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Argumentationsmuster Verschwörungstheorien in Zeiten von Corona

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“Die Impfindustrie kassiert jetzt ab!“ - “Die italienischen Kliniken wollen doch nur an die Finanzhilfen!” - “Cui bono?” In aufgewühlten Zeiten wie diesen haben Verschwörungstheorien wieder eine traurige Hochkonjunktur; ob sie sich nun um Italien, den IS oder die USA drehen. (Quelle: KA)

„Die Menschen sind nicht mehr und nicht ernster krank als alle Jahre zuvor“, behauptete der pensionierte Arzt und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg in einem Interview mit Eva Herman auf dem dubiosen YouTube-Kanal „Wissensmanufaktur“. Während in Italien tausende dem Corona-Virus erliegen, erklärt Wodarg dessen vermeintliche Unbedenklichkeit und bekommt dafür zweieinhalb Millionen Views. In verschwörungstheoretischer Manier fragt er dabei nach dem Cui bono? Wer profitiert davon? Zum einen seien da die Virologen: „die machen dann Impfstoffe und wollen die verkaufen und machen Tests und verdienen daran und sind wichtig“. Und zum anderen würden angeblich die derzeit heillos überlasteten italienischen Kliniken gewinnen: „Spielen die in Aussicht gestellten europäischen Finanzhilfen für Italiens Kliniken eine Rolle bei der medialen Darstellung der Lage durch einzelne Krankenhäuser?“

Es ist eine beliebte Argumentationstechnik in verschwörungstheoretischen Kreisen, solche Fragen aufzuwerfen, an deren ernsthafter Beantwortung jedoch überhaupt nicht gelegen ist. Es sind unechte Fragen, Suggestivfragen, deren alleiniger Zweck darin besteht, meinungsbildend zu wirken. Der Historiker Charles Maier schrieb über derlei unechte Fragen: „Sie [geben] vor, die Tragfähigkeit von Hypothesen zu erproben, [erproben] jedoch in Wirklichkeit die Grenzen eines akzeptablen Diskurses und erreich[en] ihre Wirkung, weil liberale Gesellschaften es ablehnen, die Redefreiheit einzuschränken“. Man wird ja wohl noch fragen dürfen! Dabei unterliegen die so Fragenden einer folgenschweren Verwechslung: Es wird geglaubt, die angeblichen oder tatsächlichen Profiteure gesellschaftlicher Krisen, müssen auch die Verursacher derselben sein. Weil Italiens Krankenhäuser womöglich europäische Finanzhilfen erhalten, haben sie das Thema Corona in den Medien derart hochgeputscht.

Die kruden Gesprächspartner: Eva Herman

Nicht minder zwielichtig als die Entwarnungen Wolfgang Wodargs sind dessen Gesprächspartner*innen: Eva Herman war Fernsehmoderatorin des NDR, bis sie aufgrund ihres Lobes der Mutterrolle im Nationalsozialismus für den Sender untragbar geworden ist. Heute ist sie vor allem auf YouTube unterwegs, etwa für den russischen Propagandasender RT Deutsch, und verbreitet obskure Thesen über Geflüchtete, etwa dass die jüngsten Fluchtbewegungen von „einer bestimmten Gruppe von Machtmenschen des globalen Finanzsystems“ gesteuert würden, oder dass die Anschläge vom 11. September 2001 ein „Trick“ gewesen seien.

Die kruden Gesprächspartner: Ken Jebsen

Ein anderer Gesprächspartner Wodargs ist Ken Jebsen, ein Radiomoderator, der seine Stelle ebenfalls räumen musste, als er in einem Brief an einen Hörer schrieb, er wisse, wer den „Holocaust als PR erfunden“ habe. Jebsen gehörte zu den Hauptrednern der verschwörungstheoretischen „Montagsmahnwachen für den Frieden“ 2014, ist selbst auch 9/11-Truther, glaubt Israel wolle eine „Endlösung“ für Palästina und der Womens March on Washington sei von George Soros gelenkt, der mit dem Verkauf abgetriebener Embryonen an die Pharmaindustrie Geld verdienen wolle.

Wodarg und seine Gesprächspartner*innen sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines beliebten Deutungsmusters gesellschaftlicher Krisen: Hinter den Geschehnissen wird eine geheime dunkle Macht, eine Verschwörung, vermutet, welche die Vorkommnisse in unheilvoller Absicht orchestriert. Wenn das Krisenereignis zudem globale Dimensionen annimmt, wie etwa die islamistischen Anschläge vom 11. September oder die Klimakrise, sprießen die Verschwörungstheorien nur so aus dem Boden.

So natürlich auch bei Corona: Beispielsweise kursiert im Netz der Verschwörungsmythos, China hätte den Virus entwickelt, um andere Wirtschaften zu schwächen. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums behauptete hingegen längere Zeit, die USA hätten den Virus nach China eingeführt. Im Iran lancierte u.a. Ajatollah Ali Chamenei ebenfalls die Vorstellung, Corona sei eine Biowaffe der USA. Der sogenannte „Islamische Staat“ und Geistliche in Tunesien und Ägypten, aber auch in Russland und den USA halten den Virus für eine Strafe Gottes. Und so weiter. Dieser Irrglauben ist keineswegs harmlos: In den USA konnte gerade so ein rechtsterroristischer Bombenanschlag auf ein Krankenhaus in Missouri verhindert werden. Der Täter hielt Corona für „eine Erfindung der Juden“ und gehört zu den sogenannten Akzelerationisten, die einen gesellschaftlichen Zusammenbruch erwarten und beschleunigen wollen. Auch die Weltbilder der rechtsterroristischen Attentäter von Hanau und Halle waren verschwörungstheoretisch strukturiert. Hinter allem witterten sie eine verborgene Macht, gegen die ihre Mordtaten gerechtfertigt seien.

Woher kommen aber eigentlich diese Verschwörungstheorien? Welchen Zweck erfüllen sie? Und wie kann man ihnen im Alltag begegnen?

Verschwörungstheorien können leicht für eine Marotte einiger weniger Esoteriker*innen und Anhänger*innen der extremen Rechten gehalten werden. Der irrwitzige Glaube, Kondensstreifen im Himmel würden das Wetter kontrollieren, in Impfstoffen seien giftige Chemikalien, die einen um die Weihnachtszeit in Kaufrausch versetzen, oder Hitler hätte bis in die 1970er Jahre in Argentinien überlebt, um von da aus seine geheime U-Bootflotte nach außerirdischen Artefakten in der Antarktis suchen lassen, mag einem derart abstrus vorkommen, dass diese Vorstellungen mühelos ins phantastische Reich der Hirngespinste verbannt werden können.

Das Beispiel: Jeffrey Epstein

Oft ist diese Grenze jedoch gar nicht so einfach zu ziehen, wie in diesen skurrilen, jedoch sehr populären Fällen. Nehmen wir zum Beispiel eine aktuelle Verschwörungstheorie rund um den im Gefängnis verstorbenen Multimillionär und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Am 10. August 2019 wurde Epstein leblos in seiner Zelle aufgefunden, die Obduktion ergab Suizid als Todesursache. Die zahlreichen Bekanntschaften Epsteins zur internationalen High Society regte offensichtlich die Phantasie an und löste sogleich eine Flut aus Spekulationen aus. Epstein habe sich gar nicht suizidiert, sondern sei im Auftrag Donald Trumps, den Clintons oder gleich des israelischen Geheimdienstes ermordet worden. Belegt werden diese Mutmaßungen mit allerlei wissenschaftlich anmutenden, aber zweifelhaft belegten Befunden: Der Bruder Epsteins beauftragten einen Arzt zu einer weiteren Obduktion, die ergeben haben soll, dass ein bestimmter Knochenbruch auf Erwürgen und nicht Erhängen hindeutet. Von den Amtsätzen wird das bestritten und der familiär beauftragte Arzt ist in der Vergangenheit bereits durch dubiose Praktiken aufgefallen, etwa als er zur Verteidigung O.J. Simpsons aussagte. Die Erzählung ist nun aber in der Welt und wird vom Netz rasant aufgegriffen. Unter dem Hashtag EpsteinDidn‘tKillHimself sammelten sich abertausende Memes, die das vermeintliche Komplott thematisierten, man konnte sogar Weihnachtspullover mit der Aufschrift des Hashtags online bestellen.

Das Spiel mit dem Zweifel

Diese Art von Verschwörungstheorien spielen mit dem Zweifel: Vielleicht ist ja tatsächlich was dran? Ist die Sache nicht irgendwie total komisch? Wir wissen doch wirklich nicht alles. Die Verschwörungstheorie füllt eine Lücke im Blick auf die Welt, unverständliches wird plötzlich verständlich. Wie konnte sich Epstein in der Zelle erhängen? Gar nicht, er wurde ermordet! Dass diese Verschwörungstheorien keineswegs sicherer sind als das eigene Halbwissen stört dabei nicht, weil sie Sicherheit suggerieren. Sie werden gestützt durch Pseudowissenschaftlichkeit. Jede populäre Verschwörungstheorie versucht sich  durch eine Masse vermeintlicher Fakten, Daten, Zahlen und Namen zu plausibilisieren. Etwa so: „Die Pläne zur Beeinflussung des Wetters durch Chemtrails gehen auf den Biophysiker Mike Charleston vom Freedman-Institute zurück, welcher bereits 1992 dem Dokument O.CI 17.2 des CIA Folge leistete, herauszufinden, wie sich den Emissionen 0,02% Chlordiozephrid beimischen lässt ohne farbliche Veränderungen der Kondensstreifen erkennbar zu machen.“ Bitte nicht glauben, das war gerade frei erfunden. Aber zu überprüfen, dass es diesen Mike Charleston ebenso wenig gibt, wie das besagte CIA-Dokument oder eine chemische Verbindung, die Chlordiozephrid heißt, und das Freedman Institute sich mit Ökonomie und nicht Biophysik beschäftigt, kostet Zeit und Ressourcen, die man in der direkten Interaktion von Angesicht zu Angesicht meistens nicht hat. Zudem können der Entkräftung, dem Debunking, jederzeit neue Daten und Theorien entgegengeschleudert werden, die versierte Verschwörungstheoretiker*innen oft längst in der Hinterhand haben. Zur Beschleunigung der verschwörungstheoretischen Diskurse tragen in nicht unerheblichem Maße die Sozialen Netzwerke bei, die es ermöglichen, dass Behauptungen, mit denen man vormals womöglich allein auf weiter Flur gestanden hätte, nun von einer Vielzahl dafür empfänglicher Nutzer*innen konsumiert und weiter verbreitet werden können.

Der Antisemitismus hinter Verschwörungserzählungen

Strukturell ist die Verschwörungstheorie Ausdruck des antisemitischen Ressentiments. Der Glaube, im geheimen wirke eine mächtige Gruppe finsterer Verschwörer, ist historisch aufs Engste mit der Vorstellung verwoben, Jüdinnen und Juden seien diese Gruppe. Die Blaupause dieses Wahns bilden die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, eine antisemitische Fälschung, die behauptet ein Geheimtreffen mächtiger Juden wiederzugeben, das auf die Zerstörung der bekannten Welt abzielt. Auch wenn der Inhalt des Pamphlets frei erfunden ist, erfreut es sich nach wie vor einiger Beliebtheit, etwa in neonazistischen oder islamistischen Kreisen. Allerdings tritt der antisemitische Verschwörungsglaube heute selten so offen zutage, wie in den angeblichen Protokollen. Nach 1945 wird Antisemitismus zumindest in den sogenannten westlichen Ländern immer seltener geradeheraus kommuniziert. Anstelle der offenen Judenfeindschaft tritt tendenziell die chiffrierte. Es werden dann einfach Substantive ausgetauscht, wobei aber die Argumentationsformen die gleichen bleiben: Anstelle der Jüdinnen und Juden sollen nun die Rothschilds, Bilderberger, Illuminati, Freimaurer oder Rockefellers die Strippenzieher im Hintergrund sein. Nicht zufällig sind ein Großteil der Personen, denen weltumspannende Verschwörungen angedichtet werden Juden. Man sagt dann vielleicht, man meint nur diesen einen und dass er jüdisch ist, habe damit nichts zu tun, kann aber auf das stillschweigende Einvernehmen mit den Zuhörer*innen bauen. Oft genügt dafür allein die Anspielung, man wisse schon wer gemeint ist.

Zum Begriff „Verschwörungstheorie“

Der Begriff Verschwörungstheorie wurde verschiedentlich problematisiert: Adelt man nicht die paranoiden Phantasien, wenn man ihnen das Prädikat „Theorie“ verleiht? Handelt es sich nicht vielmehr um Verschwörungsideologien oder Verschwörungsmythen? So treffend der Einwand auch sein mag, kann der Begriff Verschwörungstheorie doch Auskunft über ihre Funktionen geben. Es handelt sich dabei um den subjektiv wirksamsten und gleichzeitig verfehlten Versuch, sich selbst über die Welt aufzuklären. Theorien versuchen die Phänomene, mit denen man alltäglich konfrontiert sind, in ein sinnvolles Verhältnis zueinander zu setzen. Beispielsweise gibt es in der Psychoanalyse die Theorie des Unbewussten. Das Unbewusste kann man nicht anfassen und auch nicht sehen, aber die Unterstellung, es gebe etwas wie ein Unbewusstes, erleichtert beispielsweise zu verstehen, warum Robert heute wieder vergessen hat, seine Oma anzurufen, obwohl er es sich doch gestern erst vorgenommen hat. Wissenschaftliche Theorien sind sich dabei ihren eigenen Grenzen bewusst, sie haben eine bestimmte Reichweite, erklären eben ganz spezifische Dinge und nicht die ganze Welt. Dazu aber – zur Welterklärung – tendiert die Verschwörungstheorie. Sie wird schnell uferlos: Nicht nur der Kapitalismus und internationale Konflikte sollen damit erklärt werden. Überzeugte Verschwörungstheoretiker*innen wissen, dass das miese Wetter diese Woche von geheimen US-amerikanischen Stationen in der Antarktis produziert wurde, dass die Zeitung, die „Lügenpresse“, nur druckt, was ihr von oben befohlen wird, und dass die eigene Freundin einen verlassen hat, weil sie feministische Ideen aufgeschnappt hat, die zur Zerstörung des deutschen Volkes in die Welt gesetzt wurden usw. Die Verschwörungstheorie reicht also tief in den Alltag hinein und soll dort Licht in das Dunkle, das Unverständliche bringen. Massenhaft ist in verschwörungstheoretischen Kreisen die Metapher des Aufwachsens verbreitet, als befinden wir uns alle in einem tiefen Schlaf und nur sie selbst und einige Auserwählte haben das Geheimwissen entdeckt, uns diesem Schlummer zu entreißen.

Verschwörungstheorie als eine Art Alltagsreligion

Dabei stehen die Aufklärungsbemühungen allerdings allein im Dienste, das subjektive Unbehagen stillzulegen, den Leidensdruck an den unübersichtlichen Verhältnissen zu mildern. Die Verschwörungstheorie als Glaube an eine allmächtige, aber unsichtbare Kraft ist eine Art Alltagsreligion, die gerade darüber wirkt, von so vielen geteilt zu werden. In einem Anhang der Massenpsychologie und Ich-Analyse schreibt Freud:

„Auch wer das Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen Kulturwelt nicht bedauert, wird zugstehen, daß sie den durch sie Gebundenen den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, solange sie selbst noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch mystischen Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu erkennen.“

Demnach gelingt es den Einzelnen ihre Konflikte zumindest temporär aufzuheben in einer Masse, welche eine ähnliche Abwehrstruktur teilt. Auch wenn nicht unbedingt davon auszugehen ist, dass der oder die Einzelne ohne den sozialen Kitt der „Massenneurose“ wirklich krank werden würde, kann die von der Masse geteilte Pseudoaufklärung doch die Illusion von Handlungsfähigkeit nähren: Wenn man weiß, wie die Welt funktioniert, dann weiß man auch, was zu tun ist, nämlich die Schattenmänner, die im Hintergrund die Fäden ziehen zu bekämpfen.

Diese böse Macht ist in der Verschwörungstheorie präexistent, sie geht der Betrachtung des Gegenstandes voraus, egal was sich die Verschwörungstheoretiker*innen anschauen, sie wissen bereits was dahintersteckt, und brauchen dieses Wissen nur noch auf den jeweiligen Gegenstand übertragen. Der Selbstanspruch, die „Wahrheit“ hinter den Erscheinungen aufzudecken, entpuppt sich mit der „Identifizierung“ der geheimen Gruppe vollends als Demagogie: Denn wie kryptisch auch immer, am Ende der Verschwörungstheorie stehen immer die Juden beziehungsweise die USA als deren vermeintlicher Handlanger.

Konfrontation

Mit Verschwörungstheoretiker*innen zu diskutieren kann einen schnell auf Grenzen des Aushaltbaren bringen. Oft bringt es wenig, sich auf Faktenschlachten einzulassen. Wenn beispielsweise ein 9/11-Truther behauptet, Stahl könne bei der Temperatur, die ein explodierendes Passagierflugzeug erzeugt, nicht schmelzen, lässt sich dem womöglich erwidern, dass er das auch gar nicht muss, sondern lediglich sich biegen. Diese Korrektur geht jedoch ins Leere, kann der Truther doch einfach nachziehen, die Flugzeuge seien nicht voll betankt gewesen usw. So notwendig es auch erscheinen mag, die Behauptungen der Verschwörungstheoretiker*innen zu entkräften und so wichtig, das beispielsweise in Online-Diskussionen ist, allein für diejenigen, die einfach nur mitlesen, so geht dieses Vorgehen doch an der Sache vorbei. Wichtig wäre hier die Frage, warum es dieser oder jener Person denn jetzt so unglaublich wichtig ist, dass das World Trade Center insgeheim vom israelischen Mossad oder dem CIA gesprengt worden ist, was dieser Glaube ihm oder ihr bedeutet, warum sich Nächte auf YouTube und Internetforen um die Ohren geschlagen werden, um diesen Mythos zu untermauern. Die Konfrontation sollte auf die emotionale Struktur der Verschwörungstheoretiker*innen und die Gesellschaft, welche diese hervorbringt, zielen, anstatt auf ihre ausufernden Phantasien. In Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute gibt Adorno (1962) ein Beispiel einer solchen Vorgehensweise:

„[…] wenn etwa von Antisemiten gesagt wird, die Juden entzögen sich der harten körperlichen Arbeit, so wäre es nicht der Weisheit letzter Schluß, zu erwidern, es habe doch im Osten viele jüdische Schuster und Schneider gegeben [….]. Indem man so spricht, gibt man den Antiintellektualismus bereits vor und begibt sich damit schon selber auf die Ebene des Gegners, auf der man stets im Nachteil ist. Man müßte statt dessen aussprechen, daß diese ganze Argumentation eine Rancune-Argumentation ist: weil man selber glaubt, hart arbeiten zu müssen oder es wirklich muß; und weil man im tiefsten weiß, daß harte physische Arbeit heute eigentlich überflüssig ist, denunziert man dann die, von denen zu Recht oder Unrecht behauptet wird, sie hätten es leichter“

Es geht also eher darum, auf die Wurzeln des Dranges nach Verschwörungstheorien zu sprechen zu kommen als den vermeintlichen Wahrheitsgehalt der Theorie zu diskutieren. Im Falle der Verschwörungsmythen rund um Corona scheinen das häufig Ängste zu sein, die Lage unter der Epidemie nicht mehr unter Kontrolle zu haben, den Geschehnissen schutzlos ausgeliefert zu sein, zur Passivität verdammt in der Wohnung bleiben zu müssen. Leichter auszuhalten ist es da, das ganze einfach zu leugnen, zu behaupten, die Gefahr wäre nicht real, sondern nur eine Illusion mächtiger Organisationen. Oder aber jemanden dafür verantwortlich machen zu können, der die Situation absichtsvoll geschaffen hätte, um einen mehr oder minder greifbaren Gegner, anstelle eines ungreifbaren Erregers zu haben.

 

 

 

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