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Film über Rechtsrockkonzerte Von Neonazis und Superhelden in Themar

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Konzertteilnehmer zeigen beim Rechtsrockkonzert in Themar am 15.7.2017 den Hitlergruß. (Quelle: Filmakademie Baden-Württemberg.)

Es war das größte Rechtsrockkonzert der deutschen Nachkriegsgeschichte: Im Sommer 2017 versammelten sich in der Kleinstadt Themar über 6.000 Neonazis aus ganz Europa. Mit dabei: militante Gruppierungen wie Blood & Honour und Personen aus dem Umfeld des NSU. In Themar regt sich seither ein bunter Protest, trotz der Gefahr, die von den rechten Strukturen ausgeht. Doch es gibt auch viele Menschen im Ort, die kein Problem mit den Rechten haben – sondern mit den Gegenprotesten. So ist Themar eine gespaltene Stadt geworden: zwischen Neonazis und Superhelden. Filmautor Adrian Oeser lebte Anfang des Jahres 2018 drei Wochen in Themar und hat die Stimmung vor Ort filmisch eingefangen. Sein Film „Von Neonazis und Superhelden – Die Kleinstadt Themar und der Rechtsrock“ läuft heute, am 29.5., um 21 Uhr bei 3sat.

 

Belltower.News: In Themar fanden seit 2016 einige der größten Rechtsrock-Konzerte in Deutschland statt, 2017 trafen dort über 6000 Nazis aus ganz Europa zusammen. Warum Themar? Gibt es strukturelle Gründe dafür, dass Themar und Südthüringen generell so attraktiv für die Veranstalter von Nazi-Großevents zu sein scheint?
Adrian Oeser: In Thüringen wurde lange Zeit viel zu wenig getan, um Rechtsrock-Events einzudämmen. Konzertorganisatoren machten die Erfahrung, dass sie hier ohne größere Probleme agieren können. So entwickelte sich die Region immer mehr zu einem Hotspot für rechte Musikveranstaltungen. Hinzu kommt, dass sich vermehrt Immobilien im Privatbesitz von Neonazis befinden. Wenn dort Konzerte stattfinden, kann man dem auf rechtlicher Ebene noch schwerer beikommen, als es der Fall ist, wenn die Konzerte offiziell als politische Kundgebungen angemeldet werden. Konkret in Themar wurden die Konzerte möglich, weil zum einen mit Tommy Frenck ein wichtiger Akteur der rechten Musikszene im benachbarten Kloster Veßra lebt und dort ein Gasthaus betreibt, das sich zu einem Anlaufpunkt für die Neonazi-Szene entwickelt hat. Katharina König-Preuss, Abgeordnete für Die Linke im Thüringer Landtag, bezeichnet Frenck in meinem Film als „Spinne im Netz der Thüringer Neonazi-Szene“, weil er bundesweit gut vernetzt ist und unter anderem Kontakte zu den großen Neonazi-Bands hat. Es war auch das Lineup, das im Sommer 2017 so viele Neonazis nach Themar zog.

Zum anderen gibt es in Themar eine Fläche, die groß genug ist. Diese Wiese, die sich am Ortsrand von Themar befindet, gehört Bodo Dressel, Ex-AfD-Mitglied und Bürgermeister der Nachbargemeinde Grimmelshausen. Er vermietet die Wiese an Frenck, verdient also an den Konzerten. Für kleinere Events, wie etwa den Thing-Kreis, bei dem Axel Schlimper, Ex-Thüringen-Chef der Europäischen Aktion, in der Vergangenheit völkisches Liedgut zum Besten gab, überließ Dressel die Wiese auch unentgeltlich. Es ist also die Kombination aus rechten Akteuren und politischem Versagen, die Themar zu einem beliebten Veranstaltungsort gemacht haben. Zum politischen Versagen noch ein Beispiel: Als beim großen Konzert in Themar im Sommer 2017 mehr Teilnehmer als erwartet kamen, wurde das Konzertgelände kurzerhand auf die umliegenden – nicht gepachteten – Wiesen erweitert. Und als Neonazis offen den Hitlergruß zeigten, schritt die Polizei nicht ein. Diesbezüglich gab es aber schon Fortschritte: Beim letzten großen Konzert im Juni 2018 wurde der Sänger der Neonazi-Band „Brutal Attack“ von der Bühne geholt, weil er ein indiziertes Lied gesungen hat.

Sie haben im Zuge der Dreharbeiten drei Wochen lang in Themar gewohnt. Welchen Eindruck hat der Ort auf Sie gemacht? Ist die Bevölkerung „gespalten“, wie es immer wieder hieß? Wie stark polarisieren die Nazi-Konzerte?
Bevor ich das erste Mal nach Themar gefahren bin, hatte ich das – wahrscheinlich typisch westdeutsche – Bild von einem Nazi-Ort. Denn ich kannte die Bilder von Neonazis, die den Hitlergruß zeigen und von Massen an Konzertbesuchern. Vor Ort lernte ich im Laufe der Zeit dann eine sehr vielschichtige und spannende Kleinstadt kennen, mit einem offensiven Bürgermeister, der sich öffentlich gegen Rechts positioniert, einem mutigen Protest, aber auch vielen Menschen, die von den Konzerten nichts wissen wollen, oder die Neonazis nicht so schlimm finden. Meiner Wahrnehmung nach ist der Ort tatsächlich gespalten: zwischen denen, die sich gegen Rechts engagieren und denen, die lieber so weiter machen würden wie vorher.

Viele Bewohner*innen wollen was gegen die Konzerte unternehmen, denen wird aber vorgeworfen, genau damit zuviel Aufmerksamkeit zu generieren. Wie kommen die Lager zusammen?
Dass der Protest derart diffamiert wird, hat mich überrascht. Zwar wünscht sich die lokale Initiative „Themar gegen Rechts“ sicherlich, dass sich mehr Menschen an den Protesten beteiligen, sie üben aber keinen Druck auf die Bevölkerung aus, sondern gehen offen und mit Gesprächsangeboten auf sie zu und versuchen, sie mit Aufklärungsarbeit für sich zu gewinnen. Doch leider gibt es von denen, die die Neonazis nicht so schlimm finden, kein großes Interesse an einer Diskussion, sie machen es sich lieber mit ihrer vermeintlichen Neutralität gemütlich. In Themar ist mir dabei immer wieder das Argument begegnet, man müsse auch gegenüber Neonazis tolerant sein, oder sie einfach ignorieren. Das ist eine sehr privilegierte Forderung, da sie nur von Menschen gestellt werden kann, die nicht von neonazistischer Gewalt betroffen sind. Für alle, die in der menschenverachtenden Ideologie von Neonazis als nicht lebenswert betrachtet werden, ist diese Toleranz oder Ignoranz lebensgefährlich. Toleranz funktioniert nur, wenn auch die Tolerierten das Rechte jedes Menschen auf Würde und Unversehrtheit akzeptieren. Und dass Nazis nicht verschwinden, wenn man sie einfach machen lässt, hat nicht zuletzt die deutsche Geschichte gezeigt.

Sie heben den bunten Gegenprotest besonders positiv hervor. Was daran scheint Ihnen besonders gelungen und könnte vielleicht eine Vorbildfunktion erfüllen, gerade in Hinblick auf die Arbeit in ländlichen Gebieten?
In Themar habe ich viele mutige Menschen kennengelernt, die sich den Neonazis offensiv entgegenstellen. Dabei Gesicht zu zeigen und sich nicht einschüchtern zu lassen, finde ich bemerkenswert. Denn auf dem Land kennt jeder jeden, jeder weiß, wo du wohnst und wenn du dich engagierst, stehst du damit automatisch in der Öffentlichkeit. Gerade deswegen finde ich, dass antifaschistisches Engagement auf dem Land immer noch zu wenig Wertschätzung und auch Aufmerksamkeit bekommt. Dabei ist diese Arbeit sehr wichtig – besonders, wenn Gegenden immer mehr nach rechts driften. Und ich denke, dass man auch aus einer großstädtischen Perspektive viel vom ländlichen Engagement lernen kann. Konkret in Themar ist die Kombination aus Humor und Ernsthaftigkeit besonders gelungen. Die Initiative „Themar gegen Rechts“ ist ja nur ein kleiner Teil der Bevölkerung und auch ihre Demos sind nicht groß.

Aber sie haben trotzdem auch Spaß und zeigen gleichzeitig die Gefahren auf. Ist das ein positiver Einfluss auf die aktive Zivilgesellschaft vor Ort?
Bei meinem ersten Besuch in Themar lernte ich gleich die lokalen Superhelden kennen – denn das Motto der Demo war „Superhelden gegen den braunen Dreck“ und viele Aktivist*innen waren verkleidet. Beim letzten großen Konzert im Juni 2018 stellte die Initiative dann Holzkreuze für die 194 Opfer Rechter Gewalt seit 1990 auf – ein bedrückender Friedhof direkt am Konzertgelände. Ich glaube, diese beiden Aktionen machen gut deutlich, wie Protest in Themar funktioniert: Auf die Gefahr hinweisen, die von Rechten ausgeht und dabei trotzdem nicht den Spaß und den Mut verlieren. Zusätzlich wird auch immer etwas für die Bevölkerung geboten: vom Neujahrsempfang über Vorträge bis hin zum Bürgerfest – nur die Beteiligung könnte größer sein. Insofern: Ja, es gibt einen Einfluss auf die Zivilgesellschaft, aber der ist (noch) eher gering, gleichwohl der Protest den Effekt hat, dass die rechte Problematik vor Ort Thema ist.

Auch Organisatoren und Teilnehmer*innen der Konzerte kommen in Ihrem Film zu Wort. War das von Anfang an so geplant? Wie sind Sie mit den rechtsextremen Gesprächspartnern und Beiträgen umgegangen?
Bevor ich im Januar 2018 mit meinem Kameramann drei Wochen nach Themar gezogen bin, hatte ich keinen Kontakt mit den rechten Akteuren vor Ort und als Protagonist für den Film stand allein Thomas Jakob von „Themar gegen Rechts“ fest. Ich wollte einen Film machen, der die Fragen beantwortet, wie es zu den Konzerten kommen konnte, was diese Konzerte mit der Kleinstadt gemacht haben und wie Widerstand gegen die rechten Aktivitäten aussehen kann. Um diese Geschichte erzählen zu können, wollte ich auch mit Rechten und Neonazis drehen, das war mir relativ schnell klar. Ich wollte aber keine „Homestorys“ erzählen, also nicht zeigen, dass Frenck auch ein Mensch mit Gefühlen ist und wie er so lebt – das ist mir egal. Was mich interessierte, und das habe ich auch im Film so erzählt, war vielmehr seine Funktion als Gaststätten-Betreiber und Konzertorganisator. Ich wollte zeigen, was er vor Ort macht und welche politische Strategie er hat. Dabei war ich immer wieder im Spannungsfeld, dass ich ihm auch eine Plattform gebe, wenn ich ihn interviewe – gerade auch, weil es mein Anspruch als Journalist und Dokumentarist ist, die Position meiner Interviewpartner*innen so darzustellen, dass sie sich darin wiederfinden, auch, wenn ich ihre Position nicht teile.

Hat das funktioniert?
Frenck organisierte extra für den Filmdreh ein kleines Konzert. Zuvor hatte er am Telefon immer abgewiegelt, weil er meinte, im Gasthaus sei zu wenig los und da gebe es nichts Interessantes zu sehen. Wir haben also eine Inszenierung für die Kamera angeboten bekommen. Und da stellt sich die Frage – nehmen wir dieses Angebot an? Ich habe mich dazu entschieden, diesen Liederabend zu filmen, aber die Vorgeschichte zu thematisieren und meinen vor Ort gewonnenen Eindruck im Filmtext wiederzugeben. Frenck und seine Unterstützer*innen hatten ein Interesse daran, dass ich drehe, also konnte ich drehen. Darüber, dass ich dadurch keine internen Infos oder einen Einblick hinter verschlossene Türen bekomme, wollte ich mir keine Illusionen machen. Gedreht habe ich, weil ich so einen Eindruck von der Szenerie, von der Selbstinszenierung der Szene und dem völkischen Charakter der ganzen Veranstaltungen bekommen konnte.

Wie so oft werden auch die Rechtsrock-Konzerte in Themar als Kundgebung angemeldet, um vom Recht auf freie Meinungsäußerung zu profitieren. Gleichzeitig dienen sie Neonazis aber nicht nur zur europaweiten Vernetzung, sondern stellen auch eine bedeutende Einnahmequelle dar. Verbote scheitern in vielen Fällen. Was heißt das?
Das Scheitern auf rechtlicher Ebene hat den Effekt, dass die Verantwortung auf die Zivilgesellschaft abgewälzt wird. Doch der Protest wird in Themar und Umgebung von wenigen Leuten getragen, die Demos bewegen sich im dreistelligen Bereich. Die lokalen Bündnisse können es nicht leisten, die Konzerte zu verhindern, sie können aber die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und damit auf das Problem aufmerksam machen. Nach dem Motto: Schaut auf Themar, was hier passiert ist gefährlich und ihr dürft uns mit diesem Problem nicht allein lassen.

Für den 5./6. Juli 2019 sind erneut „Tage der Nationalen Bewegung“ in Themar angekündigt. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung um die Rechtsrock-Konzerte in Südthüringen ein? Steht zu erwarten, dass sich die Veranstaltungen im rechtsextremen Veranstaltungskalender etablieren?
Die Konzerte haben sich bereits etabliert, jedoch steht derzeit nicht in Aussicht, das in näherer Zukunft wieder ein Konzert mit so vielen Teilnehmer*innen wie im Juli 2017 stattfindet. Die Neonazi-Szene in Südthüringen veranstaltet regelmäßig kleinere Konzerte, die ideologisch und finanziell ebenfalls ihre Funktion erfüllen, aber weniger Organisationsaufwand als die großen Events bedeuten und auch nicht so sehr im öffentlichen Rampenlicht stehen. Viele Konzerte, die in privaten Immobilien von Neonazis stattfinden, laufen unter dem Radar der Öffentlichkeit und können, auch wenn sie öffentlich beworben werden, nur schwer juristisch angegangen werden. Doch auch die größeren Konzerte mit ein- oder zweitausend Teilnehmenden, was etwa für das Konzert in Themar im Juli erwartet wird, sind nicht zu unterschätzen. Wenn so viele Neonazis zusammenkommen, bedeutet das immer eine Vernetzung und die Stärkung eines Gruppengefühls und einer Ideologie, die tödlich sein können.

Adrian Oeser ist Journalist und Filmemacher. Er twittert unter @ADoesr.

Die Gegenproteste vor Ort werden organisiert vom Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra (Webseite, Facebook-Präsenz und Twitter).

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