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Kommentar Fünf vor zwölf, mitten in Deutschland

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Anetta Kahane ist Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung (bis Ende März 2022); Foto: MUT

Große Filme und gute Witze zeichnen sich durch Dialoge aus, die eine Situation so beschreiben, dass dem nichts hinzuzufügen bleibt. Die besten leben natürlich von Ironie. Man denke nur an Sätze wie: „Ich machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte“. Oder: „Immer sind die Juden Schuld und die Radfahrer!“ Gegenfrage: „Wieso die Radfahrer?“. Für solche Sprüche werden Autoren bewundert. Wenn man das Glück hat selbst beim Entstehen einer klassischen Redewendung zugegen zu sein, sollte man diesen Moment unbedingt festhalten. Ich war dabei: Eine junge Reporterin rief für ein Interview an und fragte dies und das zu Rechtsextremismus. Und dann kam der interessante Teil. In Taucha, Sachsen-Anhalt sei ein Jugendlicher aus einer Besuchergruppe zusammengeschlagen worden. Von irgendwelchen Rechten, sagte sie. Die hätten dabei immer „Du Scheiß-Jude, verpiss dich“ und ähnliches gebrüllt. „Nun, Frau Kahane, was meinen Sie? Ist das schon Antisemitismus?“ „Schon? Ja klar, was denn sonst?!“ sagte ich. „Naja“, meinte sie, „aber das Opfer war doch ein Israeli“.

Selber Schuld…

Das macht Pointen richtig gut: schockgefrorenes Gelächter für eine erhellende Absurdität. Ich muss den nicht erklären, oder? In den letzten Wochen hatten wir der Chronik antisemitischer Vorfälle einiges hinzuzufügen. Der junge Mann in Laucha war nicht der einzige, der in den letzten Wochen etwas abbekommen hat. Gerade erst wurden jüdische Laientänzer bei einem Volksfest in Hannover mit Steinen beworfen und zwei Israelis in Berlin vor einer Disko verprügelt. Dazu kommen die üblichen Sachbeschädigungen, Schmierereien und Beschimpfungen. Klar, das hängt mit dem Nahost-Konflikt zusammen und wenn es Israel nicht mehr gäbe, hätten auch die Juden ihre Ruhe – so wäre die Schlussfolgerung, würde man zu Ende denken und aussprechen, was die Reporterin mit ihrer Frage meinte. Selber Schuld, die Juden. Sie glauben das nicht? Sie meinen zwischen „Antizionismus“ und Antisemitismus wird noch sorgsam getrennt? In Herford hat eine Abgeordnete gegen einen Zuschuss zum Bau einer Synagoge gestimmt gegen die „Partikularinteressen einer Religionsgemeinschaft“.

Der Hamas zu Ruhm verhelfen

Solche Anträge kennen wir aus dem Osten, doch da ist es die NPD, die meint, dass „deutsche“ Interessen zuerst kommen müssten. In dem Fall Herford war es jedoch eine Abgeordnete der Linkspartei, die konsequent auf den Punkt brachte, was ihre Freundin und Bundestagsabgeordnete der Linken Inge Höger nur Tage zuvor als Crew-Mitglied der Gaza-Flottille vorlebte, als sie mit islamistischen Antisemiten zusammen gegen Israel der Hamas zu Ruhm verhelfen wollte. Wo sind da die Unterschiede? Zwischen der „Kritik an der Politik des Staates Israel“ und der Verweigerung der einst ausgerotteten Gemeinde von Herford nun wieder den Aufbau einer Synagoge zu ermöglichen? Wo der Unterschied zwischen den „deutschen Interessen“ der NPD und dem verdrucksten Gerede von „Partikularinteressen einer Religionsgemeinschaft“?

Wie war das noch gleich?

Während wohlfeil die NPD damit Empörung auslöst, wo ist die Empörung gegenüber einem antisemitischen Linkspopulismus, der sich nun immer weiter ausdehnt? Was macht eigentlich das Expertengremium gegen Antisemitismus, das mit viel Getöse vor einem Jahr eingesetzt wurde? Und was ist mit der Antisemitismus-Resolution 2008 zum 9. November geschehen, in der verlangt wurde, sich auch mit Projekten dauerhaft gegen Antisemitismus einzusetzen? Die Verabschiedung der Resolution hat lange gedauert, musste abgestimmt, beraten und immer wieder geändert werden (im Gegensatz dazu wurde der gemeinsame Antrag „Ereignisse um die Gaza-Flottille aufklären/Lage der Menschen in Gaza verbessern“ von Regierungskoalition, SPD und Grünen quasi über Nacht geboren und entschieden). Im Moment laufen die Projekte, die es auch bis dahin gab, langsam aber sicher aus und Neue sind noch nicht in Sicht. Auch nicht solche, die sich mit den Blüten und Wurzeln des Antisemitismus in der Linken beschäftigen, von der man sich doch sonst so gern distanziert.

Nicht in Israel ist es fünf vor zwölf, sondern hier. Mitten in Deutschland. Und das ist kein Witz.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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