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Afrozensus Rassismus gegen Schwarze als reales Problem endlich sichtbar machen

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BLM-Demonstranten in Berlin (Quelle: KA)

„Es braucht Daten, es braucht Zahlen, es braucht auch in irgendeiner Art und Weise Beweise, auch wenn wir es schon die ganze Zeit wissen“, sagt Daniel Gyamerah, Vorstand bei Each One Teach One, am Dienstag zur Vorstellung des ersten Afrozensus in Berlin. Es geht um Rassismuserfahrungen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland.

Dass diese Personengruppe Diskriminierung erlebt, ist für viele unstrittig – Betroffene bestätigen dies seit Jahren mit Berichten aus allen Lebensbereichen. Und dennoch gibt es weiter Teile der Gesellschaft, die diese Erfahrungen negieren und meinen, Schwarze Menschen würden sich die Benachteiligungen zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt, in Schulen und Universitäten oder im Umgang mit Behörden nur einbilden. Die Diskriminierungserfahrungen, die speziell Schwarze Menschen machen, sind besonders, unterscheiden sich auch von allgemeinen Rassismus-Erfahrungen. Das Problem: Es gibt bisher keine wissenschaftliche Forschung, die in der Lage ist, allein quantitativ Rassismus gegen Schwarze zu erfassen. In Diskussionen zum Thema geht es bisher eher um das subjektiv Erlebte von Betroffenen.

In Deutschland leben über eine Million Menschen afrikanischer Herkunft. Zahlen zu Diskriminierungen, die diese Menschen erleben, gibt es bisher nicht. Der sogenannte Afrozensus soll genau das nun leisten. Für die Studie, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes förderte, wurden mehr als 6.000 Personen online befragt, im Zeitraum zwischen Ende Juli und Anfang September 2020. Die jüngste Person war 16, die älteste 102 Jahre alt. Die Befragten haben Wurzeln in 144 Ländern. Sieben von zehn der Befragten sind in Deutschland geboren worden. Der „Afrozensus“ gibt nun das erste Mal  detaillierte Angaben über die Lebensrealitäten Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland. Durchgeführt wurde dieses Projekt von Each One Teach One (EOTO) e.V. und Citizens For Europe (CFE). Am Dienstag wurden die Ergebnisse der Studie in Berlin vorgestellt.

98,1 Prozent berichten von Diskriminierungserfahrungen

Was viele Schwarze Menschen, Anti-Rassismus-Aktivist:innen und Expert:innen eigentlich schon wussten, ist nun endlich mit Zahlen belegt: Die Mehrheit Schwarzer Menschen in diesem Land erfährt Rassismus, unabhängig davon, ob sie seit Generationen hier leben oder erst vor kurzem eingewandert sind. Fast alle Befragten, 98,1 Prozent, berichten von Diskriminierungserfahrungen, nur 2,7 Prozent haben nach eigenen Angaben nie Rassismus erlebt, der sich gezielt an der Hautfarbe festmachte. Schwarze Menschen fühlen sich in Deutschland aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert, kriminalisiert und exotisiert. Zu diesem Ergebnis kommt der Afrozensus.

90 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen ungefragt in die Haare gegriffen wurde. Das ist ein Beispiel für das Othering und die Exotisierung Schwarzer Menschen. Afrohaar ist in Deutschland durch eine eurozentrische Ansicht stigmatisiert. Es ist eine enorme Grenzüberschreitung, Menschen, die man nicht gut kennt, einfach in ihr Haar zu fassen, nur weil es anders aussieht als glattes Haar.

84 Prozent der Cis-Männern wurden bereits für einen Dealer gehalten

Fast 80 Prozent der Befragten sagten, beim Onlinedating sexualisierte Kommentare zu ihrem Aussehen oder ihrer vermeintlichen Herkunft erhalten zu haben. Und mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, schon ein- oder mehrmals ohne Grund von der Polizei kontrolliert worden zu sein. Über 56 Prozent der Befragten gaben an: „Ich werde gefragt, ob ich Drogen verkaufe“. Die Kriminalisierung von Cis-Männern ist in diesem Kontext ist mit 84 Prozent besonders hoch.

Wenn sich Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen gegen Diskriminierung wehren, machen sie oft schlechte Erfahrungen: Über 90 Prozent geben an, dass ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie Rassismus ansprechen. In allen 14 abgefragten Lebensbereichen sind Schwarze Menschen von Diskriminierung oder Rassismus betroffen, heißt es in dem Bericht. So gaben beispielsweise zwei von drei Befragten an, in Schule oder an der Uni wegen ihrer Herkunft schlechtere Noten bekommen zu haben. Ebenso viele berichteten, dass medizinisches Personal ihre Beschwerden nicht ernst nehme.

Mehrfachdiskriminierung trifft noch stärker

Teresa Bremberger, Sozialwissenschaftlerin und Mitglied von EOTO, hob am Dienstag die Bedeutung von Intersektionalität hervor: „Schwarze Lebensrealitäten sind nicht eindimensional, sondern von Mehrfachzugehörigkeiten und Mehrfachdiskriminierung geprägt. Faktoren wie Klassismus, sexuelle Identität, Behinderung  oder Religion als weitere Merkmale verstärken die gesellschaftliche Herabsetzung  

Daniel Gyamerah fasste die Ergebnisse des Afrozensus am Dienstag so zusammen: „Der Afrozensus zeigt, das Problem ist strukturell, nicht individuell“. Die Erhebung solle neben der Erfassung der Daten auch ein empowerndes Gefühl gegen die Isolation vermitteln.

Es ist wichtig, dass es mit dem Afrozensus nun einen großen Datensatz gibt, der zeigt, dass Anti-Schwarzer-Rassismus die verschiedensten Lebensbereiche betrifft, wie Bildung, Gesundheit, Wohnen und Behörden. Doch nach der Erfassung diese beschämenden Bilanz muss nun gesellschaftliches Handeln folgen. Staatliche Institutionen sollten Anti-Schwarzen Rassismus jetzt in den eigenen Reihen bearbeiten und damit ein Vorbild geben, um auch gesellschaftliche Organsiationen zu motivieren, ihre bisherige Praxis zu hinterfragen und sich mit eigenen Vorurteilen auseinandersetzen.

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