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KenFM Ken Jebsen, der gefährliche Querfront-Demagoge

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Ken Jebsen auf einer "Hygiene-Demo" in Berlin (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Wenn man sich näher mit den bundesweiten Demonstrationen gegen die Covid-19-Schutzmaßnahmen beschäftigt, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Ken Jebsen. Seit Jahren schon verbreitet der 1966 Geborene hauptsächlich auf seinem YouTube-Kanal KenFM Verschwörungsmythen und antisemitische Narrative. Doch besonders in der jetzigen Situation scheinen er und seine gefährlichen Theorien extremen Zulauf zu haben. Es scheint als sei er einer der Nutznießer der Krise, der gekonnt die Unsicherheit der Menschen ausnutzt. 

Sein Video „Gates kapert Deutschland“ ging innerhalb kurzer Zeit viral. Veröffentlicht wurde es am 4. Mai, auf dem Kanal KenFM, der knapp 477.000 Abonnent*innen hat. Mittlerweile wurde es über drei Millionen mal geklickt.

Geht es nach Ken Jebsen selbst, dann versteht sich der YouTuber als „freier Journalist“, der seit mehr als 35 Jahren in Deutschland mit einem Presseausweis tätig ist. Das erzählt Jebsen seinen Zuschauer*innen zu Beginn des 30-minütigen Videos. Allerdings scheint der Presseausweis weder seine Seriosität zu bescheinigen, noch seine Genauigkeit zu beglaubigen.

Jebsens Karriere beginnt als Radiomoderator 

Doch tatsächlich beginnt Jebsens Karriere journalistisch, und zwar Ende der Achtzigerjahre bei einem Lokalradio in Reutlingen. Es folgen Stationen bei der Deutschen Welle, beim ZDF, bei ProSieben und bei verschiedenen Radiosendern.

Zur Kultfigur, zumindest in Berlin und Umland, wird Jebsen damals schon, mit einer eigenen Show beim RBB-Jugendradio Fritz. Ab 2001 moderiert er hier eine Sendung, die schon damals „KenFM“ heißt und bei Hörer*innen, wie bei Kritiker*innen beliebt ist. Die steile Karriere endet allerdings abrupt: Grund ist eine E-Mail, die Jebsen im November 2011 an einen Hörer schreibt. Der Wortlaut, samt aller Rechtschreibfehler, lautet wie folgt:

„sie brauchen mir keine holocaus informatinen zukommen lassen. ich habe mehr als sie. ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat. der neffe freuds. bernays. in seinem buch propaganda schrieb er wie man solche kampagnen durchführt. goebbels hat das gelesen und umgesetzt. ich weis wer die rassendatten im NS reich möglich gemacht hat.“

Zwar bestreitet Jebsen die Urheberschaft der Mail nicht, meint jedoch er sei kein Antisemit. Der RBB beendet die Zusammenarbeit. Jebsen akzeptiert die Kündigung nicht und klagt. 

Nach der Radio-Karriere startet Jebsen seinen YouTube-Kanal „KenFM“

Seither hat Jebsen, damals schon ein guter Redner, sein Arbeitsfeld ins Internet verlegt. Im Januar 2012 entsteht der YouTube-Kanal „KenFM“. Zu Jebsens zentralen Themen auf KenFM gehören Israels Politik, Deutschlands Souveränität, die weltpolitische Rolle der USA, die Rolle der Medien, die Macht der Eliten, verdeckte Kriegführung und die Terroranschläge am 11. September 2001. Seit 2011 vertritt Jebsen offiziell die Meinung, dass die fundamentalistischen  Anschläge in New York so nicht stattgefunden haben können und verbreitet Materialien aus dem „9/11 Truth Movement“, das behauptet, die Anschläge seien ein „Inside Job“

Im April 2012 veröffentlichte Jebsen auf KenFM den Monolog „Zionistischer Rassismus“. Es ging hier um die damalige Kritik an einem Gedicht von Günter Grass. Jebsen führt in dem Video die Kritik auf jüdische und israelische Lobbyisten zurück, die in den USA einen großen Einfluss besäßen und die Massenmedien manipulieren würden. Diese „mediale Massenvernichtungswaffe“ helfe, „dass wir seit über 40 Jahren die Fresse halten, wenn im Auftrage des Staates Israel Menschen in Massen vernichtet werden“. Israel rotte systematisch die Palästinenser aus, um „Platz für das auserwählte Volk zu schaffen“; es wolle eine „Endlösung“ für Palästina. Nach Kritik löschte Jebsen das Video stillschweigend und wollte sich später nicht mehr an seine Aussage erinnern.

Täter-Opfer-Umkehrung: Holocaust zu Gunsten der Jüdinnen und Juden?

Online blieb hingegen das Video Kai-ROH das Anfang 2014 auf KenFM erschien. Hier behauptet Jebsen, Zionist*innen und die Nazis hätten „die gleiche Ideologie der ‘Überrasse‘ verinnerlicht, nur individuell anders umgesetzt“. Im Wortlaut sagt er im Video:

„Sie [die Zionist*innen] und die Nazis unter Hitler haben die gleiche Ideologie der ‘Überrasse‘ verinnerlicht, aber eben nur individuell anders umgesetzt. Der völkische Blut-und-Boden-Begriff ‚Herrenrasse‘ wurde bei den Zionisten zu ‚auserwähltem Volk‘. Die Zionisten haben mit ihrem Projekt Israel den rein jüdischen Staat nahezu umgesetzt. Damit leben sie vor, was von den Nazis immer behauptet wurde, nämlich: ‚Juden sind speziell.‘ Man müsse sie aus jedem Volkskörper isolieren und in Ghettos zusammenfassen. Die jüdische Rasse dürfte aus Gründen der ‘Volkshygiene, aus Gründen der Reinhaltung, nicht mit anderem Blut anderer Völker, schon gar nicht mit germanischem Blut, vermischt werden. Exakt darin stimmen die Nazis damals und die Zionisten heute überein.“

Diese antisemitische Vorstellung gipfelt schließlich in der These, Israel sei ein Projekt der „Volkshygiene“, damit jüdisches Blut sich nicht vermische. Außerdem sei das Ziel Israels, Palästinenser*innen und arabische Israelis auszurotten, beinahe schon umgesetzt.

Der große Erfolg kam 2014 mit den Mahnwachen 

Richtig erfolgreich wird Jebsen mit seinen kruden Thesen schließlich 2014 auf den sogenannten „Montagsdemonstrationen für den Frieden“. Auf diesen Querfront-Demonstrationen trafen sich vorgeblich linke Friedensaktivist*innen, Verschwörungsideolog*innen und Neonazis. Trotz Differenzen, waren diese politischen Lager in ihrem Antisemitismus und Antiamerikanismus vereint. Zu den zentralen Figuren von damals zählt neben dem Publizisten Jürgen Elsässer, der ursprünglich in der linken Szene beheimatet war,  allerdings in seinem „Compact“-Magazin schon seit Jahren die Querfront – also die Verbindung über Gemeinsamkeiten – mit der rechtsextremen Szene – suchte, auch Ken Jebsen. Hier ist erstmals, vor Pegida und Co., auch von „Systemmedien“ oder „Lügenpresse“ die Rede. Doch mit dem nachfolgenden Demo-Format, den rassistischen Pegida Spaziergängen, will Jebsen nichts zu tun haben. Das Thema „die Eliten da oben und wir Normalen hier unten“ wurde lange Zeit von rassistischen Akteuren, nicht zuletzt von der AfD, besetzt. Seither wurde es ruhiger um Jebsen, dennoch blieb ihm seine Anhängerschaft treu und finanzierte seine Videos via Crowdfunding. Im Zuge der Corona-Pandemie erlebt Jebsen jedoch ein Comeback auf den deutschen Bühnen der neuen Querfront-Bewegung.

Der „Star” der neuen Querfront?

Unter Namen wie  „Widerstand 2020“, „Nicht ohne uns“, „Ich bin anderer Meinung“, „Querdenken“ oder „Meditieren gegen Corona“ versammeln sich momentan jede Woche Menschen in zahlreichen deutschen Städten, um Kritik an den Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie zu üben. Sie halten „Mahnwachen“ ab und geben an, dass sie in Deutschland Grundrechte und Freiheiten in Gefahr sehen. Dies wäre ein legitimer Grund für Kritik, doch verbinden  sehr viele Menschen auf diesen Veranstaltungen ihre Kritik mit  verschwörungsideologischen Weltbildern. Wie schon 2014 trifft sich hier eine Melange aus Verschwörungsideolog*innen, Esoteriker*innen und rechten Aktivist*innen. Und einer der zentralen Köpfe der neuen Querfront-Bewegung ist Ken Jebsen. Und was damals gut funktioniert hat, funktioniert auch heute noch.

Jebsen sieht sich als Teil der „alternativen Medien“. Da der „Staatsfunk“ (damit meint er alle klassischen Medien) nur auf „Regierungslinie“ berichten würden und die Regierung etwas böses im Schilde führe, bietet er und einige andere Aktivist*innen den Zuschauern „alternative Wahrheiten“ an. Allerdings scheint Jebsen, zu Beginn der Pandemie noch nicht ganz sicher, wie er und damit sein Kanal sich zu Covid-19 positionieren soll. Noch im März  wurde auf „KenFM“ die Möglichkeit besprochen, dass das Virus aus einem US-amerikanischen Labor käme und speziell Menschen mit chinesischer DNA anfalle. Damit wäre Covid-19 Teil der verdeckten Kriegsführung der USA gegen China. Mittlerweile behauptet Jebsen , dass das Ehepaar Bill und Melinda Gates „mehr Macht als seinerzeit Roosevelt, Churchill, Hitler und Stalin gemeinsam“ hätten, und „der ganzen Welt diktiert, wie es zu leben hat“.

Untergangs-Apologeten geben Halt in Krisenzeiten

Das Phänomen Verschwörungsmythen ist kein neues, doch besonders in der Corona-Pandemie scheinen viele Menschen lieber solchen Untergangs-Apologeten zu trauen als klassischen Medien, Wissenschaftler*innen und Forscher*innen. Und besonders Jebsens Videos, und damit auch seine Ideologien, dringen offenbar zunehmend in die Breite der Gesellschaft. Das liegt nicht zuletzt am Versuch Jebsens, sich möglichst seriös zu geben und und  sich stets darauf zu beziehen, dass er ja Journalist sei. Doch, dass Jebsens Arbeitsweise alles andere als journalistisch und seriös ist, haben mittlerweile unzählige FacktCkecking Beiträge gezeigt. 

Und dennoch ist er der Stargast auf den sogenannten „Hygiene-Demos“. Am 9. Mai sprach Jebsen auf einer Demonstration auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart vor rund 10.000 Menschen gegen Beschränkungen in der Corona-Krise und bezeichnete das politische System als eine seit 1949 anhaltende „Demokratie-Simulation“. Er sagte, Corona würde instrumentalisiert, um „den Staat noch mächtiger und den Bürger noch ohnmächtiger zu machen“ und zieht weitere Vergleiche unter anderem zu „Rassengesetze“ im Zweiten Weltkrieg. Außerdem vergleicht er die derzeitige Situation mit 1933. Dieser Vergleich ist extrem problematisch, weil er damit den nationalsozialistischen Terror und damit eben auch den Holocaust relativiert. 

Journalist*innen des Recherche-Kollektivs „Friedensdemo Watch“, beobachteten die Radikalisierung der Menschen auf den Mahnwachen bereits seit 2014 und damit auch Jebsens Werdegang innerhalb der Szene. Sie weisen darauf hin, dass NS-Vergleiche keineswegs neu sind in Jebsens Werk. „Die ständige Bezugnahme auf den Nationalsozialismus und die daraus resultierenden schiefen Vergleiche, die mit der Relativierung der Shoah und Geschichtsrevisionismus einhergehen, finden sich ständig bei Jebsen, so auch nun im Zuge der Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen.“ Jebsen missbrauche die jetzige Krisensituation für die eigene Agenda und das Schüren von Ressentiments, „wobei der Deutsche Massenmord an Jüdinnen und Juden von der vernichtungsantisemitischen Ideologie befreit, zu einem beliebigen Missgeschick in der Geschichte verkommt, gleichbedeutend mit heutigen Corona-Infektionsschutzmaßnahmen.“

Auch wenn sich Jebsen noch so oft als Journalist bezeichnet, er ist nichts weiter als ein Demagoge, der es versteht die Unsicherheiten der Menschen auszunutzen.

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