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Verschwörungsanfällige Prominenz Das Publikum macht die Prominenz

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Wie Sido ist auch Antisemitismus ein fester Bestandteil von Deutsch-Rap. (Quelle: Pixabay)

Sido wird dieses Jahr 40 Jahre alt. Im Hinblick auf die Auftritte der letzten Monate könnte ihm eine eigene Aphorismen-Sammlung zugedacht werden – zumindest im Bereich negativer PR. Seine jüngsten Äußerungen im Gespräch mit Rap-Kollege Ali Bumaye in „Ali therapiert“ vom 10. Mai sorgten wieder einmal  für Aufsehen. „Digga, wir sind nix. Egal wie viel Geld wir einmal haben werden in unserem Leben: wir sind nix, wir bleiben nix“, sagt Sido und mit Blick Richtung Decke fügt er hinzu, „da kommen wir gar nicht hin.“

Sido – ein prominentes Idol unter Jugendlichen

Sollte es das Aphorismen-Büchlein geben, würde es vermutlich auch für den Preis der meistverkauften Falschaussagen nominiert werden. Denn dass Sido keinesfalls „nix“ ist, zeigt seine Vita: 4,8 Millionen verkaufte Tonträger, zwei Echos, einen MTV Europe Music Award, dazu viele Auftritte in Film und Fernsehen. Er unterhielt ein Tattoo-Geschäft, gründete sein eigenes Label und betätigte sich mehrfach als Unternehmer. Unlängst zählt Sido zu den prominentesten Figuren der deutschen Popkultur und wird von einer breiten – und vor allem jungen – Fanbase angehimmelt. Gerade deshalb ist seine Aussage so problematisch. Als Sprachrohr für junge Menschen, vor allem diejenigen, die von Armut oder Diskriminierung betroffen sind oder die, wie Sido, in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind und es dennoch irgendwie an die Spitze gebracht haben, lebt er nicht nur den „American Dream“, sondern gilt vielen Jugendlichen als Idol. Sie schenken ihm mehr Glauben als etablierten Medienstimmen, weil er in vielen von ihnen Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen sät.

Wütend ja, aber auf die Falschen

Umso gravierender ist seine Aussage: Ihr schafft es eh nicht, weil es Menschen gibt, die weitaus mächtiger sind als wir alle. „Geld“, so Sido, „bringt dich da auch nicht hin“. Lediglich durch „vetternwirtschafts-ähnliche Sachen“, „alt eingesessene Familien“ oder „Bruderschaften“ würden Menschen “dort” mitspielen können, lässt Sido allwissend durchblicken. Frustration unter jungen Menschen lässt sich durch solche Aussagen bündeln – zumal hier ein Ausweg vorgeschlagen wird, der dem Einzelnen die Schuld und Verantwortung nimmt. Die Zuschreibungen treffen auf eine „verschwörerische Elite“ zu. Ein Narrativ, das seit den letzten Wochen verstärkt die Runde macht und die Antisemitismus-Alarmglocken schrill klingeln lassen müsste. Spätestens als Sido eine Niederlassung der „Rothschilds“ in Frankfurt erwähnt und diese für das Entstehen einer Börsenstadt verantwortlich macht, geben die Glocken keine Pause mehr. Die Erzählung einer vermeintlich umfassenden Macht einer „Rothschild-Familie“ steht per excellence für Antisemitismus. Sido gibt an, Rapper im Frankfurter Umkreis zu kennen, die aus eigenen Erfahrungen diese Behauptungen bestätigen könnten.

Antisemitische Verschwörungserzählungen sind Alltag im Rap-Business

Einer dieser Rapper könnte “Haftbefehl” sein. Er vertonte die antisemitische Verschwörungserzählung um eine „Rothschild-Familie“ in seinem Song „Haram Para“, in dem Rap-Video zu „Saudi Arabi Money Rich“ lässt er Männer mit Schläfenlocken aus teuren Autos steigen und Party machen. Die Assoziationen mit einer zutiefst antisemitischen Erzählung sind präsent und haben sich im deutschsprachigen Rap fest verankert. Der Rapper Ben Salomo, Begründer der Battle-Rap-Arena „Rap am Mittwoch“ in Berlin, versucht seit Jahrzehnten gegen antisemitische, frauenverachtende und rassistische Tendenzen im Deutschrap vorzugehen. Vielen diente dieser Raum als Einstieg in große Rap-Karrieren – einer von ihnen war auch Sido. Salomo selbst ist Jude, sah sich täglich Antisemitismus ausgesetzt und prangerte diese Zustände im Deutsch-Rap an. Ein Problem, das aber auch in alle gesellschaftlichen Bereiche vorgedrungen ist.

Antisemitismus und dessen Kontinuität

Der renommierte Echo-Preis ging 2018 an Kollegah und Farid Bang. Zwei kommerzielle Rap-Stars, die durch judenfeindliche Texte und Videos aufgefallen waren. Auch wenn die Echo-Verleihung nach dieser Entscheidung eingestellt wurde, kündigte Salomo im gleichen Jahr seinen Rückzug aus dem Rap-Geschäft an. Seine Begründung: „Deutschrap ist genauso antisemitisch wie Rechtsrock.“ Eine harte Ansage. Vor allem, wenn sie von jemandem kommt, der jahrzehntelang gegen diesen Trend angekämpft hat.

Antisemitische Verschwörungsideologien als Konsumgut

Noch gravierender ist, dass Rap keine Subkultur mehr darstellt. Er ist zur kommerziellen Popkultur avanciert, die Millionenerträge mit Plattenverkäufen und Streamingdiensten erwirtschaftet. Die Journalistin Livia Gerster drückt es in der Laudation für Ben Salomo zur Verleihung des „Goldmann Preises für Zivilcourage“ 2018 folgendermaßen aus: Deutsch-Rap ist auch eine „Kultur, in der man mit Antisemitismus punktet. Mit diesen Stereotypen und Verschwörungstheorien werden Millionen umgesetzt. Und Millionen von Kinderohren infiziert. Nur: Sie bleiben keine Verse, keine Worte. Es folgen Taten.“

Aus Worten folgen Taten – der Lauf der Dinge

Die Konsequenzen antisemitischen Denkens hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus e.V. (RIAS) für das Jahr 2019 in vier Bundesländern bereits festgehalten: über 1.200 antisemitische Vorfälle. Betrachtet man die jüngsten Entwicklungen um das Aufkeimen von antisemitischen Verschwörungsideologien im Rahmen der Proteste gegen die Covid19-Maßnahmen, dürfte die Zahl für 2020 erheblichen Zuwachs verzeichnen. Schon jetzt attestiert sie Deutschland ein gewaltiges – und antisemitische Gewalt förderndes – Problem. Etablierte Medien scheinen unsicher, wie sie mit den Protesten umgehen sollen. Einige knabbern noch an der Kritik zu ihrer Berichterstattung über die rassistischen Proteste um Pegida und die AfD. Und ein weiteres Phänomen tritt in Erscheinung: Prominente, die ihren gesellschaftlichen Status nutzen, um Verschwörungsideologien zu teilen oder ihnen wenigstens Verständnis entgegenbringen.

Auf einmal überall Verschwörung?

All das geschieht ganz plötzlich, wie es scheint. Mit Schlagzeilen wie „Glaubt jetzt auch Rapper Sido an krude Verschwörungstheorie?“ (mannheim24) oder „Rapper Sido geht jetzt auch unter die Verschwörungstheoretiker“ (tonightnews) hat die Boulevard-Presse neuen Zündstoff. Andere Formate gehen der Frage nach, warum gerade jetzt so viele Prominente auf den Zug der Verschwörungsideolog*innen aufspringen. Unter der Überschrift „Warum drehen so viele Promis durch?“ versucht ein Artikel vom Redaktionsnetzwerk Deutschland diese Frage mittels sechs Thesen zu beantworten. Die Thesen bieten zwar Erklärungsansätze, doch vernachlässigen sie, dass auch Prominente in gesellschaftliche Entwicklungen eingespannt sind.

Die Mär vom Einzelnen

Prominente Persönlichkeiten leben nicht vor sich hin oder teilen sich nur dann der Allgemeinheit mit, wenn es ihnen in den Kram passt. Ein Sido ist zwar für seine grenzüberschreitenden Aussagen bekannt und dafür bei seinen Fans beliebt, aber dabei muss er trotzdem die Erwartungen seiner Fans kennen. Als Sido im Oktober 2019 in der Talkshow „Hier spricht Berlin“ sagt, die Existenz einer Mauer „können wir ruhig vergessen“ und somit zu einem Recht auf Geschichtsvergessenheit tendiert, positioniert er sich klar gegen die Meinung von Günther Jauch. Allerdings bekräftigt er dadurch mehr sein Image als „Underdog“ als den Eindruck, er habe sich ernsthaft mit Erinnerungskultur auseinandergesetzt. Das wird auch in der Sendung „Chez Krömer“ im vergangenen März deutlich, in der Sido äußert, dass es für ihn in Ordnung sei, wenn „jemand anderes nicht weiß, was ein KZ ist“. Für jemanden, dessen Großeltern nach eigenen Angaben im KZ waren, zeugt das eher vom notorischen Alt-Rebellen als vom geschichtsbewussten Analytiker. Und dennoch: Seine Stimme findet in den Ohren von Millionen Jugendlichen Gehör und bleibt dort mitunter präsenter als die Worte des Geschichtslehrers oder der Geschichtslehrerin.

Ein Idol ohne Gefolgschaft ist kein Idol

Sein Status unter den Jugendlichen als Idol wirkt nur im Wechselspiel: Sie glauben, was er sagt, weil er das sagt, woran sie glauben. Somit sind auch seine antisemitischen Äußerungen und sein Verständnis gegenüber QAnon-Anhänger*innen keinesfalls überraschend. Sie sind keine plötzlichen Erscheinungsformen, denn der Glaube an Verschwörungserzählungen ist und war präsent. Su wurde das Video zu “Haftbefehls” Lied 2014 bereits veröffentlicht. Die Kombination von vorhandenen Verschwörungserzählungen und die jetzigen Maßnahmen haben lediglich zum öffentlichen Ausbruch geführt. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Verschwörungsideologien jetzt erst aufkommen, wie ein Zug, der am Bahnhof einfährt und auf den man nur noch aufspringen muss. Es sind zwar neue Erzählungen, die ihre Früchte tragen, aber der Nährboden war längst da. Antisemitische Erzählungen, die unkommentiert in die Gesellschaft einsickerten, belächelt wurden oder mit einem halbherzigen „Geschichte wiederholt sich nicht“ abgetan wurden.

Auch eine laute Minderheit bekommt ihre laute Prominenz

Elisabeth Noelle-Neumann stellte in den 70er Jahren die Theorie der „Schweigespirale“ auf. Menschen hätten Angst vor einer sozialen Isolation, sodass sie sich immer einer vermeintlichen Mehrheit anzupassen versuchen. Dies führe zu Wahrnehmungsverzerrungen. Demnach könnte eine laute Minderheit den Eindruck einer Mehrheit erwecken und somit die eigentliche Mehrheit zum Schweigen bringen. In Anlehnung an die derzeitigen Proteste gegen die Covid19-Maßnahmen ließe sich vermuten, dass sich die zweifelhafte Prominenz nur deswegen traut, eine bereits latent vorhandene Einstellung kundzutun, weil sie sich von den lauten Protesten bestätigt fühlt. Obgleich das Polit-Barometer des ZDF vom 8. Mai zeigt, dass 81 Prozent der Befragten das Handeln der Bundesregierung für gut befinden. Noelle-Neumanns Theorie sagt zudem, dass die eigentliche Mehrheit von der Minderheit soweit zum Schweigen gebracht werden kann, dass sie zur Minderheit wird, indem Menschen aus Angst vor Isolation ihre eigenen Einstellungen gegen die der vermuteten Mehrheit eintauschen. Neben der umstrittenen Kommunikationswissenschaftlerin wurde auch die Theorie vielfach kritisiert und modernisiert. Sollte sie allerdings einen Wahrheitskern besitzen, ist jetzt der Zeitpunkt, um die prominenten Stimmen nicht zu reproduzieren, sondern die vorhandenen Einstellungen der Gesellschaft ins Auge zu fassen, die Verschwörungsdenken begünstigen und ihnen gebührend Aufmerksamkeit zu schenken. Daran anschließend, ließen sich weitere Konzepte entwickeln, um einem weiteren Erstarken und der Verbreitung von Verschwörungsideologien zuvorzukommen. Dem liegt auch eine radikale Selbstreflexion der Gesellschaft zugrunde.

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