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Aktionstag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus Jugendliche, Verschwörungen und COVID-19

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(Quelle: Pixabay)

Belltower.News: Wie kann man in Zeiten von Corona überhaupt Jugendarbeit gestalten?
Arnon Hampe:
Außerschulische Bildungsarbeit wird in der Regel von freiberuflichen Trainer*innen und Pädagog*innen getragen. Bis nach den Sommerferien ist für die bisher alles storniert. Die einzige Möglichkeit ist, sich mit Lehrer*innen zu vernetzen, die jetzt den Präsenzunterricht in den Klassen wieder ins Rollen bringen. Dabei kann man auch Online-Projekte anstoßen, bei denen Jugendliche im Internet aktiv werden können. In der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist das alles noch komplizierter, weil es für die Einrichtungen sehr schwer ist, überhaupt mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Es handelt sich ja nicht um verpflichtende Angebote, sondern die Jugendlichen gehen in der Regel freiwillig dorthin. Das geht aktuell nicht mehr. Das heißt der Kontakt kann schnell abbrechen.

Verschwörungsideologien waren schon vor der Krise virulent aber verbreiten sich jetzt noch schneller. Wie nehmen Jugendlich das wahr?
Jugendliche durchschauen noch viel weniger als Erwachsene, was hinter solchen Erzählungen steckt. Gleichzeitig konsumieren Jugendliche ganz anders und ganz andere Medien. Aktuell kann das dazu führen, dass Jugendliche mit Verschwörungserzählungen in Kontakt kommen, die vorher damit überhaupt nichts zu tun hatten.

Warum funktionieren diese Erzählungen so gut?
Verschwörungserzählungen wirken sinnstiftend, weil sie das globale Geschehen erklärbar machen. Sie können auch Identität stiften – das ist wichtig bei Jugendlichen, die gerade in diesem Bereich noch auf der Suche sind. Verschwörungserzählungen nennen klar Verantwortliche für das Geschehen. Das funktioniert deswegen sehr gut, weil man die eigene Verantwortung, die gerade massiv von staatlichen Stellen eingefordert wird, so abwälzen kann. Vielmehr steht man dann auf der Seite der „Guten“, die überhaupt keine Verantwortung für das Geschehen tragen müssen.

Wir sehen aktuell sehr deutlich, wie komplex unserer Welt ist und wie weit die Wirtschaft, die Gesellschaft, aber auch jeder einzelne miteinander verbunden sind. Verschwörungsideologien geben dafür einfache Erklärungen ab. Das kommt bei Jugendlichen an.

Wie wird es jetzt weiter gehen?
Wenn Jugendeinrichtungen und Schulen für uns wieder erreichbar sind, werden wir vermutlich noch längere Zeit mit „Aufräumarbeiten“ beschäftigt sein. All das, was die Jugendlichen jetzt über Wochen und Monate aufgesogen haben, wird sie weiter beschäftigen, von ihnen thematisiert und verbreitet werden. Dann aber wahrscheinlich nicht nur im eigenen familiären Umfeld oder bei engen Freund*innen, sondern eben in der Schule oder in Jugendeinrichtungen, wo dann womöglich auch Pädagog*innen überfordert sein könnten. Es braucht womöglich ganz neue Konzepte, die der Situation angepasst sind.

Wie können Jugendarbeiter*innen reagieren, wenn Jugendliche Verschwörungserzählungen verbreiten?
Es gelten die gleichen Grundsätze wie bei der Bildungs- und Jugendarbeit generell. Bildung ist ein Prozess der Beziehungsarbeit benötigt und der möglichst keine Kurzzeitintervention sein sollte – auch wenn davon auszugehen ist, dass es in der absehbaren Zukunft darauf hinauslaufen wird.

Jugendlich sind auf der Suche nach Weltdeutungsmodellen, nach Identität, auch nach Auseinandersetzung und Reibung mit Erwachsenen. Diesen Wunsch nach Auseinandersetzung muss man ernst nehmen, Kontroversität zulassen und nicht versuchen, alles so schnell wie möglich abzubügeln, damit alle nur noch sozial Wünschenswertes äußern. Gerade wenn es die Möglichkeit gibt, kontinuierlich mit Jugendlichen zu arbeiten, ist es auch möglich, Äußerungen erstmal so stehen zu lassen und sich zu einem passenden Zeitpunkt damit auseinanderzusetzen. Man kann Jugendliche sehr gut in ihrem Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung bestärken, indem man andere Angebote macht. Beispielweise auf verlässliche und seriöse Informationsquellen hinweist. Das muss nicht die Süddeutsche Zeitung oder ein vergleichbares „Erwachsenenformat“ sein, im Netz gibt es viele, für Jugendliche aufbereitete Angebote und Informationsmedien.

Wie können Pädagog*innen ganz persönlich mit Antisemitismus umgehen?
Pädagog*in müssen die eigene Situation reflektieren. Warum reagiere ich angegriffen, wenn ein Jugendlicher antisemitische Äußerungen macht? Was macht das mit mir? Hat es vielleicht mit meiner eigenen Familiengeschichte zu tun, mit Mediendiskursen? Es ist wichtig diese Selbstreflexion in die Auseinandersetzung mit Jugendlichen mitzunehmen. Es bedeutet auch zu erkennen, was der Jugendliche eigentlich von mir will. Jugendliche wissen, dass man mit Antisemitismus herkunftsdeutsche Pädagog*innen provozieren kann. Oder geht es eher um die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, gibt es zum Beispiel einen Israelbezug? Oder geht es um verkürzte Kapitalismuskritik, die aus verschiedenen politischen Richtungen kommen kann.

Schuld- und Erinnerungsabwehr, israelbezogener Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik sind drei Erscheinungsformen, zu denen sicherlich alle aktuellen Corona-Erzählungen auch Anschluss finden werden.

In WhatsApp- oder Telegrammgruppen wird oft Antisemitismus als Witz unter Jugendlichen verbreitet. Wie können Pädagog*innen reagieren?
Jeder Einzelfall ist unterschiedlich. Zum einen kriegen wir als Pädagog*innen solche Vorfälle oft nicht mit, weil sie im Verborgenen stattfinden. Wenn es aber an die Oberfläche kommt, ist es wichtig, das mit allen Beteiligten zu thematisieren. Es gibt Dinge, die strafrechtlich relevant sind, was man durchaus auch mit Jugendlichen besprechen muss. Diese Einsicht herzustellen ist nicht leicht, aber man kann es zum Beispiel mit Empathie versuchen. Beispielsweise indem man mit anderen Beispielen arbeitet, die nicht antisemitisch, aber rassistisch sind. Die Frage ist dann, was ist der Unterscheid, und was mache ich, wie fühle ich mich als migrantische*r Jugendliche*r, wenn ich damit konfrontiert bin? Als Pädagog*in in einer offenen Jugendeinrichtung würde ich in so einer Situation Beratung zum Beispiel bei uns, der ju:an Praxisstelle, der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus oder anderen Projekten und Initiativen suchen, um das Problem nicht alleine lösen zu müssen. Beratungsstellen haben eine größere Fachanalyse und mehr Einblicke ob ein Vorfall strafrechtlich relevant ist, oder ob es einen pädagogischen Prozess braucht.

Was lernt ihr in Zeiten von COVID-19 für die Zukunft?
Vernetzung ist unglaublich wichtig. Wir schaffen es aktuell mit Kolleg*innen in Kontakt zu bleiben unter anderem mit Online-Workshops und Panels, die immer gut besucht sind. Wir müssen weiter sensibilisieren, dass dieses Problem nicht von alleine verschwinden, sondern Arbeit auf uns alle zukommen wird. Für viele ist der Damm jetzt gebrochen und die werden für diese Narrative empfänglich bleiben. Ich biete z.B. aktuell mit einem Kollegen Online-Workshops für Jugendliche an, ju:an berät Jugendsozialarbeiter*innen. Wenn sich Schulen aufgrund der Erfahrungen in den nächsten Jahren digitaler aufstellen wird, heißt das für uns auch, dass wir dranbleiben müssen. Digitale Formate werden neben Formaten stehen, bei denen alle zusammen in einem Raum sitzen.

Bildungsarbeit ist immer Beziehungsarbeit. Dafür braucht man physischen, direkten Kontakt. Aber man kann versuchen, gemeinsam mit Jugendlichen digitale Projekte zu entwickeln. Das wiederum kann ein Gefühl von Selbstwirksamkeit hervorrufen. Wenn man gemeinsam einen Film produziert oder eine Website baut, muss man nicht in einem Raum sitzen. Die Jugendlichen brauchen auch das Gefühl, dass sie selbst etwas schaffen können und nicht nur passive Konsument*innen sind. Das bedeutet aber auch, dass es viel mehr Mittel geben muss. Das betrifft einerseits die Projekte und die Pädagog*innen, aber auch die materiellen Voraussetzungen, damit Jugendliche per Rechner, Tablet oder Smartphone überhaupt teilhaben können.

Der Aktiontag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus fand am 15.05.2020 statt, aber es geht weiter. Heute zum Beispiel mit einem Webinar von ju:an: „Wo kommt Corona ‚eigentlich‘ her und trägt sie Schläfenlocken? – Einblicke in rassistisches und antisemitisches Verschwörungsdenken für Jugend- und Bildungsarbeit“. Informationen dazu finden Sie hier.

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