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Halle-Prozess „Mir ist es wichtig, dass die politische Dimension der Tat anerkannt wird“

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Neben der Synagoge wurde auch der Kiez-Döner in Halle angegriffen. Im Laden wurde Kevin S. ermordet. (Quelle: AAS)

Conrad Rößler lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Halle. Er ist Stammkunde beim Kiez-Döner im Hallenser Paulusviertel und wollte gerade zu Mittag essen, als der Attentäter den Imbiss angriff. Mit ihm befanden sich noch drei weitere Gäste und ein Mitarbeiter im Laden. Einer der Gäste, Kevin S., überlebte den Anschlag nicht.

Am 21.07.2020 beginnt vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess gegen Stephan B., der am 9. Oktober 2019 einen Anschlag auf die Synagoge in Halle und den nahegelegenen Imbiss Kiez-Döner verübte, dabei zwei Menschen ermordete und weitere verletzte. Mehr zum Tathergang lesen Sie hier.

Das folgende Gespräch ist Teil einer Interviewserie mit einigen Nebenkläger*innen des Gerichtsverfahrens. Rachel Spicker hat mit ihnen darüber gesprochen, wie sie den Anschlag erlebt haben, warum sie sich für eine Nebenklage entschieden haben und was sie sich von dem Gerichtsverfahren erhoffen.

Belltower.News: Wie haben Sie den Anschlag erlebt?

Conrad Rößler: Eigentlich war es bis dahin ein ganz normaler Tag, an den ich mich sonst nicht unbedingt erinnern würde. Ich hatte frei und habe beschlossen, beim Kiez-Döner Mittag zu essen. Ich stand am Ladentresen und hatte gerade „wie immer“ bestellt, weil ich dort häufiger esse. Dann habe ich aus der Tür herausgeschaut und habe einen Menschen gesehen, der einen Helm und eine Art Militäranzug trug. Mein erster Eindruck war, dass dieser Mensch verkleidet ist und sich irgendwie einen Scherz erlauben will. Er kam auf die Tür zu und hat einen Sprengsatz geworfen, der von dem Türrahmen abgeprallt und vor dem Laden explodiert ist. Ich dachte zunächst, dass es ein Böller war und deshalb war mir die Gefahrensituation noch nicht wirklich bewusst. Aber seine Intention war klar, er wollte den Sprengsatz in den Laden werfen.

Erst auf den zweiten Blick ist mir aufgefallen, dass er eine Waffe hat. Ich habe noch deutlich das Bild vor Augen, wie er die Waffe hebt und durch die Scheibe schießt und in dem Moment alle Gäste anfangen, in den hinteren Teil des Ladens zu rennen. Ich bin die kurze Treppe hoch und hatte mich zuerst in einen kleinen Gang gestellt, der den einen Lagerraum mit der Küche verbindet. Dann habe ich vorsichtig in Richtung Ladentresen und Eingang geschaut. Ein Mitarbeiter kauerte hinter dem Ladentresen. Er legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und deutete mir so an, leise zu sein. Ich war mir nicht sicher, ob es einen Hinterausgang gibt und dachte, wenn ich dort hinten nicht wegkomme, dann ist das eine Todesfalle. Deshalb bin ich in dem Gang geblieben und hab mich dort in der Toilette versteckt. Es fielen immer noch Schüsse und ich habe Schreie gehört. Obwohl ich nur einen Täter gesehen habe, bin ich bin davon ausgegangen, dass es mehrere sein müssten, weil ich es in diesem Stimmengewirr und der lauten Geräuschkulisse so eingeschätzt hatte. Das Licht in der Toilette war aus und ich hatte Herzrasen und weiche Knie. Ich habe versucht, mir gut zuzureden und mir selbst zu sagen, dass es nur ein Panikzustand meines Körpers ist, der bald aufhört und dass ich danach bestimmt wieder klar denken kann. Ich wählte die 110 und am anderen Ende der Leitung wusste die Person schon, was los ist und sagte mir, dass ich mich ruhig verhalten und in der Toilette bleiben soll und dass Einsatzkräfte bereits vor Ort wären. Die Person am Telefon sagte dann „Auf Wiederhören!“ und da dachte ich noch, „na die ist aber optimistisch“. Bei einer weiteren Explosion habe ich mich erschrocken und ließ den Türgriff für kurze Zeit los, ich konnte die Toilette nicht abschließen.  Dadurch kam es zu einem Knall und ich dachte mir, „Mist, jetzt wissen die Täter wo ich bin und gleich ist es vorbei.“ Ich überlegte mir einen Plan, wie ich mich ducken und mit dem Kopf zuerst losrennen würde, falls die Täter mich nun finden würden. Meiner Familie habe ich noch schnell in den Familienchat geschrieben, dass ich sie liebe.

Nach einiger Zeit wurde es ruhig, bis ich plötzlich jemanden rufen hörte „Ist hier noch jemand?“ – es klang nach der Polizei. Ich habe ihnen geantwortet und hatte trotzdem Angst, dass sie mich eventuell für einen Täter halten oder dass es vielleicht doch die Täter selbst sind. Als die Polizei mich aus dem Laden führte habe ich gemerkt, dass es endlich vorbei ist. Draußen bin ich auf die anderen zu, die im Laden waren – ich und der Mitarbeiter, der mir das Zeichen gegeben hat, haben uns umarmt und uns gegenseitig gesagt, dass wir es geschafft haben. Das war ein besonders emotionaler Moment.

Wie geht es Ihnen heute? Wie blicken Sie auf den Anschlag zurück?

Es kommt auf die Perspektive an, aus der ich auf dieses Erlebnis zurückblicke. Natürlich ist es eine negative Erinnerung. Und ich erlebe auch negative Folgen des Anschlags, zum Beispiel fühle ich mich häufiger unwohl in öffentlichen Räumen oder wenn es irgendwo laut ist. Wenn ich geschlossene Räume betrete, dann denke ich darüber nach, wo mögliche Ausgänge sind, wo ich mich verstecken könnte, falls ich das müsste. Diese Gedanken habe ich automatisch, aber sie schränken meine Lebensqualität nicht großartig ein. Trotzdem gibt es für mich positive Folgen, auch wenn das vielleicht komisch klingen mag. Ich versuche meine Lebenszeit mehr zu genießen und mehr zu erleben. Zum Beispiel habe ich ein altes Hobby wiederaufgenommen und habe wieder mehr soziale Kontakte, als vor dem Anschlag. Ich habe enorm viel Unterstützung erhalten, von der Mobilen Opferberatung, von meiner Familie, meinem Anwalt und meinem Freundeskreis. Was mich seitdem verstärkt beschäftigt und traurig macht, ist, dass Rassismus und Antisemitismus immer noch so weit verbreitet sind in unserer Gesellschaft. Es ist so sinnlos, dass Menschen deswegen sterben müssen. Umso notwendiger ist es, dass wir darüber aufklären, was diese Ideologien bedeuten, wie ich sie erkenne und wie ich mich dagegen positionieren kann – auch wenn mir das in meinem eigenen Umfeld begegnet zum Beispiel.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Nebenkläger zu werden?

Mir ist es wichtig, dass die politische Dimension dieser Tat anerkannt wird. Der Anschlag wurde nicht einfach von einem „Irren“ begangen, sondern von einem rechten Fanatiker. Es ist klar, dass er aus antisemitischen und rassistischen Motiven gehandelt hat. Und diese politische Dimension muss vor Gericht thematisiert und festgestellt und die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt werden. Als Nebenkläger habe ich die Möglichkeit, den Prozess aktiv zu verfolgen und eine Einsicht zu bekommen in das, was dort verhandelt wird und wie es verhandelt wird. Und diese Möglichkeit, dieses Sprachrohr möchte ich nutzen. Darüber hinaus finde ich es wichtig, dass dieser Anschlag vor Gericht und in der Öffentlichkeit nicht losgelöst von unserer Gesellschaft betrachtet wird. Wir müssen uns darüber bewusstwerden, wie diese Ideologien miteinander verknüpft sind und wohin Rassismus und Antisemitismus, aber auch andere rechte Einstellungen führen können. Als Gesellschaft müssen wir anerkennen, dass er zwar an dem Tag selbst alleine gehandelt hat, aber er nicht alleine denkt. Zum Beispiel war er eingebettet in rechte Online-Communitys. Auch fernab von digitalen Welten hat er die Tat in einem politischen Klima begangen, in dem rechte und rassistische Gewalttaten alltäglich sind und rechtes Gedankengut unter anderem durch die Wahlerfolge der AfD normalisiert wird.

Was erhoffen Sie sich von dem Prozess?

Das erste Wort, was mir in den Kopf kommt, ist Gerechtigkeit. Aber mir ist auch bewusst, dass ein Gerichtsprozess keine vollständige Gerechtigkeit erzeugen kann. Das ist unmöglich, wenn zwei Menschenleben verloren sind und Menschen durch den Anschlag viel Leid erleben mussten und unter den Folgen leiden. Vielleicht ist Entschädigung das bessere Wort dafür. Natürlich hoffe ich, dass der Attentäter angemessen bestraft wird für das, was er getan hat. Und ich hoffe, dass alle Betroffenen des Anschlags die für sie wichtigen Punkte im Prozess thematisieren können.

Weitere Informationen zum Gerichtsprozess: Gemeinsam mit NSU-Watch dokumentiert der VBRG den Prozess auf Deutsch, Englisch und Russisch. Auf dem Blog halle-prozess-report.de werden Prozessdokumentationen, Berichte und Eindrücke aus Perspektive der Nebenklage im Austausch mit Nebenkläger*innen, Aktivist*innen und Unterstützer*innen veröffentlicht.

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