ganz Sachsen aktiv sind. Das ist eine gewaltige Aufgabe.

Wie erlebt ihr die Arbeit mit den Hilfesuchenden?
Wenn man die Menschen vor sich sitzen hat, wenn man die Geschichten und die Fluchterlebnisse hört, dann versteht man auf ganz persönlicher Ebene, dass Hilfe nötig ist, um das zu verarbeiten. Und es ist wichtig diese Hilfe anzubieten, gerade in Sachsen, wo es soviel Gegenwehr gegen Geflüchtete oder Migrant*innen überhaupt gibt.

Wie ist die Situation für LGBTI-Menschen in Sachen?
Die LAG Queeres Netzwerk Sachsen hat eine Studie zu Gewalterfahrungen gemacht, die belegt, dass es immer wieder zu Übergriffen kommt, gerade in den größeren Städten wie Dresden und Leipzig. Aber wir können hier noch leben. Der Kampf ist nicht zu Ende, auch wenn wir zum Beispiel mit der Ehe für Alle viel erreicht haben.

Das bedeutet auch Sichtbarkeit schaffen?
In Sachsen machen wir zum Beispiel zusammen mit zehn Städten jedes Jahr am Tag gegen Homophobie und Transphobie den „Rainbow Flash“. Vor sechs Jahren hat der LSVD in Chemnitz einen CSD installiert, der mittlerweile ein eigener Verein geworden ist. Wir versuchen Projekte auf die Beine zu stellen, die bleiben.

Wie arbeitet das Center heute?
Mittlerweile haben wir drei Angestellte, die ziemlich ausgelastet sind. Menschen, die Hilfe suchen, finden uns entweder direkt übers Internet oder werden von anderen Initiativen an uns verwiesen. Mittlerweile vermitteln auch die Zentralen Aufnahmestellen des Landes an uns. Wir bereiten die Geflüchteten dann auf die Erstgespräche vor, in denen geprüft werden soll, ob die Angaben der Menschen stimmen, also schlussendlich, ob sie tatsächlich schwul, lesbisch oder trans* sind. Danach wird entschieden, ob sie bleiben können oder nicht. Wenn eine Abschiebung droht, weil sich jemand nicht getraut hat, sich an uns zu wenden, dann helfen wir mit Rechtsanwält*innen gemeinsam weiter. Das ist manchmal nicht ganz einfach. Dazu kommt auch die Aufarbeitung der Fluchterfahrung, dabei arbeiten wir mit Psycholog*innen zusammen. Es gibt mittlerweile ein gutes Netzwerk, das zusammen arbeitet und hilft.

Wie funktioniert das in der Pandemie?
Im Frühjahr mussten wir unsere Beratungsstelle schließen, weil sie eben im Haus der Volkssolidarität sitzt und dort auch viele ältere Menschen sind. Aber wir haben aus dem Home Office weiterhin betreut. Und trotz Corona gab es Gerichtstermine, zu denen wir Menschen begleiten. Es ist eine große Herausforderung, denn die Leute wollen weiterhin zu uns kommen. Viele trauen sich diesen Schritt erst, wenn sie merken, dass es eine Anlaufstelle gibt.

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