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Jom haShoa Von jüdischer Widerständigkeit in der Differenz der Erinnerung

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Am 8. April um 10 Uhr dröhnen in ganz Israel Sirenen. Die Menschen gedenken den Opfern der Shoah und den Held*innen des jüdischen WIderstandes. (Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Sebastian Scheiner)

Heute, am 8. April nach dem bürgerlichen und am 26. Nissan nach dem jüdischen Kalender, dröhnen in ganz Israel Sirenen. Um 10 Uhr israelischer Zeit geben sie zwei volle Minute ihr ohrenbetäubendes Signal ab. In diesem Augenblick halten die Busse und Autos auf den Straßen an, Passant:innen stehen still. Wer sich in diesem Augenblick in einer europäischen Metropole wie Berlin befindet und die Livestreams aus Israel sieht, fühlt diese Ungleichzeitigkeit nahezu physisch. Am ehesten lässt sich diese Situation vielleicht mit dem Stillstand und der Leere vergleichen, die auf Berlins Straßen herrschte, als der erste Lockdown begann.

In Israel gab es diesen Tag allerdings schon lange vor Corona. 1951 beschloss die Knesset ihn einzuführen. 1959 stufte das israelische Parlament den 26. Nissan schließlich zum Nationalfeiertag herauf. Allgemein nennt man ihn zwar Jom haShoa (Tag der Shoa), aber er trägt auch den Namen Jom haZikaron laScho’a weLaGwura, der Gedenktag an Shoa und Heldentum. Aber der Tag betrifft nicht nur das Straßenbild, sondern das gesamte öffentliche Leben. Im Radio läuft keine fröhliche Musik und auch das Fernsehprogramm beschäftigt sich allein mit der Shoa. Seit der Corona-Pandemie gibt es noch eine weitere Gedenk-Möglichkeit: Zikaron BaSalon (Erinnerung/Gedenken im Salon/Wohnzimmer). Freund:innen und Familie, Bekannte und Kolleg:innen versammeln sich digital, um in Gesprächen mit Überlebenden und Nachkommen, oder Expert:innen gemeinsam zu gedenken und über die Kontinuitäten und Folgen in der heutigen Zeit zu sprechen.

In vielen jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt wird der Tag begangen, wobei der Fokus eher auf der Erinnerung an die Shoa und weniger auf dem Aspekt des Heldentums liegt. In Deutschland gibt es einen weiteren Gedenktag, der an die Ermordung der europäischen Jüdinnen:Juden durch Deutschland erinnert: der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. In dieser Anordnung entsteht ein Chor, der, anders als die Sirenen in Israel, nicht harmonisch, sondern ungleichzeitig ist. Der Klang dieser drei Stimmen passt nicht zusammen. Sie beziehen sich auf das selbe Ereignis, aber geben es in ihrer eigenen Interpretation wieder. Der spezifische Kontext dessen beeinflusst das Ergebnis entscheidend.

Während sich der 27. Januar explizit an nichtjüdische Menschen richtet, findet das Gedenken zu Jom haShoa innerhalb jüdischer Gemeinden statt. Doch die Differenz zwischen Universalität und Partikularität, die diese beiden Tage vermitteln, wird noch weitaus größer, wenn man die Bedeutung und den Entstehungskontext beider Gedenktage betrachtet. Denn ursprünglich war geplant, dass der Jom haShoa am 14. Nissan stattfinden sollte – also dem Tag im jüdischen Kalender, der den Beginn des Aufstandes im Warschauer Ghetto markiert (im bürgerlichen Kalender war es der 19.4.1943). Die Knesset wich davon allerdings ab, weil dieser Tag direkt vor das Pessach-Fest fällt und damit die Freude über den Exodus aus Ägypten unter der Asche von Auschwitz begraben würde.

Doch warum beschäftigen wir uns als zwei junge Juden in Deutschland nun heute mit Jom haShoa? Warum versuchen wir mit Vorträgen und Kommentaren ein Bewusstsein für diese Ereignisse zu schaffen? Warum heben wir bewusst den Doppelcharakter hervor, der bei seiner Einführung von Bedeutung war? All diese Fragen haben eine gemeinsame Antwort: Weil wir eine kritische Auseinandersetzung mit den in der deutschen Gesellschaft populären Vorstellungen über jüdisches Leben anstoßen wollen. Mit Blick auf den bewaffneten Widerstand jüdischer Soldat:innen und Partisan:innen gegen die nationalsozialistische Zustimmungsdiktatur erklärte die Philosophin Hannah Arendt, dass der „jüdische Lebenswille (…) berühmt und berüchtigt” sei. Jüdinnen:Juden sollten sich als das verteidigen, als was sie angegriffen werden – und zwar als Jüdinnen:Juden. Dieses Bild widerspricht der in Deutschland verbreiteten Vorstellung von Jüdinnen:Juden, die vor allem als Opfer wahrgenommen und auf diese Rolle festgeschrieben werden. Vor allem junge Jüdinnen:Juden wollen nicht mehr auf ein ihnen zugeschriebenes, dabei aber nur wenig mit tatsächlich jüdischen Erfahrungen korrespondierendes Bild des Jüdischen reduziert werden.

So ist es für Jüdinnen:Juden in Deutschland zum Alltag geworden, gegen diese Vereinnahmungen anzukämpfen. Ihre Lebensrealität ist von Erfahrungen durch Migration, Geschlecht, Sexualität, Klasse, Antisemitismus und Rassismus geprägt. Diese setzen sie den stupiden, simplifizierenden, stereotypen Darstellungen, die vor allem von einer auf die „Wiedergutwerdung” abzielenden Erinnerungskultur geprägt werden, entgegen. Den Begriff „Wiedergutwerdung” prägte der leider viel zu früh verstorbene Eike Geisel. Er kritisierte damit geschichtspolitische Tendenzen in Deutschland, die zur Verklärung der eigenen Vergangenheit beitragen. Es ist der Versuch, jüdisches Leben zur Legitimation der eigenen weltpolitischen Rolle zu funktionalisieren. Sich dem zu entziehen ist alltägliche Widerständigkeit, ein Gefühl vieler (junger) Jüdinnen:Juden, vielleicht sogar einer ganzen Generation, die um Anerkennung und Teilhabe in der deutschen Gesellschaft kämpft, wie es der satirische Kurzfilm Masel Tov Cocktail bildhaft vor Augen führt.

Die Erinnerung an die Shoa ist ein wichtiger Bestandteil jüdischer Identitäten in Deutschland geworden. Sie ist ein Baustein des Narrativs dezimierter Diskontinuität jüdischer Geschichte in diesem Lande. Die jüdische Geschichte in Deutschland hat aufgrund der Shoa eine massive Transformation erlebt. Von den einst 500.000 deutschen Jüdinnen:Juden leben kaum noch Nachfahren in Deutschland. Die jüdische Gemeinschaft ist heute hauptsächlich durch die Jüdinnen:Juden geprägt, die in den 90er-Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Entsprechend wurde das Band der Geschichte zerschnitten, aufgerollt und nun neu zusammengesetzt.

Deshalb geht es uns nicht darum, durch die Konnotation des jüdischen Widerstandes die Erinnerung an die sechs Millionen Ermordeten zu verdecken, sondern diesen Teil gleichberechtigt daneben zu stellen. Denn für viele Jüdinnen:Juden ist es auch ein Teil der eigenen (Familien-)Geschichte. So kämpften Angehörige in Partisan:innenformationen, befreiten als Teil der Roten Armee Konzentrations- und Vernichtungslager, gehörten jüdischen Formationen in amerikanischen oder britischen Streitkräften an. Auch die Geschichte des systematischen Massenmordes außerhalb Europas ist ein Teil: So erlebten einige, die weitgehend unbekannten Auswüchse der Shoa wie den sogenannten Farhud (Pogrom in Bagdad 1941) oder kämpften in der nordafrikanischen Resistance gegen die Armee des Vichy-Regimes. Sie alle – Überlebende, Widerstandskämpfer:innen, oder auch Jüdinnen:Juden ohne Berührungspunkte mit der Shoa in der eigenen Familiengeschichte – sind allerdings als Jüdinnen:Juden dadurch vereint, heute im Land der Täter:innen zu leben, in der postnazistischen Gesellschaft.

Deshalb ist es wichtig, das Gedenken an den jüdischen Widerstand und jüdisches Heldentum gegen die nationalsozialistische Barbarei und ihr Auswüchse auch in die Erinnerungskultur in Deutschland zu inkludieren. Um auch die Geschichten zu erzählen, in denen Jüdinnen:Juden selbst kämpften, trotz der ausweglosen Situation, und damit Mut zu machen für gegenwärtige Kämpfe. Kämpfe für eine bessere Gesellschaft, in der die Differenz, frei nach dem Sozialphilosophen Theodor W. Adorno, nicht als Schandmal erachtet wird. Jüdinnen:Juden, die sich aus dem Status des Objektes befreien, werden zu handelnden Subjekten der Geschichte. Während also am internationalen Holocaust Gedenktag den Jüdinnen:Juden die Rolle der Opfer – also der Objekte des Erinnerns – zugewiesen wird, handeln sie an Jom haShoa selbstermächtigt als Subjekte ihrer eigenen Geschichte. Während am 27. Januar 1945 Jüdinnen:Juden durch die Rote Armee befreit wurden, waren es jüdische Widerstandskämpfer:innen wie Mordechaj Anielewicz und Mira Fuchrer, die im Warschauer Ghetto mutig und heldenhaft gegen die überlegenen deutschen Truppen ankämpften.

Doch wie erwähnt, ist das Warschauer Ghetto nicht das einzige Beispiel für einen jüdischen Widerstand. Tatsächlich gibt es heute einige veröffentlichte Berichte, die aufzeigen, wie Jüdinnen:Juden sich gegen die antisemitische Bedrohung und Gewalt in Europa zur Wehr setzten. Dazu zählt auch der italienische Shoa-Überlebende und Widerstandskämpfer Primo Levi. Dieser erzählt in seinem autobiographischen Roman Das periodische System von seinem Weg in die italienische Resistenza, die erst gegen das faschistische Regime und später gegen die nationalsozialistische Besatzung kämpfte. Auch die Turiner Gruppe beziehungsweise die Bewegung Giustizia e Libertà waren Teil der Resistenza. Die Initiative um die Turiner Gruppe ging auf jüdische Intellektuelle zurück. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass sich von den 50.000 italienischen Jüdinnen:Juden ungefähr 2.000 am Kampf gegen die deutsche Besatzung beteiligten, von denen sieben mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurden.

Viele Jüdinnen:Juden haben sich in der Geschichte vor allem mit ihrem Bezug zu ihrer eigenen jüdischen Identität und mit Verweis auf die jüdische Geschichte verteidigt. Dennoch muss jede Generation ihre eigene Sprache finden, um ihre Kämpfe zu benennen. Ähnlich also, wie das damals Primo Levi beschrieb, doch unter anderen historischen Vorzeichen: „Es galt, aus dem Nichts heraus zu beginnen, unseren eigenen Antifaschismus zu ‚erfinden‘, ihn vom Keime an, von den Wurzeln heraus zu erschaffen”.

Doch es gilt diese Begebenheiten mit historischem Bewusstsein zu berichten. Wenn wir diese Geschichte erzählen, wenn wir aus ihr ein Narrativ jüdischer Widerständigkeit weben, dann müssen wir die Begrenztheit dieses Ansinnens in historischer Perspektive betonen. Ein Vergleich mit Primo Levi, Herschel Grynszpan, Mordechaj Anielewicz oder Mira Fuchrer wäre nicht nur unredlich, er wäre unangemessen. Denn die Situation hat sich verändert, heute blicken wir retrospektiv auf ihre Kämpfe. Doch die Notwendigkeit dieser Erzählung begründet sich wiederum in der Dialektik, die sich in ihrer Betrachtung hervortut. So sind unsere heutigen, unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen und inhaltlich anders ausgerichteten Kämpfe, doch durch die Kontinuitäten mit diesen historischen Begebenheiten verbunden: Weil Antisemitismus und Rassismus 1945 nicht einfach endeten, sondern in den Köpfen der Menschen und den Verhältnissen, die sie umgaben, fortwirkten, ist es weiterhin notwendig, dass Jüdinnen:Juden, um mit Arendt zu sprechen, „sich (…) als das wehren (…), als was man angegriffen wird”.

Unser Anliegen ist also die Schaffung eines historischen Bewusstseins, indem die verschleierten Seiten der Geschichte betrachtet werden. Gemäß der geschichtsphilosophischen These Walter Benjamins:

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ‚wie es denn eigentlich gewesen ist‘. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt”.

Wir bemächtigen uns der Erinnerung, um Kraft aus ihr zu schöpfen – Kraft für die Kämpfe, die wir und alle anderen Jüdinnen:Juden und marginalisierten Gruppen in dieser Gesellschaft tagtäglich führen. Doch wir glorifizieren weder Gewalt noch Terrorismus. Es geht darum, den oben erwähnten Widerstandskämpfer:innen den Schleier der Geschichte wegzureißen und damit Gewohnheiten deutscher Erinnerungsabwehr zu irritieren, Erzählungen jüdischer Widerständigkeit in den Diskurs eintreten zu lassen und so Raum für Teilhabe und Sichtbarkeit jüdischer Vielfältigkeit zu eröffnen.

Ruben Gerczikow beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit rechtsextremen Strukturen, ist Vizepräsident der European Union of Jewish Students und Wertebotschafter bei der Bildungsinitiative GermanDream. (Twitter: @RubenGerczi)

Monty Ott ist Publizist und promoviert zu „Queerem Judentum in Deutschland”, war von 2018 bis 2021 Gründungsvorsitzender der queer-jüdischen Initiative Keshet Deutschland e.V. (Instagram: @der_wandelnde_widerspruch)

Beide sind Teil des jüdischen Medienprojekts Laumer Lounge (Instagram: @laumer_lounge)

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