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Interview „Antisemitismus in der britischen Linken ist sehr real und signifikant“

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Vor den Houses of Parliament in Westminster: Der jüdische Gewerkschaftsaktivist Daniel Randall
Vor den Houses of Parliament in Westminster: Der jüdische Gewerkschaftsaktivist Daniel Randall (Quelle: Gemma Short)

This interview is also available in English.

Belltower.News: Herr Randall, Sie sind Bahnarbeiter bei der Londoner U-Bahn. Was hat Sie an diesem Beruf gereizt?
Daniel Randall: Ich wollte irgendwo arbeiten, wo es eine starke Gewerkschaftskultur gibt und wo ich in der Arbeiterbewegung aktiv sein kann. Klassenpolitik ist für mich schon lange wichtig gewesen. Außerdem finde ich es bereichernd, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Und natürlich gibt es dort eine gute Bezahlung und Vorteile.

Von der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn über die dezidiert antizionistische Socialist Workers Party (SWP) bis hin zum Professor David Miller an der Universität Bristol, der kürzlich entlassen wurde, nachdem er sich antisemitisch über jüdische Studierendenverbände geäußert hatte, scheint Antisemitismus der britischen Linken tief verwurzelt zu sein. Als Gewerkschafter und jüdischer Aktivist, der viel über Antisemitismus und die Haltung der Linken zu Israel veröffentlicht hat, fühlen Sie sich nicht manchmal einsam?
Ich weiß nicht, ob „einsam“ das richtige Wort ist. Aber es stimmt auf jeden Fall, dass die Ansicht, dass linker Antisemitismus ein echtes Phänomen ist, lange Zeit ziemlich marginal war. Es gab nur eine sehr kleine Anzahl von Einzelpersonen und Kollektiven, die diese Kritik äußerten – wie die Alliance for Workers’ Liberty, der ich angehöre und die innerhalb der Labour-Partei aktiv ist. Das war in der britischen Linken lange eine Minderheitenposition. Im Jahr 1984 veröffentlichte Steve Cohen das Buch „That’s Funny, You Don’t Look Antisemitic“, eines der ersten Werke, das dieses Phänomen in der britischen Linken analysierte. Es war sehr polarisierend, als es herauskam.

Hat sich seitdem etwas geändert?
Die Kritik am Antisemitismus in der Linken hat in den letzten Jahren an Boden gewonnen, auch wenn sie nach wie vor eine Minderheitenposition bleibt. Erst kürzlich hat David Renton, ein langjähriges Mitglied der Socialist Workers Party, der die Frage des linken Antisemitismus seither grundlegend durchdacht hat, ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht.

Wie groß ist das Problem mit Antisemitismus in der britischen Linken?
Es ist schwer zu quantifizieren oder statistisch zu messen, es ist ein ideologisches Problem. Die Menschen lassen sich von einigen Elementen beeinflussen, von anderen aber nicht. Gleichzeitig möchte ich das Problem nicht falsch darstellen. Unter Corbyns Führung der Labour-Partei haben einige behauptet, dass es im Falle seiner Wahl zum Premierminister zu einem Ausbruch von antisemitischer Gewalt gegen Juden und Jüd:innen kommen würde. Ich denke, das verkennt die Natur des Problems. Aber der Antisemitismus in der britischen Linken ist sowohl sehr real als auch signifikant. Und es gibt ideologische Tendenzen, die in der Linken starken Widerhall finden und sich dort verfestigt haben.

Welche Gruppen haben ein besonderes Problem mit Antisemitismus?
Ab den 1980er Jahren war es die SWP und ihre Zeitung Socialist Worker, als sie eine sehr scharfe Wendung hin zu dem nahm, was ich Campismus nenne – ein binärer Ansatz, der die Welt im Grunde in verschiedene „imperialistische“ und „antiimperialistische“ Blöcke aufteilt, wobei Israel ausschließlich als Teil des „imperialistischen“ Lagers gesehen wird. Die Workers Revolutionary Party war in den 1970er und -80er Jahren auch eine sehr einflussreiche Gruppe in der britischen Linken, die eine noch explizitere antisemitische, campistische Position vertrat, obwohl sie heute keine relevante Kraft mehr ist. Die stalinistische Tradition, also die offizielle Kommunistische Partei Großbritanniens bis ihre Auflösung 1991 und ihre Ableger, hatte auch ein Problem mit Antisemitismus – einschließlich der Zeitung Morning Star, die mit der Kommunistischen Partei verbunden war und in der heutigen Linken ziemlich einflussreich ist.

Und heute?
In jüngerer Zeit haben linke Medien wie die Website The Canary Verschwörungserzählungen über Juden verbreitet. Antisemitische Ideen waren auch in den sehr heterogenen Antiglobalisierungsbewegungen ab den späten 1990er Jahren und in der Occupy-Bewegung nach dem Finanzcrash 2008 präsent, wo populistische Kritik an Banken und Finanzeliten – im Gegensatz zu einer Klassenkritik am Kapitalismus als System – mit antisemitischen Untertönen keine Seltenheit war. Und das sage ich als jemand, der auch in diesen Bewegungen aktiv war.

In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen Antisemitismus in der Linken und Antisemitismus von der Linken. Was ist das Besondere am linken Antisemitismus?
Diese Unterscheidung stammt von dem Soziologen Marcel Stoetzler, auf dessen Arbeit ich mich beziehe. Natürlich sind die Grenzen etwas fließend und die Unterscheidung ist nicht immer so eindeutig. Aber für mich ist der Antisemitismus der Linken in erster Linie eine Art von Antisemitismus, der seine Wurzeln im Stalinismus hat – der die Politik, die Welt und globale Krisen durch ein campistisches Schema sieht, das alles in ein „imperialistisches“ und ein „antiimperialistisches“ Lager einteilt. Jeder, der dem antiimperialistischen Lager angehört, ist automatisch ein Akteur des Fortschritts, weil er gegen den „Imperialismus“ ist, der oft nur im „Westen“ und in Israel zu finden ist.

Mit welchen Folgen?
Wenn Israel und der Zionismus als gänzlich dem imperialistischen Lager zugehörig betrachtet werden, dann wird jede Opposition gegen sie – selbst im Namen einer reaktionären, theokratischen, ultrakonservativen Alternative, zum Beispiel des rechtsextremen Islamismus – als fortschrittlich bezeichnet. In meinem Buch nenne ich dies den „Antiimperialismus der dummen Kerle“ [Anmerkung der Redaktion: Eine Anspielung auf den Satz „Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle“, der dem österreichischen linksliberalen Politiker Ferdinand Kronawetter zugeschrieben wird, der sich gegen die Idee wandte, dass jüdischer Reichtum und jüdische Macht die Quelle sozialer Ungerechtigkeit sind].

In der britischen Linken gibt es oft einen Solidaritätsreflex mit den Palästinenser:innen und eine Kurzschluss-Dämonisierung Israels, bei der es wenig Raum für Differenzierung gibt…
Ich denke, ein Solidaritätsreflex mit dem palästinensischen Volk ist eine gute Sache. Sie haben ein Recht auf Selbstbestimmung, das ihnen derzeit verwehrt wird. Viele haben unter Vertreibung gelitten. Die Linke sollte sich mit allen Völkern solidarisch zeigen, die unterdrückt worden sind. Das Problem entsteht, wenn Linke über die Solidarität und das Eintreten für gleiche Rechte hinausgehen und Israel dämonisieren, indem sie es zu einem einzigartigen und wesentlichen Übel erheben. Israel wird dann als der Inbegriff von Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus gesehen, und nicht als das, was es tatsächlich ist.

Nämlich?
Israel ist ein hochmilitarisierter, regional mächtiger Staat mit einer repressiven Politik, die wir kritisieren können und sollten. Aber die israelischen Juden und Jüd:innen sind auch ein nationales Volk, das ebenfalls ein Recht auf Selbstbestimmung haben sollte. Israel hat eine besondere Geschichte, die mit jüdischen Erfahrungen der Unterdrückung verbunden ist. Der jüdisch-polnische marxistische Schriftsteller Isaac Deutscher nannte Israel ein „Rettungsboot“ für Juden und Jüd:innen, die nach dem Holocaust als Geflüchtete kamen. Das soll keine Verharmlosung der Ungerechtigkeiten sein, die während der Gründung Israels geschehen sind. Aber es ist verständlich, warum jüdische Menschen eine hohe Affinität zu diesem Staat haben. Wenn die Linke ihn also als grundsätzlich böse oder von Natur aus illegitim ansieht, während sie eine ähnliche Politik anderer Staaten ignoriert, hat das eine antisemitische Logik. Das soll nicht heißen, dass sie bewusst antijüdische Fanatiker:innen sind. Aber die Implikation dieser Sichtweise ist antisemitisch.

Vor kurzem hielt die israelische Botschafterin in Großbritannien, Tzipi Hotovely, eine Rede an der London School of Economics über die Zukunft des Nahen Ostens. Die Rede fiel mit dem Jahrestag der nationalsozialistischen Novemberpogrome 1938 zusammen. Als sie die Universität verließ, musste sie zu ihrem Auto flüchten, verfolgt von aggressiven Demonstrierenden. Einige versuchten, auf sie zuzurennen und wurde von der Polizei daran gehindert. Wie war die bisherige Reaktion?
Es ist eine komplizierte Situation. Ich denke, es ist richtig, zu protestieren – und zwar auch gegen Tzipi Hotovely. Sie ist eine Verbündete von Benjamin Netanjahu und vertritt einige der reaktionärsten und chauvinistischsten Elemente des israelischen politischen Lebens – nicht nur in Bezug auf die Palästinenser:innen, sondern auch in anderen sozialen Fragen. Sie setzt ihre Politik an wichtigen Gedenktagen nicht aus, warum also sollten andere das tun? Einige Vergleiche des Protests in der jüdischen Presse mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus waren, gelinde gesagt, nicht sehr hilfreich – so bedrohlich der Protest auch gewesen sein mag.

Aber die aggressive Art der Proteste an so einem sensiblen Tag gegen eine jüdische Israeli hat doch einen sehr antisemitischen Beigeschmack…
Es gab sicherlich Antisemit:innen bei den Protesten, oder zumindest Menschen, die sich mit Antisemitismus wohl genug fühlen, um die Fahnen antisemitischer Gruppen zu schwenken. Videos zeigen die Flaggen islamistischer Milizen – entweder der Kata’ib Hisbollah oder der Volksmobilmachungskräfte (Al-Haschd asch-Scha’b), beides vom Iran unterstützte Milizen im Irak. In den Videos, die ich gesehen habe, ist nicht genau zu erkennen, welche es war. Zumindest einige Demo-Teilnehmer:innen schienen also ein breiteres, reaktionäres politisches Programm zu haben. Die Instagram-Posts, in denen über einen Angriff auf Hotovelys Auto diskutiert wurde, waren Machogehabe und zutiefst unbedacht. Aber ich bin ein großer Verfechter der Meinungsfreiheit: Menschen haben das Recht zu protestieren. Es muss allerdings innerhalb der Palästina-Solidaritätsbewegung eine Diskussion darüber geben, welche Politik für die Sache tatsächlich hilfreich ist. Bei den letzten großen Demonstrationen zur Unterstützung Palästinas in London wurde sehr häufig die türkische Nationalflagge geschwenkt. Einige sehen die palästinensische Sache eindeutig als Teil einer breiteren islamistischen Politik. Und diese Politik ist nicht emanzipatorisch – sie ist unterdrückerisch und reaktionär.

Sind Bündnisse zwischen linken Gruppen und Islamisten üblich?
Ich denke, Hamas und Hisbollah haben mächtigere Verbündete als die Socialist Workers Party. Aber es gibt sicherlich eine politische Perspektive – und die SWP sieht die Hamas als Vorantreiber des Antiimperialismus. Das führt uns zu der Idee des „Antiimperialismus der dummen Kerle“ zurück, wodurch jede Art von Antiimperialismus notwendigerweise als progressiv gesehen wird. Die Linke muss von dieser binären Logik wegkommen –  und aufhören, Gruppen zu unterstützen, die einer emanzipatorischen, auf Gleichheit basierenden Politik eigentlich entgegenstehen.

Sie sind Jude und Mitglied der Labour-Partei: Haben Sie das Gefühl, dass sich das Antisemitismus-Problem in der Partei verbessert hat, seit Keir Starmer den Parteivorsitz übernommen hat?
Die kurze Antwort ist nein.

Und die lange Antwort?
Jetzt, dass der Mitte-Rechts-Flügel die Kontrolle über die Partei wiedererlangt hat, glaube ich nicht, dass er große Fortschritte bei der Bekämpfung von Antisemitismus machen wird. Denn sie sind dafür nicht gerüstet – selbst wenn sie es tatsächlich wollen. Bisher haben sie sich mit dem Problem ausschließlich auf bürokratische und administrative Weise befasst. Es gab einige Schulungen zur Sensibilisierung für Antisemitismus, die aber ziemlich dürftig und oberflächlich waren. Sogar unter Corbyn hat die Partei ein Pamphlet mit dem Titel „Kein Platz für Antisemitismus“ herausgegeben, das eigentlich ganz gut war. Aber es wurde kaum diskutiert und dann in irgendeiner Ecke der Partei-Website vergraben. Bisher hat es keine konsequenten Bemühungen gegeben, ein Programm zur politischen Bildung auf lokaler Ebene zu starten. Die stellvertretende Parteivorsitzende Angela Rayner sagte auf dem Parteitag im vergangenen November, die Partei sei bereit, Tausende und Abertausende von Menschen auszuschließen, wenn es nötig sei. Aber das ist kein Problem, das man lösen kann, indem man einfach Leute los wird. Es ist ein ideologisches Problem, das auf der ideologischen Ebene angegangen werden muss. Wir brauchen einen konsequenten Ansatz – und das bedeutet regelmäßige Lesegruppen, Workshops und Diskussionen. Es gibt keine Abkürzung.

Confronting Antisemitism on the Left: Arguments for Socialists
Von Daniel Randall
No Pasaran! Media (London)
265 Seiten
ISBN: 978-1913532581

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