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Schwerpunkt Rechtsterrorismus Rechtsterroristische Online-Strategien

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Führerloser Widerstand
(englisch: „leaderless resistance“)

Der Begriff des „führerlosen Widerstands“ geht auf die rechtsextreme Szene der USA in den 1960er und 1970er Jahren zurück und gewann maßgeblich durch ein Essay des Ku-Klux-Klan-Mitglieds Louis Beam Anfang der 1980er Jahre Aufmerksamkeit. Weil rechtsterroristische Gruppen nicht in der Lage waren, ihre Strukturen nachhaltig zu festigen, plädierte die rechtsterroristische Szene für lose autonome Zellen ohne übergreifende Organisationsstruktur.

Die Rhetorik des „führerlosen Widerstands“ vermittelt Rechtsterroristen das Gefühl, einer weitaus größeren Anzahl Gleichgesinnter anzugehören, als dies der Fall ist. Sie fühlen sich dadurch in ihrer Anschlagsplanung bekräftigt. Gruppen, die sich dem „führerlosen Widerstand“ verpflichtet haben, sind bereits kleinste Personenverbände, und auch die sogenannten „einsamen Wölfe“ sind Teil der Strategie. Ebenso findet sich das Konzept in der nazistischen Literatur. Das Buch „Turner Diaries“ aus den 1970er Jahren – das als neonazistische „Bibel“ bezeichnet werden kann – erzählt die fiktive Geschichte eines Rechtsterroristen, der im Rahmen des „führerlosen Widerstands“ mordend durch Amerika zieht. Der Protagonist hat unter Rechtsterroristen eine Vorbildfunktion. Bis heute dient das Propagandabuch als Handlungsleitfaden dafür, wie rechtsterroristische Anschläge mit einfachen
Mitteln umzusetzen sind.

Zwar ist der globale „führerlose Widerstand“ keine Realitätsbeschreibung, er stellt aber als Strategie der rechtsterroristischen Szene nichtsdestotrotz eine erhebliche Gefahr dar. Zumal die Rhetorik den Eindruck verstärkt, Teil einer (vermeintlich großen) Gruppe zu sein. Die Idee hat sich nicht nur in „freien Kameradschaften” durchgesetzt, sondern auch in rechtsterroristischen Online-Subkulturen. Rechtsterroristen, die als vermeintliche „Einzeltäter” ihre Anschläge inszenieren, gehören in vielerlei Hinsicht zum Konzept des „führerlosen Widerstands“. Sie verstehen sich als Vorkämpfer und Soldaten, die sich in einem Krieg befinden. Die Attentäter von Halle und Christchurch sehen ihre Anschläge in einer Kontinuität mit vorangegangenen rechtsterroristischen Anschlägen. Die Idee des „führerlosen Widerstands“ überlässt den Rechtsterroristen die Entscheidung, an wem oder woran sie sich orientieren. Maßgeblich sind lediglich ihre rechtsterroristisch ideologisierten Gewalttaten und die ausdrückliche Aufforderung zur Nachahmung in die Online-Subkultur.

Mythos „einsame Wölfe“ (englisch: „lone wolves“)

„Einsame Wölfe“ ist eine in der Politik und der medialen Berichterstattung beliebte Bezeichnung für Rechtsterroristen, die vermeintlich unabhängig agieren und ihre Taten vermeintlich isoliert planen. Der Begriff geht auf die rechtsterroristische Szene der 1990er Jahre zurück und wurde auch von der Terrorismusforschung aufgegriffen, obwohl er höchst umstritten ist. Mitte der 1990er Jahre rief Ku-Klux-Klan-Mitglied Tom Metzner dazu auf, Anschläge als „einsamer Wolf“ zu begehen. „Einsamer Wolf“ ist nicht nur eine (Selbst-)Bezeichnung des Täters, sondern gilt auch als Synonym für eine rechtsterroristische Strategie. Historisch knüpft der Begriff ebenfalls an die „Werwolf“-Organisation an, die als nationalsozialistische Untergrundeinheit zum Ende des zweiten Weltkrieges  Guerillaaktionen begehen sollte und in erster Linie als Propagandainstrument eingesetzt wurde.

Die Analogie zum Tierreich ist bewusst gewählt. Ein einzelner Wolf ist gefährlich, sozial isoliert – aber auch in der Lage, ein neues Rudel zu bilden oder sich durch entsprechende Handlungen einem starken Rudel anzuschließen. Assoziationen klingen an wie das Recht des Stärkeren und der Glaube, seine Männlichkeit durch soldatische Wehrhaftigkeit und gewalttätige Handlungen unter Beweis stellen zu müssen – das passt zum Männlichkeitsbild der rechtsextremen und rechtsterroristischen Szene.15 Die Bezeichnung von Rechtsterroristen als „einsame Wölfe“ ist daher schon deshalb problematisch, weil sie das Selbstverständnis der Täter stützt und ihr Männlichkeitsbild reproduziert.

Zudem geht mit dem „einsamen Wolf” die Idee eines isolierten und sich selbst im Verborgenen radikalisierenden Einzeltäters einher. Aber gibt es den? Eine Datenanalyse von Schuurmann et al. der Universität Leiden und des University College London beschäftigt sich mit dem Phänomen des terroristischen Einzeltäters. Die Auswertung der Daten des EU-geförderten Wissenschaftsprojekts PRIME (2014-2017)17 ergibt: Die meisten Terroristen, die als „einsame Wölfe“ bezeichnet werden, suchten nicht nur den Kontakt zu anderen Terroristen, sondern wären ohne diesen Kontakt gar nicht in der Lage gewesen, einen Anschlag auszuführen. Der Kontakt half ihnen, an Waffen zu kommen und die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung zu übertreten. Die Studie zeigt, dass die meisten Terroristen, die sich über Online-Subkulturen radikalisierten, schlichtweg nicht imstande waren, sich einer Organisation oder einer größeren Gruppe anzuschließen – meistens, weil ihnen die sozialen Kompetenzen fehlten.

Das heißt allerdings nicht, dass damit eine psychische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung als Tatmotiv infrage käme. Eine soziale Inkompetenz oder Persönlichkeitsstörung ist lediglich der Grund, aus dem die Taten in Eigenregie vorbereitet werden und nicht in der Gruppe. Das Tatmotiv bleibt nach wie vor die menschenfeindliche Ideologie. Diesen Umstand zu relativieren oder in den Hintergrund zu stellen, verhindert eine geeignete Konzeptentwicklung, um diese Form des Rechtsterrorismus nachhaltig bekämpfen zu können.

In rechtsterroristischen Kreisen gilt der „einsame Wolf“ als Strategie mit dem erklärten Ziel, möglichst
viele Anschläge mit vergleichsweise wenig Ressourcen durchzuführen und zugleich die Botschaft zu verstärken, dass Anschläge aus der „Mitte“ der Bevölkerung jederzeit erfolgen können. Die Erzählung, dass „einsame Wölfe” verborgener agieren und daher nur schwer im Vorfeld zu identifizieren seien, wird durch die Untersuchung größtenteils widerlegt. Einzelnen Rechtsterroristen gelingt es zwar, ihre Anschläge im Verborgenen zu planen und ihre Kontakte anonym zu halten. Die Studie kommt jedoch zu dem Schluss, dass 86 Prozent der Terroristen ihre Absicht und ideologische Gesinnung teilweise Jahre zuvor ankündigten. Der Fall des „einsamen Wolfes“, der unter dem Radar der Sicherheitsbehörden agiert, trifft nur in äußerst seltenen Fällen zu. Dennoch hält sich dieser Mythos des unerkannten „einsamen Wolfes“ – und das unterstützt die Strategie der Rechtsterroristen.

Auch aktuell wird entsprechende Propaganda online verbreitet, die sich auf eine männliche und größtenteils junge Zielgruppe konzentriert. So werden Inhalte der „Turner Diaries“ oder der Newsletter-Zusammenfassung „Siege“ des amerikanischen Neonazis James Mason im Internet als Memes verpackt und auf diesem Weg in einschlägigen Subkulturen verbreitet. Die „einsamen Wölfe“ sollen sich dabei mit militärischer Aufrüstung auf einen kommenden „Rassenkrieg“ eines jeden Einzelnen vorbereiten. Die Anzahl der militarisierten „einsamen Wölfe“ soll in der Theorie soweit anwachsen, bis Allianzen gebildet werden können, die einer kriegerischen Auseinandersetzung gewachsen sind. Bis es so weit ist, werden sogenannte „einsame Wölfe“ als Vorkämpfer eines herannahenden Krieges angesehen und verehrt.

Ein wesentlicher Aspekt dieser rechtsterroristischen Strategie ist ihr internationaler Charakter. Das Internet und damit verbundene Online-Subkulturen sind dabei für Rechtsterroristen zur größten Inspirationsquelle geworden.

 


Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre „Rechtsterroristische Online-Subkulturen. Analysen und Handlungempfehlungen“ der Amadeu Antonio Stiftung, erschienen im Februar 2021.

Die Broschüre zum Download gibt es hier:

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/rechtsterroristische-online-subkulturen/

Mehr Texte aus der Broschüre auf Belltower.News:

Zur Broschüre gibt es ein Interview mit dem Autor auf Insta-Live:

 


 

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