Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

In den USA und Deutschland Warum Menschen an die Verschwörungsideologie von „QAnon“ glauben

Von|
"QAnon"-Fans mit Klapperschlangen-Flaggen ("Gadsen Flags") auf der "Querdenken"-Demonstration am 29.08.2020 in Berlin. (Quelle: Belltower.News/SL)

Wenn man auf den Berliner Anti-Masken-Demos nach Leuten der „QAnon“-Bewegung sucht, muss man sich nicht sehr anstrengen. Von Unter den Linden bis zum Großen Stern konnte man sich am letzten Augustwochenende an den Rand der Versammlungen stellen. Es dauerte nie länger als zwei Minuten, bis man eine Anspielung auf den Internet-Verschwörungsmythos „QAnon“ in der Menge entdeckte: den Buchstaben „Q“ oder das Kürzel „WWG1WGA (Where we go one, we go all – sinngemäß „Einer für alle, alle für einen“)“ auf einem Schild, die Klapperschlange auf gelbem Grund als Fahne, T-Shirts mit der Aufschrift „Rettet die Kinder“ („Gadsen Flag“, vgl. Wikipedia).

Worauf all diese Leute sich am ehesten einigen können: Den Mythos von Q

Eigentlich sollte gegen Masken demonstriert werden. Die „Querdenker“-Bewegung aus Stuttgart hatte dazu aufgerufen. Den „Querdenkern“ hatten sich andere Gruppen angeschlossen: die „Corona-Rebellen“, die sich Deutschlandweit in lokalen „Telegram“-Gruppen organisieren; Anhänger von prominenten „Telegram“- und „Youtube“-Verschwörungserzählern wie Oliver Janich, Ken Jebsen, Wolfgang Wodarg, Samuel Eckert, Xavier Naidoo, Attila Hildmann; Menschen mit dem goldenen Kreis und dem Slogan „erkennen, erwachen, verändern“ des Verschwörungserzählers Heiko Schrang auf den T-Shirts. Dazwischen: die rechtsextremen Reichsbürger, die behaupten, sie würden eigentlich im Deutschen Reich leben; die AfD, die Neonazis der NPD, Leute des rechten „Compact“-Magazins (mit einem Q auf dem Cover) und verschiedene kleinere rechtsextreme Gruppen.

Ein Demonstrant saß als Clown verkleidet und mit einer Klangschale meditierend vor dem Brandenburger Tor. Andere versuchten, mit der schwarz-weiß-roten Flagge des Kaiserreichs den Bundestag zu stürmen.

Worauf all diese Leute sich am ehesten einigen können: die Lehren von Q.

„Q“-Kaninchen geht auch mit Sexismus.

Ein Mann ohne Maske steht da am Freitagabend und schaut den anderen Demonstranten zu, die unter dem Brandenburger Tor „Schließt euch an“ skandieren. Er trägt ein weißes T-Shirt, auf dem vorn groß „Rettet die Kinder“ aufgedruckt ist. Um welche Kinder es gehe, frage ich. „In Deutschland verschwinden jedes Jahr Hunderttausende Kinder,“ sagt er, „das wissen Sie ja, oder?“.

Wenn Menschen in der Welt von „QAnon“ leben

Mit „Q“-Anhängern zu sprechen, ist nicht so einfach. Nicht, weil sie unfreundlich oder aggressiv wären – sondern weil sie schlicht in einer sehr anderen Welt leben. In der Welt von „QAnon“.

Der Mann mit dem „Rettet die Kinder“-T-Shirt heißt Rolf, ist Diplom-Informatiker und arbeitet als Pfleger bei einem Pflegedienst. Die Masken, glaubt Rolf, schaden mehr, als sie nützen. Aber wir reden nicht lange über Masken – schnell geht es darum, dass Deutschland nur ein Grundgesetz habe, dringend auch eine Verfassung brauche, aber dafür erst ein Friedensvertrag mit den USA und Russland nötig sei. „Aktuell sind wir ja noch besetzt“, sagt Rolf und schaut mich an.

Ein langes Transparent wird an uns vorbeigetragen. Bill Gates ist darauf zu sehen, in einer Propellermaschine, hinter der Euroscheine flattern, und die Spritzen wie Bomben abwirft. Heiko Maas, Angela Merkel, Markus Söder und Christian Drosten heben in einem Heißluftballon ab. „So einfach kommt ihr nicht davon“, steht darüber und eine schemenhafte Wikingergestalt schießt Blitze aus ihren Augen auf Drostens Jackett.

„QAnon“ entstand Ende Oktober 2017 in dem Forum „4Chan“. Unter dem Pseudonym „Q“ postet ein Account dort kryptische Texte und Links zu Donald Trumps vermeintlichen Kampf gegen Hillary Clinton und eine angebliche Geheimorganisation, die Kinder quäle und die Weltherrschaft an sich reißen wolle. Anhänger untersuchen und deuten seitdem die Posts, die sogenannten „Q-Drops“, auf „4Chan“, „Reddit“, auf ihren Blogs, auf „Discord“, in „Youtube“-Streams, in Podcasts, in „Facebook“-Gruppen, auf „Telegram“, „Instagram“,“Twitter“ und „Tiktok“. Viel in der Welt von „QAnon“ wird nur geraunt – Deutungen gibt es so viele wie Youtube-Kanäle und Foren, die Qs Nachrichten interpretieren.

Adrenochrom und Kabale – das Vokabular der QAnon-Bewegung

Was in den Diskussionen, in den unzähligen Telegram-Gruppen zu Q und auf der Demo ankommt: eine bizarre Erzählung, die von Kindern handelt, die in Tunneln überall unter der Erde gefangen gehalten würden, die von den Eliten („die Kabale“) gequält würden, damit ihre Zirbeldrüsen Adrenochrom produzierten – ein Stoffwechselprodukt, das diese Eliten dann wiederum als Wunderdroge nutzen sollen.

Wie viele „QAnon“-Anhänger es in Deutschland gibt, ist schwer zu sagen. Seit Corona die Nachrichtenlage in Deutschland bestimmt, sind die Teilnehmer-Zahlen in digitalen deutschsprachigen „Q“-Gruppen explodiert: „Qlobal Change“, einer der größten Kanäle auf Telegram, hat etwas über 120.000 Abonnenten.

Der Teil mit den Kindern in den Tunneln geht Rolf etwas zu weit. Aber mittlerweile hat sich seine Lebenspartnerin mit einer Freundin zu uns gestellt – beide tragen weiße „Rettet die Kinder“-T-Shirts und erzählen von der angeblichen Kabale aus Hollywood und den angeblichen Beweisen für die Adrenochrom-Folter, als würde darüber schon seit Jahren in der Tagesschau berichtet.

„Q“ vor dem Brandenburger Tor.

„QAnon“ – die erste Religion aus dem Internet

Der Glaube an „Q“s Erzählungen hat sich seit Oktober 2017 um die Welt verbreitet. In den USA sprechen Beobachter von einer der ersten Religionen, die sich im Internet entwickelt hat (vgl. The Atlantic). Evangelikale Pastoren beklagen dort, dass Menschen aus ihren Gemeinden sprichwörtlich vom Glauben abfallen und jetzt „Q“s Botschaften auf Facebook teilen (vgl. Religious News).

„‚QAnon‘ erinnert an eine ‚jüdische Weltverschwörung 2.0‘ mit einem global agierenden, abgrundtief bösen und allmächtigen Deep State. Dieser schreckt nicht einmal vor Kindern zurück – angeblich quält er sie und trinkt sogar ihr Blut“, erklärt mir Josef Holnburger in einer E-Mail. Holnburger beschäftigt sich mit Political-Data-Science und beobachtet die „Telegram“-Kanäle der Szene. „Das erinnert nicht ohne Grund an die Ritualmordlegende des Mittelalters, die man dann auch beim Antisemitismus des 20. Jahrhundert genutzt hat, um Stimmung gegen Jüdinnen und Juden zu verbreiten“, so Holnburger.

Mehrere Gewalttaten stehen in Verbindung mit dem Glauben an „Q“. Seit Mai 2019 führt das FBI die Verschwörungserzählung „QAnon“ als „terroristische Bedrohung“ (vgl. Yahoo News). Währenddessen scheint Donald Trump selbst die Verschwörungserzählung, die ihn ja als Held darstellt, wohlwollend aufzunehmen: „Wie ich verstehe, mögen sie mich sehr, was ich zu schätzen weiß“, sagte Trump als eine Reporterin ihn auf „QAnon“ ansprach. Er habe gehört, dass „QAnon“ an Popularität gewinne und „dass es Leute sind, die unser Land lieben.“ (vgl. Spiegel). Im amerikanischen Bundesstaat Georgia hat eine „QAnon“-Anhängerin gute Chancen, für die Republikaner in den Kongress einziehen (vgl. New York Times) . Die Republikanische Partei in Texas verkauft „QAnon“-Slogans auf T-Shirts als offizielles Merchandise – bestreit aber, dass das etwas mit „QAnon“ zu tun habe (vgl. New York Times).

„Q“s Debut in Deutschland: Der Attentäter, der im Februar 2020 in Hanau neun Menschen, seine Mutter und sich selbst erschoss, berief sich unter anderem auf die Erzählung von „QAnon“ (vgl. ZEIT).

Ist das Internet schuld an „QAnon“?

Schwer zu begreifen ist dabei, wie Menschen in eine völlige Fantasiewelt abgleiten können. Wenn „QAnon“ eine Internetreligion ist und sich vor allem über soziale Netzwerke ausbreitet – sind das Internet und soziale Netzwerke dann schuld daran?

„’QAnon‘ ist eine neue Form der Verschwörungserzählung“, erklärt mir Katharina Nocun am Telefon. Nocun hat zusammen mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty ein Buch über Verschwörungsglauben geschrieben (vgl. Belltower.News). „Die Thesen von ‚Politikern als Marionette‘ und ‚Lügenpresse‘ gab es in den 70ern auch schon. Schon zu Zeiten der Spanischen Grippe gab es Mythen, dass Bayer das Virus mit Aspirin verbreiten würde. Der Glaube an Verschwörungsmythen hat seit der Verbreitung des Internetanschluss nicht unbedingt zugenommen“, so Nocun.

Laut Nocun neigen Menschen aber vor allem in Krisenzeiten dazu, Muster zu sehen, wo keine Muster sind – und bei großen Ereignissen nach einer großen Ursache zu suchen. „Das Internet hat das Problem sichtbarer gemacht“, sagt sie.

Große „Q“-Fahne.

Als ich Rolf frage, wie es sein kann, dass unser Verständnis von der Welt sich so derart unterscheidet, sagt er: „Ich kann mir vorstellen, wie das auf dich wirkt. Vor zehn Jahren hätte ich auch von mir selbst gedacht: ‚Der hat doch ’ne Klatsche‘.“

Sein Weltbild wirkt jetzt wie aus zwei Teilen zusammengesetzt. Der erste Teil davon sind Zweifel an der Kohärenz der Welt, wie er sie im Fernsehen sieht – und wie er sie selbst erlebt: „Wieso hieß es erst, Masken bringen nichts, und dann sollen wir doch welche tragen?“, fragt der Pfleger. „Jahrelang erzähle ich den alten Menschen, dass sie gesund essen und an die frische Luft gehen sollen – jetzt sollen sie in ihrem Zimmer bleiben und ich stelle ihnen abgepacktes Essen vor die Tür? Was ist mit den alten Leuten, die lieber sterben wollen, als plötzlich von ihren Liebsten getrennt zu sein?“

Überhaupt, Medizin: „Die Leute, die ich betreue, kriegen 30 verschiedene Tabletten, und denen geht’s immer schlechter. Wieso warnen alle vor multiresistenten Keimen, aber die Fleischindustrie darf haufenweise Antibiotika ins Futter kippen? Und was ist eigentlich mit den Kindern, die in Afrika verhungern? Da konnte man nie was machen, aber bei Corona hier werden plötzlich alle Hebel in Bewegung gesetzt?“ Von Afrika kommen wir schnell zur Politik: „Wieso ist Russland im Fernsehen böse, aber an Saudi-Arabien verkaufen wir Waffen, obwohl die im Jemen Krieg führen?“

Aus Unverständnis, sagt er, habe er angefangen zu recherchieren. Seine Recherche hat ihn zu Youtube-Videos wie „Die Zerstörung des Corona Hypes“ geführt (vgl. SWR), zum Masken-Kritikern wie Sucharit Bhakdi, Wolfgang Wodarg, zum „Youtube“-Kanal „Verbinde die Punkte“, zu Verschwörungsideologenn wie Oliver Janich und Ken Jebsen, zu „Telegram“-Kanälen wie denen von Bodo Schiffmann und Samuel Eckert. „Das ist nicht so einseitig wie die Mainstream-Medien“, sagt Rolf.

Nur einen Klick von der Verschwörungserzählung entfernt

Jede von Rolfs neuen Quellen verbreitet entweder selbst „QAnon“-Inhalte – oder ist nur einen Klick davon entfernt: Neben Videos wie „Die Zerstörung des Corona Hypes“ und denen von Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg werden anderen Videos angezeigt, die nahelegen, dass der Möbel-Versandhändler Wayfair Kinder verkaufen würde (vgl. Heise.de). Oliver Janich dreht selbst Adrenochrom-Videos, Ken Jebsen redet gern von der Macht von Bill Gates und nimmt schummrig beleuchtete Sendungen zum angeblichen Deep State auf.

Weil die Verschwörungserzähler sich gegenseitig interviewen, verlinken und auf ihren „Telegram“-Kanälen ihre Posts teilen, ist dort gewissermaßen ein Kosmos der „alternativen Wahrheit“ entstanden. Dabei tauchen dort immer wieder Namen auf, die schon seit Jahren Mythen von geheimen Verschwörungen erzählen, wie Martin Lejeune oder der russische Propaganda Kanal Sputnik-News.

Rolf sagt, er findet die Berichte auf „Telegram“ oder „Youtube“ „objektiver“ als die „Mainstream-Medien“. Dort würden „beide Seiten“ zu Wort kommen. Tatsächlich betonen die Erzähler in den Videos gern, sie würden „Argumente dafür und dagegen liefern und ermuntern ihr Publikum: ‚Entscheide am Ende des Videos selbst‘.“ Was dann aber folgt, ist ein Montage aus Screenshots und Videoschnipseln – „Beweise“ – zusammengetragen aus den Tiefen des Internets. Nur: „Beweisen“ könnte man mit dieser Methode eigentlich alles, auch dass ein Elefant die erste Katze auf dem Mond war. Und meistens „beweisen“ die Videos natürlich, dass an der jeweiligen Verschwörungserzählung etwas dran sein müsse.

Der mysteriöse „Q“ ruft seine Anhänger auf: „Wenn du Zweifel hast, recherchiere selbst“. Und seine Anhänger recherchieren: Auf den Foren und in Telegram-Gruppen sezieren sie „Q“s Posts wie Evangelikale sonst Bibelverse, spekulieren über die „wahren Mächte“, teilen Links zu Breitbart- und Foxnews-Artikeln über Trump und Youtube-Videos, die „beweisen“, wie in Hollywood Kinder gehandelt würden.

Rolfs Lebenspartnerin sagt: „Ich werde selbst aktiv und schaue nach, was ich noch dazu finde.“ Ihre Freundin ergänzt: „Wenn du offen bist, kommt die Wahrheit zu dir.“ Wie entscheiden sie, was sie glauben? „Bauchgefühl.“

Die perfekte Verschwörungserzählung für das Internet

Gewissermaßen ist „QAnon“ die perfekte Verschwörungserzählung für das Internet: Was in der realen Welt passiert, ist verwirrend, selten schlüssig und logisch. Viele Menschen finden die reale Welt ungerecht, fühlen sich unfair behandelt und können sich vorstellen, dass in Wahrheit jemand anderes von dieser Ungerechtigkeit profitiert.

„Es gibt Menschen, die ein instrumentelles Verhältnis zu Verschwörungserzählung haben. Das gibt ihnen ein positives Gefühl, daran zu glauben, dass sie die Auserwählten sind“, sagt die Autorin Katharina Nocun am Telefon. „Vor allem in Krisenzeiten neigen Menschen dazu, Muster zu sehen, wo keine Muster sind. Menschen neigen auch dazu, bei großen Ereignissen nach einer großen Ursache zu suchen.“

QAnon greift diese Idee der heimlichen Profiteure auf und macht daraus eine Weltverschwörung.

„Q“ vor dem Brandenburger Tor.

Die „Weltverschwörung“ brennt auf „Facebook“, „Youtube“, „Google“ und „Telegram“ wie Zunder

„’Facebook‘ und ‚Youtube‘ haben vor einigen Jahren ihre Algorithmen umgestellt und optimieren nicht mehr auf Verweildauer auf der Plattform, sondern auf Interaktion – ‚Time well spent‘ oder ‚meaningful Interaction‘ nennen die das“, erklärt mir Simon Hegelich am Telefon (vgl. The Verge). Hegelich ist Professor für Political-Data-Science an der TU-München und forscht zu Verschwörungserzählungen rund um Covid-19. „Reaktionen lösen vor allem übertriebene Meldungen aus, bei denen die Menschen denken: ‚Was ist denn da los, das muss ich teilen, da stimmt ja etwas gar nicht‘“, so Hegelich. „Der Algorithmus zeigt solche provozierenden Posts dann noch mehr Menschen. Weil diese Menschen dann auch wieder empört reagieren, geht der Algorithmus davon aus, dass er richtig gelegen hat. Das System schaukelt sich selbst hoch.“

Dass „Q“ in den Posts zu einer gemeinschaftlichen, digitalen Schnitzeljagd aufruft („recherchiert selbst“), stachelt die Algorithmen dabei nur noch mehr an. „Bei ‚Pizzagate‘ (vgl. Wikipedia) hat man beobachten können, wie die Internetgemeinde angefangen hat, zu spekulieren, statt nur passiv zu konsumieren. Die Menschen haben das Gefühl, Teil der Community zu sein, die aufdeckt, was wirklich passiert. Das hat einen unglaublich starken Effekt auf die Algorithmen der Netzwerke“, erklärt Hegelich. Jeder Kommentar zu einem Post oder Video in „Q“s digitaler Schnitzeljagd signalisiert den Algorithmen: hier findet „meaningful interaction“ statt. Auch wenn der Inhalt noch so bizarr oder abgedreht ist.

„’Facebook‘ versucht oft, Probleme zu reparieren, wie vor kurzem mit der Löschung der ‚QAnon‘-Gruppen. Aber: ‚Facebooks‘ Grundproblem ist das Geschäftsmodell. Aktuell verdient ‚Facebook‘ daran, wenn ein Post viral geht und damit interagiert wird. Solange die Aufmerksamkeitsmaschinerie bedient wird, sind alle anderen Sachen nachgelagert“, erklärt der Forscher. „’Facebook‘ treibt die Spaltung der Gesellschaft voran.“

„QAnon“ und die Mechanismen des Boulevardjournalismus

Ein großer Teil der „QAnon“-Erzählungen ist dabei um Hollywood-Stars und bekannte Politiker gewoben. Prominente werden oft gegoogelt – und besonders viel Traffic entsteht dabei, wenn über dem Video oder Blogpost eine besonders skandalöse Überschrift steht. „QAnon“ stützt sich dabei gewissermaßen auf die Mechanismen des Boulevardjournalismus: Nicht zufällig sind die zentralen Akteure dabei Donald Trump, Hillary Clinton, Johnny Depp, Tom Hanks oder Lady Gaga.

Die Tatsache, dass es in den letzten Jahren tatsächlich Missbrauchsfälle rund um Harvey Weinstein (vgl. tagesschau.de) und Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell (vgl. Spiegel) gegeben hat, ist dabei Wasser auf „QAnons“ Mühlen. Und natürlich gab es in diesen Fällen Menschen aus dem Umfeld von Weinstein und Epstein, die das ermöglicht haben – und sei es auch nur mit ihrem Schweigen. Aber für die „QAnon“-Gemeinde ist damit klar, dass ganz Hollywood in den vermeintlichen Adrenochrom-Skandal verwickelt sein muss. Die „Beweise“: Wie sonst, außer mit einer Wunderdroge, würden Hollywood-Stars immer so jung aussehen?

Abgesehen davon liefert Hollywoods Showbusiness naturgemäß auch viel abgefahrenes Bild- und Videomaterial, aus dem sich noch abgefahrene „Youtube“-„Wahrheiten“ montieren lassen. So veranstaltet die Künstlerin Marina Abramović gelegentlich Kunst-Performance-Dinners mit dem Titel „Spirit Cooking“ (vgl. Wikipedia). Die Events und die Gäste sind edgy – auf den Fotos sieht es später so aus, als hätte sie dort zusammen mit Lady Gaga Menschen gegessen (vgl. New York Times). In der gemeinschaftlichen, digitalen „QAnon“-Schnitzeljagd werden die Bilder als „Beweis“ dafür gesehen, dass die Künstlerin Marina Abramović Satanistin sein müsse und Hals über Kopf in die Adrenochrom-Verschwörung verstrickt sei – zusammen mit dem Rest von Hollywood.

Wie „QAnon“ mit dem „Google“-Algorithmus spielt

Unzählige Blogbeiträge von „QAnon“-„Rechercheuren“ haben dafür gesorgt, dass die „Google“-Bildersuche jetzt Fotos von Hillary Clinton (und Christian Drosten) anzeigt, wenn man „Spirit Cooking“ eingibt. Je mehr über die angebliche satanistische Verschwörung geschrieben wird, desto höher rankt sie in „Google“, desto mehr Menschen finden sie, desto mehr wird darüber geschrieben.

Auch etablierte Magazine und Zeitungen nehmen die „QAnon“-Begriffe dann auf in ihre Überschriften – wohl nicht zuletzt, weil Redakteure wissen: Das klickt gut. „Wie Marina Abramović zur Satanistin wurde“ überschreibt das Kunst-Magazin „Monopol“ einen Artikel. Marina Abramović sagte vor kurzem in einem Interview in der „New York Times“, dass sie täglich ungefähr drei Morddrohungen bekomme.

In einer aktuellen Studie zeigt der Münchner Professor Hegelich, dass Berichte in etablierten Medien, die Verschwörungserzählungen unterstützen, weit mehr Nutzer erreichen als alternative Quellen wie private Blogs oder Propaganda-Seiten wie „Infowars“ (vgl. Misinforeview).

Wie „QAnon“ Data-Voids besetzt

„QAnon“-Erzählungen konzentrieren sich aber nicht nur auf bekannte Begriffe, sondern besetzen auch Begriffe, die vorher im Internet so gut wie nicht vorkamen: So genannte Data-Voids – Daten-Leeren (vgl. Datasociety.net). Der Begriff Adrenochrom führte seit einer Studie in den 50er Jahren eher ein Schattendasein – bis die „QAnon“-Leute ihn besetzten (vgl. Belltower.News). Weil sich fast niemand sonst dafür interessiert, stehen jetzt fast alle „Google“-Treffer zum Begriff in Verbindung mit der „QAnon“-Erzählung: Rund die Hälfte davon stammt von „QAnon“-Anhängern selbst – die andere Hälfte von etablierten Medien, die über die obskuren Adrenochrom-Erzählungen der „QAnon“-Anhänger berichten.

Beide Effekte, der „Spirit-Cooking“-Effekt und der Data-Void-Effekt, sorgen dafür, dass „QAnon“-Anhänger auf der Demo in Berlin nur sagen müssen: „Googel doch mal Adrenochrom oder Spirit Cooking oder WWG1WGA“ – alle „QAnon“-Begriffe führen in den selbstreferenziellen „QAnon“-Kosmos.

„Wenn du erstmal anfängst zu recherchieren, kommst du vom Hölzchen auf Stöckchen“, sagt Rolfs Freundin auf der Demo vor dem Brandenburger Tor.

 

Weiterlesen

Unsere Partnerportale
Eine Plattform der