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Forsa-Studie Hass im Netz sehen viele, aber im Umgang hapert es noch

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Hallo Hater: Niemand mag Hasskommentare. Das sagt die Grafik. Also: Warum nicht Liebe und Respekt? (Quelle: LfM / Forsa)

Die Zahl der strafbaren Hasskommentare im Netz ist im letzten Jahr massiv gestiegen, verrät die Kriminalstatistik: Ein Anstieg von 176 Prozent bei den polizeilich erfassten Hasskommentaren auf 3.084 Straftaten. Noch viel mehr Hate Speech ist allerdings legal und so kein Fall für Kriminalstatistiken.  Bei diesen rassistischen, sexistischen, homofeindlichen und sonstigen menschenverachtenden Ausfällen liegt es also in der Hand der Userinnen und User, der Seiten- und Netzwerk-Betreiber_innen, wie darauf reagiert wird.

Wahrnehmung von Hassrede 

Zumindest für die Seite der User_innen liegt nun eine repräsentative Umfrage des Forsa-Instituts zu „Ethik im Netz und Hate Speech“ vor aus dem Juni 2016. Diese belegt zunächst, dass Hate Speech tatsächlich ein weithin wahrnehmbares Phänomen jenseits rechtsextremer Internet-Nischen ist:

39 Prozent der Befragten sehen ab und zu Hasskommentare,18 Prozent häufig und8 Prozent sogar sehr häufig.Glückliche (oder unaufmerksame) 33 Prozent gaben an, noch nie Hassrede im Internet (hier = Websites, Blogs, soziale Netzwerke, Internetforen) gesehen zu haben.Bei Männern und Frauen gibt es hier wenig Unterschiede.Wohl aber beim Blick auf das Alter der Befragten: Für die 14- bis 24-Jährigen ist Hassrede ein alltägliches Phänomen: 22 Prozent sehen sie sehr häufig, 32 Prozent häufig, 37 Prozent ab und zu – und nur 8 Prozent nie. Auch die 25- bis 44-Jährigen sehen öfter Hassrede als die älteren Jahrgänge.

Dies ist ein offensichtlicher Auftrag an die Bildungsarbeit, gerade die jungen und aufmerksamen Menschen mit Methoden auszustatten, angemessen auf Hassrede zu reagieren. Oder, falls sie auch Verfasser von Hassrede sind, sie auf die Sicht- und Strafbarkeit von Internetkommentaren aufmerksam zu machen.

Wie wird reagiert?

Die gute Nachricht: Hier gibt es noch viele Möglichkeiten zur Intervention, noch viele Möglichkeiten, positive Positionen gegen Abwertung sichtbar zu machen.

Denn bisher entscheiden sich die meisten Menschen, die Hasskommentare sehen, für das schnöde Weggucken bzw. Wegklicken (51 %), auch wenn dies Hasskommentator_innen nur ermutigt und die Stimmung vergiftet.33 % der Befragten geben an, sich zumindest näher damit zu befassen, ihn zu lesen, auch den  Verlauf von Reaktionen, oder sich mal das Profil des Verfassers anzusehen.20 % schreiten zur niedrigschwelligsten Tat und melden den Kommentar oder dessen Verfasser_in beim Netzwerk,weitere 20 % antworten kritisch auf den Hasskommentar.Je 1 % gab an, den Hasskommentar zu unterstützen oder selbst einen zu schreiben. 

Bei den 14- bis 24-Jährigen ist die Verteilung übrigens etwas anders. Auch hier ist zwar die beliebteste Reaktion das Ignorieren (30 %), aber 56 % befassen sich zumindest näher mit dem Hasskommentar, 34 % melden ihn und 27 % antworten kritisch (2 % unterstützen ihn, 1 % schreibt selbst Hasskommentare). In der Altersgruppe 60 und älter plädieren übrigens 69 % für Ignorieren, hier gibt es auch die niedrigste Rate für Meldungen (6 %) – vielleicht aber auch der Tatsache geschuldet, dass technische Kenntnisse fehlen, um das zu tun.

Was geht in den Köpfen vor, die nun angeben, sich „näher mit Hasskommentaren zu beschäftigen“?

72 % sind entsetzt über Hasskommentare.71 % beschäftigen sich damit, wenn es um ein für sie persönlich relevantes Thema geht.56 % möchten mehr über diese Meinung erfahren,46 % haben dabei im Hinterkopf, den Kommentar eventuell zu melden.38 % lesen Hasskommentare, um mit anderen darüber reden zu können,33 %, weil sie sie interessant finden.28 % lesen sie, weil sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, zu der die Kommentare gehören.20 % finden die Hasskommentare schlicht unterhaltsam.

Dabei sind, wenn man auf die Geschlechter schaut, Frauen (81%) häufiger entsetzt als Männer (65%), während Männer (26%) die Hasskommentare deutlich unterhaltsamer finden als Frauen (13 %). Bei den 14-24-Jährigen sind übrigens 78 % entsetzt und 31 % amüsiert. 52 % dieser Altersgruppefinden die Hasskommentare interessant.

Hasskommentare und Emotionen (bei Lesenden)

95 % – also fast alle Befragten, fanden anonyme Hasskommentare feige72 % machen sie wütend65 % meinen, es sei Zeitverschwendung, sich mit Hasskommentaren zu befassen34 % machen Hasskommentare Angst18 % haben für Hasskommentare Verständnis

Unter Gender-Aspekten interessant, wenn auch nicht überraschend: Frauen (80 %) machen Internetkommentare wütender als Männer (64%), und sie sind auch eher verängstigt (44 % vs. 25 %) – man mag vermuten, dass dies auch an einer höheren persönlichen Betroffenheit liegt. Die 14- bis 24-Jährigen haben offenkundig etwas mehr übrig für die Emotionalität im Internet, auch hier vielleicht aus persönlicher Betroffenheit: „nur“ 93 % finden anonyme Hasskommentare feige (sonst 95 %), und 23 % haben Verständnis für Hasskommentare (höchste Zustimmung durch alle Altersgruppen). 

Kurzum: Die Zahlen belegen recht deutlich, dass es, anders als so viele Nutzer_innen meinen, keine Zeitverschwendung ist, sich mit Hassrede auseinander zu setzen. Denn sie verängstigt Menschen und macht sie wütend – das sind die, die sich dann aus der Diskussion zurückziehen, wenn dem Hass kein Einhalt geboten wird. Da es für die digitale Kultur nicht wünschenswert ist, vielfältige positive Stimmen zu verlieren, weil sie vom Online-Hass von Menschenfeinden stummgebrüllt werden, müssen eben alle vernünftigen Menschen, Nutzer_innen und Betreiber_innen, aktiv gegen Hassrede vorgehen, auch wenn das kleinteilig und manchmal anstrengend ist.

 

Die Umfrage als pdf zum DownloadMehr zum Thema bei der Landesanstalt für Medien NRW Mehr zu Hassrede auf netz-gegen-nazis.de

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Monatsüberblick Dezember 2017 – Hate Speech, Social Media, Internet

+++Zahl der Verurteilungen wegen Volksverhetzung in Berlin gestiegen +++ Neuerungen in den Richtlinien verschiedener Plattformen: YouTube, Twitter, Google News +++ Fake-News Hinweis wird von Facebook wieder abgeschafft +++ Die Berliner Senatsabgeordnete Sawsan Chebli im Gespräch über Chancen, Risiken und den richtigen Umgang mit Facebook und Co +++ „An Weihnachten stürzen sich Extremisten in ihre Planung“ – Die Radikalisierungforscherin Julia Ebner über rechtsextreme und islamistische Privatchats während den Feiertagen +++

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