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„Schlag ins Gesicht” für Juden Expertengremium legt Abschlussbericht zur documenta vor

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Zu Beginn der Documenta wurde in Kassel ein antisemitisches Kunstwerk zunächst verhüllt und wenig später abgebaut. (Quelle: Wikimedia / C.Suthorn / CC BY-SA 4.0)

Die documenta fifteen ist weit weg. Neue Themen bestimmen längst die mediale Öffentlichkeit. Der Kunstbetrieb ist zum Normalzustand zurückgekehrt. Teile des Kuratoriums machen Karriere, eine neu eingesetzte Findungskommission bereitet sich schon auf die nächste Kunstschau in Kassel vor. Alles wieder auf Anfang? Aus der Perspektive der Betroffenen von Antisemitismus kann das wie blanker Hohn wirken. Der Umgang mit dem Antisemitismus auf der Kunstschau 2022 ist wie „ein Schlag ins Gesicht“ von Jüdinnen*Juden: „Er hat Vertrauen zerstört und stärkt ein Gefühl der Unsicherheit in der deutschen Gesellschaft.“ Zu diesem Ergebnis kommt der vor wenigen Tagen veröffentlichte Bericht eines extra eingesetzten Fachgremiums mit Wissenschaftler*innen, die die Ereignisse vor, während und nach der Kunstschau auf 130 Seiten akribisch aufarbeiten.

Das Expertengremium bestätigt, was seit Monaten hätte klar sein können: Auf der documenta wurden mehrfach antisemitische Kunstwerke gezeigt und das blieb nicht nur konsequenzlos, der Umgang damit ist auch ein fatales Signal an Jüdinnen*Juden in diesem Land. „Die documenta fifteen fungierte als Echokammer für israelbezogenen Antisemitismus, und manchmal auch für Antisemitismus pur“, so der Bericht.

Klar ist, so etwas wie im Sommer in Kassel darf sich nicht wiederholen. Dafür ist eine Aufarbeitung der Ereignisse wichtig. Das Expertengremium macht vor, wie es gehen kann. Ein Blick in den Abschlussbericht lohnt sich.

Vier antisemitische Kunstwerke

Der Abschlussbericht seziert en detail die Kontexte von vier Kunstwerken, setzt sie ins Verhältnis zu verwandten Werken und zieht Karikaturen zu Rate, wo sie zur Erhellung beitragen. Dabei lernt man durchaus auch Neues über die Werke, über die schon viel geschrieben wurde. Über mehr als 40 Seiten erstreckt sich die Analyse der Kunstwerke, die unter Antisemitismusverdacht standen. Nicht zu Unrecht: „Auf der Ebene der Werke besteht ein Konsens im Gremium, dass vier Werke der documenta fifteen auf antisemitische visuelle Codes verweisen oder Aussagen transportieren, die als antisemitisch interpretiert werden können beziehungsweise interpretiert werden müssen.” Das bestätigt die Einschätzungen von Antisemtismusforscher*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen: Die vier Werke über die gestritten wurde, transportieren Antisemitismus und zwar in Form von israelbezogenem Antisemitismus oder Antisemitismus pur. Beides lässt sich gar nicht trennen. Zu diesem Ergebnis kommt das Gremium nicht wegen eines übertrieben strengen Begriffs von Antisemitismus, den die Autor:innen anlegen. Im Gegenteil. Sie arbeiten mit einer Minimaldefinition, der selbst die kritischsten Stimmen, die die documenta bis zum Schluss verteidigten, zustimmen müssten.

Noch im September wandte sich ein Teil dieses Expertengremiums mit der Bitte an die Verantwortlichen, die terrorverherrlichende und antiisraelische Videoreihe Tokyo Reels möge aus der Ausstellung entfernt werden. Vergebens. Ruangrupa, das Artistic Team und einzelne Künstler*innen sprachen in einer Stellungnahme dazu von Zensur und monierten die Kriterien, mit denen der Antisemitismus bewertet wurde. Das Gremium hatte mit der etablierten IHRA-Arbeitsdefinition argumentiert. Die Definition ist zwar weit verbreitet und wird gerade in der Praxis von vielen Organisationen weltweit genutzt, weil sie aber israelbezogenen Antisemitismus deutlich benennt, geht sie einigen zu weit. Diejenigen die auf der documenta keinen Antisemitismus sehen wollten, sind oft bekennende IHRA-Kritiker*innen.

Auf diese Einwände reagierte das Gremium im neuen Bericht mit einem taktischen Manöver. Zugrundegelegt wird nicht mehr die IHRA-, sondern eine Minimaldefinition, der selbst diejenigen zustimmen müssten, die die als Alternative ins Spiel gebrachte sogenannte Jerusalemer Erklärung (JDA) ins Feld führen oder IHRA-Kritik betreiben. Die JDA drückt bei israelbezogenem Antisemitismus ein Auge zu und nennt vieles „nicht per se antisemitisch“, das es in der Realität aber doch ist. Das taktische Manöver des Gremiums besteht jetzt darin, zu zeigen, dass, selbst wenn man die Jerusalemer Erklärung anlegen würde, es sich eindeutig um Antisemitismus handelt. Der Bericht betont, dass „auch auf der Grundlage der JDA-Definition die infragestehenden Werke als antisemitisch zu bewerten sind.” Das Problem scheint daher zu sein, „dass es über weite Strecken keine ernsthafte Auseinandersetzung über diese Definition von Antisemitismus oder ihre Anwendung im Kontext der documenta fifteen gegeben hat.”

Es geht hier also nicht um einen Streit von Definitionen. Vielmehr verweist die Abwehr vor diesem Hintergrund auf andere Beweggründe. Die Perspektiven und Sorgen von Jüdinnen*Juden scheinen einigen nicht viel Wert. Also: Was ist Antisemitismus?

Basics der Antisemitismusforschung

Der Bericht beginnt mit einer lesenswerten Einführung in die Antisemitismusforschung. Darin werden die für den Fall documenta relevanten Erscheinungsformen und visuellen Codes benannt und erklärt. Stereotypisierung, Dämonisierung und Entmenschlichung sind die Achsen, auf denen diese Codes verlaufen. Jüdinnen*Juden werden als fremd und andersartig markiert (Stereotypisierung), zu übermächtigen Feinden stilisiert (Dämonisierung) und – von mir angelehnt an den Antisemitismusexperten Tilman Tarach formuliert – mit geradezu „teuflischer Allmacht“ ausgestattet (Entmenschlichung). Diese Achsen finden sich in allen Formen des Antisemitismus, auch im israelbezogenen. Um den zu bestimmen, arbeiten die Wissenschaftler*innen mit einer Minimaldefinition, die vier Dimensionen benennt.

1. Antisemitismus greift auf alte, tradierte Feindbilder zurück und überträgt sie auf Israel (Beispiel: Der Vorwurf Kindermörder Israel spielt auf die Ritualmordlegende an)

2. Jüdinnen*Juden werden kollektiv verantwortlich gemacht für Israel (Beispiel: Es wird behauptet, Jüdinnen*Juden seien Israel gegenüber loyaler als ihrem Heimatland)

3. Es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt (Beispiel.: Die Politik Israels wird mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt)

4. Israel wird delegitimiert (Beispiel: Israel wird das Existenzrecht abgesprochen)

Nach diesen Kriterien ist eindeutig, dass die vier Kunstwerke Antisemitismus transportieren. Der Bericht belegt das sorgfältig. Dieser Teil zur Antisemitismusforschung besticht nicht nur dadurch, dass er zentrale Basics benennt, sondern auch weil er danach fragt, wie mit Antisemitismus hätte umgegangen werden können. Dabei werden auch positive Beispiele dieser documenta zum Umgang mit rassistischen Darstellungen zu Rate gezogen. In der Sammlung The Black Archives wurden in Kassel die rassistischen Darstellungen unkenntlich gemacht.

Wenn nun aber (wiederholt) gezeigt wurde, dass die Kunstwerke Antisemitismus transportieren, wieso blieb das dann konsequenzlos?

Jews don’t count

Das ist die Gretchenfrage. Der Bericht sieht den fatalen und falschen Umgang deutlich und rekonstruiert noch einmal Tag für Tag die Ereignisse, Stellungnahmen und Kritiken. Der Umgang mit Antisemitismus und den Antisemitismusvorwürfen war geprägt von „Ignoranz, Verharmlosung und Abwehr“: „Jüdische Perspektiven fanden wenig Berücksichtigung im Umgang mit diesen Vorwürfen oder wurden direkt zurückgewiesen, mit der Geste, es nicht so gemeint zu haben, Gegenvorwürfen, es handele sich um Rassismus, der Unterstellung einer Übersensibilität oder der Vorhaltung, hier werde die deutsche Schuld aufgrund der Shoah instrumentalisiert.”

Das Signal an die jüdische Community ist eindeutig: Jews don’t count, um es mit David Baddiel zuzuspitzen. Den Sorgen und Warnungen der jüdischen Organisationen und Gemeinden wurde kein Gehör geschenkt. Jüdische Perspektiven zählen nicht. Die Betroffenen vergessen das nicht, auch wenn die Mehrheitsgesellschaft wieder zum Betriebsmodus übergegangen ist. Dieser Bericht hätte es verdient, beachtet zu werden.  Aber, es darf bezweifelt werden, dass die Argumente Gehör finden.

Der Bericht hat keinen leichten Stand. Die Abwehr ist hartnäckig, das wird sich kaum ändern. 130 Seiten sind zudem nicht gerade handlich und der Bericht kommt zu spät, die mediale Öffentlichkeit hat längst neue Themen, die interessierte Öffentlichkeit sowieso; Diejenigen, die im Sommer den Antisemitismus verharmlosten und abwehrten, reagieren jetzt nicht anders. Zwei Mitglieder von ruangrupa haben mittlerweile eine Gastprofessur in Hamburg. Einmal mehr zeigt sich, dass es nicht an einem Mangel von Argumenten und Belegen lag, dass der Antisemitismus nicht adäquat erkannt worden ist. Es wird Zeit, über die Funktion der Abwehr zu sprechen.

Die war vielleicht auch so stark, weil diese Kritik selten aus dem Kunstfeld selbst kam, sondern meisten von Außen. Dadurch war es möglich, die Debatte über Kunstfreiheit als Nebenschauplatz zu eröffnen, ohne sich dem Antisemitismus zu stellen. Auch dieser Text ist aus einer antisemitismuskritischen Perspektive verfasst, die mit dem Kunstfeld selbst wenig zu tun hat. So erklärt es das Forum für demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst: „Den Bericht gibt es nur, weil das Kunstfeld nicht in der Lage war, Antisemitismus auch gerade in seiner kulturellen Dimension zu erkennen. Statt sich ernsthaft mit der zunehmenden Kritik zu beschäftigen, wurde sie von Beginn an als ein illegitimer Eingriff, Zensur und Gängelung abgewehrt.“ Hier liegt also einiges im Argen. Hello again, Antisemitismusdebatte. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.

Noch mehr Infos zum aktuellen Antisemitismus in Deutschland sowie auf der documenta fifteen finden sich im Zivilgesellschaftlichen Lagebild Antisemitismus #10 der Amadeu Antonio Stiftung.

Foto oben: Wikimedia / C.Suthorn / CC BY-SA 4.0

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