Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Soziale Medien Wie „Digital Streetwork“ auf TikTok funktioniert

Von|
(Quelle: Unsplash)

In Zeiten multipler Krisen haben junge Erwachsene zahlreiche Fragen und Bedürfnisse. Oft suchen sie in sozialen Netzwerken nach Antworten und stoßen dabei auf Inhalte von unterschiedlicher Qualität. Von kenntnisreichen, aber schwer verständlichen Expert*innenmeinungen über zugängliche, aber verkürzte Informationen bis hin zu ideologisch aufgeladener Desinformation – die Bandbreite ist groß. Manche Themen sind so emotional, dass es schwierig ist, eine sachliche Debatte zu führen. Andererseits werden bei Auseinandersetzungen mit Falschinformationen psychosoziale Aspekte oft außer Acht gelassen. Viele junge Menschen fühlen sich dadurch mit dem Informations- und Gefühlschaos alleingelassen.

Hier setzt das vierköpfige, interdisziplinäre Team von pre:bunk an: Mit dem Ziel, Brücken über digitale Kluften zu schlagen und jungen Menschen dabei zu helfen, medienkompetent durch die For-You-Page zu scrollen. Und alles im Rahmen des Digital-Streetwork-Ansatzes. Der TikTok-Kanal @prebunk macht ein Angebot zum Austausch, bietet praktische Hilfestellungen und engagierte medienpädagogische Gegenrede. Ziel ist es ein lebensweltorientiertes Angebot für Nutzer*innen und Creator*innen zu schaffen. Wie das funktioniert, erklären Michelle Pantke und Theresa Lehmann im Interview mit Visualising Democracy.

Am Donnerstag, den 03. August, sind pre:bunk ab 18 Uhr im Livestream auf dem Instagram-Kanal der Amadeu Antonio Stiftung, stellen das Projekt vor und zeigen wie sie kritische Medienkompetenzen stärken und die Widerstandsfähigkeit gegen menschenfeindliche Narrative erhöhen.

Euer Projekt heißt pre:bunk – wofür steht das?

Michelle: Unser Projektname ist gleichzeitig ein Begriff für einen präventiven Ansatz, der versucht die Verbreitung von Falschinformationen zu verhindern. Beim Prebunking geht es um das präventive Schärfen der Fähigkeiten Falschinformationen schon zu erkennen bevor man auf sie hereinfällt und weiterverbreitet. Damit das nicht passiert klären wir über Desinformationstaktiken auf, stärken Informationskompetenzen und sensibilisieren Medienkonsument*innen.

Theresa: Das wollen wir auch mit unserem Projekt erreichen, weswegen sich der Name angeboten hat. Debunking greift erst wenn es eigentlich zu spät ist und die Falschinformationen schon in der Verbreitung sind. Prebunking hingegen antizipiert diese Verbreitung und zeigt, wie Falschinformationen funktionieren, um Nutzer*innen dabei zu helfen eine Resistenz dagegen aufzubauen.

Wie muss man sich Digital Streetwork vorstellen?

Michelle: Digital Streetwork ist eine Form der Jugendarbeit, die in den digitalen Raum verlegt wird. Digital Streetwork funktioniert sehr ähnlich wie herkömmliche aufsuchende Jugendarbeit und ist angepasst an die digitale Ansprache auf Plattformen wie TikTok. Letztendlich geht es bei der Arbeit – offline und online – darum, ansprechbar zu sein für Jugendliche an Orten, wo sie sich aufhalten und viel Zeit verbringen. TikTok ist fester Bestandteil der digitalen Lebenswelt von jungen Menschen geworden. Deshalb ist es wichtig, sich mit der Plattform auszukennen und zu wissen, wie man User*innen am besten erreicht und ihr Interesse für Themen wecken kann.

Theresa: Digital Streetwork ist digitale Präventionsarbeit. Der Ansatz wurde 2014 erstmalig im Rahmen des Projekts debate// auf Facebook erprobt.  Eine weitere Testphase fand auf der Plattform gutefrage.net statt. Daraufhin folgte außerdem ein Digital Streetwork Angebot unserer Kolleg*innen von Good Gaming auf Instagram, YouTube, Steam und Twitch. Bisher waren unsere Ansprachen schriftlich, mit pre:bunk beschreiten wir nun auch audiovisuelles Terrain. Wir unterscheiden zudem zwischen One-to-many-Kommunikation und One-to-one-Kommunikation, also zwischen Anspracheformen, die mehrere adressieren, und der Einzelbetreuung. Auf TikTok starten wir mit One-to-many-Ansprachen im Videoformat, um das Angebot zu etablieren.

Warum arbeitet ihr auf TikTok?

Michelle: Weil es eine Plattform ist, auf der gerade Teenager und junge Menschen viel Zeit verbringen und wie im gesamten Internet es auch auf TikTok Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt mit Desinformation, Rechtsextremismus und problematischen Inhalten. Wir wollen über diese Phänomene aufklären und den Jugendlichen Hilfestellungen mit auf den Weg geben. Zum Beispiel wie eine Bilderrückwärtssuche funktioniert oder wie sie mit Falschinformationen im Klassenchat umgehen können.

Theresa: Als Digital Streetworker*innen wollen wir auf Augenhöhe mit jungen Menschen in den Austausch kommen und sie befähigen, Falschinformationen zu identifizieren sowie sich medienkompetent und selbstbestimmt durch den unendlichen Stream von Kurzvideocontent zu navigieren.

Wie treten Desinformationen auf TikTok auf?

Michelle: Am häufigsten findet man dekontextualisierte Neuigkeiten, vereinfachte und verkürzte Darstellungen von Ereignissen, emotionalisierten Content („Panikmache“) und Geschichtsverfälschungen („Junk History“).  Nicht selten verbreitet von antidemokratischen und rechtsextremen Akteur*innen.

Haben Jugendliche ein Problembewusstsein was Desinformationen angeht?

Theresa: Die Gerüchteküche auf TikTok kocht schnell hoch, Quellen spielen kaum eine Rolle und neben den etablierten Medienhäusern gibt es auch sehr viel unseriöse Angebote. Dabei informieren sich laut JIM Studie von 2022 aktuell 25 Prozent der 12-19-Jährigen über das tagesaktuelle Geschehen auf TikTok. Über TikTok stoßen 36 Prozent zufällig auf Informationen. Zufällig stoßen 36 Prozent auf Informationen  über TikTok. TikTok entwickelte sich zuletzt zur audiovisuellen Suchmaschine. Während Hassrede auf der Plattform im Rahmen des NetzDG entfernt wird, finden sich Unmengen an Videos in denen Falschinformationen über den Krieg in der Ukraine, die Klimakrise und LGBTIQ*-Themen verbreitet werden, teils mit sehr großen Aufrufzahlen. Diese Videos werden aber trotz Meldung häufig nicht entfernt. Was fehlt sind Orientierungshilfen für junge Menschen. Sie werden bei ihrem audiovisuellen Medienkonsum sich selbst überlassen. So haben koordinierte Desinformationskampagnen leichtes Spiel antidemokratische und menschenfeindliche Narrative und Panikmache können sich so verbreiten.

Michelle: Vielen Jugendlichen ist grundsätzlich schon klar, dass man nicht alles sofort glauben sollte, was man im Internet und auf TikTok liest, aber Desinformationen sind häufig schwer zu erkennen. Ziel von Desinformation ist es bestimmte Meinungen und Gefühle hervorzurufen. Wir sollten Jugendliche und junge Menschen nicht unterschätzen, aber grundsätzlich wird es – auch für Erwachsene – immer schwieriger Falschinformationen zu identifizieren z.B. von KI generierte Bilder.

Wie geht man damit um, wenn junge Menschen unbewusst Desinformation teilen?

Michelle: Wenn Menschen, egal ob jung oder alt, aus Unwissenheit Desinformation verbreiten bringt es nichts sie zu verurteilen. Man sollte sie darauf hinweisen und versuchen zu erklären, warum etwas, was sie geteilt haben, nicht der Wahrheit entspricht und warum es vielleicht sogar sehr schädlich ist, wenn diese vermeintliche „Information“ die Runde macht.

Theresa: Vor der letzten Bundestagswahl gab es aber junge Menschen, die Falschinformationen über die Grünen verbreitet haben. Darauf angesprochen gaben sie zu, dass es sich nicht um tatsächliche Forderungen der Partei handle, aber dies ihr erfolgreichstes Video sei. Wir müssen also auch über das Thema Verantwortung sprechen, die Reichweite mit sich bringt. Klicks sind nicht alles! Das zu vermitteln in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie ist die Herausforderung vor der wir stehen.

Was ratet ihr Pädagog*innen und Eltern wie sie mit jungen Menschen ins Gespräch kommen können zu Desinformationen auf TikTok?

Michelle: Zunächst ist es besonders wichtig mit Jugendlichen darüber zu sprechen, warum sie gerne TikTok benutzen, was sie interessiert und was sie sich dort gerne anschauen. Interesse zu zeigen und sie ernst zu nehmen ist ein wichtiger Punkt, bevor man als Ansprechpartner*in wahrgenommen wird, mit der man auch über Inhalte sprechen kann die einem komisch vorkommen oder emotional aufwühlen.

Theresa: Der erhobene Zeigefinger bringt uns nicht weiter! Auch wenn es sicherlich genug berechtigte Kritik an der Plattform gibt – wie beispielsweise hinsichtlich des Datenschutzes. Man kann aber auch über die Plattform aufklären, ohne gegen datenschutzrechtliche Verordnungen zu verstoßen, indem man beispielsweise in Gruppenarbeiten ein Erklärvideoskript zu einem bestimmten Thema schreibt und dann erstmal ohne Kamera versucht in einer Minute einen Begriff zu erklären. Wir nennen diese Übung „Erklärs mir in einer Minute!“. Dazu gehört dann eine kleine Recherche und Arbeit mit Quellenmaterial. Während man überlegt, wie man ein Thema einfach und kurz erklärt, lernt man selbst und die anderen bekommen in der Auswertung ebenfalls die Möglichkeit, sich niedrigschwellig anzunähern. Die Begriffe oder Konzepte können je nach Zielgruppe und thematischem Schwerpunkt angepasst werden im Schwierigkeitsgrad und inhaltlichem Schwerpunkt. So kann man Wissensvermittlungskompetenzen stärken.

Was wünscht ihr euch von Plattformen und der Politik in diesem Zusammenhang?

Theresa: Als Plattform habe ich zahlreiche Möglichkeiten Kanäle einzuordnen, bei sensiblen Themen auf gesicherte Informationen zu verweisen (Infohub) oder die Plattform so transparent zu gestalten z.B. wenn Filter, Sprachabwandlungen verwendet werden um Misinformation im Vorhinein zu vermeiden. Nutzer*innen können ermuntert werden, ihre Reichweite verantwortungsvoll zu nutzen und Behauptungen mit Quellen zu untermauern. Das mag Desinformationen nicht komplett verhindern, würde aber das Bewusstsein schärfen. Gerade bei jungen Nutzer*innen steht TikTok in der Verantwortung. Dass es geht, zeigten die zusätzlichen Maßnahmen vor der Wahl oder während Corona.

Die Politik muss die Plattformen hier stärker in die Pflicht nehmen und sie verpflichten, nachhaltige Strategien zu entwickeln, wie Falschinformationen eingedämmt werden können ohne dabei die Meinungsfreiheit zu beschneiden. Desinformationen sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Demokratie und das Wahrheitsgefühl, also, dass es so etwas wie eine Wahrheit überhaupt gibt, wird zunehmend durch gezielte Kampagnen angegriffen und erschüttert.

Weiterlesen

handy

Smartphone NS-Gedenken mit der Gen Z

Trotz ausgeprägter Wissenslücken hat die Generation Z ein großes Interesse an der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Jedoch muss die Wissensvermittlung…

Von|
tiktok2

Katzen, Krieg und Creators Desinformation auf TikTok

Vor allem in Bezug auf TikTok fehlt es Multiplikator*innen oft an konkreten Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Verschwörungserzählungen und Hassrede. Das wollen wir ändern.

Von|
Eine Plattform der