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Der Chemnitzer FC und die Neonazis Maximal fehlendes Problembewusstsein

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Am Samstag trauerten rechtsextreme Hooligans um den Neonazi Thomas Haller beim CFC (Quelle: KA)

Chemnitz im Spätherbst 2018: Nach der mutmaßlichen Tötung eines jungen Deutsch-Kubaners auf dem lokalen Stadtfest hatte die extrem rechte Hooligangruppe „Kaotic Chemnitz“ binnen weniger Stunden zu einer rassistischen Kundgebung aufgerufen. Mehrere hundert Menschen erschienen an einem Sonntagnachmittag, es kam zu Hetzjagden auf Migrant*innen. Am Montag folgte ein noch größerer Aufmarsch. Unter ihnen waren hunderte gewaltbereite, extrem rechte Hooligans, einige zogen unter dem Schlachtruf „Adolf Hitler Hooligans“ durch die Straßen. Der extrem rechte Teil der Chemnitzer Fanszene war zentral für die Mobilisierung, so dass der mediale Druck den Verein dazu veranlasste, sich spät per Aufdruck am Mannschaftsbus zu positionieren. „Chemnitz ist weder grau noch braun“ stand in bunter Schrift geschrieben.

Der am vergangenen Freitag an Krebs verstorbene Thomas Haller war tief verwurzelt in dieser Fanszene des Chemnitzer FC und gehörte über lange Jahre zum Führungszirkel der Gruppe „Hooligans Nazis Rassisten“ (HooNaRa) – aus der politischen Gesinnung machten sie keinen Hehl. Sie galt in den 1990er und 2000er Jahren als sportlich führend in der Hooliganszene, politisch als militant weit rechts. Mitglieder der Gruppe – wie Rico M. – begannen schon zu Beginn der 2000er Jahre Mixed Martial Arts zu trainieren, damals hieß es noch „Free Fight“. Auch war mindestens ein Mitglied der Gruppe unter den Tätern, die 1999 den damals 17jährigen Punker Patrick Thürmer in Hohenstein-Ernstthal totschlugen. 2007 löste sich die Gruppe offiziell auf, doch ist der Schlachtruf „HooNaRa“ bis heute auf rechten Kampfsportveranstaltungen zu hören, noch immer tragen ehemaligen Mitglieder stolz ihre Gruppentattoos.

Die Netzwerke blieben bestehen, wie Haller dem Magazin RUND 2007 erzählte, waren weiterhin schnell zu mobilisieren – auch zu den rassistischen Aufmärschen im Spätsommer 2018. Zudem gründeten sich mit den „NS Boys“ und „Kaotic“ zwei jüngere Gruppen extrem rechter Fans, sie wurden von „HooNaRa“ hochgezogen. Schnell brachten auch die es zu einem eigenen Ruf. Zum Heimspiel gegen Türkiyemspor Berlin in der Regionalligasaison 2008/2009 trugen knapp 40 Personen aus diesem Kreis ein rotes Shirt im Stadion, auf dem „Wieder mal kein Tor für Türkiyemspor“ gedruckt stand. Was nach einem albernen Fußballreim klingt, ist der Titel eines hasserfüllten und abgrundtief rassistischen Songs, den die Naziband „Landser“ dem Migrantenverein einst gewidmet hatte.

In den 1990er und 2000er Jahren baute Haller auch seine eigene Security Firma auf, die bis 2007 auch für den Chemnitzer FC arbeitete. So ist die Entwicklung einer subkulturellen extremen Rechten mit eigenen wirtschaftlichen Kreisläufen schon damals par excellence in Chemnitz zu beobachten: Hierzu gehören Hooligangruppen und Kameradschaften, Musiklabels und Kneipen, Security-Unternehmen und Kampfsportstudios. Es war das kulturelle Milieu, in dem sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) pudelwohl fühlte. So überraschte es kaum, als die „NS Boys“ im Mai 2015 ein Banner in den Sozialen Medien posteten: „Komme was da Wolle, dich kriegen sie nicht klein!“. „Wolle“ ist Ralf Wohlleben, im NSU-Prozess als Unterstützer verurteilt.

Der Chemnitzer FC hat auf rassistische Vorfälle oft gar nicht, und wenn, dann erst spät auf medialen Druck hin reagiert. Stets waren es symbolpolitische Maßnahmen, deren Wirkung bezweifelt werden darf. Auf den Vorfall gegen Türkiyemspor Berlin reagierte der Verein, in dem im Folgejahr ein Aktionsspieltag für Toleranz ausgerufen wurde in Zusammenarbeit mit dem MDR. Als deren Moderator*innen im Mittelkreis das Motto anmoderierten, hallten lautstark Pfiffe durch das Stadion an der Gellertstraße. Später wurden gegnerische Spieler rassistisch bepöbelt. So hat es der Chemnitzer FC über Jahre und Jahrzehnte versäumt substantiell in die Schulung seiner Mitarbeiter*innen, in eine langfristige Fanarbeit sowie in präventive Maßnahmen zu investieren.

Das Gehechel von einer symbolpolitischen Maßnahme zur nächsten, von einem Brandherd zum anderen kann darüber nicht einmal schlecht hinwegtäuschen. Und letztlich hat das Gedenken an Thomas Haller auch den Aufdruck am Mannschaftsbus aus dem September 2018 als reinen Bluff überführt, der seinerzeit den medialen Aufschrei beruhigen sollte. Am Ende verteidigt der Club sein Gedenken gar: „Die Ermöglichung der gemeinsamen Trauer stellt keine Würdigung des Lebensinhalts des Verstorbenen dar.“ Nur an die Opfer extrem rechter Gewalt erinnert kaum jemand. Am 03. Oktober 2019 jährt sich der Todestag von Patrick Thürmer zum 20. Mal. Ob ihm jemand aus der Chemnitzer Fanszene gedenken wird?

 

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