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Neue Studie Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht Lagebild zu Antisemitismus

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Am 8. November 2021 wurde in der Bundespressekonferenz das neue "Lagebild Antisemitismus" vorgestellt. V.l.n.r.: Düzen Tekkal, Anetta Kahane, Felix Klein. (Quelle: AAS)

Antisemitismus ist auch 2021, dem Jahr des 1700-jährigen Bestehens jüdischen Lebens in Deutschland, immer noch allgegenwärtig. Das belegt das „Zivilgesellschaftliche Lagebild Antisemitismus Deutschland“, das die Amadeu Antonio Stiftung am 8. November 2021 veröffentlicht.

Der gesellschaftliche Tenor, es handele sich lediglich um ein Randphänomen, steht im starken Widerspruch zu den diesjährigen “Querdenken”-Demonstrationen und den zahlreichen antisemitischen antiisraelischen Demonstrationen sowie Angriffen auf Synagogen, den Herausforderungen für die Bildungsarbeit und den Antisemitismus-Debatten. Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, beschreibt die Bedrohungslage für Juden und Jüdinnen in Deutschland: „Wenn sie in die U-Bahn steigen, erwarten sie, wegen ihrer Kippa beschimpft zu werden. Bestimmte Gegenden meiden sie lieber ganz. Und wenn sie ins Internet gehen, rechnen sie schon mit Judenhass in Sozialen Netzwerken.“

Kahane präzisiert bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Lagebildes, im Vergleich zum Jahr 2020: „Es ist nicht weniger geworden, sondern mehr.“ Seite an Seite verbreiteten im Berichtszeitraum Menschen aller gesellschaftlichen Schichten und aus unterschiedlichsten politischen Lagern antisemitische Verschwörungsmythen und Bilder. Der Antisemitismus vereint Milieus. „Die Querdenker-Szene hat sich verfestigt“, so Kahane. Immer wieder kommt es auf Demos und Veranstaltungen aus dem Milieu zu Relativierungen des Holocaustes und des Nationalsozialismus. Nur ein Beispiel, wenn auch ein eindrückliches, sind die sogenannten „Judensterne“, die immer wieder auf den Demonstrationen gezeigt werden. Ab 1941 mussten Juden und Jüdinnen den gelben Davidstern tragen, um erkennbar zu sein und leichter deportiert werden zu können. Das Wort „Jude“ wird heute durch „ungeimpft“ ersetzt.

Antisemitismus zeigt sich aber auch mit Bezug auf den Nahostkonflikt. Israel wird als einzig Schuldiger dargestellt, ohne zu beachten, welche Rolle Hamas und Fatah spielen, das betont Düzen Tekkal, Politologin und Gründerin von „German Dream“, einer Bildungsinitiative, die Antisemitismus, Islamismus und Extremismus in Schulen vorbeugen will. „Wir erleben, dass antisemitische Aussagen immer salonfähiger werden, häufig im Gewand des Antizionismus, der oftmals fälschlicherweise als ehrbare und akzeptable Meinung durchgeht.“ Antizionistische Ressentiments und Hass auf den jüdischen Staat haben Konsequenzen in Deutschland: „Jüdinnen und Juden müssen wieder Angst haben, sicht- und hörbar in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten. Empathie wird zunehmend nur mit Bezug auf tote Juden ausgedrückt, im Gedenken an die Shoah. Lebenden Jüdinnen und Juden wird sie verwehrt.“

Aber auch die Erinnerungskultur steht unter Beschuss, im Umweg über den jüdischen Staat: „In der Kunst- und Kulturszene wurde israelbezogener Antisemitismus negiert. Die BDS-Bewegung wird geschützt. Parallel wurde darüber diskutiert, ob israelbezogener Antisemitismus überhaupt existiert“, fasst Kahane zusammen. Dazu gehört auch der „Historikerstreit 2.0“: für Kahane ein „Angriff auf die Erinnerungskultur in Deutschland. Eine Erinnerungskultur, die mühsam aufgebaut wurde, wird versucht zu demontieren.“

Anetta Kahanes Einschätzung wird durch das Lagebild belegt. Die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus und weitere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, liefern damit eine differenzierte Einschätzung zu aktuellen Strömungen des Antisemitismus. Und tatsächlich haben insbesondere israelbezogener Antisemitismus und antisemitische Verschwörungstheorien 2021 an Relevanz gewonnen, aber auch der Post-Shoah-Antisemitismus und der moderne Judenhass stellen weiter eine Bedrohung für Juden und Jüdinnen dar.

Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, erklärt: „Erinnerung geht alle an, gleich, was unsere Großeltern oder Urgroßeltern getan haben.“ Denn, so Klein weiter: „Judenhass betrifft alle gesellschaftlichen Gruppen und Milieus. Er bildet den Kern der grassierenden Verschwörungsmythen, die unserem Zusammenhalt den Boden entziehen. Das bedroht die Grundlagen der Demokratie und gefährdet unsere gesamte Gesellschaft.“

Das Lagebild Antisemitismus bündelt zivilgesellschaftliche und jüdische Perspektiven auf Antisemitismus. Es gibt einen detaillierten Einblick in seine unterschiedlichen Erscheinungsformen in Deutschland heute: offen und codiert, physisch und verbal, von rechts, links, aus der Mitte der Gesellschaft wie im Islamismus. Aus dieser Analyse folgen Forderungen, um Antisemitismus nachhaltig zu bekämpfen.

„Antisemitismus gab es schon immer, gibt es und wird es leider auch weiterhin geben”, erläutert Nikolas Lelle, der Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus. “Es liegt an uns, das zu ändern! Mit unserem Zivilgesellschaftlichen Lagebild versuchen wir nicht nur, die Lage adäquat zu beschreiben, sondern auch zu überlegen, was endlich getan werden muss, um dem antisemitischen Alltag in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Die Aktionswochen selbst sind eine Antwort darauf”, hält Lelle fest.

Verschiedene Beiträge geben einen Einblick in den Stand des Antisemitismus wie seiner Bekämpfung: Beispiele für antisemitische Ausschreitungen im Jahr 2021 dokumentiert der Bericht des Bundesverband der Recherchen- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS), welcher eine drastische Zunahme antisemitischer Vorfälle vor allem im Rahmen der Querdenken-Demonstrationen sowie der antiisraelischen Aufmärsche im Mai 2021 verdeutlicht. Die Herausforderungen der Corona-Pandemie für die Bildungsarbeit zeigen sich in einem Beitrag des Anne Frank Zentrum. Ein Interview mit Anna Staroselski gibt einen Einblick in die Lebenswelt jüdischer Studierender im letzten Jahr. Einen Schwerpunkt bildet außerdem das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, für den unter anderem Laura Cazés und Ruben Gerczikow ihre Sicht auf jüdische Identität in Deutschland schildern. Das Lagebild Antisemitismus stellt ferner Handreichungen für den Kampf gegen Antisemitismus vor.

Das Lagebild wird im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus veröffentlicht, die vom Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus gefördert werden.

Hier geht es zum Download des Lagebildes.

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