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Journalismus als Feindbild

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Pressekonferenz in Berlin: Frederik Tetzlaff (Universität Bielefeld), Dr. Mehmet Ata (Mediendienst Integration), Prof. Dr. Andreas Zick, Madlen Preuß (beide Universität Bielefeld).

 

 

Am Mittwoch, den 01. März fand im Bundespresseamt die Vorstellung der Studie „Hass im Arbeitsalltag Medienschaffender“ statt. Hierfür befragten Wissenschaftler_innen des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld 783 Journalist_innen zu Hass und Gewalterfahrung bei der Arbeit. In Auftrag gegeben wurde die Umfrage vom „Mediendienst Integration“, die sich seit 2012 mit dem Schwerpunkten Migration, Integration und Asyl beschäftigen. Finanziert hat sie die Freudenberg Stiftung. Professor Andreas Zick, Madlen Preuß und Frederik Tetzlaff von der Universität Bielefeld, sowie Dr. Mehmet Ata vom „Mediendienst Integration“ stellten die Studie vor.

Dabei ging es auch um den praktischen Umgang mit „Hate Speech“ bei der Arbeit. Wie schützt man sich? Welche Auswirkungen haben die Anfeindungen? Auf welche Art und Weise finden die Angriffe statt?

Als Angriffe verstehen die Wissenschaftler_innen „sowohl verbale Beleidigungen, Anfeindungen, aber auch Aufrufe zu Gewalt und/oder Straftaten“. Diese Anfeindungen geschehen auf zwei Ebenen. Einerseits durch direkte physische Gewalt bei Demonstrationen oder Veranstaltungen, andererseits durch Bedrohungen und Beleidigungen im Netz. Diese werden als „Hate Speech“ bezeichnet und umfassen menschenfeindliche Äußerungen, die zu Gewalt, Ausgrenzung oder Benachteiligungen gegenüber Personen oder einer Gruppe von Menschen aufrufen. Darunter fallen Volksverhetzung, Beleidigungen, aber auch die Herabsetzung und Verunglimpfungen von Personen. 42% der befragten Journalist_innen waren im Jahr 2016 von Angriffen betroffen. 26% berichten von mehrmaligen bis regelmäßigen Attacken.

Journalist_innen nehmen diese Doppelbelastung unterschiedlich war. Entscheidend für den Umgang sind das Alter sowie die Häufigkeit der Angriffe. Gerade jüngere Journalist_innen scheinen sensibler für das Thema zu sein. Zwei Drittel der Befragten sprechen von einer generellen Zunahme hasserfüllter Reaktionen in den vergangenen 12 Monaten. Für die persönliche Belastung ist dabei nicht unbedingt entscheidend, ob man selber ein direktes Ziel der Anfeindungen ist oder von Angriffen auf Kollegen erfährt.

Als Grund für die Gewalt sehen 85% der Befragten ihre bloße Zugehörigkeit zur Personengruppe der Journalisten. In der Studie fallen erwartete Indikatoren, wie Alter, Geschlecht oder Migrationshintergrund gering aus. „Die Journalisten werden angegriffen, weil sie Journalisten sind. Der Hass richtet sich gegen den Berufsstand“, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Andreas Zick. Bestimmte Themen rufen besonders häufig Anfeindungen hervor. Das betrifft vor allem die Berichterstattung zum Thema Geflüchtete und Migration.

Die Belastungen, die dadurch entstehen weiten sich auch auf das Privatleben aus. Betroffene berichten von Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen. Auch ihre journalistische Arbeit leide unter dem Druck. Recherchen werden aus Angst um persönliche Unversehrtheit und die der Familie abgebrochen. Das ist jedoch genau das Ziel, was mit den Einschüchterungen verfolgt wird: „Journalisten sollen berichten, was die Angreifer wollen, oder schweigen“, so Zick.

Die Studie kann als direkte Folge der Erfahrungen bei Demonstrationen von PEGIDA und rechtspopulistischen Veranstaltungen gesehen werden, bei denen Journalist_innen durch gezielte Hetzkampagnen und dem Vorwurf der „Lügenpresse“ das Ziel für Angriffe geworden sind. Dies geht einher mit einer generellen Ablehnung des etablierten Journalismus. In rechtspopulistischen Parallelnachrichten wird ein Kampf um die Deutungshoheit der Wahrheit geführt. Dabei wird der etablierte Journalismus zum Feindbild erklärt.

Die Ergebnisse der Studie sollen eine fundierte Grundlage zur Erfassung und zum Umgang mit diesem Phänomen darstellen. Daher fragten die Wissenschaftler_innen auch danach, welche Hilfestellung sich Betroffene wünschen und was gegen „Hate Speech“ getan werden kann. Eine generelle Verbesserung der Arbeitsbedingungen war eine der häufigsten Nennungen. Darunter fallen eine genauere Einschätzung der Gefahrenlage bei Demonstrationen oder Veranstaltungen, sowie die Aufstockung der Redaktion, zum Beispiel mit einem Social-Media-Team, um auf Anfeindungen reagieren zu können. Allgemein wünscht man sich mehr Schutz und Kontrolle durch Polizei und Staatsanwaltschaft, da man sich gerade auf Demonstrationen Angriffen schutzlos ausgesetzt fühle.

Ein weiteres Problem ist die Aufklärung über Straftatbestände. Viele Journalist_innen wissen nicht oder sind sich nicht sicher, welche Vorfälle angezeigt werden können und wie erfolgreich das Strafverfahren ist. Hier sind Schulungen und Aufklärungsarbeit, sowie Rückendeckung innerhalb der Redaktionen nötig. Die Solidarität unter Kolleg_innen wird als wichtiger Faktor zur Verarbeitung der Anfeindungen genannt. Aber immerhin 34% der Journalist_innen beklagen, dass in ihren Redaktionen „Hate Speech“ nicht thematisiert wird und keinerlei Hilfestellungen im Umgang mit Angriffen angeboten werden.

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