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US-Wahl 2020 Wer sind die Proud Boys?

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Schwer bewaffnet und gewaltbereit: Die "Proud Boys" in ihren schwarz-gelben Polohemden auf einer Demonstration in Portland, USA.
Schwer bewaffnet und gewaltbereit: Die "Proud Boys" in ihren schwarz-gelben Polohemden auf einer Demonstration in Portland, USA. (Quelle: picture alliance / zumapress | Stephanie Keith)

In einem chaotischen ersten TV-Duell zwischen den US-Präsidentschaftsbewerbern am 29. September 2020 fragt Trump seinen Gegner Biden, wen er genau verurteilen soll. „Geben Sie mir einen Namen“, knurrt Trump. Kurz davor hat der überforderte Moderator der Debatte, Chris Wallace, Trump dazu aufgefordert, sich von „White Supremacists“ und rechten Milizen klar zu distanzieren – erfolglos. „Die Proud Boys“, nennt Biden als Beispiel. Distanzierung: Fehlanzeige. Trump kontert: „Proud Boys: stand back and stand by“ – haltet euch zurück und haltet euch bereit. Und ergänzt: „Irgendjemand muss etwas gegen die Antifa und die Linken unternehmen.”

Auch in einer Präsidentschaftswahl, die schon etliche politische Normen gebrochen hat, überschreitet Trumps Kommentar eine neue Grenze: Statt die „Proud Boys“, eine gewaltbereite, bewaffnete Gruppe, zu verurteilen, scheint er sie zu mobilisieren – und verschafft der rechtsradikalen Schlägertruppe eine internationale Bühne. Warum?

Trump hat sich in den vergangenen Monaten schon mehrfach verweigert, zu sagen, ob er das Wahlergebnis im Fall seiner Niederlage anerkennen wird. Am Wahltag, dem 3. November, wollen rechte Milizen und Trump-Anhänger*innen die Wahl „sichern“ und „beobachten“ – Gruppen wie die „Proud Boys“. Trumps Kommentar in der Debatte löst einen wohlverdienten Shitstorm in der Presse aus. Auf Twitter trendet kurz darauf der Begriff „Proud Boys“.

In „Proud Boys“-Kreisen wird gejubelt: Die Gruppe postet ein Logo mit dem Schriftzug „Proud Boys: Stand back, stand by“ auf ihrem Telegram-Kanal. Wenig später gibt es das dazu passende T-Shirt im Verkauf bei einem rechten Online-Versand. Doch wer sind die „Proud Boys“? Welche Gefahr geht von ihnen aus und welche Bedeutung haben sie für die US-Wahl?

Alt-Right Fight Club

Hinter den „Proud Boys“ (zu Deutsch: „stolze Jungs“) stecken antifeministische Männer mit rechtsaußen Weltbild – oder in ihren eigenen Worten: „westliche Chauvinisten“. Gegründet wurde die Gruppe – der nur „biologische Männer“ beitreten dürfen – 2016, mitten im letzten US-Wahlkampf, von dem „Vice“-Mitbegründer Gavin McInnes. McInnes verließ „Vice“ 2008 offiziell wegen „creative differences“ (kreative Differenzen). In den Jahren danach war er als rechter Medienmacher aktiv – unter anderem für die rechtsaußen Seite „The Rebel Media“ und Alex Jones’ verschwörungsideologische Sendung „Infowars“.

Im November 2018 gab McInnes bekannt, dass er sein Amt als Vorsitzender der „Proud Boys“ niedergelegt und die Gruppe verlassen hat. Die Entscheidung kam allerdings nicht ganz freiwillig: Zwei Tage vor seiner Ankündigung berichtete der britische „Guardian“, dass das FBI die „Proud Boys“ als „extremistische Organisation mit Verbindungen zum weißen Nationalismus“ einstufen würde. Diese Einstufung dürfte eine wichtigere Rolle für McInnes Entscheidung gespielt haben. Sein Rücktritt wirkte zudem etwas halbherzig. Auch der rechtsextreme Blogger Milo Yiannopoulos war Mitglied der Gruppe und trat zum gleichen Zeitpunkt aus – scheinbar auf den Rat seiner Anwälte.

Die „Anti-Defamation League“ (ADL), eine New Yorker Organisation, die sich gegen die Diskriminierung und Diffamierung von Jüdinnen und Juden engagiert, bezeichnet die „Proud Boys“ als „hardcore white supremacists“. Das Southern Poverty Law Center“ (SPLC), eine führende antirassistische Organisation in den USA, nennt die Gruppe eine „Alt-Right Fight Club“ und stuft die „Proud Boys“ als „Hassgruppe“ ein. Diese Einstufung gefällt McInnes offenbar nicht. So hat er das SPLC in seinen Videos mehrfach angegriffen. Im Februar 2019 – also nachdem er die „Proud Boys“ offiziell schon verlassen hat – klagte er gegen die Organisation wegen der Bezeichnung Hassgruppe“. McInnes behauptet in seiner Anklageschrift, dass seine Karriere dadurch zu Schaden gekommen sei. So liegt auch ein finanzielles Motiv für seinen Austritt aus der Gruppe nahe.

Seit McInnes‘ Austritt herrscht Chaos: Jason Lee Van Dyke übernahm die Position als Vorsitzender und trat nur 36 Stunden später wieder zurück. Seitdem ist Enrique Tarrio Chef der Gruppe. McInnes wird allerdings immer noch als Gründer von Mitgliedern geehrt.

Feindbild: Antifa

Die Ideologie der „Proud Boys“ kann man als rechts-libertär, misogyn und antifeministisch, antimuslimisch, anti-links, pro-kapitalistisch und pro-Trump beschreiben. Die Gruppe steht der Alt-Right-Szene nahe, auch wenn es gegenseitige Distanzierungen gibt. Ein häufiges Feindbild der Gruppe: „die Antifa“. Zentral zur Ideologie der Gruppe ist die Annahme, dass vor allem weiße Männer in einem vermeintlichen “Belagerungszustand” gegen die Moderne und Überfremdung sind. So seien ihre “westlichen” – in Wirklichkeit rechtsradikalen, frauenverachtenden und toxisch-männlichen – Werte unter Beschuss. Auch wenn die Gruppe überwiegend weiß ist, gibt es auch nicht-weiße Mitglieder – die allerdings nach eigenen Angaben von ihren Kameraden aufgrund ihrer Herkunft gemobbt werden. Der Vorsitzende Enrique Tarrio hat beispielsweise einen afro-kubanischen Hintergrund.

Ein Leitspruch der Gruppe ist „The West is Best“ und ihre Weltanschauung bedient sich oft rechtsextremen Narrativen wie dem „Großen Austausch“. Zu den „Grundwerten“ auf ihrer Webseite zählen ein reduzierter Staat, geschlossene Grenzen, Waffenbesitz, „Anti-Politische-Korrektheit“ und – paradoxerweise – Antirassismus. Auch eine „Verehrung der Hausfrau“ und eine „Verherrlichung des Unternehmertums“ gehören dazu. Die „Proud Boys“ betreiben auch ein Online-Magazin – mit sehr unregelmäßigen Beiträgen. Der letzte Artikel wurde im April 2020 veröffentlicht.

In Wirklichkeit werden diese vermeintlichen Werte oft von Gewalt überschattet: Die „Proud Boys“ fallen vor allem auf Demonstrationen auf, wo sie politische Gegner*innen – wie beispielsweise der „Black Lives Matter“-Bewegung oder „der Antifa“ – einschüchtern und attackieren.

Screenshot des Online-Versandhandels der „Proud Boys“.

Merchandise spielt eine wichtige Rolle für die Gruppe als identitätsstiftendes Erkennungszeichen. Ihre Ästhetik soll hip und verführerisch für junge Männer wirken – ein Lifestylebrand für rechtsradikale Macker. Dafür haben die „Proud Boys“ einen eigenen Online-Shop, in dem Designs mit Schriftzügen wie „Fuck Antifa“, „Feminism = Cancer“, „Russian Bot“ und durchgestrichene Hammer und Sichel zu finden sind. Trotz seinem Austritt wird McInnes immer noch als Held der Gruppe gefeiert: So findet man auch sein Gesicht und Namen auf diversem Merchandise der Gruppe.

Gleichzeitig trägt die ästhetische Uniformität der „Proud Boys“ faschistoide Züge: So tritt die Gruppe als entschlossene Masse in schwarz-gelben „Fred Perry“-Polohemden und roten „Make America Great Again“-Basecaps auf. Der „Fred Perry“-Kranz ist mittlerweile zum Logo der „Proud Boys“ geworden. Das Modelabel, das vom Sohn eines sozialistischen Politikers und einem jüdischen Unternehmer gegründet wurde, hat sich schon mehrmals von Rechtsextremismus im Allgemeinen und den „Proud Boys“ im Besonderen distanziert. Als Folge dieser Aneignung durch die „Proud Boys“ stellte die Marke den Verkauf ihres schwarz-gelben Polohemds in Nordamerika vorübergehend ein (vgl. Guardian).

Organisation und Struktur

Genaue Mitgliederzahlen der „Proud Boys“ sind bislang unbekannt. Ihre Twitter- und Facebook-Profile hatten mehr als 20.000 Fans, bevor die „Proud Boys“ von vielen Social-Media-Netzwerken deplatformed wurden (vgl. Forbes). Auch PayPal, Mailchimp und iTunes haben mittlerweile die „Proud Boys“ verboten. Seitdem ist Telegram ein wichtiges Medium für die Gruppe: Dort haben die „Proud Boys“ knapp 6.000 Abonnent*innen. Auf den Plattformen „Gab“ und „Minds“ hat die Gruppe jeweils 2000 und 1000 Follower.

Laut ihrer Webseite haben die „Proud Boys“ regionale Ableger in 44 US-Bundesstaaten, sowie in Kanada, Australien, Israel, Japan, China und diversen europäischen Ländern. Rekrutiert werden vor allem Männer zwischen 15 und 30 Jahren. Wie groß diese Gruppen tatsächlich sind, lässt sich nicht verifizieren. Für Deutschland ist auf der Webseite der Gruppe lediglich eine Gmail-Adresse gelistet, wo Interessenten sich melden können. Der Präsident des „Proud Boys“-Ablegers in Los Angeles, der anonym blieb, sagte 2018 der „Los Angeles Times“, dass seine Ortsgruppe 160 Mitglieder und 300 Interessenten hätte.

Der Weg zur vollen Mitgliedschaft ist lang: Es gibt vier „Phasen“ der Einschwörung vom Treueid („Ich bin stolzer westlicher Chauvinist, der sich weigert, sich für die Schaffung der modernen Welt zu entschuldigen“) bis zur Tätowierung und Bekenntnis zum „Masturbations-Regime“ (Alle heterosexuelle Mitglieder dürfen nur einmal im Monat onanieren, Pornografie ist verboten – vgl. The Daily Beast). Als letzter Schritt müssen potenzielle Mitglieder angeblich eine Massenschlägerei gegen Antifaschist*innen initiieren (vgl. Wired, Southern Poverty Law Center).

Auch zur Gruppe gehört die paramilitärische Organisation „Fraternal Order of the Alt-Knights“, die 2017 in Kalifornien von Kyle Chapman (Alias: „Based Stickman“) gegründet wurde. Die Gruppe wird als „taktischer Verteidigungsarm“ der „Proud Boys“ bezeichnet. Die „Fraternal Order of the Alt-Knights“ tritt bei Demonstrationen in selbstgebastelter, mittelalterlich anmutender Rüstung und bewaffnet mit Pfefferspray, Hammer, Schlagstöcken und Taser auf (vgl. Southern Poverty Law Center).

Rechtsradikale Schlägertruppe

Vor allem auf der Straße zeigen die „Proud Boys“ eine große – und gewaltvolle – Präsenz. Im August 2017 nahmen Mitglieder neben Neonazis und Mitgliedern des Ku-Klux-Klans an der „Unite the Right“-Demonstration in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia teil. Einer der Veranstalter war Jason Kessler, ein selbsternannter „White Supremacist“ und „Proud Boy“. Die antifaschistische Aktivistin Heather Heyer wurde auf der Demo ermordet und 19 weitere Gegendemonstrant*innen verletzt, nachdem ein Rechtsextremer sein Auto gezielt in eine Menschenmasse fuhr.

Screenshot aus einem Video eines Angriffs auf einen Black-Lives-Matter-Demonstranten.

2019 wurden zwei Mitglieder der „Proud Boys“ in New York zu Haftstrafen verurteilt, nachdem sie antifaschistische Demonstrant*innen im Oktober 2018 zusammenschlugen. Kurz davor hatte Gavin McInnes eine Rede im Metropolitan Republican Club in Manhattan gehalten. Acht weitere „Proud Boys“ waren auch an dem Angriff beteiligt und wurden zu milderen Strafen verurteilt (vgl. BBC).

Im Juni 2020 attackierten fünf „Proud Boys“ einen „Black Lives Matter“-Demonstranten in Seattle. In einem Video des Angriffs sind maskierte und uniformierte Anhänger der Gruppe zu sehen, die mit Schlagstöcken und Pistolen bewaffnet sind. Sie fliehen in einem Minibus ohne Kennzeichen vom Tatort.

Ende September 2020 versammelten sich mehrere Hundert schwerbewaffnete Anhänger der „Proud Boys“ in der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Angemeldet hatten sie 20.000 Demonstrant*innen, um gegen einen vermeintlichen „innerstaatlichen Terrorismus“ zu demonstrieren – so bezeichnen sie die aktuellen Proteste gegen rassistische Polizeigewalt in den USA (vgl. Spiegel). Es war nicht ihr erster Auftritt in Portland: Schon 2018 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Rechtsradikalen, darunter auch uniformierte „Proud Boys“, und antifaschistischen Demonstrant*innen. Die Stadt stufte den Vorfall als „Krawall“ ein.

Angefeuert von Trump

Vor diesem Hintergrund wäre es unter normalen Umständen verwunderlich, dass ein amtierender Präsident nicht nur verweigert, sich von einer gewaltbereiten und bewaffneten rechtsradikalen Gruppe zu distanzieren, sondern sie dazu auffordert, sich „bereit zu halten“. Aber nichts an der aktuellen Präsidentschaftswahl ist normal.

Screenshot aus der Telegram-Gruppe der „Proud Boys“.

In Telegram-Kanälen der „Proud Boys“ wird Trumps Kommentar bejubelt. Manche Mitglieder interpretieren seine Worte als Befürwortung ihrer gewaltbereiten Strategie. Andere berichten davon, dass es seit der Debatte viele neue Interessenten gäbe (vgl. New York Times). Enrique Tarrio, Vorsitzender der „Proud Boys“ in den USA, schreibt auf der Plattform „Parler“: „Standing by sir.“ Ein weiteres Mitglied, Joe Biggs, schreibt: „President Trump told the proud boys to stand by because someone needs to deal with ANTIFA…well sir! we‘re ready!!“ (Übersetzung: Präsident Trump sagte den Proud Boys, sie sollen sich bereit halten, weil er jemanden braucht, der sich um die Antifa kümmert. Naja, Sir! Wir sind bereit!)

Mit seinem Kommentar in der TV-Debatte hat Trump eine gewaltbereite rechtsradikale Gruppe angefeuert und womöglich zu Taten motiviert. Mehrere rechte Milizen haben schon angekündigt, Wahllokale „schützen“ zu wollen. Es wäre denkbar, dass auch die „Proud Boys“ ähnliche Einschüchterungsversuche wagen werden – auch im Fall einer Niederlage für Trump. Denn momentan wissen die „Proud Boys“: Sie haben einen Kumpel im weißen Haus.

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