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Xavier Naidoo Dieser Weg führt endgültig in die Verschwörung

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Xavier Naidoo (Quelle: dpa)

Aber auch Stimmen von außerhalb des Musikjournalismus melden sich. Das neurechte Verschwörungs-Magazin „Compact“ jubelt auf seiner Website „Xavier Naidoo ruft zum Widerstand“, was dann auch prompt von der NPD Rhein-Neckar auf Twitter geteilt wird.

 

„Volksverräter‘: Xavier Naidoo ruft zum Widerstand! https://t.co/dTxelTIoxt

— NPD Rhein-Neckar (@NPDRheinNeckar) 27. April 2017

Naidoo ist in den letzten Jahren immer wieder durch Nähe zu zweifelhaften Ideologien aufgefallen: er trat bei Demos aus dem Umfeld der Reichbürger und der neuen Friedenbewegung auf, verbreitete Verschwörungsideologien zu 9/11 und anderen Themen, veröffentlichte zusammen mit Kool Savas „Wo sind“, einen Song, in dem zum Beispiel diese Passage vorkommt, wegen der ihm Homofeindlichkeit vorgeworfen wurde:

 

– Achtung, expliziter Inhalt!  –

„Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

Trotz allem ist Xavier Naidoo immer noch gern gesehener Gast in der deutschen Fernsehlandschaft. Drei Staffeln lang moderierte er auf Vox „Sing deinen Song“ und war gar Protagonist einer Hochglanz-Doku über sich selbst. Vox sah keinen Anlass, sich von Naidoo zu trennen, da sich der Sänger „von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen deutlich distanziert“ habe. Wie so eine Distanzierung aussieht, konnte man dann im Stern-Interview lesen, in dem Naidoo seine Sicht auf 9/11 und Deutschlands fehlender Souveränität nochmal zum Besten gab. Erst im März 2017 moderierte Naidoo noch die Echo-Verleihung.

Schon am vergangenen Wochenende hatte es der neue Song „Marionetten“ auf den YouTube- Kanal der Band geschafft. Kurze Zeit später wurde er wieder gelöscht. Textlich ist das Ganze ein Potpourri aus Verschwörungsideologien, Pegida-Parolen und Drohungen. Einen Unterschied zu den Texten von Verschwörungsrappern findet sich mittlerweile praktisch nicht mehr.

Die Aktivistengruppe GenFM hat den Text dokumentiert. Wir stellen hier einige Passagen heraus und erklären, welche Geisteshaltung dahinter steht.

„Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter?Merkt ihr nicht ihr steht bald ganz allein.Für Eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter.“

„Ihr“, das sind für Naidoo, wie sich später herausstellt, vor allem Politiker_innen und Medien. Politiker_innen, die offenbar manipuliert und von außen gelenkt werden. Die eigentlichen „Puppenspieler“ bleiben im Hintergrund und werden vom Publikum, dem „Volk“ also, nicht wahrgenommen. Eine Argumentation, die wenigstens strukturell antisemitisch ist. Juden werden hier gar nicht erwähnt, müssen sie aber auch nicht, denn dem geneigten Hörer oder der geneigten Hörerin wird sofort klar, wer denn nun diese „Puppenspieler“ sein müssen, die – klassischen antisemitischen Stereotypen entsprechend – im Hintergrund die Fäden in der Hand halten. Die Neonazi-Band „Faustrecht“ benutzt das exakt gleiche Bild auf ihrem indizierten Debüt-Album „Blut Schweiß und Tränen“: „Seit dem Mittelalter zieht ihr die Fäden, lasst Regierungen nach eurem Sinne reden.“

Wie GenFM anmerkt, ist der Begriff „Sachverwalter“ oder Sachwalter beliebt bei Reichsbürgern. Behörden oder Beamte haben in der Welt der Verschwörungsideologen keine wirklichen Befugnisse, sondern verwalten nur oder sind Angestellte der “BRD GmbH”.

„Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdrehtwerden wir einschreiten.Und weil ihr euch an Unschuldigen vergehtwerden wir unsere Schutzschirme ausbreiten.“

Hier könnte auch stehen: „Lügenpresse“. Ganz im Weltbild von Pegida singen die Söhne Mannheims von den „verdrehten Tatsachen“. Medien lügen, um das „unschuldige Volk“ zu unterdrücken. Gleichzeitig wird eine Verbindung zu Kindesmissbrauch angedeutet. An den „Unschuldigen“ wird sich „vergangen“. Das werden Naidoo und Band später im Song nochmal präzisieren.

„Ihr seid blind für Nylonfäden an Euren Gliedmaßen und hat man Euch im Bundestags-WC, twittert ihr eure Gliedmaßen.“

Am 9. November 2014, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, sollte in der Berliner Volksbühne eine Veranstaltung zum Thema „Kriegsverbrechen Israels“ stattfinden. Die Referenten David Sheen und Max Blumenthal gelten als extreme Antizionisten, die die israelische Politik immer wieder mit dem Nationalsozialismus vergleichen. Die Veranstaltung wurde abgesagt, Gregor Gysi verhinderte, dass die Referenten in den Räumen der Linke-Fraktion im Bundestag sprechen durften. Daraufhin verfolgte David Sheen mit gezücktem Handy Gysi durch die Gänge des Bundestages bis in eine Toilette, um ihn „zur Rede“ zu stellen. Der Vorfall erregte großes Aufsehen und die Linke – zwei Abgeordnete hatten Sheen und Blumenthal eingeladen – musste sich Antisemitismus-Vorwürfen stellen. In der Welt der „israelkritischen“ Verschwörungstheoretiker wurde Sheens Video indes gefeiert, offenbar genauso wie in „Marionetten“

Mehr Infos über Antisemitismus im Gewand der Israelkritik finden Sie auf „Nichts gegen Juden„.

„Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter. Teile Eures Volks nennen Euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter.“

Tatsächlich nennen Teile des „Volkes“ Politiker_innen „Volksverräter“. Dummerweise die besonders unangenehmen Teile. Sowohl bei Pegida- als auch bei noch extremeren Aufmärschen von Rassist_innen und Neonazis, gehört der „Volksverräter“-Ruf zum guten Ton. Unter anderem ist er auch in einem Video zu hören, dass beim Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau aufgenommen wurden.

„Alles wird vergeben wenn Ihr einsichtig seid, sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid.“

Und nochmal bedienen sich die Söhne Mannheims direkt bei der Geisteshaltung von Pegida. Die frühere First Lady der Bewegung, Tatjana Festerling, hatte bei einer Legida-Demonstration in Leipzig gesagt: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“ Der Deutsche Journalistenverband (DJV) hatte deswegen eine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen Festerling erstattet.

„Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheater. Denn Ihr wandelt an den Fäden wie Marionetten, bis wir Euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen.“

Hier geht es nicht nur wieder um unsichtbare Kräfte, die Politiker_innen wie Puppen oder Marionetten spielen, sondern auch um „Babylon“. Ein Bild aus HipHop und Reggae, dass die „Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung“ als klar antiwestlich einstuft: „‚Babylon‘ als Metapher für einen ‚lebensfeindlichen‘ (Welt)Staat und sein Wirtschaftssystem“. Auch hier lassen antisemitische Untertöne nicht lange auf sich warten. Verschwörungsideologien, die sich gegen eine angebliche “Neue Weltordnung” richten, an deren Ende oft eine „Weltregierung“ steht, sehen regelmäßig dunkle Mächte im Hintergrund walten, die im Zweifelfall gerne jüdisch sind.

Mehr dazu finden Sie in unserer Broschüre „No World Order – Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären

„Und etwas Namens Pizzagate gibts ja doch noch auf der Rechnung.“

Während der letzten Präsidentschaftswahlen in den USA wurde zunächst auf den Internetseiten Reddit und 4can behauptet, dass Lady Gaga regelmäßig Kinderblut trinke, um Satan zu huldigen und dass Barack Obama Kindersex-Orgien im Weißen Haus feiere. Vor allem aber, dass Hillary Clinton im Zentrum eines Pädophilie-Rings stehe, der aus dem Keller der Washingtoner Pizzeria „Comet Ping Pong“ operiere. Außerdem enthalte das Logo der Pizzeria eindeutig satanische Symbole. Obwohl diese Theorien nicht unbedingt glaubwürdig erscheinen und von renommierten Zeitungen auseinander genommen wurden, wurde „Pizzagate“ zum Thema. Am 4. Dezember 2016 stürmte schließlich Edgar Welch in das Restaurant und schoss um sich. Er wollte die versteckten Kinder aus dem Keller befreien. Gefunden wurden weder entführte Kinder noch ein Keller. Welch befindet sich in Haft.

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