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Ukraine-Krieg Russische Rechtsextreme im Kampf gegen Kiew

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Neonazis der „Task-Force Rusich“, deren Gründer im Trainingslager der „Russian Imperial Movement“ ausgebildet wurden
Flagge zeigen: Neonazis der „Task-Force Rusich“, deren Gründer im Trainingslager der „Russian Imperial Movement“ ausgebildet wurden (Quelle: Instagram)

Vor einer Gruppe vermummter freiwilliger Kämpfer, offenbar neue Rekruten, winkt der Mann in die Kamera und sagt: „Von unserer Einheit der ‚Imperialen Legion‘, Grüße an alle“. Einer der russischen Paramilitärs hält ein selbstbemaltes Bild hoch, anscheinend von einem Kind gemacht, auf dem das Datum „9. Mai“ steht – in Russland der Tag des Sieges gegen die Nationalsozialisten. Der historische Bezug ist klar: Putins zynisches Kriegsziel ist ja, die Ukraine vermeintlich zu „entnazifizieren“. Laut Kreml bestünde die Ukraine größtenteils aus Neonazis, so soll seinen Angriffskrieg gerechtfertigt werden. Zugleich ziehen auf russischer Seite Rechtsextreme in den Kampf. Und sie sind brutal und international bestens vernetzt.

Das Video wurde am 27. Juli 2022 auf der Social-Media-Plattform VK von der „Russian Imperial Movement“ (RIM), der „Russischen Reichsbewegung“, hochgeladen – einer rechtsextremen, ultramonarchistischen Gruppe in Russland, die für eine „weiße Vorherrschaft“ kämpft. 2002 wurde die RIM von Stanislav Vorobyov gegründet, 2008 die „Russian Imperial Legion“ (RIL) – der paramilitärische Arm der Bewegung.

Der Mann in den Videos heißt Denis Valliullovich Gariev (auch als Gariejew oder Gariyev transliteriert), 1978er Jahrgang, Studium der Geschichte. Er leitet die RIL und betreibt das paramilitärische Trainingslager „Partizan“ der RIM auf einem militärischen Gelände bei Sankt Petersburg – eines von zwei Ausbildungszentren der Gruppe, laut dem US-amerikanischen Außenministerium. Der Online-Auftritt ist professionell, mit Hochglanz-Fotos von Kampftrainings: „Erhöhen Sie Ihre Überlebenschancen im Ernstfall durch professionelles Training“, so heißt es auf der Webseite. Über 20 Kurse werden angeboten, laut eigenen Angaben wurden bislang mehr als 4.000 Kämpfer ausgebildet.

Die offizielle Anschrift des „Partizan“ ist eine Adresse im Norden Sankt Petersburgs, ein Backsteinbau gegenüber vom Zollamt. An der gleichen Adresse ist auch der „Militärisch-patriotische Verein ‚Reserve‘“ angemeldet, der offenbar auch zur RIM gehört. Das Trainingslager selbst liegt außerhalb der Stadt. Offenbar mit Duldung des Kremls: Kurse werden dem US-amerikanischen „Robert Lansing Institute“ zufolge auch von aktiven Offizieren der russischen Armee und des Militärnachrichtendienstes gegeben. Laut „Partizan“-Webseite seien die Kurslehrer Veteranen.

In einem weiteren Video der RIM auf VK aus April 2022 behauptet Gariev, seine paramilitärische „Imperiale Legion“ kämpfe als eigene Einheit Seite an Seite mit der russischen Armee im Donbas. Sie seien am Krieg gegen „ukrainische Separatisten“ in „Noworossija“, im „Neurussland“, beteiligt. Fotos von der Front habe er noch nicht veröffentlichen können, „anders als die Tschetschenen“ – offenbar aus taktischen Gründen. Aber vielleicht tue er dies zu einem späteren Zeitpunkt.

Träume vom Zarenreich

Mit Putin hat die RIM ideologisch zwar einiges gemein – wie etwa das Feindbild der LGBTQ*-Community und des Westens, den Einsatz für „traditionelle Werte“ oder großrussische Fantasien. Doch die RIM versteht sich als russisch-orthodoxe, monarchistische Bewegung mit einer Sehnsucht nach dem alten russischen Reich, das sie als „Noworossija“ wiederbeleben wollen. Selbst ihr Logo besteht aus der schwarz-gold-weißen Trikolore des Zarenreichs, der sogenannten „Imperka“. Die RIM wettert auch gegen korrupte Eliten und Oligarchen, die Putin zur Macht verhalfen. Putin soll dem Zaren weichen.

Im Gespräch mit Der ZEIT beschreibt Gariev den „Feind“: eine globale Allianz von Linken, Schwulen und Immigranten. Er will einen „letzten Kreuzzug“ führen, um traditionelle christliche Werte von dieser Allianz zu retten. Aber zumindest auf den aktuellen Feind können sich die RIM und der Kreml einigen: die Ukraine, ein Land, dessen Souveränität beide nicht anerkennen und das sie für russisch halten. „Die Ukraine ist gar kein Land“, so Gariev 2014 gegenüber dem Spiegel.

Dass auch Garievs rechtsextremes Paramilitär gegen die Ukraine kämpft, wird von einem im Mai 2022 geleakten Bericht des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) bestätigt: Laut dem siebenseitigen internen Dokument, aus dem der Spiegel zitiert, wurden „vor allem Personen mit Militärerfahrung“ und Absolventen des Trainingslagers „Partizan“ für den Kampf geworben. Sie ziehen in ein Konfliktgebiet, in dem Russland Vergewaltigung, Folter und Kriegsverbrechen vorgeworfen wird.

Von Sankt Petersburg nach Göteborg

Ein siebentägiger Kurs im Trainingslager „Partizan“ soll laut Medienberichten umgerechnet 280 Euro kosten. Wer sich als Kämpfer gegen den „Völkermord am russischen Volk“ in der Ukraine freiwillig meldet, nimmt kostenlos teil, wie der Spiegel berichtet. Auch dort herrschen offenbar „christliche Werte“: Fluchen und Alkoholkonsum sollen im Lager verboten sein. Zum Programm gehören Schießübungen, Kriegstaktiken, „Artillerie-Aufklärung“ und tödliche Nahkampftechniken – militärisches Knowhow für Kriegsbegeisterte am rechten Rand. Das Angebot kommt gut an: Auf Google hinterlassen Teilnehmer positive Bewertungen, 4,7 Sterne hat das „Partizan“ aktuell. „Die Kurse sind ihr Geld wirklich wert“, schreibt einer auf Russisch. Ein anderer: „Ich empfehle es jedem, dem die Zukunft des Landes nicht gleichgültig ist.“

Die schwedischen Neonazis Viktor Melin und Anton Thulin, Mitglieder der „Nordischen Widerstandsbewegung“, im Trainingslager „Partitzan“ bei Sankt Petersburg (Quelle: Expo)

Das hat bereits viele internationale Rechtsextreme angezogen: Dort haben 2016 zwei schwedische Neonazis der „Nordischen Widerstandsbewegung“ (Nordic Resistance Movement) an Trainings teilgenommen: Viktor Melin und Anton Thulin. Laut dem US-amerikanischen Außenministerium verbrachten sie dort elf Tage. Nach ihrem Aufenthalt in Sankt Petersburg verübten sie Bombenanschläge auf ein Asylzentrum und einen linken Buchladen in Göteborg. Drei Wochen später platzierten sie eine weitere Bombe vor einem Zeltlager für Geflüchtete, die allerdings nicht detonierte. Fotos der schwedischen NGO „Expo“ zeigen RIM-Gründer Vorobyov und RIL-Chef Gariev 2015 zu Besuch bei einem Treffen der „Nordischen Widerstandsbewegung“ nahe Göteborg.

Aus Deutschland sollen Kader der Neonazi-Partei „Der III. Weg“ und der NPD-Jugendorganisation JN ebenfalls an Trainings im „Partizan“ teilgenommen haben, wie der Focus berichtet. RIM-Mitglieder waren auch zu Besuch bei ihren Kameraden in Deutschland: 2018 nahmen sie an einem JN-Kongress im sächsischen Riesa teil, 2017 waren sie auf einer Demo der Neonazi-Partei „Die Rechte“ in Dortmund. 2019 soll Vorobyov zudem nach Wien gereist haben, um an einem Kongress der monarchistischen Schwarz-Gelb-Allianz teilzunehmen.

Auch zu Neonazis in den USA unterhält die RIM Kontakt: 2017 besuchte die Gruppe Matthew Heimbach, Organisator des „Unite the Right“-Aufmarsches in Charlottesville, der seitdem aus der Neonazi-Szene ausgestiegen sein will. 2015 reiste Jared Taylor, Herausgeber der White-Supremacist-Zeitschrift American Renaissance nach Sankt Petersburg, um an einer Konferenz der RIM teilzunehmen, wie die Washington Post berichtet. Nach Spanien gibt es ebenfalls Verbindungen: Im Juli 2022 posierte Manuel Andrino, Chef der faschistischen Partei „La Falange“, auf Telegram in einem T-Shirt des RIM-Trainingslagers „Partizan“. 2015 soll RIM-Gründer nach Madrid gereist sein, um an einem rechtsextremen Vernetzungstreffen teilzunehmen.

Auf der Terrorliste

Mit solcher internationalen Vernetzung will Gariev prahlen. 2021 sagte er der ZEIT: „Wir sind die einzige Organisation, die enge und professionelle Verbindungen mit rechtsextremen Bewegungen auf der ganzen Welt unterhält.“

Auch deshalb stufte die USA 2020 die RIM als ausländische Terrororganisation ein – als erste White-Supremacist-Gruppe überhaupt. Gariev wurde neben RIM-Gründer Stanislav Vorobyov und Nikolay Trushchalov namentlich genannt und als „Specially Designated Global Terrorist“ klassifiziert. Das hatte Folgen für den Online-Auftritt der RIM: Nach der Terroreinstufung wurden ihre Profile auf Facebook, Twitter und Instagram gesperrt.

Auch in Russland blockte „Roskomnadzor“, der „Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation“, die RIM-Webseite, weil Texte der Gruppe „extremistisch“ seien. Die russischen Bankkonten der RIM wurden ebenfalls von den Behörden gesperrt. Aber auf VK, eine russische Plattform, ist die RIM weiterhin aktiv, mit rund 20.000 Follower. Auf Telegram hat sie nur knapp 1.500 Abonnent*innen. Und auch die Webseite des „Partizan“ ist bis heute noch online.

Nazis im Donbas

Bereits ab 2014 bildete die RIM im Trainingslager „Partizan“ freiwillige Kämpfer aus, die prorussische Separatisten im Donbas unterstützten. Zwei von ihnen sind Alexey Milchakov und Yan Petrovsky. Zusammen gründeten die zwei russischen Neonazis nach ihrem Aufenthalt im „Partizan“ die „Task-Force Rusich“, auf Deutsch: Rusitsch. Die Einheit kämpft als Teil des Separatistenbataillons „Batman“ und gehört offenbar auch zum Netzwerk der berüchtigten Söldnergruppe „Wagner“, die als Putins rechtsextreme Schattenarmee fungiert (siehe Belltower.News).

Hitlergruß in Syrien: Die „Task-Force Rusitsch“ lädt Fotos aus Kriegsgebieten auf Instagram hoch (Quelle: Screenshot)

Seine eigene Ideologie bringt Milchakov in einem YouTube-Video lapidar auf den Punkt: „Ich sag es ohne Umschweife: Ich bin ein Nazi“. Auf ihrer Instagram-Seite, die inzwischen gesperrt wurde, posieren „Rusitsch“-Kämpfer mit neonazistischen Symbolen wie dem Valknut, manche zeigen den Hitlergruß. „Rusitsch“ gilt als besonders brutal: Während ihres Einsatzes in Donbas im September 2014 tötete die paramilitärische Gruppe Dutzende Freiwilligen auf ukrainischer Seite. Sie teilten Fotos in den sozialen Medien, auf denen sie ihre Leichen verstümmelten oder anzündeten. Menschenrechtsorganisationen werfen „Rusitsch“ Foltermethoden vor. In Donbas soll „Rusitsch“ zudem Kriegsverbrechen begangen haben, wie The New America berichtet.

Auch RIL-Chef Gariev selbst war schon ab 2014 im Donbas. Und seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 ist die RIM offenbar wieder an der Front. Einen Tag nach Beginn der Invasion schrieb Gariev auf Telegram: „Ganz ohne Zweifel sprechen wir uns für die Liquidierung des separatistischen Gebildes Ukraine aus.“ Kurze Zeit später kämpften russische Rechtsextreme mit dem zynischen Ziel, vermeintlich die Ukraine zu „entnazifizieren“.

Unter den Augen des Kremls

Ob die Entscheidung, in die Kampfhandlungen einzutreten, auf Aufforderung oder in Absprache mit der russischen Führung fiel, sei unklar, schreiben Analysten des BND im geleakten Bericht. Dass die RIM und ihr paramilitärischer Arm aber unter den Augen des GRU, des russischen Militärnachrichtendienstes, agieren könnten, ohne ein grünes Licht aus dem Kreml, ist mehr als fraglich. Das gilt ebenfalls für das paramilitärische Trainingslager bei Sankt Petersburg. Auf eine Anfrage von Belltower.News reagierte das russische Außenministerium nicht.

Gariev selbst ist inzwischen wieder in Russland. Er soll verletzt ausgeflogen worden sein, eine leichte Kopfverletzung, sagt er in einem Video auf Telegram. Seitdem tritt er regelmäßig in VK-Videos auf, wo er über die Einsätze der RIM und den Krieg berichtet. Sein Stellvertreter soll laut BND ums Leben gekommen sein. Laut einem VK-Beitrag der „Imperial Legion“, geschrieben von Gariev, handelt es sich um Denis Nekrasov. Als Teil der RIL habe sich Nekrasov 2014 der „Ghost Brigade“ (auf Russisch: Prizrak) angeschlossen, einem Separatistenbataillon in Luhansk, das laut Amnesty International Kriegsgefangene brutal behandelt. Ab Februar 2022 soll er mit Gariev und anderen RIL-Mitgliedern eine eigene Einheit im Krieg gegen die Ukraine formiert haben, die aktiv an Kampfhandlungen teilgenommen haben soll.

Jetzt ist Nekrasov tot – einer von mehr als 75.000 getöteten oder verletzten russischen Soldaten bislang, laut Schätzungen der US-Regierung. Im Mai 2022 sei sein Auto auf eine Landmine in der Nähe von Izyum im Oblast Charkiw gestoßen worden, schreibt Gariev auf VK. Zwei weitere RIL-Kämpfer seien mit Schrapnellwunden schwer verletzt worden.

Den Tod seines „treusten Kamerads“ Nekrasov hat für Gariev religiöse Züge: „Für uns ist dies ein Krieg für Russland, das russische Volk, den orthodoxen Glauben.“ Deshalb glaube er, dass Nekrasov „mit Gott auf uns warten wird“. Mittlerweile spitzt sich die Lage in der Ostukraine weiter zu. Womöglich wird Nekrasov nicht mehr lange warten müssen.

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