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CSD-Demo „Die AfD ist eine Travestie“

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Der Queer-Aktivist Alexander Winter von der Kampagne "Travestie für Deutschland" (Quelle: AAS)

Belltower.News: Herr Winter, heute findet der Berliner CSD statt – dieses Jahr online. Normalerweise hat der Demozug einen Straßenpartycharakter und lockt hunderttausende Menschen aus aller Welt in die Hauptstadt. Einige aus der queeren Community haben sich kritisch zum digitalen Format geäußert. Die Party wird vermisst. Gibt es 2020 überhaupt einen Grund zum Feiern?

Alexander Winter: Feiern ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wir können aber auf jeden Fall stolz auf einiges zurückblicken, das wir als Community erreicht haben. Zum Beispiel wurde die Konversionstherapie verboten und es gibt endlich eine Diskussion über die Blutspenderegelungen für Homosexuelle. Man darf feiern, dass sich das ändert. Aber mitten in einer Pandemie sehe ich physische Veranstaltungen kritisch. Ich wünsche mir zudem, dass der CSD zu seinem ursprünglichen Protestcharakter zurückkehrt. Dafür müssten wir auf die Straße – um uns selber zu zelebrieren. Denn das ist ein wichtiger Teil von LGBT-Kultur. Und das ist für mich keine reine Party, sondern auch etwas Politisches.

Muss der CSD politischer werden, um relevant zu bleiben?

Es gibt mittlerweile ein sehr unübersichtlich gewordenes Sammelsurium an Menschen, die am CSD teilnehmen. Aber es gibt sehr viele politische Strömungen, die dort vertreten sind, die nicht immer sichtbar sind. Medial dargestellt wird oft nur der Glitzer und Glamour, der Zirkuscharakter. Der CSD ist aber bis zu einem gewissen Grad immer noch sehr politisch.

Seit langem gibt es Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung des CSD, auf dem Lkws von großen Unternehmen zu sehen sind, die die queere Community zwar unterstützen – aber gleichzeitig auch Werbung machen. Ist das eine wichtige Form von Solidarität oder bloß Pinkwashing?

Einerseits ist das für viele queere Menschen ein wichtiges Zeichen: Ich habe letztes Jahr einen Text von einem älteren Mann gelesen, der darüber schrieb, dass er die Regenbogenflaggen im Supermarkt toll findet. In seinen jüngeren Jahren gab es diese Repräsentanz in der Öffentlichkeit einfach nicht. Andererseits wünsche ich mir auch mehr Transparenz von Konzernen – auch über ihre Einnahmen während ihrer Pride-Kampagnen. Es ist super, wenn Coca-Cola Regenbogen auf ihre Produkte klebt. Aber wenn kein Cent von diesen Einnahmen in Jugendzentren, Trans-Projekte oder Aufklärungsarbeit fließt, ist das einfach eine kapitalistische Marketingmasche. Es ist Pinkwashing.

In Antwort auf solche Kritik gab es wie in vergangenen Jahren auch dieses Jahr einen „alternativen CSD“ – im analogen Raum auf der Straße. Was war Ihr Eindruck?

Ich selber war nur auf der Auftaktkundgebung am Nollendorfplatz. Ich habe die Demo dann online weiterverfolgt: Die ersten Bilder waren heiter und befreit, weil endlich wieder auf der Straße Repräsentanz gezeigt werden konnte. Die Berliner Kultur- und Clubszene liegt zwar brach, der Demozug hatte aber einen Feiercharakter. Das wurde allerdings schnell überschattet. Demonstrant*innen wurden homo- und transphob beleidigt und attackiert. Passant*innen wurden gewalttätig – gezielt gegen lesbische Frauen.

Ein Teil der Demo wurde mit Sahne und Eiern beworfen, Demonstrant*innen wurden beschimpft und angegriffen. Gleichzeitig wird Berlin häufig als queere Hauptstadt gefeiert. Hat Berlin den Ruf verdient?

Ja und nein. Berlin hat eine queere Seele. Nichtsdestotrotz, auch wenn Berlin eine der liberalsten Städte in Deutschland ist, was Homosexualität oder LGBTQI*-Menschen anbelangt, so hat sich doch seit einer Weile eine sehr gravierende Verschiebung der Toleranz eingeschlichen. Es ist nicht von einem Tag auf den anderen passiert, sondern nach und nach. Mittlerweile ist dieser Ruf nur noch ein Lippenbekenntnis: Die Zahlen von Gewalt und Übergriffen steigen.

Woran liegt das?

Das hat viel mit der Repräsentanz zu tun. Die neue Generation von Menschen, die jetzt Teil der queeren Szene ist, ist nicht mehr so verhuscht und stumm wie früher. Sie sind beeinflusst von queeren US-amerikanischen Netflix-Serien und Filmen, die nach Deutschland herüberschwappen – und das ändert die Haltung vieler Menschen, macht sie mutiger. Hinzu kommt, dass es immer mehr Menschen gibt, die ein immenses Unwohlsein und Verunsicherung gegenüber vermeintlich „Anderen“ empfinden, was sehr schnell in Gewalt endet. Das wiederum ist durch einen zunehmend rechten politischen Diskurs bedingt.

Viel zu oft wird einfach weggeguckt, wenn jemand homo- oder transfeindlich angegriffen und beleidigt wird. Was sollen Menschen tun, wenn sie solche Vorfälle mitbekommen?

Leute haben Angst, sich einzumischen, weil sie eine Eskalation befürchten, die sie nicht überblicken können. Es fehlt im Zweifelsfall auch eine Art von Empathie. Bevor die Situation eskaliert, ist es sinnvoll, einfach mit der betroffenen Person ins Gespräch zu kommen und sich zwischen sie und den Angreifer zu stellen. Man kann einfach über das Wetter oder einen Film reden. Das kann den Angreifer daran hindern, aggressiver zu werden. Wenn aber die Eskalation schon zu weit ist, soll man trotzdem in Richtung Opfer und nicht Angreifer gehen – und dann die Polizei rufen. Das wird auch gerne vergessen in der queeren Community. Viele haben immer noch eine Hemmschwelle und vertrauen der Polizei entweder nicht, oder sie denken, dass die Polizei da eh nichts machen wird. In Berlin zumindest ist das nicht so. Es gibt dafür Dienststellen und Ansprechpartner*innen bei der Polizei explizit für Diskriminierungserfahrung gegenüber LGBTQI*-Personen.

Sie sind Teil der Kampagne „Travestie für Deutschland“. Warum braucht Deutschland mehr Travestie?

Deutschland braucht vor allem eine offene Travestie, gerade in der Politik. Wir brauchen alle sehr viel mehr Bereitschaft, über das Konstrukt Gender nachzudenken – also was überhaupt männlich und weiblich ist. Und auch inwiefern unsere Gesellschaft so misogyn ist. Warum erweckt ein Mann in Frauenkleidern so viel Hass? Vor allem braucht Deutschland mehr Travestie, um über sich selber lachen zu können. Deutschland wirkt mir zu zugeknöpft. Es würde nicht schaden, ein bisschen mehr Schminke im Gesicht dieses manchmal sehr traurigen und tristen Landes aufzutragen, das sich lieber auf die Lippen beißt, bevor es etwas Falsches sagt.

Und was hat das mit Ihrer Namensgeberin, der Alternative für Deutschland, zu tun?

Die AfD ist an sich eine Travestie. Wir sind damals als Gegenzug zur AfD entstanden – als Zerrspiegel und Bloßstellung ihrer Thesen und vermeintlichen „Sprachkultur“, die definitiv kabarettistische Züge trägt. Frau von Storch wollte beispielsweise die Sonne wegen Klimawandel verklagen. Das hätte aus einer Jurassica Parka-Show stammen können. Bei der Bundestagswahl 2017 haben wir satirische AfD-Wahlplakate mit diversen Drag-Queens und -Kings gemacht. Aber im Vergleich zu einer guten Travestie-Show können wir über den Aufstieg der AfD nicht lachen.

Die AfD positioniert sich immer wieder queerfreundlich. Dabei geht es allerdings schnell um das altbekannte Thema Migration. Die CSD-Veranstalter*innen lehnten vor zwei Jahren einen Teilnahmeantrag von der AfD ab.

Die AfD ist ein opportunistisches Sammelbecken, das hier versucht, Wähler*innen zu gewinnen. Alice Weidel ist eine bewusste Entscheidung: Eine hasspredigende lesbische Frau ist strategisch klug, da es andere Wähler*innen erreicht als sonst. Ich habe sehr viele Diskussionen mit Menschen aus der queeren Community gehabt, die wirklich der Überzeugung sind, dass die AfD nicht homophob sein kann, wenn sie eine Lesbe als Co-Vorsitzende hat.

Das klassische Kronzeugen-Phänomen.

Dabei muss man allerdings auch sagen, dass es eine ganze Gruppe Homosexuelle in der AfD gibt – vor allem Männer. Die queere Community ist nicht frei von Rassismus und politischem Irrsinn. Es ist ein Fehler zu denken, dass die queere Community nur links ist und sich automatisch gegen die AfD positioniert.

Wo dieser gesellschaftliche Rechtsruck hinführen kann, sieht man aktuell zum Beispiel in Polen. Mit dem Wahlsieg des stark rechtskonservativen Andrzej Dudas als Präsident ist das Land weiterhin auf einem homo- und transfeindlichen Kurs. Der Südosten des Landes wird zum Teil als „LGBT-freie Zone“ erklärt. Was tun?

Das Gute ist, dass das ein sehr knapper Wahlsieg war. Das gibt einen kleinen Funken Hoffnung. Als „Travestie für Deutschland“ hatten wir vor der Pandemie sehr viele Pläne, die wir nun leider nicht verwirklichen können. Wir wollten zum Beispiel einen Tunten-Bus nach Warschau organisieren, um die dortige Pride-Demo zu unterstützen. Das ist zwar importierte Solidarität, aber in der Menge liegt auch mehr Kraft. Wir möchten nun weiterhin das Medienbewusstsein für die Betroffenen stärken. Und wir haben Städte in Deutschland, die eine Partnerschaft mit polnischen Städten in diesen LGBT-freien Zonen haben, dazu aufgefordert, diese zu kündigen. Das wäre ein sehr deutliches Statement – und es gibt bereits einige Städte, die das tatsächlich gemacht haben. Wir weisen zudem auf bestimmte Unternehmen hin, die diese Zonen unterstützen – wie beispielsweise die Biermarken Tyskie und Lech.

Die jüngsten Ereignisse in Polen zeigen, dass ein emanzipatorischer gesellschaftlicher Fortschritt keineswegs selbstverständlich ist. Er muss erkämpft werden. Der queere Stonewall-Aufstand in New York 1969 jährte sich letztes Jahr zum 50. Mal. Seitdem ist auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene unglaublich viel erreicht worden, doch es gibt immer noch viel zu tun. Wie werden wir in 50 Jahren zurückblicken?

Die Rechte, die ich als 35-Jährige genieße, wurden für mich zum größten Teil von der Generation vor mir erkämpft. Deswegen sehe ich es als meine Aufgabe, den Kampf auf anderer Weise fortzuführen. Dabei sind mir Transgender-Themen unglaublich wichtig. Transpersonen brauchen mehr Mitspracherecht und mehr Sichtbarkeit. Wir brauchen zudem auch mehr Empathie in der Gesellschaft. Diese Zukunftsvision halte ich für möglich innerhalb der nächsten 50 Jahre. Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich mich nicht politisch engagieren.

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