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Antifeminismus Wie Incels und Männerrechtler den Valentinstag feiern

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(Quelle: Unsplash)

Floristinnen und Konditoren stücken die Bestände auf, auf Radiosendern laufen noch mehr kitschige Liebeslieder als sonst, und Streaming-Dienste bewerben ihre romantischen Komödien. Würde auch nicht gerade eine globale Pandemie toben, oder ginge es nach Corona-Leugner*innen, würden momentan unzählige Restaurantreservierungen für Candlelight-Dinner zu zweit getätigt werden. Romantik liegt in der Luft. Kurz: wieder einmal jährt sich der Valentinstag.

Es gibt nicht wenige Gründe, diesen Tag zu kritisieren: der Fokus auf die heteronormative Zweierbeziehung, die Kommodifizierung von Romantik, die regressiven Geschlechtervorstellungen und geschlechtsspezifischen Erwartungen an den Partner oder die Partnerin, die der Tag reproduziert. Doch glücklicherweise bleibt jedem Menschen selbst überlassen, wie er oder sie diesen Tag verbringt: ob alleine, auf einem Date, oder mit Freund*innen platonische Beziehungen zelebrieren. Und das beste: nach dem 14. Februar lassen sich die preisreduzierten Restbestände der Valentinstagspralinen aufkaufen. Kurz; eine Gewinnsituation für alle beteiligten, vor allem die Romantikindustrie.

Für Männer, die Beziehungen im Allgemeinen und Frauen im Besonderen hassen, ist der Valentinstag jedoch weniger das gesellschaftlich erwartete, aber trotzdem willkommene Zelebrieren der Liebe, sondern viel mehr Ausdruck einer von Grund auf männerfeindlich eingestellten Gesellschaft. Glaubt man Anhängern der „Manosphere“, also lose im Internet vernetzten Männerrechtsgruppen, ist der Valentinstag ein weiterer Beweis für das „Feminat“, in dem Männer das wahrhaft unterdrückte Geschlecht seien. In der Maskulinisten-Vorstellung ist die Welt nicht mehr patriarchal strukturiert, sondern wird vom Feminismus beherrscht. Männer werden durch den Kulturmarxismus und die Genderlobby systematisch diskriminiert und verweichlicht, so dass sie sich nicht mehr willens oder in der Lage sehen, sich gegen die durch den Feminismus ihrer submissiven Weiblichkeit beraubten, sondern stattdessen herrisch-dominanten modernen Weiber durchzusetzen. Der Valentinstag zeige die Unterdrückung des Mannes besonders deutlich: von ihm wird erwartet, Geschenke zu kaufen, seine Angebetete zum Essen einzuladen, und ihr Zuneigung und Aufmerksamkeit zu schenken. Wahrhaft, man kann sich kaum eine größere Zumutung vorstellen.

Partnerin und Valentinstag-Industrie vereint gegen den Mann (Quelle: Screenshot aus dem Maskulinisten-Blog rabotnik.de

Auch wenn es innerhalb der Manosphere unterschiedliche Strömungen gibt – die sich selbst als „Verführungskünstler“ oder „Pick Up Artists“ bezeichnenden Vergewaltigungsapologeten, die „Men going their own way“ die Frauen als ihrer individuellen Entwicklung als Mann hinderlich betrachten, und die von Grund auf selbstmitleidigen Incels – eint sie ihr Hass auf Frauen. Jede Zuneigungsbekundung, die ein Mann einer Frau entgegenbringt, wird als Zeichen von Schwäche und Unterwürfigkeit gedeutet. Um dies am Valentinstag zu versinnbildlichen, wird dieser innerhalb dieser Online-Sphäre auch als „Cuckaldine“ bezeichnet: als Tag für „Cucks“, also für schwache und unterwürfige Männer, die sogar Erregung daran finden, dass ihre Partnerinnen Sex mit dominanteren Männern hat.

Der im Frauenhass begründeten Einsamkeit begegnen PUAs, MGTOWs und Incels jedoch auf unterschiedliche Arten und Weisen.

Pick Up-Artists stehen auch langfristigen Beziehungen, im Jargon „LTR“ für „long time relationship“ genannt, nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber – solange sie in diesen Beziehungen die Oberhand haben. In der Regel dauert sollen die Verhältnisse mit Frauen jedoch besser unverbindlicher Natur bleiben. Auf von Pick Up Artists frequentierten Seiten wie den Subreddits r/TheRedPill oder r/asktrp („Ask the Redpill“) tauschen sich User darüber aus, wie man am Valentinstag Sex abgreifen kann, ohne jedoch in die Falle des Valentinstags-Date zu tappen. Ein solches würde nämlich suggerieren, dass die Beziehung doch mehr sei als eine rein körperliche Liaison; und das allein ist schon Ausdruck von Schwäche.

Anstatt offen mit der Partnerin über Gefühle und Erwartungen zu sprechen, werden lieber andere Redpiller auf Reddit um Rat gefragt (Quelle: Screenshot Reddit)

Viel mehr könne man den Tag dafür nutzen, Frauen emotional zu manipulieren. Der „Datingcoach“ Mischa Bergweiler erklärt auf seinem YouTube-Kanal, dass es kaum einen besseren Tag gäbe, um auf verzweifelte Anrufe bei der Expartnerin zu verzichten als der Valentinstag. Das Ziel sei, in der Frau Sehnsuchtsgefühle hervorzurufen. Dieser „Trick“ ist bezeichnend für das Frauenbild von Pick Up Artists: Frauen werden primär als Objekte betrachtet, an denen man emotionale und psychologische Gewalt ausüben kann, um sich selbst zu einem Alpha-Mann aufzuwerten. Denn die Vorstellung von Männlichkeit, die innerhalb der Community vertreten wird, konstituiert sich über die konsequente Abwertung des Weiblichen.

Neben YouTube-Videos sollen Männer diese auf Manipulation basierende „Verführungskunst“ jedoch primär in kostenpflichtigen Kursen erlernen. Der Pick Up Artist Maximilian Pütz bietet auf seiner Homepage „Casanova Coaching“ auch direkt ein „Valentinstags-Special“ an:

Eigentlich ist Maximilian Pütz‘ Coaching-Agentur auch nichts anderes als ein Multi Level Marketing-Scheme für Möchtegern-Alphamänner (Quelle: Screenshot Casanova-Coaching)

Neben seiner Tätigkeit als professioneller Chauvinist zeichnet Pütz sich außerdem durch sein Interesse an der Coronaleugnerszene aus. Auf seinem Instagram-Kanal verbreitet er Videos, in denen er verschwörungsideologisch davon raunt, dass „die Medien uns manipulieren“ würden und verbreitet Inhalte der AfD-nahen Zeitung „Die Freie Welt“ und des rechtsradikalen Buzzfeed-Abklatschs „Flinkfeed“. Hier zeigt sich wieder einmal, wie eng Frauenhass und Rechtsradikalismus miteinander verwoben sind.

Screenshot von Marcel Pütz Instagram-Account

Etwas anders halten es die „Men going their own way” (MGTOW): diese haben nämlich dem Kontakt zu Frauen generell abgeschworen, da Frauen den Mann ohnehin nur schwächen und hemmen würden. Die Community ist zutiefst antifeministisch und hat Verbindungen in die Alt-Right und White Supremacy-Gruppen; von dem Southern Poverty Law Center werden MGTOW als Hassgruppe eingestuft. Denn: anstatt sich einfach nur ihrem „Weg“ zu widmen bedrohen und belästigen MGTWOs immer wieder Frauen online.

Da sie so wenig wie auch nur möglich mit Frauen zu tun haben wollen, betrachten sie es als Ausdruck ihrer eigenen Unabhängigkeit, auch den Valentinstag allein zu verbringen. Frauen würden ohnehin nur die Geschenke ihrer Beta-Cucks einheimsen um sich anschließend danach mit ihrem Liebhaber, einem „Chad“ zu vergnügen. Auf ihren Subreddits berichten sie stolz von ihrer selbstgewählten Einsamkeit, die zugegebenermaßen ein bisschen sehr wie ein verzweifelter Coping-Mechanismus wirkt. MGTOWs erinnern dann doch an kleine Jungen, die auf die elterliche Aussage sie würden keine Süßigkeiten mehr bekommen mit einem trotzigen „Jetzt mag ich überhaupt keine Süßigkeiten mehr!“ reagieren.

Man könnte Mitleid mit dem Verfasser dieses Textes haben, wäre er nicht so ein unangenehmer Frauenfeind (Quelle: Screenshot Reddit)

In Deutschland ist die Gruppierung lose auf Seiten wie Facebook verbunden; in MGTOW-Gruppen echauffieren sich die Mitglieder hauptsächlich darüber, wie weit die Gesellschaft von Feminismus und Kulturmarxismus degeneriert wurde, und wieviel besser es ihnen doch geht, nachdem sie von ihrer Ehefrau verlassen wurden und die eigenen Kinder keine Besuche mehr abstatten. So könne man sich nämlich wirklich auf das richtige und ungehemmte Mannsein konzentrieren.

Das Zölibat von Incels zum Valentinstag ist hingegen der unfreiwilligen Natur. Auf ihren Foren lamentieren sie über die Geißel der Einsamkeit, die am Valentinstag besonders hart zuschlägt. Überall würde man mit der glücklichen Zweisamkeit anderer konfrontiert und so auf die eigene Sexlosigkeit zurückgeworfen werden. Attraktive Gigachads würden sich vor den Liebesangeboten von Frauen kaum retten können, während man selbst einsam dahinfristen würde.

„Oneitis“ ist innerhalb der Incel/PUA-Szene der bewusst nach einer Erkrankung klingende Begriff für „Frau in die man verliebt ist“(Quelle: Screenshot „lookism.net“)

Incels beschäftigen sich so obsessiv mit dem (vermeintlichen) Sexleben anderer, wie mit dem eigenen Mangel daran. Die Schuld daran schreiben Incels Frauen zu. Wie der Rest der Manosphere begreifen sie Frauen als oberflächlich, triebhaft und von Grund auf bösartig. Während Pick Up Artists sich als „Alphamänner“ betrachten, die in der Lage sind die durch den Feminismus verschleierte natürliche Unterwürfigkeit durch die richtigen Techniken wieder hervorkitzeln zu können, haben Incels diese Möglichkeit für sich bereits aufgegeben. Was ihnen bleibt sind Frauenhass, Frust und Selbstmitleid.

Quelle: Screenshot aus dem Forum „incels.co“

Das kompensieren sie damit, vor allem am Valentinstag Incel-Attentätern wie Elliot Rodger zu huldigen, die auf mörderische Rachefeldzüge gegen sexuell aktive Frauen (und, wenn auch mit geringerer Gewichtung, Männer) sind. Einer von ihnen war Nikolaz Cruz: Cruz erschoss am 14.02.2018 17 Mitschüler*innen an seiner ehemaligen Highschool in Parkland, Florida. Cruz, der außerdem extrem antisemitische und rassistische Positionen vertrat und darüber sprach, Homosexuelle und Mexikaner*innen zu ermorden, hatte sich auf YouTube positiv auf den Incel-Attentäter Elliot Rodger bezogen. Am Tag des Attentats selbst wurde auf dem Forum incels.me unter dem Thread „Ein Held erhebt sich an diesem Tag der Incel-Exklusion (Florida Valentinstag-Schoolshooting“) über die Toten frohlockt: „Hoffentlich tötet er viele Roasties. Roasties tragen ohnehin nichts zur Gesellschaft bei, alles was sie tun ist Shoppen zu gehen und Chads Schwanz lutschen und gratis Sachen von Cucks bekommen.“ („Roastie“ ist ein derogativer Begriff der Community für sexuell aktive Frauen, da deren Labien Roastbeef ähneln würden). Auch wenn mitnichten alle Incels über das Potential verfügen, es ihren Idolen wie Cruz gleichzutun: einen Massenmord als legitime Wiedergutmachung für Sexlosigkeit zu zelebrieren zeigt auf, wie von Grund auf menschenfeindlich diese Community ist.

Quelle: Screenshot aus dem Forum „incels.co“

In Japan gibt es jedoch eine Incel-Subgruppe, deren Kritik am Valentinstag zumindest ein gutes Stück ungefährlicher ist: Kakumeiteki Himote Domei, selbsternannte marxistische Kritiker an der Kommodifizierung von Liebe. Sie demonstrieren mit Slogans wie „Zerstört den romantischen Kapitalismus“ gegen Einsamkeit und wirtschaftliche Interessen. Aber auch ihnen ist der Sexismus nicht fremd; auch die Kakumeiteki Himote Domei vertreten stellenweise die Ansicht, dass auch in einem ausgesprochen patriarchal strukturierten Land wie Japan es eigentlich die Frauen sind, denen eine gesellschaftliche Vormachtstellung innewohnt (vermutlich würde ihnen die Lektüre marxistischer Feministinnen dabei helfen, diesen Trugschluss zu überwinden).

Egal ob Pick Up Artist, MGTOW oder Incel: die eigenen Gefühle von Unzulänglichkeit damit zu kompensieren, anderen Menschen das romantische Glück abzusprechen und Frauen zu hassen, ist keinesfalls der adäquate Umgang damit, den Valentinstag alleine verbringen zu müssen.

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Hass auf Frauen Wie die Incel-Community sich immer weiter radikalisiert

Schon mehrmals haben Incels – Männer, die glauben durch Feminismus würde ihnen Sex vorenthalten – tödliche Anschläge verübt. Doch mit der Radikalisierung ist es noch lange nicht vorbei. In immer extremeren Foren werden Pädophilie und Attentäter verherrlicht.

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