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Alt-Right Hippe Hasser

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Schickes Gewand für Rassismus und vielfaltverachtenden Hass: Die Website alternativeright.com von Richard Spencer gilt als Namensgeber der Alt-Right-Bewegung, die nun aggressiven Nationalismus und White Supremacy in die amerikanische Politik tragen will. (Quelle: Screenshot 22.11.2016)

 

Richard Spencer sieht gut aus. Mit Undercut-Frisur und glattrasiertem Gesicht inszeniert er sich im eng geschnittenen Dreiteiler, auf seinen Facebook-Fotos sieht man ihm beim Skifahren. Der 38-Jährige wirkt hip und zugänglich. Spencer ist der sichtbarste Kopf der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, einem losen Zusammenschluss rechtsradikaler Weißer, die sich nach dem Wahlsieg Donald Trumps gute Chancen ausrechnen, den ideologischen Unterbau für dessen Politik zu liefern.

Am Samstag lud das National Policy Institute (NPI), dessen Präsident Spencer ist, zur Jahreskonferenz ins Ronald Reagan Building im Zentrum von Washington D.C. Szenerie und Begrüßungsworte machten schnell klar, dass in diesem Jahr alles anders ist als sonst. Statt den wenigen Dutzend Anhängern, die in den vergangenen Jahren den Weg zu dieser Veranstaltung fanden, waren dieses Mal 300 Menschen da. Zahlreiche Journalisten im Raum und aufgebrachte Demonstranten vor der Tür unterstrichen die Bedeutung der Bewegung. Selbstzufrieden startete Spencer den Tag: „Ich habe seit einer Woche Kopfschmerzen, aber das kommt nicht davon, dass ich zu viel getrunken habe. Es ist das ständige Gewinnen.“ 

 

Anhänger der Alt-Right verbuchen den Wahlsieg Donald Trumps auch als den ihren – als Sieg ihrer Ideologie, als Erfolg ihrer aggressiven Onlinestrategie. Dass Trump seinen Wahlkampfmanager Stephen Bannon zum künftigen Chefstrategen im Weißen Haus berufen hat: ein weiterer Grund für Spencers Kopfschmerzen. Bannon war bis August Betreiber der Website Breitbart News, von der er selbst stolz sagte, sie sei die „Plattform der Alt-Right“. Die Seite wurde im Oktober 2016 mehr als 85 Millionen Mal aufgerufen

Ein „Kopf ohne Körper“

Trump hat seinen Wahlkampf um die zentralen Anliegen der Alt-Right herum aufgebaut: Einwanderungsstopp, rassistische Identitätsstiftung für die angeblich marginalisierte weiße Mehrheitsbevölkerung, der Kampf gegen die verhasste politische Korrektheit. Entsprechend hat die Alt-Right Trump schon früh im Vorwahlkampf unterstützt, vor allem mit Kommentaren und Fake News im Internet – und Trump hat keinerlei Abgrenzungsversuche unternommen. Man könnte meinen, Trump stehe in der Schuld der Rechtsextremen. Nun wird mit Bannon einer der ihren engster Berater des designierten US-Präsidenten.

Der frühere Breitbart-Chef spielt die Rolle der Alt-Right auf seiner Website inzwischen herunter. Umgekehrt distanzierte sich Spencer von Bannon, der nicht Teil der Bewegung sei. „Aber ein paar von uns haben ihm sicher schon einmal die Hand geschüttelt“, sagte Spencer am Samstag. Breitbart bezeichnete er als Einstieg in die entschiedeneren Ideologien. Auch Trump sei kein Vertreter der Alt-Right, sein Sieg aber ein erster Schritt in Richtung „schlüssigerer Politik“. 

Die Alt-Right-Bewegung will Player in der Lobbyistenwelt sein

Spätestens auf der NPI-Konferenz wird klar, dass die Alt-Right künftig ein ernstzunehmender Player in der Washingtoner Lobbyistenwelt sein will. Die Bewegung werde regelmäßig Positionspapiere veröffentlichen, sagte Spencer. Den Anfang mache Beyond Nato, ein Blick auf Alternativen zum Nordatlantikpakt. Weitere Forderungen sind ein Netto-Zuwanderungsstopp für die nächsten fünfzig Jahre, College-Studienplätze nur für eine „kognitive Elite“ und ein auch von Trumps Tochter Ivanka und vielen Linken geforderter bezahlter Mutterschutz. Spencer sprach am Wochenende davon, dass die Alt-Right ein Kopf ohne Körper sei, das Trump-Team dagegen ein Körper ohne Kopf. Nun müsse man zusammenarbeiten.  

Wer ist Alt-Right?

Wesentlich unklarer als der Gestaltungsanspruch der Ultrarechten sind die Hintergründe der Bewegung. In ihren Wurzeln ist die Alt-Right weit verzweigt, ihre Geschichte ist kurz. Spencer selbst erhebt den Anspruch, den harmlos daherkommenden Begriff 2008 geprägt zu haben. Er registrierte die Webseite alternativeright.com und predigte daraufhin lange ungehört, dass es dabei um „eine Reaktion auf Bewegungen der Mainstream-Konservativen“ gehe. Weitere Seiten wie maledefender.com oder Students For Western Civilisation kamen hinzu. Zunächst versammelten sich unter dem Hashtag #AltRight unterschiedlichste Gruppen, von frauenfeindlichen Computerspielern über Multikulti-Hasser bis zu lupenreinen Antisemiten, personell gibt es bis heute kein klares Führungsteam.

Doch der Organisationsgrad nimmt zu, das wurde auf der Konferenz deutlich. Und Spencer versucht, mit anderen Hardlinern die Deutungshoheit über die Alt-Right zu behalten. Am Samstag traten auch zwei seiner engsten Verbündeten auf: Peter Brimelow, Gründer von VDare, einer Nachrichtenseite, die für eine „patriotische Einwanderungsreform“ steht. Und Jared Taylor, Kopf von American Renaissance, einem nationalistischen Magazin über weiße Identität. Alle drei setzen auf Krawall. Als Twitter ihre Konten wegen Volksverhetzung sperrte, fühlten sie sich geadelt. Der Schritt des sozialen Netzwerks brachte Aufmerksamkeit und bot prompt einen Anlass, um gegen die mutmaßliche Beschneidung der Meinungsfreiheit zu protestieren.

Während die Tea-Party-Bewegung als innerparteiliche Plattform klassische Positionen der US-Republikaner wie einen schlanken Staat und harte Haushaltsdisziplin ins Extrem trieb, geht es der (nicht mit den Republikanern assoziierten) Alt-Right um das, was in sie „Identity Politics“ nennen: eine knallharte rechte Ideologie der Vorherrschaft des weißen Mannes. Spencers NPI-Institut widmet sich laut seiner Website „dem Erbe, der Identität und Zukunft europäischer Völker in den USA und rund um die Welt“. Von Bürgerrechtlern wird das NPI als rechtsradikale Hassgruppierung eingestuft. 

Wie weit reicht der Einfluss künftig?

Ideologisch dreht sich in der Szene alles um Nationalismus und white supremacy, die Überlegenheit der weißen Rasse. Amerika sei ein weißes Land, sagte Spencer am Samstag: „Es ist unser Werk, unser Erbe, es gehört uns“, zitiert ihn die New York Times. Spencer scheute sich nicht, Nazipropaganda auf Deutsch vorzutragen: Die Weißen seien die „Kinder der Sonne“, die nun mit Trump aus der Marginalisierung auferstehen würden. Die Mainstreammedien beschimpfte er als „Lügenpresse“. Spencer ging sogar so weit, Journalisten als seelenlose Golems zu bezeichnen – impliziertend, dass sie von Juden gesteuert seien – und zu fragte, ob sie überhaupt Menschen seien. Am Ende von Spencers Rede rief das Publikum „Sieg Heil“ und zeigte den Hitlergruß.

In der Alt-Right Bewegung tummeln sich neben Rassisten und Isolationisten auch maskulinistische Blogger der sogenannten manosphere. Also jene Menschen, die der Meinung sind, dass der weiße Mann gesellschaftlich zu weit zurückgedrängt werde. Auch hier ist Spencer voll auf Linie. Dem Rolling Stone Magazine sagte er nach der Veröffentlichung des Videos, in dem Donald Trump mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlte: „In jeder Seele einer Frau gibt es einen Teil, der von einem starken Mann genommen werden will.“

Trump ist kein Ideologe, er ist Opportunist. Noch ist völlig unklar, wohin genau er das Land in seiner vierjährigen Amtszeit steuern wird. Aber die Alt-Right macht sich nicht ganz unbegründete Hoffnungen, beim Füllen der ideologischen und programmatischen Lücken in Trumps Regierungsprogramm mitzuwirken. Noch haben sie keinen Platz am Verhandlungstisch. Aber sie haben wohlwollende Ohren im Weißen Haus.

 

Dieser Artikel erschien zuerst am 21.11.2016 auf ZEIT Online. Mit freundlicher Genehmigung.

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