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Internet Wie reagieren „Querdenken”-Szene und AfD auf den Mord von Idar-Oberstein?

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"Der Respekt vor dem Opfer und seiner Familie gebietet, diese unentschuldbare Tat nicht für tagespolitische Stimmungsmache zu instrumentalisieren." Aber nach diesem Satz macht AfD-Vorsitzende Weidel auf Facebook - ja, was? (Quelle: Screenshot)

Während viele Menschen in Deutschland um den 20-jährigen Studenden Alex W. trauern, der als Kassierer an einer Tankstelle in Idar-Oberstein von einem rechtsextreme Pandemieleugner per Kopfschuss ermordet wurde, wünschen sich einige der Kommentator:innen und Politiker:innen, diese Gewalt möge insbesondere die Pandemieleugner:innen- und „Querdenker”-Szene zum Nachdenken und zur Grenzziehung zur Gewalt bringen. So schreibt etwa Jacques Schuster in der Welt: „Moralisch sieht die Sache anders aus. Ein Mord wie der an dem 20-jährigen Tankstellenmitarbeiter sollte zumindest diejenigen in den Kreisen der Impfgegner und ‚Querdenker’ zu selbstkritischen Fragen bewegen, die noch nicht vom Gift der Rechthaberei, der falschen Selbstsicherheit und der Selbstgerechtigkeit befallen sind. ‚Querzudenken’ hat mit denken zu tun. Und wer denkt, wer wirklich denkt, der weiß: Jedes Ding hat zwei Seiten, nicht nur eine einzige. Wer diese Selbstverständlichkeit anerkennt, der ist grundsätzlich nicht unerbittlich.”

Dies geht von der Grundannahme Corona-radikalisierter Bürgerlicher unter den Pandemieleugner:innen und Impfgegner:innen aus, die sich nun die Augen reiben und sich vornehmen, fortan weniger unerbittlich zu sein. Dieses Klientel allerdings hat die Szene größtenteils bereits wieder verlassen. Zurück blieb ein radikalisierter Kern von Verschwörungsgläubigen oder Verschwörungsideolog:innen (Belltower.News berichtete), und der reagiert leider nicht mit Rationalität oder Empathie, sondern mit —Verschwörungserzählungen. Dies war bereits kurz nach der Tat in der Breite der Bewegung der Fall:

 

Doch auch mit Blick auf die Influencer:innen der Bewegung ändert sich nichts: Verschwörungsideolog:innen sehen in dem Mord nichts als ein Inszenierung, um wahlweise „Querdenken” oder „der AfD” zu schaden.

Auf den Punkt bringt das etwa der „Querdenken”-nahe Verschwörungsinfluencer Heiko Schrang aus Berlin. Der tapsig wirkende, esoterisch erleuchtete Ex-Immobilienmakler verbreitet seine Version des Geschehens per Sprachnachricht auf Telegram (81.000 Fans hat er da): Dieser „Masken-Mord an der Aral-Tankstelle” sei ja wohl „ganz durch Zufall genau vor der Bundestagswahl” geschehen. Für Schrang, Erleuchteter des „Lichts der Wahrheit”, der mehrere Bücher über angebliche Geheimdienstoperationen geschrieben hat, ist die Sache damit klar: Es ist eine Geheimdienstoperation. Dabei sei es ja schon ein Wunder, dass der Täter „nicht gleich den AfD-Ausweis dabei hatte oder ein „Querdenker”-Shirt getragen habe, so Schrang. Trotzdem sei klar: „Jetz ham die ihre Medaille, um noch mehr gegen rechts zu fordern, noch doller gegen Verschwörungsideolojen vorzugehen.” Geschichtliche Parallelen hat er auch parat: „Det is det Reichstagsbrandprinzip”. 1933 habe es ja auch nur einen Kommunisten gebraucht, um neue Gesetze zu erlassen und den Anfang vom Ende der Demokratie einzuleiten. Oder natürlich „dieser NSU-Fall. Diese beiden Jungs, die sich erst erschossen, dann verbrannt haben und auf die Asche die Bekenner-CD obendruff.”  So seine geradezu niedlich klingende Beschreibung der Rechtsterroristen, die zehn Menschen aus rassistischer und demokratiefeindlicher Ideologie ermordet haben.

Für Schrang aber klar: Handschrift des Geheimdienstes, reine Inszenierung, Medien machen mit, Masse glaubt’s. Hier wird die Menschenfeindlichkeit eines solchen verschwörungsideologischen Weltbildes noch einmal eindringlich vor Augen geführt – und auch die Faktenresistenz der Szene. In weiteren Sprachnachrichten führt Schrang aus: „Ick will nich sagen, dass der Attentäter jekauft is, aber die Wahrscheinlichkeit ist schon relativ hoch.” Inszeniert werde so ein Mord gegen alle, die „Fragen stellen” und das System in Frage stellen: „Querdenker, Wutbürger, Verschwörungsideologen, Rechte, Nazis”. Schön, wie er das ohne jede Differenzierung zusammenführt. Nun, so Schrangs Befürchtung, würden Leute denken: „Die AfD kann man nich wählen, das ist ja die Partei der Mörder.” Das lassen wir mal so stehen. Schrang aber sieht eine „Hetzjagd”, als “jinge et darum, als Querlenker vorsorglich hinrichten, damit die nicht noch so eine böse Tat begehen.” Hier irrt er natürlich: Das wäre vielleicht seine Lösung, so funktioniert Demokratie aber nicht.

„Querdenken”-Aktivist Marco Kurz aus Ottersweil, auf der „Querdenken”-Demonstration in Kassel als wenig friedlicher Demonstrationbesucher aufgefallen, schreib ironisch: „Konnte nur ein AfD-Fan sein (…). Tankstellenkiller ohne Maske [wählen] die AfD, Logisch eigentlich.”

Für den Schweizer Rechtsextremen Ignaz Bearth steht fest: „Es ist offensichtlich, dass diese Tat vom tiefen Staat gewollt war und gezielt für sich instrumentalisiert wird, um friedliche Bürger zu diskreditieren und deren staatliche Gewalt gegen die Menschen zu legitimieren.” Meint er die friedlichen Bürger, die Unschuldige an Tankstellen ermorden? Der „tiefe Staat” ist eine verschwörungsideologische Chiffre für geheime Mächte, die angeblich anstelle der gewählten Politiker:innen „die Strippen ziehen”.

„Querdenken”-Influencerin Eva Rosen hat derweil beim ZDF auf Facebook (17.000 Fans)  Stimmung gemacht und ist empört, weil ihr Kommentar gelöscht wurde, dass der Täter „schlicht geisteskrank” sei und jede andere Aussage „Hass schüre” und „die Spaltung vorantreibe.” Wohlgemerkt: Nicht der Mord an einem jungen Mann, sondern die Berichterstattung über sein Motivation.

QAnon-Unterstützter Manuel C. Mittas von „Out of the Box TV” hat nur eine Sorge: Telegram soll reguliert werden! Das wäre in der Tat eine gute Idee, wenn wir die Menge der Hass- und Desinformationspostings allein zur Tat ansehen.

Wie reagiert die AfD?

Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, hat es erst am Mittwoch geschafft, sich zum Mord an Alex W. zu äußern. In ihrem Statement fordert sie erst dazu auf, den Mord „nicht für tagespolitische Stimmungsmache zu instrumentalisieren“, um im nächsten Satz zu behaupten, „mit unserer Politik möchten wir weiterhin darauf hinwirken, eine gesellschaftliche Spaltung zu verhindern“ und schließlich noch um die Gunst von Impfgegner:innen zu buhlen: „Wir wünschen uns Respekt für individuelle gesundheitliche Risikoabwägungen anstatt Stigmatisierungen.“ Dazu postet sie das Bild einer brennenden Kerze.

Während Weidel zumindest zurückhaltend formuliert, ergießt sich in den Kommentaren — wie immer unmoderiert — der Hass ihrer Fans auf Medien, demokratische Parteien und Regierung. Die eigentlich Schuldigen an der Tat sind „Regierung und Altparteien“ heißt es immer wieder. Diese würden eine „Spaltung“ vorantreiben. Viele der Kommentator:inne relativieren die Tat. Immerhin sei der mutmaßliche Mörder ja provoziert worden, das reicht den Weidel-Fans, um ihn in Schutz zu nehmen: „Wenn Menschen in die Ecke gedrängt werden, reicht der kleinste Funke“ oder „Aggression ist die natürliche Reaktion auf Freiheitsentzug.“ Ein anderer Kommentator schreibt: „das berechtigt aber auch keine Verkäufer jemanden vor vollem Geschäft niederzuprüllen, der die maske nur kurz unter der nase hat und auch noch gültiges Attest…..“ (sic!).

Klar wird auch wieder, dass die AfD-Fans die Gründe für Maßnahmen wie das Tragen einer Maske nicht begreifen wollen, sondern scheinbar für willkürliche Beeinträchtigungen halten, wie etwa in diesem Kommentar zu lesen ist: „Ich finde es schon Schlimm wenn jemand wütend ist und aus lauter wütete Scheiben Einschälgt so geschehen letztes Wochenende bei uns in der Straße .Es kann alles nicht war sein was die Politik mit uns macht die sollen uns alle so leben lassen wie wir es gewohnt sind ohne Masken und Abstand“ (sic!) Dazu kommen unterschiedlichste Verschwörungserzählungen, die zum Teil mit der Tat zu tun haben („Normalerweise gibt es keine Zufaelle in der Politik. Und dieser Vorfall ein paar Tage vor der Wahl. Welch ein Zufall.“ (sic!)), viele Kommentator:innen scheinen aber auch einfach aufzuschreiben, was sie unabhängig davon gerade denken. Etwa: „Ich hoffe, daß die AfD genügend Wahlbeobachter am Start hat und die Stimmenauszählungen genau kontrolliert“ oder „DORT WO DIE KOMMUNISTEN UND BOLSCHEWIKEN AM TROG SITZEN DORT HERRSCHT UNHEIL IN DAUERSCHLEIFE (sic!)“.

Nicole Höchst, die AfD-Bundestagsabgeordnete, in deren Wahlkreis Idar-Oberstein liegt, hat sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht zum Mord geäußert.

Der Berliner AfD-Politiker Georg Pazderski – immerhin war der Mörder sein Twitter-Fan- , äußert sich nicht zu Tat – aber die Berichterstattung gefällt ihm nicht.

Und wie wild schlagen die Parteipolitiker:innen um sich?

Klingt wie eine passende Analyse (vgl. ZDF).

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