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„Drei Steine“ Ein autobiografischer Comic über Neonazi-Gewalt in Dortmund

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In der Graphic Novel "Drei Steine" beschreibt Nils Oskamp, wie er Mitte der 1980er Jahre in Dortmund-Dorstfeld ins Visier von Neonazis geriet und nur knapp überlebte. (Quelle: Nils Oskamp)

Vor dem Mauerfall war Dortmund für Neonazis quasi ein rechtsfreier Raum. So hat sich Mitte der 1980er Jahre in Dortmund eine der aktivsten Neonazi-Szenen der Republik etabliert. Einen wichtigen Faktor für deren Entstehen hat der Comic-Zeichner Nils Oskamp in seiner autobiografischen Graphic Novel “Drei Steine” erzählt. Ein ehemaliger SS-Offizier lädt junge Menschen in seine Wohnung ein und hält Kameradschaftsabende ab. Die neue Generation Nazis, die der Alt-Nazi heranzieht, bekommt den Auftrag, in ihren Schulen weitere Interessenten zu werben. Daraus entstehen Seilschaften, die heute immer noch aktiv sind. Sie verbreiten rechtsextremen Terror, der weiterhin Schlagzeilen macht. Dortmund Dorstfeld ist auch heute noch als Nazi-Kiez bekannt.

 

Quelle: „Drei Steine“ Nils Oskamp

Ein Freund Oskamps nahm einmal an einem solchen Kameradschaftsabend teil, und auch der Comic-Zeichner selbst hat mehr als genug Erfahrungen mit Neonazis gesammelt. Im Alter von 13 bis 15 Jahren hatte der 1969 Geborene an seiner Realschule in Dortmund-Dorstfeld einen Dauerkonflikt mit neonazistischen Mitschülern, der ihm beinahe das Leben gekostet hatte.

 

Die Spirale der Gewalt eskaliert und gipfelt in zwei Mordanschlägen

Alles beginnt damit, dass Oskamp einen Mitschüler widerspricht, der behauptet, Aschwitz sei eine Lüge, erfunden von den Alliierten. Daraufhin lauern Mitschüler Nils Oskamp auf der Schultoilette auf und verprügeln ihn. Fortan ist Oskamp Zielscheibe für die örtlichen Neonazis.

 

Quelle:“Drei Steine“ Nils Oskamp

Das ganze eskaliert in drei Mordanschlägen – zwei davon hat Oskamp in seinen Comics verarbeitet. Einmal wird auf ihn im Haus der Eltern mit einem Wehrmachtskarabiner geschossen. Ein anderes Mal werden vor der Schule die Reifen seines Fahrrads zerstochen. Als er außer Sichtweite der Schule ist, springt eine Horde Neonazis aus dem Gebüsch und prügelte und tritt auf den am Bodenliegenden ein, bis er bewusstlos wird. Erst im Krankenhaus wacht er wieder auf. Jochbein und Nasenbein sind nach dem Angriff gebrochen, Oskamp erleidet innere Blutungen und eine Gehirnerschütterung. Zwei der Angreifer waren Mitschüler, einer der Angreifer Mitglied der Hooligan-Organisation “Borussenfront” gehörte später zum Führungskreis „Die Rechte“.

Als Oskamp Jahre später wieder in Dortmund ist, läuft er zufällig einem seiner ehemaligen Peiniger über den Weg. Der ist mittlerweile ein bundesweit bekannter Neonazi. All die Rachegelüste, die Oskamp seit seiner Jugend gegen die Neonazi-Schläger verspürt hatte, sind mit einem Mal verflogen. „Als ich den dann gesehen habe, habe ich nichts mehr gefühlt. Der hat mir fast ein bisschen leid getan, weil der ja eigentlich sein ganzes Leben verpfuscht hat“

 

„Wenn du Hilfe brauchst, ruf dir’n Taxi, die sind schneller.“

In eindringlichen Bildern zeigt Oskamp in „Drei Steine“, wie Lehrer und Polizei die Bedrohung nicht ernst nehmen. Sein bester Freund meinte damals: „Wenn du Hilfe brauchst, ruf dir’n Taxi, die sind schneller.“

Der Titel „Drei Steine“ bezieht sich auf die jüdische Tradition, drei Steine zum Gedenken auf Gräbern niederzulegen. In Oskamps Geschichte kommen drei Steinen, die er zuvor von einem geschändeten jüdischen Friedhof mitnimmt, eine besondere Bedeutung zu: Mit dem ersten Stein verteidigt er sich gegen einen Neonazi. Den zweiten Stein will er als Waffe gegen einen Angreifer einsetzen, entscheidet sich allerdings dagegen und beendet so die Spirale der Gewalt. Und den dritten Stein  legt er im Epilog in der Gedenkstätte Yad Vashem nieder und gibt ihm so seine ursprüngliche Bedeutung, die der Erinnerung, zurück.

Quelle: Maria Zarada

Mit Schüler_innen über Neonazis sprechen

Nils Oskamp hat sich dazu entschieden, seine traumatisierenden Erlebnisse in Form einer Graphic Novel zu erzählen, denn er möchte mit diesem Format besonders junge Leser_innen ansprechen. „Das Visualisieren der Vorgänge erklärt auch viel mehr, als es Worte können“, so Oskamp.

„Drei Steine“ entstand mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung und des Bundesfamilienministeriums. Daher erscheint das Comic nicht nur im Buchhandel, sondern auch in einer kostenlosen Schulbuch-Version (leider momentan vergriffen). Dazu gibt es pädagogisches Begleitmaterial zum Herunterladen und Buchungsmöglichkeiten für Lesungen und Workshops. So soll die Auseinandersetzung mit dem Comic Schüler_innen der Klassen acht bis zwölf stark machen gegen rechte Propaganda und Gewalt. Denn anders als noch in Oskamps Jugend können Schüler_innen heute auf ein breites Angebot an institutionellen Hilfen zurückgreifen – vom Schutz vor Neonazis bis hin zum Ausstieg aus der Szene. Regelmäßig ist Oskamp mit Lesungen und Workshops in Schulen zu Gast. Mit seinem Comic mach er den Schüler_innen Mut, sich klar gegen Neonazis und sonstiges menschenfeindliches Gedankengut zu stellen.

Auf der Schultoilette von Oskamps ehemaliger Schule wurden zwar die neonazistischen Schmierereien entfernt, doch die eingeritzten Hakenkreuze sind nach wie vor in den Wänden.

“Drei Steine”-Ausstellung in der Wewelsburg

In der Wewelsburg (NRW, nähe Paderborn) findet vom 1. Februar bis zum 29. April eine Sonderausstellung der „Drei Steine“ statt. Die Wewelsburg war einst die Ordensburg der SS. Unter Befehl Heinrich Himmlers wurde die Wewelsburg mit Arbeitern eines eigenen Konzentrationslagers umgebaut. Über eintausend KZ-Häftlinge fanden dabei denTod. Heute ist die Wewelsburg zwar eine NS-Gedenkstätte, dennoch gilt sie als Anziehungspunkt für Neonazis, auch weil sich im ehemaligen Obergruppenführersaals nach wie vor ein Mosaik der „Schwarzen Sonne“ befindet.

Quelle: Maria Zarada

Begleitet wird diese Ausstellung von einem Rahmenprogramm mit Lesungen und Workshops. Originalzeichnungen des Buches, Infotafeln und drei Multimediastationen mit Film, Audiobeiträgen und Bildergalerien werden dort ausgestellt. Es gibt eine Leseinsel mit Comics, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus, Holocaust und Neonazismus befassen.

 

Die Vernissage ist am 1. Februar und beginnt um 18 Uhr mit einer multimedialen Lesung des Autors. Der Eintritt ist frei.

Am 23. Februar gibt es in Berlin eine öffentliche Lesung zu den Drei Steinen in Berlin, Modern Graphics, Kastanienallee 79, 10435 Berlin, ab 20 Uhr.

Vom 4. Mai bis zum 16. September ist die Ausstellung dann im Erika Fuchs Haus (Fuchs war die Übersetzerin der Donald Duck-Comics) in Schwarzenbach an der Saale zu sehen.

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