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Anetta Kahane im Interview 30 Jahre Hoyerswerda — „Die Neonazis haben zugespitzt, was die Bevölkerung gedacht hat.“

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1991 wird Anetta Kahane nach den rassistischen Pogromen in Hoyerswerda auf dem Marktplatz interviewt.

Zwischen dem 17. und dem 23. September 1991 fanden die Pogrome von Hoyerswerda statt. Die Stadt und der Freistaat kapitulierten vor den Neonazis. Die Menschen aus der Aufnahmeeinrichtung und dem Wohnheim mussten die Stadt verlassen. Hoyerswerda war „national befreit“. Ein ARD-Brennpunkt sendet live vom Marktplatz der sächsischen Stadt. Luftaufnahmen zeigen ein Menge an Menschen, eine grölende Masse. Mittendrin steht eine kleine Gruppe von Polizisten und schützt die Journalistin Esther Schapira und ihre Gesprächspartner:innen. Eine von ihnen ist Anetta Kahane, heute Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, damals Gründerin der Regionalen Arbeitstellen für Bildung, Integration und Demokratie e.V. (RAA) und letzte Ausländerbeauftragte des Ost-Berliner Magistrats vor der Wiedervereinigung. Im Interview spricht sie über den Abend in Hoyerswerda vor 30 Jahren, Sachsens Einknicken vor Neonazis und darüber, was heute besser geworden ist.

Belltower.News: Anetta, du warst nach den Pogromen in Hoyerswerda. Wie war die Stimmung auf dem Marktplatz?
Anetta Kahane: Extrem angespannt! Der ganze Platz war voll mit Tausenden von Menschen. Das war die normale Bevölkerung von Hoyerswerda, aber auch extra angereiste Neonazis. Diese Zeit wurde später als Baseballschlägerjahre bekannt. Es gab eine riesengroße Empörung. Presse war damals analog zur heutigen „Lügenpresse“ noch die „Westpresse“. Die Anspannung war enorm. Ich erinnere mich daran, dass die Politiker nicht in der Menge warten mussten, die hatten eine abgesperrte Bühne. Wir, also die Leute aus der Zivilgesellschaft, mussten in dieser Menge warten, bis wir in der Livesendung dran waren. Das war sehr unangenehm.

Sachsen hat damals kapituliert, alle Leute aus den Wohnheimen mussten die Stadt verlassen. Was hast du damals gedacht?
Ich fand das unmöglich. Damit wurde ein Standard für die Zukunft gesetzt. Nazis agieren und der Staat weicht zurück. Ihnen werden alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Es gab kein Bekenntnis zu Einwanderung und Minderheiten, stattdessen hat man die Migrant:innen aus dem Weg geräumt. Es war eine Kapitulation, die mich deprimiert und zutiefst erschüttert hat. Genauso hat es mich übrigens erschüttert, dass alle so überrascht über diese Ereignisse in Hoyerswerda waren.

Du warst nicht überrascht?
Nein. Ich war gerade erst aus dem Amt der Ausländerbeauftragten des Magistrats in Berlin ausgeschieden. Aber die Leute, die in diesem Bereich engagiert waren, und die Ausländerbeauftragten in verschiedenen Städten standen in Kontakt. Wir haben uns gegenseitig angerufen und informiert. Aus Hoyerswerda kamen mehrere Anrufe. Im Ausländerheim gab es eine Pförtnerloge, in der das einzige Telefon im Gebäude stand. Ich erinnere mich an zwei hilfesuchende Anrufe von jungen Betreuerinnen, die erzählten, dass vor Ort immer wieder Neonazis vor dem Gebäude patrouillierten, sich dort zusammenrotteten und die Menschen bedrohten. Sie haben Steine geschmissen und sich besoffen. Diese Frauen haben diese Dynamik genau vorhergesagt und wussten, dass es schlimm wird. Und sie haben um Hilfe gebeten. Wir haben versucht, über die Polizei in Sachsen und den Staatsschutz die Sicherheitskräfte zu alarmieren. Die haben aber die Hilfe verweigert: zu wenige Leute, das übliche. Es war klar, dass sich da was zusammenbraut. Aufgrund der  allgemeinen Stimmung, aber eben auch in der besonderen Situation in Hoyerswerda. Es herrschte ein besonders angespanntes und hochaggressives Klima.

Im ARD-Brennpunkt wird immer wieder betont, dass Rechtsradikale für die Krawalle verantwortlich waren. Aber die Menge auf dem Marktplatz zeigt, dass der Hass aus der sogenannten Mitte kam. Wie hast du das damals empfunden?
Das war die Stimmung in der Region. Es waren nicht ‘die Neonazis’ und ‘die Bevölkerung’ hat mitgemacht, sondern die Neonazis haben zugespitzt, was die Bevölkerung gedacht hat. Man hat sich gegenseitig aufgeschaukelt. Es war eine fatale Symbiose, von der zugleich bestritten wurde, dass es sie gibt. Bis heute wird getrennt zwischen der angeblichen Mitte und den Rechtsextremen oder Neonazis. Dabei waren das Kinder, Enkel, Neffen und Nichten der angeblichen Mitte. In der Bevölkerung herrschte während der Wendezeit eine sehr passiv-aggressive Stimmung, die zwischen Hoffnung und Verlust changiert ist, Die Kinder haben die Wut rausgebrüllt und das Passive hinter sich gelassen und waren nur noch aggressiv. Alle Stereotype brachen auf, die 40 Jahre lang unbearbeitet rumlagen: Die Ausländer sind schuld und die Schwarzen, das alles kam mit Vehemenz hoch. In Rostock war es später dasselbe. Es waren sicherlich nicht nur angereiste Neonazis verantwortlich, sondern es war eine symbiotische Melange aus Bevölkerung und aufgeheizten Rechtsextremen.

Du beschreibst in dem Interview mit Esther Schapira, dass es Zivilgesellschaft in Sachsen braucht, damit sich Dinge verändern. Ist das geglückt?
Es hat vieles funktioniert. In Hoyerswerda haben wir sehr, sehr viel unternommen, genauso wie in Eberswalde und später in Rostock. Ich glaube schon, dass es dazu beigetragen hat. Schuldabwehr gibt es ja nicht nur bei der Schoah, sondern auch im Bezug auf die Ereignisse 1991. Je mehr man sagt, dass die Bevölkerung damals falsch gehandelt hat, desto aggressiver werden Leute. Aber trotzdem hat sich in der Stadtgesellschaft rumgesprochen, dass es ganz gut ist, wenn man diese Aggressionen nicht so vor sich her trägt, sondern sich anders darstellt.

Gab es nach dem September 1991 Konsequenzen?
Kurz nach dem Pogrom gab es eine große, brechend volle Veranstaltung im Deutschen Theater zu Hoyerswerda zu der Frage, wie es weiter gehen soll. Als RAA haben wir das damals mitorganisiert, viele Künstler:innen und Musiker:innen sind aufgetreten. Ich saß auf einem kleinen Panel mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Hoyerswerda, ein CDU-Mann, Herr Schmidt. Ich habe dafür plädiert, in Schulen zu gehen, an Orte, an denen sich Kinder und Erwachsene treffen, dorthin, wo das soziale Leben stattfindet. Der Bürgermeister wollte dann auch eine RAA, wie wir sie dann in vielen Orten in Ostdeutschland gegründet haben. Und so fing das an. Wir haben vor Ort sehr viele Projekte realisiert, die immer um interkulturelle Öffnung gingen und die Ethik der Gleichwertigkeit. Sehr niedrigschwellig, mit vielen Lehrer:innen und mit den wohlmeinenden Leuten der Stadt. Damit haben wir 1992 angefangen. Unternehmen haben sich beteiligt, Daimler war dabei, aber auch die Freudenberg-Stiftung. Es entstand ein Gefühl in der Stadt, dass eben der aggressive Mob nicht alleine die Meinung repräsentiert, sondern dass es auch noch andere Optionen und Wertvorstellungen gibt. Langsam hat sich das Diskursfeld und die öffentliche Meinung verschoben. Wenn man heute auf der Straße nachfragt, wird man sicherlich noch Leute finden, die furchtbare Dinge sagen, aber in der Stadtgesellschaft und der Zivilgesellschaft ist das anders geworden. Es hat sich was bewegt.

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