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Entschwört Beratung zu Verschwörungsmythen im persönlichen Umfeld

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Wie können wir als Familie, als Freund:in und als Kolleg:innen mit Menschen umgehen, die drohen in die verschwörungsideologische Welt abzudriften? (Quelle: Pixabay)

Kaum ein anderes Thema wird momentan derart heiß diskutiert wie die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie. Während die Mehrheit der Gesellschaft den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Expert:innen vertraut, sehen andere Menschen eine große globale Verschwörung hinter den Maßnahmen. Die Narrative dieser alternativen Erklärungen sind alt, oftmals antisemitisch und ohne wissenschaftliche Grundlage. Dennoch erreichen sie Menschen aus unserem demokratischen Umfeld und spalten Familien, Freundschaften und Beziehungen. Aber wie können wir als Familie, als Freund:in und als Kolleg:innen mit Menschen umgehen, die drohen in die verschwörungsideologische Welt abzudriften? Das Projekt “entschwört.” möchte das persönliche und familiäre Umfeld von verschwörungsgläubigen Personen erreichen. Insbesondere sollen Angehörige beraten werden, die in ihrer Familie, im Freundes- oder Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz ein Problem hinsichtlich verschwörungsideologischer Themen wahrnehmen. Ein Interview mit Sonja Marzock, Projektleitung von der Beratungstelle “entschwört.“:

Belltower.News: In Folge der Coronavirus-Pandemie erhielten Verschwörungsideologien Einzug in die Mitte der Gesellschaft. Wann war der Zeitpunkt, als Sie beschlossen haben, dass ein Beratungsangebot für die Angehörigen von Verschwörungsideolog:innen notwendig ist? 

Sonja Marzock: Ende 2020 haben sich die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR) unddie pad gGmbH  (präventive altersübergreifende Dienste im sozialen Bereich) gemeinsam mit dem Projekt „Eltern stärken“, eine Beratungsstelle für Eltern mit Jugendlichen die in der rechten Szene aktiv sind, festgestellt, dass  der Beratungsbedarf steigt. Die MBR bearbeitet seit jeher Beratungsfälle aus dem Bereich Verschwörungsideologie und Antisemitismus. Sie hat als erste dahingehend einen erhöhten Bedarf im Bereich der Angehörigenberatung festgestellt. Die Idee einer Kooperation mit pad hinsichtlich einer Beratungsstelle die sich nur um Angehörige kümmert ist dann realtiv schnell entwickelt worden und konnte im Juli 2021 umgesetzt werden. Durch die Pandemie und den daraus hervorgehenden politischen Entwicklungen gab es eine Radikalisierung in der verschwörungsideologischen Szene, die unter Anderem aus Besucher:innen der Montagsmahnwachen, Personen aus dem linken esoterischen Milieu, sowie Pegida und seinen Ausformungen stammen und die Erkenntnis, dass Teile der Gesellschaft bereit sind, Verschwörungserzählungen als Erklärung und Bewältigungsversuch der Krise zu übernehmen.  Die Kooperation von pad und MBR war dahingehend die Konsequenz ein Beratungsangebot zu konzipieren, welches für Angehörige und weitere Personen aus dem persönlichen Umfeld professionelle Begleitung mit verschwörungsgläubigen Personen anbietet. Zusätzlich sollen längerfristige, bzw. bedarfsorientierte Beratungen im Feld.

Warum glauben Menschen an Verschwörungserzählungen? 

Das ist nicht so einfach und eindeutig zu beantworten. Oftmals sind persönliche Krisen als Auslöser vorhanden, die einige Menschen zugänglich für einfache Welterklärungen machen. Die alltägliche Bewältigung des Lebens und die ständig wechselnden Anforderungen führen bei vielen Menschen oftmals zu Angst und Verunsicherung. Weitere Auslöser, wie der Verlust der Arbeitsstelle oder die Einschränkungen durch die derzeitige Pandemie, die das gewohnte Leben durcheinander gebracht hat, können Personen in eine tiefergehende individuelle Krise führen. Der Glaube an Verschwörungserzählungen kann dann für die Personen eine identitätsstiftende Funktion einnehmen: Die Personen meinen, sie seien der  Wahrheit auf der Spur und können sich dahingehend von den Nichtwissenden, bzw. uns „Schlafschafen“ abgrenzen. Sicherlich hat die Einsamkeit, Vereinzelung und Unsicherheit in der Pandemie ebenfalls dazu beigetragen, dass verschiedene Menschen kritisches Denken und Hinterfragen, mit der Suche nach eindeutigen Antworten oder wissenschaftlichen Fakten verwechselt haben. Sie steigen dann immer tiefer in das sogenannte Kaninchenloch. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass  viele  Menschen Angst haben und sich verunsichert fühlen, dies stellt jedoch keine Rechtfertigung für die Verbreitung teils menschenverachtender Ideologie, NS-Verherrlichung sowie und insbesondere, antisemitischer Erzählungen dar. Es gibt ja auch viele Menschen, die andere, solidarische,  Bewältigungsstrategien in der Krise wählen. 

Inwieweit ist das für das persönliche Umfeld problematisch?

In den Beratungen nehme ich wahr, dass viele Angehörige verunsichert sind, wenn beispielsweise der eigene Bruder, die Mutter oder die beste Freundin wissenschaftliche Erkenntnisse zur Pandemie anzweifelt, sich nicht impfen lässt oder auch das demokratische Miteinander in Frage stellt, zum Beispiel wenn von diktatorischen Zuständen in diesem Land gesprochen wird. Viele Angehörige sind von heute auf morgen für Argumente nicht mehr zugänglich, sprechen monothematisch nur über ihre vermeintlichen Erkenntnisse und lassen auch Interventionen an sich abprallen. Auch wenn sie von Menschen herangetragen wird, die Ihnen nahestehen und die sie eigentlich respektieren.

Für viele Angehörige ist das eine schmerzhafte Erfahrung, dass der respektvolle Umgang, sowie Dialog auf Augenhöhe nicht mehr funktioniert und in der Folge Streit, Misstrauen und zuweilen Resignation das Miteinander bestimmen.

In welchen Situationen nehmen die Angehörigen das Beratungsangebot an? 

Oftmals ist der Frust und teils auch die Verzweiflung an die angehörige Person oder Freund:innen nicht mehr ranzukommen schon so hoch, dass Beziehungen teilweise abgebrochen, oder zum Stillstand gekommen sind. Die Belastung ist für viele Angehörige von Verschwörungsgläubigen seit Pandemiebeginn größer geworden und sie sind schlichtweg überfordert mit der Situation. Letztendlich wollen viele Ratnehmende gehört werden und zeigen sich froh darüber, dass es die Angebote gibt. 

Wir nehmen sie in Ihren Problemen ernst und können bereits dadurch Entlastung schaffen. Unser Auftrag ist dabei ebenfalls die Funktionen von Verschwörungserzählungen als Welterklärungsmodell, sowie Strategien zur Gesprächsführung und zum Umgang mit Fake News zu vermitteln.

Darüber versuchen wir gemeinsam herausfinden inwieweit die verschwörungsgläubige Person aus dem persönlichen Umfeld bereits in der Szene ist, und erarbeiten Strategien im alltäglichen Umgang. Zudem kann der eigene Standpunkt gegenüber Missionierungsversuchen entwickelt werden, um sich im Alltag zu positionieren.

Hier steht eine Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund, das bedeutet, dass die Ratnehmenden eine größere Handlungssicherheit im Umgang mit der nahestehenden Person bekommen sollen. Zudem geht es auch darum für sich selbst die eigene Beziehung zu hinterfragen: Ist ein Kontakt zu dem Zeitpunkt derzeit möglich? Tut mir der Kontakt noch gut? Möchte ich den Kontakt um jeden Preis aufrechterhalten? Bei den Fragen ist es wichtig auch auf die eigenen Grenzen zu achten.

Es geht viel s um die Beziehungsebene, dies kann auch mal bedeuten, dass der Kontakt zu einer geliebten Person vorerst, oder auf unbestimmte Zeit abgebrochen wird, da der Leidensdruck für die angehörige Person zu stark ist. Wichtig ist uns auch mit den Ratsuchenden darüber zu reflektieren, welche gesellschaftspolitischen Verhältnisse oder Ansichten dazu führen, dass sich Menschen Verschwörungserzählungen zuwenden und einem bestimmten politischen Spektrum zuwenden. 

Was ist für Sie die größte Herausforderung im Umgang mit den Angehörigen? 

Erst einmal geht es darum den Angehörigen zuzuhören. Dass wir dabei nicht die eine perfekte Lösung parat haben ist für einige Ratnehmende oftmals schwer zu ertragen. Viele Angehörige treten an uns ran, wenn der Leidensdruck bereits sehr hoch ist  und die Beziehung abzubrechen droht ..  

Sie haben über die Pandemie oder sogar darüber hinaus, intuitiv schon einige Strategien ausprobiert, um mit der verschwörungsgläubigen Person in Kontakt zu bleiben und sie auch wieder in das demokratische Miteinander, zurückzuholen. 

Ich habe von einigen Personen erfahren, dass sie sich jedes Mal vor einem Treffen mit der verschwörungsgläubigen Person, mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen vorbereiten, beispielsweise zum aktuellen Pandemiegeschehen oder auch Faktenchecker zu dem 11.September 2001, Pizzagate oder QAnon lesen. Das allein ist schon ein großer Druck, der auf Dauer schwer auszuhalten ist.

Auf so viele vermeintliche Informationen die jeden Tag ins Internet und die Telegram-Kanäle gestreut werden, kann man sich gar nicht vorbereiten, das ist schlichtweg für eine einzelne Person nicht möglich. Einen Dialog auf Augenhöhe zu führen ist mit einigen verschwörungsgläubigen Angehörigen zu dem Zeitpunkt leider auch nicht mehr möglich.

Einige möchten gar nicht mehr auf Tagesschau etc. hören, da diese als sogenannte “Lügenpresse”, ein Begriff aus der NS-Zeit, tituliert werden. Man holt sich dann dort die Informationen, die der eigenen Meinung dem eigenen Glauben, der eigenen Weltanschauung entsprechen (confirmation bias). 

Sind in den Biografien der Verschwörungsgläubigen aus dem Umfeld ihrer Klient:innen politische Parallelen zu erkennen? 

Die Frage ist schwer zu beantworten, da wir ja nicht im direkten Kontakt mit den Verschwörungsgläubigen stehen. Bisher kamen sehr unterschiedliche Personen zu mir, die Ratnehmenden selbst zuallererst aus einem demokratischen Grundverständnis her. 

Es ist jedoch auffällig, dass häufig private Krisen, auch noch im Kontext der Pandemie ausschlaggebend für den Eintritt in diese Echokammer ist. 

Das Bewusstsein, dass „die da oben“alles sowieso so machen wie sie wollen, also diese latente Unzufriedenheit  vermeintlich zu kurz zu kommen in dieser Gesellschaft ist dennoch oftmals vorher schon vorhanden gewesen. Auch das Interesse an einfachen Welterklärungen wie  antisemitisch aufgeladenen Verschwörungserzählungen ist oftmals  vorher schon da. Schwierig wird es, wenn Angehörige erzählen dass wirklich psychische Probleme bei den jeweiligen Angehörigen vorhanden sind, hier ist wichtig zu erkennen inwieweit die Angehörigen pathologisiert werden oder ob wirklich eine Gefährdung für die Person selber oder für andere vorhanden ist. Da stoßen wir dann an unsere Grenzen und verweisen im Zweifel an psychologische Dienste.

Der Mord in Ida Oberstein zeigt, die „Querdenken“-Szene radikalisiert sich zunehmend, bemerken Sie in der Beratung der Angehörigen auch eine Veränderung in der Szene? 

Da die Angehörigen ja nicht aus der Szene kommen, kann ich im Kontext der Beratung wenig sagen. Viele Angehörige wissen auch eventuell gar nicht inwieweit sich die verschwörungsgläubige Person wirklich radikalisiert hat oder wollen es nicht sagen, da die Situation sowieso schon sehr belastend ist, und sie auch nicht über strafrechtlich relevante Sachen sprechen wollen oder können. 

Es kommen jedoch viele Ratsuchende, die Angst haben, dass die Mutter, der Lebenspartner oder die Schulfreundin ein geschlossenes Weltbild entwickelt haben, da sie eventuell bereits auch extrem rechte und antisemitische Äußerungen geteilt haben, wie die Verharmlosung oder Relativierung der Shoa oder von einer sogenannten jüdischen Weltverschwörung erzählen. 

Inwiefern unterscheidet sich der Glaube an eine Corona-Verschwörung von bisherigen Verschwörungsmythen?

Die Verschwörungsmythen vereint, dass immer eine globale Elite nicht nur vermutet, sondern ausgemacht wird, die im Hintergrund die Strippen zieht.

Diese Elite wird meistens, wenn auch nicht immer bewusst, als jüdisch identifiziert, wie im Bezug auf Bill Gates oder den Philanthropen George Soros. Bei der Verschwörungserzählung um  9/11 sei ja die ganze amerikanische Regierung an der Verschwörung beteiligt, hier spielt also struktureller Antisemitismus eine große Rolle. Bei der sogenannten Pizza Gate Verschwörung haben ja durch den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump sowie diverse rechte Think Tanks wie Breitbart News dazu beigetragen, dass täglich Desinformationen verbreitet werden. Der traurige Höhepunkt dieser Entwicklung in den USA war dann der Sturm auf das Kapitol im Januar dieses Jahres bei dem fünf Menschen gestorben sind. Die Unterschiede sind schwer zu definieren, da es ja nicht unbedingt die eine Corona Verschwörung gibt. Hier ist meines Erachtens eher der Effekt zu beobachten, dass das was man nicht versteht irgendwie bewältigt werden muss.

Verändert der Glaube an eine Corona-Verschwörung das demokratische Grundverständnis?

Der Glaube an Verschwörungserzählungen an sich setzt ja bis zu einem gewissen Grat ein sehr kritisches, vorsichtig gesagt, Verständnis der komplexen Zusammenhänge des Weltgeschehens voraus. Demokratiefeindlichkeit ist meines Erachtens  dort auszumachen, wo der Glaube an Verschwörungen überhand nimmt und überall Verbindungen ausgemacht werden können, wo keine sind. Frei nach dem Motto: wer sucht der findet. und „nichts ist so wie es scheint“

Was sind Ihre Tipps für Leser:innen, die in ihrem Umfeld Menschen haben, die an eine Corona-Verschwörung glauben? 

Das wichtigste ist zu versuchen im Dialog zu bleiben, gerade am Anfang können Angehörige oftmals noch abgeholt werden: Fragen Sie nach, warum das Gegenüber möchte dass sie diese Information bekommen, schauen Sie sich weitere Informations- sowie Nachrichtenkanäle an und vergleichen Sie diese….versuchen Sie in jedem Fall in Kontakt zu bleiben, sofern das für Sie möglich ist. 

Wenn sich nach und nach Angehörige sowie Freund:innen von der verschwörungsgläubigen Person abkapseln, zieht sich diese immer weiter in Ihre Blase zurück. Umso wichtiger ist es darauf zu achten, dass die Beziehung bestand hat, sofern Sie das können.

Suchen Sie ansonsten Beratungsangebote auf, wie „entschwört.“ oder die MBR.

 

Weitere Infos: www.entschwoert.de

entschwört. (pad-berlin.de)

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