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Transparenz wäre besser Wer sperrte Attila Hildmann?

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Game over für Hildmann auf Telegram? Leider nur teilweise. (Quelle: Screenshot)

Attila Hildmann, der sich seit 2020 vom berühmten veganen Koch über den verlachten, verschwörungsinteressierten „Avocadolf“ zu einem der massivsten antisemitischen und rechtsextremen Hetzer online entwickelt hat, hat viele Plattformen im Zuge seiner Radikalisierung verloren – doch Telegram, das reichweitenstarke, aber unregulierte Messenger-Netzwerk mit fast nicht vorhandener Moderation und hetzeumfassenden Meinungsfreiheitsbegriff, war sein letzter Hafen. Kein Wunder also, dass Betroffene frohlockten und Hildmann wütete, als es gestern hieß: Der Kanal wird nicht mehr angezeigt.

Hildmann musste vor lauter Schreck unzählige neue Telegram-Kanäle mit größtenteils überaus peinlichen Fremdscham-Namen aufmachen, die wir zwar kennen, aber bewusst nicht nennen, um ihnen nicht zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen als nötig. Darüber musste er sogar wieder twittern (tut er nicht mehr häufig, weil seine Beiträge dann oft gegen die Community Guidelines verstoßen). Denn ohne Zweifel ist jede Aktion, die Hildmann Öffentlichkeit nimmt, begrüßenswert. Er postet Videos auf seiner selbstgebastelten, aber unfunktionalen und komplett bedeutungslosen Videoplattform-„Alternative“, deren Namen wir aus obigen Gründen ebenfalls kennen, aber nicht nennen, und es geht überall um „Diktatur“ und „Widerstand“ und die ganze Täter-Opfer-Umkehr, die Verschwörungsideologen dann schreiben, wenn sie keine strafrechtlich relevanten Beleidigungen oder Volksverhetzung mehr als „Meinung“ in den digitalen Äther pusten dürfen.

Die Ausfälle im Text haben wir mal wegen Bedeutungslosigkeit und Großbuchstabenmissbrach ausgeblendet.

Möglich also, dass Hildmann deshalb vielleicht keinen guten Tag hatte – doch wie es zu der Sperrung kam, bleibt völlig unklar. Der Vorgang wirkt wie ein Sinnbild der Transparenz-Debatte um Soziale Netzwerke, die so viel Meinungsbildung beeinflussen, aber der Öffentlichkeit so wenig darüber verraten wollen, wie sie das tun, welche Mittel sie haben, und wann sie diese warum einsetzen.

Fakt ist: Attila Hildmanns Haupt-Telegram-Kanal war über Apps aus dem Google-Play-Store und aus dem Apple-Store nicht mehr zu erreichen. Der Rest von Telegram allerdings schon. Dass App-Store-Anbieter einzelne Apps aus den Stores verbannen können, ist bekannt. Dass dies in der Arbeit gegen Online-Hass geschieht, ist auch geschehen – so flog etwa die rechtsextreme Pseudo-Twitter-Alternative „Parler“ nach dem „Sturm auf das Capitol“ in Washington aus den App-Stores. Aber können App-Store-Betreiber einzelne Kanäle auf Telegram blocken? Nein, sagt zumindest Google, sie hätten damit nichts zu tun. Apple sagt bisher nichts, aber rein technisch ist diese Lösung kaum vorstellbar.

Hat dann also Telegram Attila Hildmann gesperrt? Hat der glühende Antisemit und bekennende Reichsbürger den Bogen genug überspannt? Telegram äußert sich grundsätzlich zu nichts, aber auch an dieser Stelle ist Zweifel angebracht: Denn Hildmanns Hauptkanal blieb zwar in den Apps nicht erreichbar – in der Telegram-Desktop-Version war er allerdings durchgängig online. Es ist wohl auszuschließen, dass Telegram in der App Kanäle sperrt, sie aber in der Desktop-Version vergisst (Telegram dürfte aber gern das Gegenteil beweisen und Hildmann ganz sperren). Allerdings wäre eine taktische Sperrung möglich, um nicht aus den App-Stores ausgeschlossen zu werden. Dafür spricht auch, dass der Kanal zugängig bleibt, wenn die App nicht in Appstores, sondern aus dem Web geladen wird.

Hildmann hat natürlich eine verschwörungsideologische Vermutung:

Was bleibt, ist das gute Gefühl, dass ein demokratiefeindlicher Hetzer an Reichweite verliert – denn auch wenn er sich neue Kanäle oder Plattform-Präsenzen aufbaut, verliert er massiv an Reichweite. Was bleibt, ist aber auch das schlechte Gefühl, dass Meinung zumindest teilweise in einem digitalen Raum gebildet wird, über den die Öffentlichkeit keinerlei Kontrolle hat, oder auch nur Einsicht, warum dort Dinge passieren oder nicht passieren.

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