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Yoga in der Pandemie Mit Aluhut auf der Matte

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Namaste: Ein klarer Himmel bedeutet keine Chemtrails.
Namaste: Ein klarer Himmel bedeutet keine Chemtrails. (Quelle: Wesley Tingey/Unsplash)

„Darf ich hier reinkommen, ich bin geimpft?“, fragt eine Interessentin vorsichtig bei ihrer ersten Probestunde im Berliner Yogastudio „Körperklang“. „Ja natürlich“, antwortet die Yogalehrerin Elisa Kallaus irritiert: „Wieso dürftest du nicht mitmachen?“ In einem anderen Yogastudio habe die Teilnehmerin erfahren, dass Geimpfte unwillkommen seien – weil sie den Impfstoff an Nicht-Geimpfte übertragen würden. Kein Einzelfall in der Yogawelt: Eine Stammkundin im Studio erzählt von einer ähnlichen Erfahrung aus ihrem Freundeskreis. Auch auf Social Media sind solche Geschichten leicht zu finden: Yogalehrende behaupteten, Geimpfte würden andere Menschen anstecken oder sie gar unfruchtbar machen.

Über diese Impfskepsis in der Szene ist die Yogalehrerin Kallaus zwar schockiert aber nicht vollkommen überrascht. Seit 22 Jahren praktiziert die inzwischen 36-jährige Berlinerin Yoga, seit 14 Jahren ist sie selbst Lehrerin und betreibt ein eigenes Studio in Berlin-Friedrichshain zusammen mit anderen Yogi:nis. Als sie damals mit 14 anfing, war Yoga noch eine esoterische Nische weit entfernt vom Mainstream. „Meine Großeltern haben das für sektenartiges Zeug gehalten und haben sich Sorgen gemacht“, erzählt Kallaus gegenüber Belltower.News. Nicht ohne Grund. Denn tatsächlich ist die junge Kallaus in der Szene immer wieder Menschen begegnet, die der rechtsextremen „Reichsbürger“-Ideologie nahestehen – auch wenn solche Positionen längst nicht repräsentativ für die Yogawelt sind. Seitdem boomt die Branche – doch das gilt auch für Impfskepsis, Esoterik und Verschwörungsmythen. Ein Problem für die pragmatische Kallaus, die ein wissenschaftliches Studium absolviert hat: „Ich sehe mich nicht als jemanden, der total abgespacet alles Mögliche glaubt“.

Mit der Covid-19-Pandemie hat diese Tendenz in der Yogawelt Fahrt aufgenommen: 5G-Strahlungen, QAnon, Chemtrails, Impfchips – die üblichen Narrative der Verschwörungsideolog:innen fallen in der Szene auf fruchtbaren Boden. Kallaus hat den Eindruck, dass einige Yogi:nis solche Mythen bereits vor der Pandemie kannten oder glaubten, nun ist es allerdings möglicher und akzeptabler geworden, darüber zu sprechen. „Dabei musste ich feststellen: das ist nicht nur ein Randphänomen und war es vielleicht auch nie“, so Kallaus.

Kritisch im Geist

Ein prominentes Beispiel: der Schwurblerhit „Awake“ von Janin Devi und André Maris, der im ersten Lockdown im Mai 2020 veröffentlicht wurde und inzwischen mehr als 180.000 Aufrufe auf YouTube hat. Das Duo beschreibt ihre Musik als „Spirit Pop“ und tritt häufig in der Yogaszene auf, ihre Alben tragen Titel wie „Heldenreise“ oder „Heimwärts“. Ein wiederkehrendes Motiv: Die Suche nach sich selbst. Im Musikvideo für den Song, in dem zahlreiche Yogalehrende mitwirken, werden Schilder hochgehalten, auf dem zum Beispiel das durchgestrichene Wort „Zwangsimpfung“ oder „Bill is rich enough! $$$“ steht – in Bezug auf den Microsoft-Gründer Bill Gates, ein Lieblingsfeind der verschwörungsideologischen Szene. Im Refrain heißt es, man solle wach und kritisch im Geist bleiben und die Meinung sagen. Konkret bedeutet das in einer Strophe: „Wo sind die Argumente für diesen Lockdown? Die Erklärungen bisher reichen wohl kaum. Südkorea und Schweden machen es vor. Die Zahlen sind nicht schlechter doch wir schreien nur im Chor: ‚Impfung ist unsere einzige Chance, Lockdown alternativlos‘. Keineswegs! Es geht wie immer ums Geld, es geht um neue Gesetze, um eine neue Welt“.

Screenshot aus dem Musikvideo „Awake“ von André Maris und Janin Devi.

Mit diesen Zeilen bedient das Duo das verschwörungsideologische Narrativ einer „New World Order“ und ignoriert die wissenschaftlich belegte Wirksamkeit von Infektionsschutzmaßnahmen wie Impfungen und Lockdowns. Stattdessen seien Profit und Kontrolle das ominöse Ziel der Pandemie – eine verschwörerische Erzählung, die im „Querdenken“-Spektrum weit verbreitet ist. Ein anderes Lied richtet sich gegen eine „gefährliche Establishment-Presse“, die sich Verschwörungsideolog:innen und „Reichsbürger:innen“ auf „Querdenken“-Demonstrationen ausgedacht hätte – ein Narrativ, das stark an die „Lügenpresse“-Parolen von Rechtsaußen erinnert. Im „Querdenken“-Milieu haben die beiden Musiker:innen offenbar viele Fans: Das Musikvideo für „Awake“ wird auf Kanälen der Bewegung geteilt. Und tatsächlich sind Janin Devi und André Maris bereits mehrfach auf „Querdenken“-Demonstrationen aufgetreten, wie beispielsweise am 11. Juli 2020 in Stuttgart oder am 29. August 2020 in Berlin.

Die Yogawelt scheint besonders anfällig für Impfgegnerschaft, Coronaleugnertum und Verschwörungsideologien zu sein. Doch woran liegt das? Zum einen sind Yogastudios von der Pandemie wirtschaftlich hart betroffen: viele sind von Insolvenz bedroht, einige sind schon in Konkurs gegangen. Die Yogalehrerin Elisa Kallaus berichtet von einem Umsatzeinbruch von 50 Prozent: „Es ist ein finanzieller Stress, auf jeden Fall“. Zum anderen ist in den Biografien von Yogi:nis immer wieder von persönlichen Krisen und körperlichen Problemen zu lesen – wie Depression, Krankheiten, Trauer oder Verlust. Sie sind auf der Suche nach Antworten und Lösungen – und werden fündig. Denn Yoga wirkt und hilft tatsächlich vielen Menschen. „Viele Yogalehrende sehen sich auch als Heiler:innen – natürlich ohne Ausbildung oder ohne, dass es einen therapeutischen Kontext gäbe“, erklärt Kallaus. Und das könnte ein Grund sein, warum viele in der Yogaszene glauben, über die Gesundheit von anderen entscheiden zu können.

Yoga gegen Rechts

Diese Einschätzung teilt Anna, die in Wirklichkeit anders heißt, hier aber lieber anonym bleiben möchte. Zusammen mit 15 anderen Yogaliebhaber:innen gründete sie die Initiative „Shantifa – Yogi:nis gegen Rechts“ – ein Wortspiel aus dem Sanskrit-Begriff „Shanti“, zu Deutsch Frieden, und „antifaschistischer Aktion“. Die anonyme Gruppe bildete sich im vergangenen August als Gegenstimme zu antidemokratischen Teilen der Yoga-Szene, die an „Querdenken“-Demonstrationen teilnehmen. Auf Facebook und Instagram postet die Initiative kritische Beiträge zum Rechtsruck in den eigenen Reihen. Auf Facebook heißt es etwa: „Für uns ist klar: Yoga ist nicht vereinbar mit Xenophobie, Homophobie, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Sozialdarvinismus, ebenso wenig mit Ultrakapitalismus, Neoliberalismus und Wissenschaftsfeindlichkeit“.

„Wer Yoga macht, merkt, dass es positiv auf die Gesundheit wirkt“, erzählt Anna von der „Shantifa“ im Gespräch mit Belltower.News. „Die Leute werden gesünder und glücklicher“. Das hat aber auch eine Kehrseite: „Da kann bei manchen eine eigenartige Arroganz daraus entstehen: Sie meinen, dass sie für ihre gute Gesundheit selbst verantwortlich sind. Und daraus entsteht im Umkehrschluss: Wer nicht gesund ist, ist selbst schuld“. Anna spricht von einem Sozialdarwinismus in Teilen der Yoga-Blase.

Doch es gibt auch strukturelle Gründe: Denn die Sanskrit-Texte, auf denen das Yoga basiert, laden dazu ein, viel zu interpretieren. „Dadurch, dass Sanskrit so eine Vielschichtigkeit an Bedeutungen haben kann, die wir teilweise nicht mehr verstehen können, nehmen Leute einfach unterschiedliche Dinge raus“, so die Yogalehrerin Kallaus. Begriffe wie Erleuchtung und Energie bieten viel Interpretationsspielraum und werden nicht näher definiert. Diese Abstraktion in Kombination mit der antiautoritären Einstellung vieler Yoga-Praktizierende, einem Selbstverständnis als „alternativ“ und „abseits des Mainstreams“ und einem Hang zur Spiritualität kann zu einem Misstrauen gegenüber staatlichen Verordnungen und wissenschaftlichen Studien führen: Denn körperliche Selbstbestimmung und individuelles Empfinden seien für die Gesundheit entscheidender, das Rationale und Weltliche weniger wichtig als Emotionen.

Distanzierung und Demokratie

Trotz einer Neigung zu Impfgegnerschaft und Verschwörungsideologien gibt es durchaus auch Gegenwind in der Branche: Im September 2020 veröffentlichte der „Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland“ (BDY) eine „Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ auf ihrer Webseite. Darin distanzierte sich der Verband ausdrücklich von jeglicher Verharmlosung des Coronavirus sowie von Verschwörungserzählungen und Diffamierungen, die von „Kritiker:innen“ der Infektionsschutzmaßnahmen verbreitet werden. „Die Existenz des Virus kann nicht geleugnet werden“, heißt es unmissverständlich. Und: „Yoga-Praktizierende sind nicht besser gegen das Virus geschützt als andere Bevölkerungsgruppen“. Der BDY setze auf wissenschaftliche Erkenntnisse und verbreite ausschließlich fachlich gesicherte Informationen, heißt es weiter.

Auch die Online-Plattform „YogaEasy“ veröffentlichte am selben Tag des BDY-Statements einen offenen Brief mit dem Titel „Yoga für Demokratie“. Darin heißt es: „Wir sehen mit Besorgnis, dass unter Yogis und Yoginis Verschwörungsglauben kursiert. Wir befürchten, dass dies unsere demokratische Gemeinschaft gefährdet“. Die Plattform versprach zudem, sich von Lehrer:innen zu trennen, die politische Verschwörungsmythen verbreiten, Wissenschaft und die Existenz des Coronavirus leugnen, oder Medien und Politiker als Ganzes verunglimpfen. Der Brief wurde von 13 Yoga-Lehrenden unterzeichnet, darunter Sukadev Bretz, Leiter der Schule „Yoga Vidya“ – nach eigenen Angaben das größte Yoga-Studio Europas.

In der Praxis sieht diese vermeintliche Distanzierung allerdings anders aus: Das verschwörungsideologische „Spirit Pop“-Duo Janin Devi und André Maris, das auf „Querdenken“-Demonstrationen aufgetreten ist, ist offenbar mit „Yoga Vidya“ eng verbunden. Auf der Studio-Webseite ist ein Interview mit den beiden sowie der Mitschnitt eines Konzertes beim Tag der offenen Türen zu finden. Das Paar ist zudem in vielen Videos auf dem YouTube-Kanal von „Yoga Vidya“ zu sehen. Nur wenige Tage, nachdem der „Yoga Vidya“-Leiter Sukadev Bretz den offenen Brief von „YogaEasy“ unterzeichnete, traten Devi und Maris bei einem „Mantra-Konzert“ im „Yoga Vidya“-Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Bad Meinberg auf.

Keine klare Abgrenzung

Auf eine Anfrage von Belltower.News distanziert sich „Yoga Vidya“ von jeglichen Formen „sogenannter Verschwörungserzählungen“ sowie „vom sogenannten Querdenkertum“. Doch offenbar haben einige der laut Verein 275 aktiven Gemeinschaftsmitglieder privat eine anderen Meinung. Denn weiter heißt es in der Antwort des Yogastudios: „Im Rahmen der Meinungsfreiheit mag es davon abweichende private Meinungen einzelner Mitglieder geben, welche aber nichts mit dem Verein Yoga Vidya an sich zu tun haben und nicht mit dem Yoga Vidya e.V. in Verbindung gebracht werden sollten“. Das Studio betont zudem, dass es sich an allen Gesetzen und Verordnungen zur Eindämmung der Covid-Pandemie in vollem Umfang halte und „wissenschaftsfreundlich“ sei.

Von Janin Devi und André Maris will „Yoga Vidya“ sich allerdings nicht distanzieren und verweist stattdessen auf eine Liste mit Richtlinien für Seminarleiter:innen, die die beiden unterschrieben haben sollen, obwohl sie auf der Webseite nicht als Seminarleiter:innen aufgeführt werden. Unter anderem verpflichten sich Seminarleiter:innen, Coronaschutzmaßnahmen einzuhalten und keine Verschwörungserzählungen im Unterricht oder bei Gesprächen mit Teilnehmenden zu verbreiten. „Yoga Vidya“ müsse davon ausgehen, dass sie sich daran halten, heißt es weiter. Weder der Inhalt ihrer Texte noch ihre Auftritte auf „Querdenken“-Demonstrationen scheint aber ein Problem für „Yoga Vidya“ darzustellen.

Dieser Trend in der Szene macht der Yogalehrerin Lotta Faidini zu schaffen. „Ich wurde durch die Pandemie desillusioniert von der Yoga-Szene“, erzählt die 29-jährige Hannoveranerin Belltower.News. „Weil ich ein ziemlich politisches Verständnis von Yoga habe: Für mich ist Yoga ganz klar eine Aufforderung zu einem solidarischen und diversen Miteinander. Und es ist der Wahrheit verpflichtet, auch wenn Wahrheit natürlich ein schwieriger Begriff ist, den viele für sich beanspruchen“. Faidini engagiert sich gegen rechte Ideologien und Verschwörungsideologien in der Yoga-Szene und versucht, politische Bildung zu betreiben. Im Juli 2021 nahm sie beispielsweise an einer Podiumsdiskussion beim Fuchsbau-Festival in Hannover zum Thema „rechte Strukturen in Wellness“ teil. Doch Verschwörungsdenken nehme immer weiter zu, vor allem seit der Pandemie. „Es fehlt eine klare Abgrenzung, zum Beispiel gegenüber Reichsbürger:innen und Nazis“, sagt Faidini. „Bunte Yogi:nis laufen neben schwarz-weiß-roten Flaggen auf Demos – und das ist mit Yoga schlicht nicht vereinbar“.

Klare Kante: Der Körperklang in Berlin-Friedrichshain positioniert sich auf Instagram.

Zurück in Berlin-Friedrichshain will auch die Yogalehrerin Elisa Kallaus diese Tendenzen in der Szene bekämpfen. In einem Beitrag auf Instagram verkündet ihr Yogastudio „Körperklang“ eindeutig: „Geimpfte Yogi:nis willkommen – schwurbelfreies Yogastudio“. Das Studio freue sich über geimpfte Teilnehmende, da sie dazu beitrugen, dass die Pandemie ein Ende nehme und wir wieder entspannt zum Yogieren zusammen finden könnten, so heißt es weiter im kurzen Statement. Nicht nur in den Kommentaren wird der Beitrag begrüßt: Eine Teilnehmerin überreicht Kallaus einen Blumenstrauß beim nächsten Yoga-Unterricht. „Sie hat sich bedankt, dass ich die Pandemie wissenschaftlich betrachte und nicht rumschwurbele“, sagt Kallaus. Sie schätzt, dass rund 75 Prozent ihrer Kursteilnehmer:innen inzwischen vollgeimpft sind. Doch gegen Verschwörungsideologien, Impfgegnerschaft und rechtes Gedankengut gibt es noch kein Heilmittel.

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