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Sektenberatung und Verschwörungsideologien “Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht einen Beratungsfall zu diesem Thema bekommen.”

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Verschwörungsideologien feiern durch die Covid19-Maßnahmen Hochkonjunktur. Ihre Anhänger*innen geben sich wie hier in Erfurt mitunter klar zu erkennen.

 

Belltower.News: Es gibt seit den erlassenen Covid19-Maßnahmen eine Vielzahl an Gegenprotesten, bei denen Verschwörungsideologien vielerorts tonangebend sind. Verzeichnet ihre Beratungsstelle seitdem eine signifikante Steigerung an entsprechenden Beratungsfällen?

Sabine Riede – Geschäftsführerin des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.

Sabine Riede: Ja, es gibt eine ganz signifikante Steigerung in unserer Beratungsstelle. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht einen Beratungsfall zu diesem Thema bekommen. Verstärkt sind es Angehörige von Betroffenen, die sich Sorgen machen um deren Radikalisierung. Bereits 2019 haben wir aber auch schon einen deutlichen Anstieg im Bereich der Verschwörungsideologien verzeichnet.

In ihrem Jahresbericht von 2019 sprechen Sie bereits von einer Verdopplung der Beratungen zu Verschwörungsideologien. Ist die Zunahme von Verschwörungsmythen, die sich im Zuge der Proteste um die Covid19-Maßnahmen abzeichnet, dennoch eine neue Steigerung oder hat sich eine solche Entwicklung im Vorfeld abgezeichnet?
Das hat sich im Vorfeld schon abgezeichnet. Aber es gibt jetzt eine Steigerung an Beratungsfällen mit verschiedenen Nuancen von Verschwörungsideologien. Auch strenge christlich-fundamentalistische Gruppen wie die Organische Christusgeneration (OCG) um Ivo Sasek, der sich in den letzten Jahren von einem fundamental christlichen Ideologen zu einem Verschwörungsideologen verändert hat, spielen eine große Rolle. Sein Format „Klagemauer.TV“ ist äußerst beliebt unter Verschwörungsideolog*innen. Viele Gruppierungen relativieren oder leugnen auch das Virus. Insbesondere esoterische Gruppen, bei denen die Erzählungen auch an vorherige Glaubensinhalte anknüpfen, nutzen die Situation.

Kann man bei Verschwörungsidelog*innen von einem sektenähnlichen Weltbild sprechen?
Ja, es gibt dort viele Parallelen. Auch Verschwörungsideolog*innen teilen die Welt in „Gut und Böse“ ein und man ist sehr misstrauisch dem „Bösen“ gegenüber. Aber auch die Ursachen sind ähnlich. Wir sehen ganz deutlich, dass es sich um Unsicherheiten handelt und Menschen mit der Krise nicht zurechtkommen. Dadurch entwickeln sie Ängste und die Maßnahmen rufen zusätzliche Unsicherheiten hervor. Wenn der Mensch das Gefühl hat, hilflos ausgeliefert zu sein, dann kann daraus ein Gefühl der Wut entstehen. Er fängt an selbstständig zu recherchieren, geht auf Demos und radikalisiert sich dadurch. Grundsätzlich ist für diese Menschen die Angst schwerer auszuhalten als die Wut. Auf die Beratungsstelle kommen diese Menschen in der Regel nicht sofort zu, sondern zunächst vor allem Angehörige und wir geben eine Hilfestellung im Umgang mit den Betroffenen.

Gibt es Unterschiede zwischen der Beratung bei Verschwörungsideologien und herkömmlichen Sektenberatungen?
Ein Unterschied ist, dass viele Verschwörungsideologien keinen religiösen Hintergrund haben. Es gibt aber auch Verschwörungserzählungen von rituellen Kindermorden, die durchaus religiöse Züge enthalten. Aber was die Beratung betrifft, sind deutliche Parallelen zu Sektenmitgliedern zu erkennen. Der Schlagabtausch mit Argumenten hilft oft gar nichts. Wir raten Angehörigen eher auf der Gefühlsebene Einfluss zu nehmen, um die Ursachen wie Einsamkeit oder Bewältigungsschwierigkeiten in der Krise ausfindig zu machen. Zwar sollte die eigene Meinung klar kommuniziert werden, aber das Ziel sollte sein, eine Hilfestellung anzubieten. Das bringt mehr als Gegenbeweise zu liefern, weil sich dadurch der Gegenüber bloßgestellt fühlen könnte und dadurch die Unsicherheit zusätzlich verstärkt wird.

Sie sprechen im Jahresbericht auch davon, dass es “besorgniserregend” sei, wie viele Fachleute des Gesundheitswesens sich von Verschwörungserzählungen angesprochen fühlen. Was ist damit gemeint?
Besonders für den Bereich der Psychotherapie haben wir durch Betroffene erfahren, dass Therapeut*innen und sogar Ärzt*innen in ihrer Arbeit mit Klient*innen entsprechende Verschwörungserzählungen äußern. Das Problem dabei ist aber nicht nur der Glaube der Therapeut*innen, sondern vor allem, dass eine Therapieform für psychisch instabile und hilfesuchende Menschen entwickelt wurde, die nur auf vielen Spekulationen basiert, sodass zutiefst verunsicherte Klient*innen sagen: „Ich weiß gar nicht mehr, was ich glauben soll und mir geht es jetzt noch schlechter als vor der Therapie.“ Hier werden Methoden angewandt, die aus Sicht der heutigen psychologischen Forschung undenkbar sind. Aber es sind auch Probleme, die andere Weltanschauungsbeauftragte genauso beobachten wie unsere Beratungsstelle und die man nicht länger unter den Tisch kehren kann.

Auch Sektenberatungsstellen werden von Verschwörungsideolog*innen angegriffen. Sehen Sie in der zunehmenden Radikalisierung eine Gefahr?
Wir werden auch verbal angegangen oder man unterstellt uns, wir würden zu irgendwelchen satanistischen Kreisen gehören. Aber ich fühle mich nicht bedroht. Was uns derzeit viel stärkere Sorgen bereitet, sind die Menschen, die unter einer Verschwörungsideologie leiden. Manche Menschen berichten, dass sie Selbstmordgedanken hatten. Das ist schon erschreckend.

Welche Rolle spielen Sektenberatungsstellen in der gegenwärtigen Situation?
Wir schalten uns nicht aktiv in Diskussionen ein und besuchen keine Demonstrationen. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu beraten, Angehörige von Betroffenen zu stärken und ihnen zu sagen, wie man mit Betroffenen reden kann, um sie aus Verschwörungsideologien herauszulösen. Wir haben ein neues Faltblatt entwickelt, um präventiv über Verschwörungsideologien aufzuklären. Dieses stellen wir im Internet zur Verfügung und verschicken es auch kostenlos als Hilfestellung für die Bürger*innen.

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