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USA Wer sind die Boogaloo Boys?

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Die „Boogaloo Boys“ auf einer Kundgebung in Virginia im Januar 2021
Die „Boogaloo Boys“ auf einer Kundgebung in Virginia im Januar 2021 (Quelle: Ryan Vizzions)

Seit dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 fielen die Folgeproteste gegen das Ergebnis der US-Wahl kleiner aus als erwartet, doch eine Gruppe war bei fast jeder Demonstration dabei. Eine Gruppe mit einer auffälligen Ästhetik, die Hawaiihemde und Sturmgewehre kombiniert. Eine Gruppe, die sowohl die unter Rechtsextremen beliebte Gadsden-Flagge mit dem Schriftzug „Don’t Tread On Me“ als auch blau-pink-weiße Trans-Pride-Flaggen schwenken: die „Boogaloo Boys“.

Was steckt hinter dem Namen?

Wie viele äußerst bedenkliche Bewegungen sind die „Boogaloo Boys“ auf das Imageboard 4chan zurückzuführen. Dort erschien bereits 2012 erstmals der Begriff „Boogaloo“ in dem Unterforum „/k/“, eine Diskussionsplattform für Themen rund um Waffen. „Boogaloo“ ist eine Verkürzung von „Civil War 2: Electric Boogaloo“ – so bezeichnen Anhänger*innen der Bewegung der kommenden Revolution in den USA –, was wiederum eine Anspielung auf den 1980er Breakdance-Film „Breakin‘ 2: Electric Boogaloo“ ist. Der Begriff verbreitete sich im 4chan-Unterforum /pol/ und wurde häufig in Verbindung mit den Worten „The Day of the Rope“ (eine Art „Tag X“) verwendet.

2013 wurde der Begriff „Boogaloo“ auf dem neonazistischen Internetforum „Iron March“ benutzt, ein Forum, aus dem beispielsweise die Neonazi-Terrorgruppe „Atomwaffen Division“ hervorging. Im Sommer 2019 verwendeten weiße Suprematisten auf Telegram das Wort, um einen Rassenkrieg zu beschreiben. Anfang 2020 organisierten sich dann „Boogaloo“-Gruppen auf Facebook: Sie kritisierten unter anderem die staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen während der Covid-19-Pandemie, doch viele Gruppen der Bewegung wurden mittlerweile von Facebook gelöscht.

Um Deplatforming auf Social Media zu vermeiden, verwendete die Bewegung Variationen des Begriffs wie „Big Luau“ und „Big Igloo“. Von diesen Wortspielen stammen die zwei Hauptsymbole der Bewegung: Hawaiihemde und Schneehütte. Doch der skurrile Humor der Bewegung hört da nicht auf: Bei einem Luau werden traditionell Schweine gebraten, was im Englischen auch ein abwertender Begriff für Polizist*innen ist. Für die „Boogaloo Boys“ bedeutet also „Schweine braten“, Polizist*innen zu töten.

Die „Boogaloo“-Flagge samt Iglu und Hawaii-Motif (Quelle: Wikimedia / lizenzfrei)

Bereit für den „Boogaloo“

Das Konzept des „Boogaloo“ vereint sowohl selbsternannte „Boogaloo Boys“ als auch andere akzelerationistische Rechtsextreme, die sich den „Boogaloo“ herbeisehnen. Kurzum: „Boogaloo“ steht für den kommenden Bürgerkrieg.

Akzelerationismus, ursprünglich ein postmarxistisches Konzept, beschreibt die Beschleunigung des Zusammenbruchs unserer heutigen Gesellschaft. Das Konzept wurde mittlerweile von Neonazis angeeignet: In den USA inspirierte der Neonazi James Mason mit seinem Buch „Siege“, das willkürliche Attentate und Anschläge beschreibt, die zu einem Rassenkrieg führen sollen, bereits zahlreiche rechtsextreme Gewalttaten. Der Einfluss von Mason ist bei den „Boogaloo Boys“ offensichtlich, auch wenn nicht alle von ihnen sich ausdrücklich einen „Rassenkrieg“ wünschen. Denn nicht alle „Boogaloo Boys“ sind Neonazis. Was sie aber alle gemeinsam haben: die Ideologie eines staatskritischen Akzelerationismus. Sie bereiten sich auf einen Bürgerkrieg vor und versuchen, diesen anzustiften.

Was genau machen die „Boogaloo Boys“?

Die Bewegung ist ein Produkt des Internets und dort ist sie immer noch am aktivsten: Nach 4chan wurde Facebook zu einer wichtigen Plattform für die Gruppe. Dort waren mehrere „Boogaloo“-Gruppen aktiv – mit Namen wie „Thic Boog Line“, „Big Hootenany“, „Big Igloo Bois“ und „Boojahideen“. Nach wiederholten Gewalttaten von Menschen mit Verbindungen zur Bewegung löschte Facebook Gruppen und Profile mit „Boogaloo“-Inhalten.

Die Bewegung hat seitdem versucht, sich auf anderen Plattformen zu organisieren – mit gemischten Ergebnissen. So fanden sie eine kleine Nische auf TikTok. Discord löschte allerdings eine „Boogaloo“-Gruppe wegen Anstiftung zur Gewalt. Auf Twitter bleiben „Boogaloo“-Profile weiterhin aktiv und werden nur gelöscht, wenn sie gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen. Kurz vor Joe Bidens Amtseinführung rief die „Boogaloo“-Webseite „The Tree of Life“ zu bewaffneten Protesten in den Tagen vor der Inauguration auf. Die Server der Webseite befinden sich zwar in Montreal in Kanada, vermutlich aus taktischen Gründen für die Bewegung, doch das Hosting-Unternehmen hat die Webseite schon vor den Protesten offline genommen.

Die „Boogaloo Boys“ bellen nicht nur, sondern beißen auch – zum Teil mit tödlichen Folgen. Ein Air-Force-Veteran soll zwei Sicherheitsbeamte getötet und Rohrbomben in Richtung Polizist*innen geworfen haben. Er schrieb das Wort „Boog“, eine Abkürzung von „Boogaloo“, mit seinem eigenen Blut auf die Motorhaube eines Fahrzeugs, das er gestohlen hatte, bevor er festgenommen werden konnte. Laut eines Sheriffs aus Nordkalifornien war er „sehr darauf bedacht“, Polizist*innen zu töten. Auch die Männer, die angeblich planten, die Gouverneurin von Michigan zu entführen, hatten Verbindungen zur Bewegung. Drei Männer, die sich als Teil der Bewegung verstehen, wurden in Las Vegas verhaftet, weil sie einen Terroranschlag geplant haben sollen: Auf einer „Black Lives Matter“-Demonstration wollten sie mutmaßlich Molotowcocktails werfen, um Gewalt zu schüren. Zwei Männer mit Langwaffen, Hawaiihemden und „Boogaloo“-Symbolen wurden in South Carolina verhaftet. Die Polizei klagte sie wegen Anstiftung zum Aufruhr an. Ein Boogaloo-naher Bodybuilder in Texas  wurde wegen Steroidhandels verhaftet. Ein weiterer Anhänger der Bewegung in Texas wurde nach einem Livestream verhaftet, in dem er seinen Plan, einen Polizisten zu töten, offen diskutierte. Zwei „Boogaloo Boys“ versuchten sogar mit der Hamas zu arbeiten, waren aber statt mit der islamistischen Terrororganisation mit einem verdeckten FBI-Agenten in Kontakt. Und das sind nur einige der mittlerweile erschütternd vielen Beispiele von Gewalttaten und Verhaftungen, die auf die „Boogaloo Boys“ zurückzuführen sind.

Dennoch behaupten einige „Boogaloo Boys“, es gehe ihnen nur um Frieden, Einigkeit und Regierungskritik. Einige äußern sogar ihre Solidarität mit der „Black Lives Matter“-Bewegung und linken Aktivist*innen, wenn auch nur oberflächlich.

Kampfgenossen: rechts ein „Boogaloo Boy“, auch rechts ein „Proud Boy“ (Quelle: Flickr / Becker1999 / CC BY 2.0)

Hauptsache Gewalt

Für besondere mediale Aufmerksamkeit sorgte der Auftritt der „Boogaloo Boys“ bei den „Black Lives Matter“-Protesten, die sie angeblich unterstützen. Doch die „Black Lives Matter“-Aktivist*innen haben Zweifel an der Motivation der Gruppe. Die „Boogaloo Boys“ setzen beispielsweise afroamerikanische Opfer von Polizeigewalt mit anderen Märtyrerfiguren der extremen Rechten gleich, wie zum Beispiel Vicki Weaver, die 1992 während einer Pattsituation mit dem FBI in Ruby Ridge getötet wurde. Die Ereignisse von Ruby Ridge inspirierten Timothy McVeigh, ein rechtsextremer Terrorist, der 1995 einen Bombenanschlag in Oklahoma City verübte.

Einige Anhänger*innen der „Boogaloo“-Bewegung sehen die BLM-Proteste bloß als eine Möglichkeit, zur Gewalt anzustiften. Eine bewährte Taktik der Gruppe, die überall Allianzen sucht, wo es ihr passt: So waren im Januar 2020 auch Männer in Hawaiihemden dabei, als bewaffnete Protestler*innen in das Kentucky Kapitol-Gebäude mit Langwaffen eindrangen. Auch bei den Anti-Lockdown-Protesten spielten die „Boogaloo Boys“ eine aktive Rolle. Doch in privaten Chats kommt das wahre aber dennoch widersprüchliche Gesicht der Bewegung zum Vorschein: Dort findet man rassistische Memes, neo-konföderierten Äußerungen, „QAnon“-Gläubige, Milizionäre, Diskussionen darüber, wie man BLM-Figuren umwirbt, Lob für ISIS-Propaganda, Gewaltfantasien, Anleitungen zur Herstellung von Bomben, antisemitische Propaganda und Hetze gegen LGBTQ*-Menschen. Kurzum: Wo es ein Potential für politische Gewalt gibt, findet man die „Boogaloo Boys“.

Auch wenn es inhaltliche und personelle Überschneidungen mit der rechtsextremen Militia-Szene gibt, sucht die „Boogaloo“ oberflächlich auch potentielle Verbündete in eher progressiveren Milieus. Letztlich ist die Bewegung allerdings auf Gewalt ausgerichtet und in erster Linie sind die „Boogaloo Boys“ vor allem weiße, schwer bewaffnete Männer.

 

Ein Boogaloo Boy mit einer Trans-Flagge beim Lobbying-Tag in Virginia, 2021… (Quelle: Ryan Vissionz)

 

…und sein Kamerad, dessen Abzeichen eine andere Botschaft hat. (Quelle: Ryan Vissionz)

 

(Quelle: Ryan Vissionz)

Das Photo von Paul Becker wurde unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY 2.0 veröffentlicht.

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