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Leben nach der Heiligen Anastasia Rechtsradikalismus in Grün

Auf den ersten Blick geht es bei der Anastasia-Bewegung um ökologische und nachhaltige Landwirtschaft und Lebensweisen. Schaut man sich die Ideologie dieser esoterischen Bewegung genauer an, stößt man jedoch schnell auf eine verfassungsfeindliche, rassistische und antisemitische Gedankenwelt.

 

Über seine Recherchen zu der neuen religiösen Bewegung aus Russland interviewt REMID Raimond Lüppken, freier Journalist und Rechtsextremismusexperte.

 

Sie haben in den letzten Jahren sehr intensiv über rechtsradikale Bewegungen recherchiert, insbesondere über die Neue Religiöse Bewegung der Anastasia-Bewegung. Beschreiben Sie uns doch skizzenhaft ihre grobe Geschichte, wie sie aus Russland im deutschsprachigen Raum ankam?

Die Bewegung ist im deutschsprachigen Raum seit etwa 2000 aktiv, nachdem der erste Band der Buchreihe in deutscher Übersetzung erschienen war. Einige Protagonisten aus Deutschland reisten bereits 2006 nach Russland um die Schetinin-Schule zu besuchen. Daneben hielt der russische Rassist und selbsterklärter „Heiler“ Oleg Pankov in Deutschland zahlreiche Vorträge über die slawisch-arischen Weden (Santia Weden von Perun), das sind angeblich historische Schriften, die 40.000 Jahre alt sein sollen, ein russisches Gericht stellte allerdings fest, dass die Schriften von Alexander Khinevich verfasst wurden, der sich selber als Übersetzer und Entdecker der „alten“ Aufzeichnungen darstellte, um sie als authentische altertümliche Weisheiten erscheinen zu lassen. Das Gericht beurteilte außerdem den Inhalt der Schriften als rassistisch und antisemitisch.

Nun kann man das aber auch als eine eigene neue religiöse Bewegung Russlands namens Ynglism deuten.

Das wedische “Wissen” aus den „Weden von Perun“ spielt eine große Rolle in der Anastasia-Bewegung und erfüllt dort Andeutungen eines wedischen, wedrussischen Wissens, das Anastasia angeblich besitzt.

Und um was geht es noch in der Anastasia-Bewegung?

Die Ideologie der Anastasia-Bewegung basiert auf der zehnbändigen Buchreihe „Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megre. Megre beschreibt darin seine Begegnung mit Anastasia, einer Frau, die alleine auf einer Lichtung im Wald lebt und über besondere Fähigkeiten verfügt wie z.B. Hellsichtigkeit, Telekinese, Telepathie. Sie kann die Gedanken anderer Menschen beeinflussen, beherrscht alle Sprachen der Welt… usw. Anastasia erzählt Megre, dass alle Menschen einst diese Fähigkeiten hatten und diese durch die Technokratie (also die Technisierung der Welt) verloren hätten, doch könne jeder Mensch, der sich an bestimmte Regeln hält, diese Fähigkeiten wiedererlangen. Anastasia macht genaue Angaben über die entsprechende Lebensführung, die dafür nötig ist. So müsse der Mensch sich vegan ernähren, sich weitgehend selbst versorgen, kein vorehelicher Sex, Geschlechtsverkehr nur zum Zwecke der Zeugung und die Mischung mit anderen “Rassen” ist nicht erlaubt. Es wird die These der Telegonie in den Büchern plausibel gemacht, nach dieser pseudowissenschaftlichen These hinterlässt der erste Geschlechtspartner in einer Frau Informationen, die bei einer späteren Zeugung mit einem anderen Mann mit ins Erbgut einflößen.

Welche Art der Lebensführung wird denn empfohlen?

Um die weitgehende Selbstversorgung und den Verzicht auf Technik zu ermöglichen, beschreibt Anastasia die Familienlandsitze von mindestens einem Hektar Größe an Landfläche, auf dem eine Familie leben soll. Es sollen mehrere Familien mit ihren Landsitzen nebeneinander leben, so dass sich Siedlungen entwickeln, die dann auch gemeinsame Einrichtungen wie Schulen, Werkstätten etc. bauen und nutzen können.

Wie heterogen ist die Anastasia-Bewegung, wie ist sie vernetzt und wie schätzen Sie ihre politische Bedeutung ein?

Bei einer Anastasiaveranstaltung in der Schweiz hielt eine Bewohnerin eines Landsitzes in Weissrussland einen Vortrag und zeigte dort auf, wie stark die Bewegung vor allem in Russland vernetzt ist, dort nimmt Megre großen Einfluss auf die Politik, da er mittlerweile durch die Bücher und die Vermarktung von Zedernprodukten vermögend genug ist, um stark in politische Propaganda und Vernetzungsarbeit zu investieren.Die Anastasia-Bewegung ist nicht die harmlose Gemeinschaft von Kleingärtnern, als die sie sich gerne darstellt. Die Bewegung ist antisemitisch und rassistisch, die Schulmedizin und das Impfen werden weitgehend abgelehnt, ebenso die Medien. Die Anhänger sind sehr stark aktiv in der verschwörungsideologischen Szene und in diesem Bereich offen für alle Thesen von Hohlerde, Flacherde über Chemtrails, Reptiloide bis hin zu klassischen antisemitischen Verschwörungstheorien wie Holocaustleugnung, jüdische Weltverschwörung und rassistische Theorien, wie den angeblich gesteuerten Flüchtlingsströmen zum Zweck des grossen Austauschs, nach einem sogenannten Hooton-Plan. Der Bewegung ist Endogamie wichtig, daher werden regelmäßig Treffen organisiert, die der Partnerfindung dienen. Auf diese Weise will man Kritiker aus der Szene fernhalten und es sollen Familien entstehen, die ausschließlich nach der Ideologie leben. Protagonistinnen der Szene gehen sogar soweit, Abtreibungen zu erwägen, wenn die Zeugung nicht nach den wedischen Vorgaben stattgefunden hat.

Man könnte auch sagen, es bestehen stark autoritative Verhältnisse. Wie positioniert sich die Bewegung zur Idee der Demokratie?

Die Demokratie wird von der Bewegung und auch in den Büchern klar abgelehnt, in den Büchern wird die Demokratie als „Dämon Kratie“ bezeichnet. So ist es nicht verwunderlich, dass etliche Protagonisten den Staat und seine Gesetze ablehnen und Reichsbürgerideologien verbreiten und entsprechende Veranstaltungen besuchen oder solche organisieren. Die Einnahmen aus Veranstaltungen der Szene, die mitunter sehr teuer sind, werden zumeist nicht versteuert, da man sich weigert den Staat mehr als irgend nötig zu unterstützen. Kritik blendet die Bewegung kategorisch aus, und die gemäßigteren Kreise der Bewegung weigern sich, sich von extremistischen Protagonisten zu distanzieren, viele Organisationen und Interessengruppen wie die Permakulturszene, Umweltschutzverbände wurden massiv von Anastasia-Anhängern unterwandert und es wurde versucht, diese für die Zwecke der Anastasia-Bewegung zu instrumentalisieren. Wiederum tun sich leider einige dieser Gruppen schwer, sich klar von der Anastasia-Bewegung zu distanzieren. Die führende schweizerische Protagonistin der Bewegung, die schon 2011 und 2012 Vorträge von Oleg Pankov und Frank Willy Ludwig in der Schweiz organisierte, rief Anfang 2016 Rechtsextremisten in Deutschland dazu auf, einen Kritiker der Anastasia-Bewegung anzuzeigen und gab Bilder und persönliche Informationen weiter. Da sich wohl keine geeigneten falschen Anschuldigungen fanden, wurden dann die persönlichen Informationen und Bilder des Kritikers im Internet veröffentlicht und dieser so der Gefahr von physischen Angriffen ausgesetzt.

Die Bewegung versucht auch sich mittels prominenten Personen, Akademikern etc. bei der Mehrheitsgesellschaft Anerkennung zu generieren. Es gibt auch etliche Veranstaltungen der Bewegung, bei der diese aber nicht als Anastasia-Bewegung in Erscheinung tritt. So macht man einfach Volkstanzveranstaltungen, Handarbeitskreise und dergleichen und transportiert das Gedankengut in wohldosierter unauffälliger Form. Da der Begriff Anastasia inzwischen durch etliche Medienberichte negativ konnotiert ist, wird dieser heute oftmals vermieden, so ist dann von Siedlerstammtischen die Rede oder von Familienlandsitz-Treffen. In Social Media finden sich unzählige antisemitische, rassistische und demokratiefeindliche Posts von Anastasia-Anhängern und sogar Zustimmung zum Terror von Christchurch. Es wird auch Begeisterung für die Germanische Neue Medizin des Antisemiten Ryke Geerd Hamer [vgl. Christoph Wagenseil im Gespräch mit Jürgen Dollmann: Religion & Medizin: Ein Gespräch über Heil- und Heilungskonzepte zwischen den Disziplinen, 2018; Anm. C.W.] bekundet sowie für verschiedene totalitäre Herrscher und Rechtspopulisten wie Gaddafi, Trump, Orban, Marine Le Pen und selbstverständlich für Putin. Man solidarisiert sich mit Ursula Haverbeck und anderen bekannten Holocaustleugnern und geht auch auf von diesen organisierte Demos bzw. rechtsextreme Trauermärsche.

Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Welche Medien gehören denn nicht zur „Systempresse“?

Ihre Informationen beziehen Anastasia-Anhänger von allerlei “Alternativen Medien” wie BewusstTV, Quer-denken.TV, kla.tv, KenFM, cine12tv, timetodo.tv, journalistenwatch, RT deutsch, uncut-news. Es gibt personelle Überschneidungen der Bewegung mit dem Königreich Deutschland, dem Global Common Law Court, Staatenbund Österreich und anderen Staatsverweigerer-/Reichsbürgergruppierungen [vgl. Christoph Wagenseil: Charlie Chaplin und die ‘Wahrheit’ der “alternativen” Medien, 2017].

Einige Protagonisten der Bewegung sind offen rechtsextrem und unterhalten Kontakte zu Holocaustleugnern, der AfD der Identitären Bewegung, dem Sturmvogel, dem russischen Kampfsportkonsortium Systema und zu rechtsterroristischen Kreisen. Anastasia-Anhänger traten schon als Redner bei rechtsextremen Netzwerken auf. Es gibt nicht nur zahllose Kontakte zu wegen Volksverhetzung verurteilten Rechtsextremisten, sondern es wurden auch schon etliche Anhänger der Bewegung wegen Volksverhetzung verurteilt.

Wo Sie eben Putin ansprachen, wie international ist die Bewegung aufgestellt?

Etliche russlanddeutsche Anastasia-Anhänger spielen eine große Rolle in der Szene z.B. als Übersetzer der Vorträge von Oleg Pankov oder der Texte von Alexander Khinevich. Sie betreiben antiwestliche Propaganda in Russland und treten dort bei nationalistischen Gruppierungen als Deutschland-Experten auf. Dort zeichnen sie ein stark verfälschtes Bild der deutschen Gesellschaft. In einem mir vorliegenden Video von einer Veranstaltung einer nationalistischen russischen Organisation treten zwei Russlanddeutsche auf (eine davon die ehemalige Betreiberin der mittlerweile, aufgrund eines Verfahrens wegen Volksverhetzung, aufgelösten Gemeinschaft „StammesQuelle“) und erzählen das die Kinder in deutschen Schulen im Unterricht mit Pornographie konfrontiert würden. Gemeint ist damit wohl der Sexualkundeunterricht; hier zeigen sich, wie auch in der Sexualmoral der Bewegung deutliche Parallelen zu evangelikalen Überzeugungen. Einem lesbischen Paar wurde die Aufnahme in ein Siedlungsprojekt der Anastasia-Bewegung in Sachsen-Anhalt verwehrt, da die sexuelle Orientierung von den bereits dort wohnenden Personen abgelehnt wurde. In etlichen Satzungen von Anastasia-Vereinen / Siedlungsprojekten findet sich die Definition „Eine Familie besteht aus Mann, Frau und Kindern“.

Neben dem Rechtsradikalismus ist auch Kindwohlsgefährdung durch Medizinverweigerung ein Thema, warum sich die Öffentlichkeit für die Bewegung zu interessieren beginnt?

Anhänger der Bewegung schrecken auch nicht davor zurück, ihre eigenen Kinder massiv gesundheitlich zu gefährden. Dies z.B. durch Impfverweigerung und auch durch Anwendung von nicht zugelassenen Präparaten wie MMS und Wasserstoffperoxid. Eine Anhängerin verabreichte ihrem schwerbehinderten Kind MMS und berichtete in einem Anastasia-Forum über die angebliche Besserung des Zustandes des Kindes. Einige Institutionen sind wegen der Gefährdung von Kinder bereits auf die Anastasia-Bewegung aufmerksam geworden doch besteht in diesem Kontext noch dringender Aufklärungsbedarf. In der Schweiz ist die KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) zu dem Entschluss gekommen einer der Anastasia-Bewegung zugehörigen Mutter das alleinige Sorgerecht zu geben – trotz einer in diesem Zusammenhang von der KESB in Auftrag gegebenen Stellungnahme bei infosekta, „Anastasia-Bewegung und andere esoterische Strömungen: Mögliche Folgen einer starken esoterischen Orientierung für die kindliche Entwicklung“. Diese Stellungnahme kommt eindeutig zu dem Schluss, dass sowohl die medizinischen als auch die weltanschaulichen und erzieherischen Maßgaben der Ideologie für Kinder höchstgefährlich sind (vgl. zu der Fallgeschichte Kurt Pelda: Mehr braun als grün, 2018).

Interessiert sich denn der Verfassungsschutz in Deutschland für die Bewegung?

Die Verfassungsschutzämter einiger Bundesländer haben Kenntnis von den Vernetzungen der Bewegung mit Rechtsextremisten, offizielles Beobachtungsobjekt ist die Anastasia-Bewegung nicht. Neben den Medien beschäftigte sich auch die Wissenschaft bereits kritisch mit der Bewegung. Es gibt eine Bachelorarbeit zum Thema, zu der ich Informationen beitrug, und es gibt bald ein Forschungskolloqium zu antidemokratischen und neu-religiösen Strukturen, in dem auch die Anastasia-Bewegung erforscht werden wird. Auch dort werde ich mitwirken.

Eine Besonderheit stellt der Versuch da, mit LAIS-Schulen, die für sich eine besondere pädagogische Methode proklamieren, eine eigene private Schulbildung einzuführen. Was ist das für eine Methode und was ist über diese sogenannten Schulen bekannt?

In dem Band 3 der Buchreihe wird die Schetinin-Schule in Russland (in Tekos bei Krasnodar) beschrieben. In dieser Schule unterrichten die Schüler sich angeblich gegenseitig und der gesamte Schulstoff bis zum Abitur werde in drei Jahren gelernt. Es wird behauptet, dass schon Neunjährige Schüler an Universitäten studieren würden. Die Geschichten von der Schetinin-Schule werden fraglos übernommen und massiv verbreitet, regelmäßig reisen Anhänger der Bewegung nach Tekos. Der Aufbau von Schulen nach diesem Vorbild konnte bisher wegen der Gesetzeslage in Deutschland glücklicherweise nicht realisiert werden, ebensowenig in der Schweiz. Meiner Einschätzung nach geht es der Bewegung dabei vor allem darum, die Kinder sozial zu isolieren, von multikulturellen Einflüssen, vom Sexualkundeunterricht und von der offiziellen Geschichtsschreibung insbesondere in Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg fernzuhalten.

Die umstrittene Weinbergschule in Österreich sowie die umstrittenen LAIS-Schulen werben damit, dass ihr Vorbild (die Schetinin-Schule) von der UNESCO als “Best Educational System of the World” ausgezeichnet worden sei. Da die Schule extrem nationalistisch und militaristisch geprägt ist hatte ich meine Zweifel an der Auszeichnung und forschte nach. Die UNESCO teilte mir mit, dass eine solche Auszeichnung nicht existiert. Daraufhin teilte ich der UNESCO den Grund meiner Anfrage mit und wurde gebeten ein paar Informationen über die Schule und die zugrunde liegende Ideologie zusammenzustellen. Die russische ASP-Koordinationsstelle (Associated Schools Project) wurde informiert und stellte eigene Nachforschungen an, welche dazu führten, dass die Schule aus dem ASP-Netzwerk der UNESCO ausgeschlossen wurde.

Da es in Deutschland und der Schweiz noch keine Schulen gibt, die sich an der Schetinin-Schule orientieren und es den Anhängern der Anastasia-Bewegung wichtig ist, ihre Kinder nicht in „Staatsschulen“ zu schicken, sympathisieren viele aus der Bewegung mit Waldorfschulen und schicken ihre Kinder dorthin. Auch aus sogenannten völkischen Familien (völkische Siedler) gehen viele Kinder zu Waldorfschulen (vgl. HNA, Rechte Eltern als Problem an Waldorfschulen, 2017). Grund dafür ist eine weitgehende Übereinstimmung in bestimmten esoterischen und pseudomedizinischen Ansichten. So ist auch unter Anthroposophen die Impfverweigerung weitverbreitet und Waldorfschulen (z.B. Köln-Chorweiler) sind immer wieder Hotspot/Epizentrum von Masernepidemien. Auch im Bereich der Verschwörungsideologien gibt es große Schnittmengen zwischen bestimmten Autoren mit anthroposophischen Hintergrund und völkischen Ideologien wie der Anastasia-Bewegung. Die Verweigerung der Schulpflicht respektive eine Schulbildung außerhalb des staatlichen Schulsystems ist den Anhängern so wichtig, dass sogar schon ganze Familien ausgewandert sind z.B. nach Spanien und nach Ungarn

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Der Text ist zuerst bei REMID erschienen. 

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