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Attila Hildmann Der Wolf ist weg

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Der Wolf ist weg: Attila Hildmann, der sich selbst gern als Wolf beschrieben hat, wurde von der Aktion "Lonely Wolf" aus dem Netz ausgesperrt. Zumindest zunächst. (Quelle: Screenshot)

Über 20 Websites und Shop sind weg, sein „alternatives“ YouTube und über 30 Telegram-Kanäle: Attila Hildmann hat sich ein Verlautbarungsimperium im Internet aufgebaut – und es nun verloren, weil sein vertrautester IT-Admin die Zugangsdaten an Anonymous Deutschland übergeben hat. Damit ist dem anonymen Internet-Aktivist:innen-Kollektiv etwas gelungen, was die deutschen Strafverfolgungsbehörden seit Monaten vergeblich versuchten: Hildmann ist entscheidend Reichweite genommen worden. Das schützt die Opfer seiner Hassangriffe und mindert seine Einflussmöglichkeiten auf Anhänger:innen.

Das Netzwerk

Der vegane Koch Attila Hildmann, wegen seiner mit Hitler gleichlautenden Initialen und seiner galoppierenden Radikalisierung im Internet auch als „Avocadolf“ oder „Hirsehitler“ belacht, radikalisierte sich seit März 2020 beständig. Von einem nach Antworten und Aufmerksamkeit suchenden Verschwörungsinteressierten entwickelte er sich zügig zu einem geifernden Gewaltbefürworter, der den mörderischen Antisemitismus des Nationalsozialismus als adäquat ansah und zu Gewalt gegen Juden:Jüdinnen und Homosexuelle aufrief. Allerdings bisher ohne große Konsequenzen, denn es laufen zwar Strafverfahren, doch Hildmann hatte sich – gewarnt mutmaßlich durch einen Insider-Tipp aus den Strafverfolgungsbehörden – in die Türkei abgesetzt, wo die Haftbefehle nicht durchgesetzt werden (vgl. Belltower.News). Zwar haben die großen Sozialen Netzwerke Hildmann nach und nach beschränkt oder von ihren Seiten geworfen – doch Hildmann verfügte bisher über ein weiterverzweigtes Netzwerk von Websites und Social-Media-Kanälen, inklusiver der eigenen Videoplattform „Wtube“, um seinen Hass zu verbreiten und seine Produkte zu verkaufen, die sein Leben als vermeintliches Opfer der „Diktatur“ in Deutschland finanzierten.

Der IT-Experte

Ein solches Online-Netzwerk baut ein ursprünglicher Koch nicht einfach aus dem Stehgreif auf – und auch Hildmann suchte sich Hilfe und fand einen gleichgesinnten IT-Experten, der seine verschwörungsideologische „Arbeit“ sinnvoll fand und durch den Aufbau des Online-Netzwerks unterstützen wollte. Nun bringt er sie aber auch zum Einsturz: IT-Experte „Kai“ sei selbst ein Verschwörungsgläubiger, aber er sei kein Nazi. Er glaube an die Plandemie und traue Drosten nicht. „NWO? Ja, glaubt er. Aber er verbindet es nicht zwingend mit Juden“, heißt es auf der Webseite von Anonymous. An das anonyme Hacker-Kollektiv hat sich „Kai“ gewandt, nachdem – nach Eigenangaben – Strafverfolgungsbehörden kein Interesse an seinen Erkenntnissen gehabt hätten.

Das klingt skandalös, liegt aber vielleicht auch in Auftreten und Persönlichkeit des IT-Experten begründet: „Kai“ störte sich offenkundig nicht an antidemokratischer Agitation der Pandemieleugner:innen-Szene. Er ist offensichtlich kein Aussteiger aus der Szene, auch wenn er mit Hildmann nichts mehr zu tun haben will. Attila Hildmann, den habe er zunächst für einen „korrekten Dude“ gehalten, erzählt „Kai“ laut der Website Anonleaks.net, doch dann der sich doch als „ein Nazi“ erwiesen, der schon auf alten Mobiltelefonen und Computern vor 2018 NS-Propagandamaterial gespeichert habe; dass alles sei „Kai“ dann zu antisemitisch geworden sei. Heute schätzt „Kai“ seinen Weggefährten als gefährlich ein.

Anonymous und Hildmann

Ob diese Erzählung stimmt und auch die, die „Kai“ Anonymous danach erzählt – dass er extra noch monatelang bei Hildmann blieb, sich „unersetzlich“ machte, sogar mit ihm in die Türkei floh, um genug Daten und Zugänge zu haben, um Hildmann offline zu nehmen – unklar, aber auch geschenkt. Letztendlich war die Hinwendung „Kais“ zu Anonymous folgerichtig, denn die haben sich im Zuge der „Operation Tinfoil“ schon mehrfach mit Hildmann und seinen Anhänger:innen befasst. Nicht zuletzt deshalb, weil es im Hildmann-Umfeld Menschen gab, die sich selbst als „Anonymous“ definierten, sogar entsprechende Kanäle auf Telegram betrieben. Die Hackergruppe funktioniert anonym, es gehört zu Prinzip, dass sich jede:r als „Anonymous“ definieren kann, der oder die möchte. Doch die Telegram-Anhänger:innen, auch “Hildonümus” genannt, begrüßten sich im Kanal mit „Heil“ und posteten Hakenkreuzfahnen. Auf Anonleaks.net wird kommentiert: „Wer den Namen Anonymous derartig missbraucht für extremistischen Scheiß, der kann sich nicht mehr länger hinter der Guy Fawkes Maske verstecken.“ Betreiber des Kanals “Anonymous Germany” auf Telegram, der Anon außerhalb von Telegram als „Antifa“ und „Fake Anons“ bezeichneten: ebenfalls „Kai“ und Attila Hildmann. Alle Anonymous-Aktivist:innen, die nicht in den Telegram-Gruppen aktiv waren, sah „Kai“ damals als „staatlich gelenkte Hacker“ und „Systemnerds“ an – ein weiteres Beispiel, was ein verschwörungsgläubiges Weltbild so alles an Wirrnis produziert. Erst später fing er an, dass Kollektiv als unabhängig wahrzunehmen. Sagt er jetzt.

Daten und Fakten

Doch unabhängig davon, wie „Kais“ Motivation sich entwickelt haben mag: Offenbar konnte er liefern. Er sammelte Zugangsdaten und Domain-Rechte von Seiten wie wtube.org (Hildmanns YouTube-Alternative, wichtig für Videobotschaften nach der Sperrung im Original) oder whattheyhide.org, programmierte Bots, um Daten auf Telegram zu speichern, von Uploadern, Postern, Followern. Er sammelte Daten, Geschehnisse, Zugänge, Aussagen. Weil er Angst hatte, sich inzwischen selbst strafbar gemacht zu haben, floh er mit Hildmann in die Türkei.

Mitte August 2021 übergab „Kai“ die Zugangsdaten zu mehr als 20 Mail-Accounts der Domains attilahildmann.de und attilahildmann.com. Insgesamt konnten Anons so an die 100.000 Mails im Live-Betrieb aus Attilas Postfächern saugen, in direktem Zugriff auf die Postfächer. Weitere Erkenntnisse aus diesen Mails werden folgen, kündigt Anonymous an.

Zum 13.09.2021 wurden zunächst Hildmanns Websites von ihren Inhalten befreit und spielen nun die Löschung durch Anonymous in Text und Video aus – wobei die Inhalte der Seiten zuvor gesichert wurden. Viele der Website-Domains laufen auf „Kai“ – aus Angst vor einer angeblich drohenden „Pfändung“ durch die Staatsanwaltschaft. Insgesamt geht es um 21 Websites, neben denen mit Hildmann im Namen wie attilahildmann.de geht es u.a. um „Wtube“, „WStream“, „Whattheyhide“, „Wirmachenauf“. Auf „Wtube“ wurden damit auch Kanäle u.a. von Boris Reitschuster und Dr. Heinrich Fiechtner gelöscht. Auf dem YouTube-Kanals „The Fresh Vegan“ wurde „The Hacked Vegan“. Insgesamt über 30 Telegram-Kanäle wurden geschlossen – allerdings werden einige zurückkehren, weil „Kai“ dort nicht „Owner“ war, sondern nur Admin. Darunter wiederum die auf Hildmanns Namen (Hauptkanal: 68.000 Follower, zweiter rund 20.000), aber auch Kanäle wie Dr_Heinrich_Fiechtner (37.000 Fans), „COVID VACC VICTIMS“ (11.000 Follower), „Eiswolf“ (10.000 Follower), „Muslime gegen Corona-Diktatur“ (2.300 Fans), „What they hide“ (2.300 Follower) oder „Wolfsschanze“ (600 Follower).

Explizit bieten Anonymous und „Kai“ die gesicherten Daten erneut den Strafverfolgungsbehörden an – wenn sie Hildmann ernsthaft ins Gefängnis bringen wollten. „Kai“ gab an, bereits zuvor Hinweise an das Landeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gesendet zu haben, ebenso an die “Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Computer- und Datennetzkriminalität“ Cottbus – nach eigenen Angaben, ohne Antwort zu erhalten. Dasselbe hatte Anonymous bereits bei früheren Hinweisen berichtet, die unter anderem an die „Hinweisstelle“ des LKA Berlin gingen. Anfragen von Belltower.News zum Sachverhalt haben diese Stellen bisher nicht beantwortet.

Dabei könnten die Strafverfolgungsbehörden ihr Scherflein dazu beitragen, dass es wirklich zum „letzten Kapitel“ der Hildmann-Story kommt – so hatte Anonymous Deutschland die Deplatforming-Aktion heute hoffnungsfroh überschrieben. Denn so einfach kommt es dazu nicht, in diesem schnelllebigen Internet: Hildmann baut bereits neue Telegram-Kanäle auf. Bleibt zu beobachten, wie viele Follower das noch interessiert. Bisher hält es sich in Grenzen.

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